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Einzelkommentar zu:
Homophobe Schmierereien gegen schwules Prinzenpaar


#9 RuferInDerWuesteEhemaliges Profil
  • 28.02.2020, 22:06h
  • Antwort auf #8 von zundermxe
  • Ich komme aus einer Familie, in der ALLES Unangenehme totgeschwiegen wurde und wird. Einer der häufigsten Sätze, die ich je gehört habe, ist "Sag' BLOSS nichts!" Als ich mich dann geoutet habe, hieß es "Sag' BLOSS nichts den Nachbarn und Verwandten!" Mir wurde tausende Male der Mund verboten, denn alles war peinlich, durfte keiner wissen, musste geheim bleiben. Inclusive meiner Homosexualität.

    Wenn ich mal Stress mit Mitschüler_innen hatte, hieß es "Du musst dich halt anpassen. Trag dein Herz nicht auf der Zunge." Noch heute redet meine Mutter alles klein und findet für jeden Sch***dreck eine entschuldigende Ausrede. Auch sie hätte diese Schmierereien ziemlich sicher bagatellisiert und würde mir de facto den Mund verbieten, indem es hieße, ich "solle mich doch nicht so aufregen". "Das sei doch gar nicht so schlimm - schließlich sei ja nichts passiert."

    Dem Schicksal sei Dank, hatte ich zumindest ab etwa meinem 18. Lebensjahr meist die Kraft, gegen diese perfekte Erziehung zum Duckmäusertum aufzubegehren und zu rebellieren.

    Nein, ich lasse mir NICHT den Mund verbieten, wenn es gilt, Missstände zu benennen und anzuklagen. Nein, ich passe mich nicht dem Mainstream an und erkläre alles für "doch gar nicht so schlimm".

    Die Form der Erziehung, die ich "genossen" habe, tötet alles ab, das versucht, den Finger in Wunden zu legen, um auf himmelschreiend Falsches oder Ungerechtes aufmerksam zu machen und das nicht dem mütterlichen Einlullen zu überlassen, das einem permanent sagt "Pass dich an, halt den Mund". Statt Einlullen kann ich auch Ersticken sagen - jegliches Aufbegehren gegen Missstände soll(te) erstickt werden.

    Ich mache das schon sehr lange nicht mehr mit. Und werde das auch weiter so halten. Dadurch bekomme ich Luft, kann atmen, bin Teil dieser Gesellschaft eben auch als Mahner und Rufer. Immer noch werde ich oft genug nicht gehört, immer noch muss ich mich oft genug gegen Versuche zur Wehr setzen, mich zum Schweigen zu bringen.

    Aber ich sehe meine Aufgabe in dieser Gesellschaft nicht darin, alles hinzunehmen, alles zu beschönigen, alles zu bagatellisieren - mir oder anderen die rosarote Brille aufzusetzen. Unsere Gesellschaft braucht auch Leute wie mich, die immer wieder rufen "Passt auf! Das ist nicht in Ordnung!"

    Und ich werde erst dann aufhören, wenn ich mich wegen schwerer Krankheit, Altersschwäche oder Tod nicht mehr artikulieren KANN.
    Sonst bin ich vorher schon sozial gestorben.
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