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Sachbuch

Kraft und Schönheit queerer Männlichkeit

Peter Rehbergs Buch "Hipster Porn" ist eine Liebeserklärung an das Fanzine "Butt" – und zugleich die gehaltvollste queertheoretische Veröffentlichung der jüngsten Zeit.


Ästhetik des Nicht-Perfekten: Die "Butt"-Models waren meist Amateure (Bild: Butt)

Peter Rehberg gehört zu den Produzent*innen queerer Theorie. Seine lange Forschungs- und Lehrtätigkeit sowie sein journalistisches Schaffen schlagen sich in seinem Buch "Hipster Porn" nieder. Es ist zugleich eine voluminöse; 420-seitige Liebeserklärung an das mittlerweile als Printausgabe eingestellte Magazin "Butt" – Die er damit begründet, dass das Fanzine "im Kontext neuer Medien und der postpornografischen Kultur der 2000er einen Paradigmenwechsel im Verständnis der Kategorien Gender, Sex und Begehren anzeigt."

Tatsächlich war und ist "Butt" Kult und wirkte stilbildend, weil es "lässigere, oftmals beharrte und weniger genormte junge Männerkörper" präsentierte, so Rehberg. Die Bezeichnung "Hipster" im Titel des Buchs begründet er damit, dass Protest und Anpassung sich in der Kategorie ausdrückten.

"Butt" sprengte Genregrenzen und knüpfte an die Subkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre an. Im ersten Kapital geht Rehberg auf das Besondere des Magazins ein. Die (zumeist) nackten Männerkörper sieht er in der Tradition der Post-Porn-Bewegung. Es ginge um die Verschiebung der schwulen pornografischen Darstellungsformen, und damit drücke sich eine "Kritik an der Warenförmigkeit pornografisierter Männerkörper" aus.

Queer-Theorie und alternative Männerkörper


"Hipster Porn" ist im Berliner b_books Verlag erschienen

Das Fanzine zeige alternative Männerkörper, eine Ästhetik des Nicht-Perfekten. Die pornografischen Idealmaße an Körperbild und Gewicht sowie Penislänge wüprden unterlaufen. "Butt" sei erst vor dem Hintergrund queerer Theorie und Praxis zu verstehen, doch zugleich sei das Projekt eines, das – indem es blinde Flecken queerer Theorie, wie Sexualität, thematisiere – darüber hinausreiche. "Butt" schlägt "nicht nur ein anderes Bild von Gender vor, sondern wirft gleichzeitig die Frage auf, was (schwule) Sexualität zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedeutet", schreibt Rehberg in seinem Buch.

"Butt" startete in einer Zeit, in der schwule Männer begannen; die Internetpornografie massenhaft zu konsumieren, und in der sich schwule Sexualität durch Datingportale veränderte. Das Heft verkörpere eine Gegenbewegung zu schwuler kommerzieller Pornografie der "Sex-Clones mit aufgepumpten Muskelkörpern", so Rehberg. Die Models waren meist Amateure, aber es wurden auch Stars der Pornoindustrie abgelichtet, doch sie wurden eingefasst in eine Amateurhaftigkeit der "remedialisierten Real-Ästhetik des Netporn". Die weißen Model-Jungs stünden für "white Trash", Loosertum und Prekarität.

Peter Rehberg verortet "Butt" im Anschluss an die utopischen Befreiungsdiskurse der Siebzigerjahre der Schwulenbewegung, so wenn er schreibt: "Insofern funktioniert die Butt-Ästhetik auch als eine Erinnerung daran, welche nichtnormative Kraft Homosexualität hat." Oder wenn er schreibt: "(So) könnte schwule Maskulinität/Männlichkeit eine andere Zukunft des Verhältnisses von Gender und Sex entwerfen."

Queere Männlichkeit gegen heteronormative Maskulinität

Mit der Analyse des Fanzine möchte Rehberg zugleich auf die Grenzen der Queer-Theorie hinweisen. Butt thematisiere Sex, während Judith Butlers radikaler kultureller Konstruktivismus einer "kritischen Repräsentationslogik" folge, um "Sex weitestgehend unangetastet zu lassen." Dieses Manko begegnet Rehberg zunächst durch die Erweiterung um die Erkenntnisse der Psychoanalyse. "Entgegen Butlers Annahmen, Sex nicht ausschließlich auf ein Bedeutungssystem zu reduzieren", unterscheidet er Maskulinität und Männlichkeit. Die in "Butt" dargestellte Männlichkeit denaturalisiere, dies sei ein "Prozess der ästhetischen Delegitimierung des Männerkörpers." Männlichkeit fungiere nicht als Bestätigung (heteronormativer) Maskulinität.

Darüber hinaus beruft sich Rehberg auf die Affekttheorie, denn diese würde jenseits der "kritischen Erfassung historischer Machtverhältnisse" das "Reich der Freiheit" (Sexualität) in den Blick nehmen. Die Affekte lösen dabei auf der theoretischen Ebene die Triebe ab. Damit kommt er über die Auseinandersetzung mit Sedgwick, Bersani, Foucault und Deleuze zum vorläufigen Ergebnis, dass "Butt" eine antimaskulinistische Strategie verfolge und – er verweist auf Dirk Linck – die Unterlegenheit dramatisiere. "Butt" zeige Männlichkeit als wandelbar, und hier blitze ein Versprechen einer anderen Zukunft auf.

Im Kapitel "Fremde Freunde" unternimmt Rehberg den Versuch, schwule Subjektivität im Zeitalter der Datingportale neu zu verorten. "Gegenüber dem sexuellen Universum der grunzenden Monster und seiner Kultur neoliberaler Konkurrenz bewohnen die Boys in Butt einen nichtkontrollierbaren angstfreien Raum. Sie bringen den Randbereich von Porn 2.0 zur Visualisierung. (…) Mit Butt wird Männlichkeit als eine Form des Werdens gezeigt."

Ein Werk der Reformulierung queerer Theorie

Peter Rehberg hat ein starkes Buch verfasst, das auf hohem theoretischen Niveau, aber mit manchmal zu akademischen Sprachduktus neue Potenziale für queere Theeorien erschließt. Es war die im Jahr 2019 wohl gehaltvollste queertheoretische Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum. Rehbergs Buch beweist, dass wenn queere Theorie sich zu erweitern weiß, sie uns noch einiges zu sagen hat. "Hipster Porn" wurde von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld finanziell gefördert.

Das hohe Niveau erfordert manchmal mehrmaliges Lesen und wird manche Leser*in abschrecken, die/der sich eine leicht zugängliche Liebeserklärung an "Butt" gewünscht hätte – und so brauchte auch der Rezent des Buchs etwas länger zum Niederschreiben dieser Zeilen. Vielleicht hätte Rehberg zwei Bücher schreiben sollen, eine kurze leicht zugängliche Liebeserklärung an "Butt" und ein Werk der Reformulierung queerer Theorie.

Eine Petitesse sei mir noch erlaubt zu erwähnen, wenn Rehberg so sehnlichst über utopische Potentiale reflektiert und dabei die bestehende "Warenförmigkeit" in der Gesellschaft kritisiert, so wäre eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus wünschenswert (ein großes Manko vieler queertheoretischer Ansätze). Aber dies hätte sein Buch vom Seitenumfang höchstwahrscheinlich gesprengt. Ein richtig gutes Buch ist es trotzdem.

Unser Autor Bodo Niendel ist Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion Die Linke.

Infos zum Buch

Peter Rehberg: Hipster Porn. Queere Männlichkeiten und affektive Sexualitäten im Fanzine Butt. Sachbuch mit zahlreichen farbigen Abbildungen. 440 Seiten. b_books Verlag. Berlin 2019. Taschenbuch. 22 €. ISBN 978-3-942214-35-3


#1 Homonklin_NZAnonym
  • 29.02.2020, 14:46h
  • Okay, ich kannte "Butt" nicht, unddas Hipster-Ding ist jetzt auch nicht so meins, auch wenn ich manchmal wie so eine Zwischenstufe aus Hipster, Gandalph und Bob Marley rumhänge, aber der Hinweis auf das "zu Akademische" macht mich wirklich neugierig. Ob das mal nicht eine Art reversive Verkaufsmasche sein sollte? Man liest ja dann doch eher seltenER was Tiefgründigeres über solche Dinge, das über schweres Gerät, also monströse Pferde mäßige Pimmel und die konstante Virilität, dauf Abruf und Kommando, hinaus reicht.
    Warenförmigkeit ist doch aber wenigstens Staatsdiktat in EU oder Deutschland, wo alles und Jedes nur noch dann wertgeschätzt wird, wenn damit Gewinn erzielt, oder aber Kosten eingespart werden können.

    Gut wohl, dass die Merkel noch keine Schwulenpornos guckt, sonst hätte sie da wahrscheinlich auch längst die Vorgabe gesetzt, dass die Filme samit ihrer Besetzung "wirtschaftlich" zu sein haben, also Ertrag schöpfend sein sollen. Das automatisiert sich in einer Gesellschaft, die für den Kapitalismus, den Gott des Mammon brennt und sich dafür aufzehrt, aber auch von alleine.

    Einige Dinge habe ich aber nicht ganz kapiert, da muss man noch was erklären:

    ""...oftmals beharrte und weniger genormte ...""

    Eine beharrte Körperhaltung? Beharrlich oder auf etwas harrend? Wie diese Typen, die um 5 morgens vor der Disse harrend wie so ein Geier stehen? Wäre ja auch ein abweichendes Modell, sozusagen. Oder ein Typo und das soll "behaart" heißen?

    Dann das:
    ""Loosertum ""

    Dass Lockersein inzwischen ein eigener Trend geworden ist, lässt sich ja nicht bestreiten. Die lockeren Typen wirken entspannter und lässig und kommen einfach viel mehr Hey-Dude-mäßig freundlich rum, als diese Steroid-Protze aus der Tom-of-Finland-Ähnelungs-Klonfabrik, das stimmt schon. Aber war wirklich das damit gemeint, oder ein Typo, und das soll vielleicht "Losertum" heißen? Wenn man das nicht deutlich macht, versteht man was komplett Unterschiedliches, wisst ihr?

    Hoffe, er hat im Buch ein taugliches Lektorat erwischt. Was das Arbeiten ohne Lektorat web-weit heute zum Teil für ein Babylonium heraufbeschwört, samt der so genannten Autokorrektur-Gadgets, macht Lektoren unerlässlich. Bisschen Werbung für den Berufsstand, sorry. Ich tippe selbst andauernd Wurstfinger-Fehler, deshalb weiß ich es zu schätzen.

    ""Potentiale ""

    Ich habe vor einiger Zeit mal nachgesehen, weil ich mir auch nicht so sicher war. Hatte ich mal in einem Roman verwendet, "Potenziale" schaut, glaube ich, deutscher aus. Aber weil ich mir eure Sprache als Junge mal selbst beigebracht habe, bin ich mir auch nicht zu Hundert Pro sicher. Duden ist in jedem Fall immer mal einen Nachschlag wert.
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#2 AHMADAnonym
#3 MandalorianAnonym
  • 02.03.2020, 13:35h
  • Mein Eindruck ist, dass Maskulinität sowohl äußerlich (sportlicher / trainierter Körper) als auch im Verhalten ("normal geblieben" oder "heterolike") hoch im Kurs steht und z.B. effiminierte Typen häufig abgelehnt werden. Kann da keine Vorlieben zur "queeren Männlichkeit" feststellen. Wenn man in Gesprächen mal zufällig auf das Thema "Erscheinung anderen gegenüber" kommt und gefragt wird, wie man den Gesprächspartner wahrnimmt. Dann kann ich in der Regel feststellen, dass eine Bestätigung der "normalen" männlichen bzw. eine nicht effeminierte Erscheinung positiv aufgenommen wird. Klassische Männlichkeit scheint zumindest für die meisten meiner Kontakte und jene die mir sonst noch zufällig in Apps über den Weg laufen, noch ein angestrebtes Ideal der Selbstwahrnehmung und der Außenwirkung Dritten gegenüber zu sein. Mit etwas anderem will man nicht wirklich identifiziert werden und solche Jungs auch nicht daten.
    Das ist zumindest meine Erfahrung
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