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Interview

"Eine schwule Rolle ist durchaus ein Risiko"

Der georgische Schauspieler und "European Shooting Star" Levan Gelbakhiani spielt in "Als wir tanzten" einen homosexuellen Tänzer. Im März läuft der vielfach ausgezeichnete Film in der Queerfilmnacht.


Levan Gelbakhiani als schwuler Ballettschüler Merab. Als es bei der Georgien-Premiere von "Als wir tanzten" im November 2019 zu homophoben Protesten durch rechtsextreme Gruppen und die Orthodoxe Kirche kam, unterstützte er die LGBTI-Community und kritisierte den entgegengebrachten Hass (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Dieter Oßwald
    29. Februar 2020, 23:34h, noch kein Kommentar

Mit 15 Jahren begann Levan Gelbakhiani das Training an der Ballettschule. Heute gehört der 23-Jährige zur zeitgenössischen Tanzszene in Georgien. Mit der Rolle des schwer verliebten, schwulen Tänzers in "Als wir tanzten" gibt Levan sein Kinodebüt.

Entdeckt hat ihn der schwedische Regisseur Lavan Akin auf dessen Instagram-Account. Nach der Premiere in Cannes folgten etliche weitere Festivals – und Auszeichnungen für den jungen Georgier. Als bester Schauspieler wurde er in Odessa, Sarajevo, Valliadoid und Minsk gekürt. Er war zudem nominiert beim Europäischen Filmpreis, derweil der Film für Schweden ins Oscar-Rennen ging. Trotz des schwulen Inhalts wurde Levan vom kaum als liberal bekannten Georgien als "European Shooting Star" auf die Berlinale geschickt (queer.de berichtete).


Poster zum Film: "Als wir tanzten" startet am 9. April regulär im Kino und läuft im März bereits in der Queerfilmnacht

Levan, "Du musst Georgien verlassen!" rät dir im Film dein Bruder nach dem Coming-out. Wäre das auch eine Empfehlung für dich persönlich?

Nein, diesen Ratschlag teile ich nicht. Wenn alle jungen, kritischen Leute das Land verlassen, ist in Georgien keiner mehr da, um für eine Verbesserung der Verhältnisse zu kämpfen. Wir sind ein kleines Land mit nur drei Millionen Einwohnern. Wenn die Kids gehen, bleibt eine Lücke für jene Leute, die schlechte Dinge machen und Georgien übernehmen wollen. Ich finde, man muss im Land bleiben und für die Freiheit kämpfen.

Du wurdest auf der Berlinale als "European Shooting Star" ausgezeichnet – wie einst auch Daniel Craig oder jetzt dein deutscher Kollege Jonas Dassler (queer.de berichtete). Ist es nicht erstaunlich, dass ein queerer Film von den offiziellen Stellen vorgeschlagen wurde? Oder will sich das Land mit Blick auf einen EU-Beitritt liberal geben?

Im Vergleich zu den Nachbarländern im Kaukasus ist Georgien liberal. Aber auch hier funktioniert die russische Propaganda so verdammt gut. Die Gesellschaft ist in zwei Hälften gespalten. Die jungen Leute möchten gerne in die EU. Bei den Alten herrscht noch das Denken aus Sowjetzeiten. Die Spaltung ist so groß, dass man bisweilen schon gar nicht mehr miteinander spricht. Unsere Regierung sagt, sie möchte in die EU. Tatsächlich ist die regierende Partei "Georgischer Traum" aber eng befreundet mit den Russen und wird von einem Oligarchen geführt, dem das halbe Land gehört.

Wie steht es um die Rechte von Schwulen und Lesben?

Homosexualität ist in Georgien zwar nicht verboten. Aber zum Schutz von Minderheiten wird von der Regierung nichts unternommen.

Wie riskant ist es für dich, eine Rolle als Schwuler zu spielen?

Eine schwule Rolle ist durchaus ein Risiko. Es gab Fälle bei uns, wo fanatische Verrückte andere Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung ermordeten, darunter auch LGBTI-Aktivisten. Aber dieses Risiko stört mich nicht besonders. Denn ich weiß, dass ich bei einer guten Sache für mein Land dabei bin. Wir müssen diese rückschrittliche Gesellschaft überwinden.


Merab und Irakli müssen im Film ihre Liebe geheim halten (Bild: Edition Salzgeber)

Wie schwierig waren die Tanzeinlagen im Film für dich?

Ich habe zeitgenössischen Tanz an der Ballettschule studiert, aber diese georgischen Tänze waren mir fremd. Das ist schon eine ganz andere Art, sich zu bewegen. Das ist alles sehr maskulin, und man muss schon ein ziemlicher Macho sein, um das zu tanzen. Zeitgenössischer Tanz ist viel weicher und femininer – wobei mir das Wort feminin eigentlich nicht gefällt. Denn was bedeutet schon feminin?

Magst du über deine sexuelle Orientierung plaudern?

Ich bin nicht schwul, aber natürlich kenne ich viele queere Menschen. Die müssen sich ja auch nicht verstecken, denn es gibt eine große Techno-Szene, wo regelmäßig schwule Partys und auch Drag-Shows stattfinden. Gleichwohl bleibt es ein Risiko, weil es immer wieder Übergriffe gegen Schwule gibt. Es ist bei uns nicht so schlimm wie in Russland, aber es gibt dennoch sehr viel Hass und Gewalt gegen Minderheiten.


"Als wir tanzten" wurde in Cannes als Entdeckung gefeiert und seitdem vielfach ausgezeichnet (Bild: Edition Salzgeber)

Dein Film wird gerne mit "Call Me By Your Name" verglichen. Einverstanden?

Nein, das sind zwei völlig verschiedene Filme. Niemand käme auf die Idee, zwei unterschiedliche heterosexuelle Lovestorys miteinander zu vergleichen. Das wäre Blödsinn, aber warum macht man das bei unserem Film? Man kann Liebe nicht miteinander vergleichen. Völlig unabhängig davon, ob die Lovestory queer oder straight ist.

Außerdem hast du keinen Pfirsich zur Hand wie Timothée Chalamet…

Ich habe keinen Pfirsich, aber ich habe einen Stein! (lacht) Ich finde "Call Me By Your Name" ja auch wunderschön. Aber es ist eben nur eine Lovestory. Bei uns gibt es noch viele andere Ebenen. Es geht um Wohnverhältnisse, wo ständig der Strom ausfällt. Oder um die Probleme einer Hetero-Hochzeit.

Wie Timothée Chalamet hast auch du einige Sex-Szenen. Wie fühlt man sich nackt vor der Kamera?

Wir haben sehr darauf geachtet, dass bei diesen Nacktszenen keine unbehagliche Stimmung entsteht. Sexszenen mit Männern zu drehen, ist in unserer Filmindustrie völlig unbekannt. Umso wichtiger war es, für diese Intimität eine sichere Zone zu schaffen. Beim Dreh waren nur der Kameramann, ein Tonmeister und der Regisseur dabei, sonst hatte niemand Zutritt. Am Wetter hat das leider nichts geändert: Wir drehten im November bei minus fünf Grad. Da friert man ziemlich, wenn man nackt ist! (lacht)

Wie gut gefällt dir der Ruhm? Kommen die Selfie-Jäger auf der Straße auf dich zu?

Ja, und das gefällt mir gut! Schau mal auf mein Smartphone, wie viele Anfragen auf Instagram schon wieder da sind!

Alles Männer!

Nein, es gibt auch Frauen! (lacht). Aber ich überfliege das nur kurz und antworte darauf nicht, dafür fehlt mir die Zeit. Mittlerweile habe ich einen Alarm auf Instagram eingerichtet, damit ich nicht länger als eine Stunde am Tag damit verbringe.

Wie geht deine Karriere weiter?

Ich habe beim Tanzen eine Pause eingelegt, weil ich seit fast einem Jahr nur noch mit diesem Film unterwegs bin. Von Cannes über Sundance bis Berlin und viele Festivals dazwischen. Aber jetzt werde ich mit dem Tanz weitermachen. Und auch die Schauspielerei habe ich für mich entdeckt. Es gab auch schon Angebote für europäische Filmprojekte.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Ab 9. April im Kino

Als wir tanzten. Spielfilm. Georgien, Schweden 2019. Regie: Levan Akin. Darsteller: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakishvili, Giorgi Tsereteli. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 9. April 2020 sowie im März bereits in der Queerfilmnacht