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"Aufforderung zur Unterlassung"

Streit um historisches Logo: Wem gehört der lesbische Aktivismus?

Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin ist seit Jahrzehnten Geschichte. Doch nun gehen drei angebliche Gründerinnen per Anwalt gegen einen kleinen Buchverlag vor.

  • Von Lara Ledwa und Heinz-Jürgen Voß
    7. März 2020, 06:34h, 9 Kommentare

Wegen des Buches "Mit schwulen Lesbengrüßen: Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin (LAZ)" wurde der Psychosozial-Verlag abgemahnt

Wir schreiben diesen Beitrag als Autor*in im bzw. Mitherausgeber*in der Buchreihe "Angewandte Sexualwissenschaft" des Gießener Psychosozial-Verlags. Wir waren von einer kürzlich eintrudelnden "Aufforderung zur Unterlassung" doch sehr überrascht.

Konkret: Es geht um das Buch "Mit schwulen Lesbengrüßen: Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin (LAZ)" von Lara Ledwa. Auf dem Cover ist das Venussymbol in lesbischer Variante mit einer kämpferischen Faust zu sehen, der Kreis wird gesprengt. Außerdem wird als Untertitel, einer historischen Studie angemessen, der Schriftzug "Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin (LAZ)" verwendet.

Dagegen haben drei angebliche Gründerinnen des LAZ nun über eine Rechtsanwaltskanzlei die Forderung nach einer Unterlassungserklärung verschickt. Sie behaupten, sie seien die Urheber*innen des Logos, die Cover-Gestaltung verletze ihre Urheber*innenrechte, und sie fordern die Einstellung des Buchvertriebs und "Schadenersatz".

Inhaltlicher Streit wird juristisch ausgetragen

Forderungen nach Unterlassung – gegen queerfeministischen Aktivismus: Zuletzt hatte auch dieses Portal darüber geklagt, dass es von konservativer Seite mit Unterlassungsandrohungen überzogen und durch die Abwehr solcher Androhungen in der ökonomischen Existenz bedroht und die eigentliche Arbeit erheblich behindert wird.

Inhaltliche Gründe scheinen auch bei der Abmahnung des Psychosozial-Verlag vorzuliegen: Einige der ehemaligen LAZ-Aktivistinnen hatten sich zuletzt deutlich von den historischen Forschungen Lara Ledwas distanziert, weil sie nicht alle Ausführungen für gerechtfertigt hielten. Denn Ledwa war bei ihrer historischen Aufarbeitung auch auf "problematische Tendenzen im LAZ wie Rassismus, Klassismus und Transfeindlichkeit gestoßen" (S. 14/15) und hatte in ihrem insgesamt gegenüber dem LAZ dennoch sehr wertschätzenden Buch auch kritische Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Geschichte angeregt und eingefordert.

Eine Bewegung und ihre Symbole gehören niemandem

Mit der jetzigen Aufforderung zur Unterlassung wird eine Grundsatzfrage aufgeworfen: Wem gehört der lesbische Aktivismus? Das kämpferische Lesbensymbol ist weit verbreitet – und war es schon, bevor sich das LAZ überhaupt gründete. Aus unserer Sicht können eine Bewegung, die aus vielen Menschen besteht, und ihre Symbole niemandem gehören. Geschichte(n) basieren auf vielen Perspektiven und Stimmen, und es ist immer wichtig, darauf zu achten, welche Stimmen in der Geschichte und in den Geschichten nicht präsent sind oder kaum erzählt und gehört werden.

Um stetig lernen zu können und weiterzukommen, sehen wir es als hilfreich an, Bewegungen und deren Geschichten zu reflektieren und auf eventuelle Ausschlüsse oder diskriminierende Praxen hinzuweisen. Kritische Selbstreflexion ist für solidarische Bündnisse unabdingbar – und sollte stetig in den eigenen Reihen stattfinden und gern auch durch wissenschaftliche Arbeiten angeregt werden.

Die Lesbenbewegung war und ist vielfältig, und es ist wichtig, die Geschichte(n) und Stimmen zu betonen, die die Vielfalt dessen, was unter "Lesbe" und "lesbischer Politik" verstanden werden kann, herausstellen und die Heterogenität der Bewegung abbilden. Es wird problematisch, wenn einige wenige anfangen, die Deutungshoheit zu beanspruchen – und viele andere Perspektiven von Lesben – auch gewaltvoll – ausschließen wollen.

Hohn gegenüber einer vielfältigen Bewegung

Ein Begriff von "Lesbe", der Trans*-Perspektiven ausschließen will, wäre keiner, den wir für richtig hielten. Es handelt sich dabei auch nicht um ein "Generationending", sondern es geht um verschiedene Verständnisse von Lesben und lesbischer Politik. Dabei erscheint es uns wichtig, dass "lesbisch" und "queer" nicht als einander ausschließend gedacht werden, sondern eher in ihrer Offenheit und ihren Verbindungen. Gewiss lässt sich hier lustvoll streiten – aber doch wohl solidarisch und nicht auf eine Weise, eine andere streitende Position mit einer Klageandrohung "ausschalten" zu wollen.

Lesbischer – und auch schwuler – Aktivismus sollte aus unserer Sicht stets auch versuchen antikapitalistisch, antirassistisch und feministisch zu agieren. Auch das LAZ ging in diese Richtung. Dass nun ein transfrauenfeindlicher Verein – das "LAZreloaded xx", verbandelt mit der umstrittenen Initiative Queer Nations – die Deutungshoheit über lesbischen Aktivismus beansprucht, ist Hohn gegenüber einer vielfältigen Bewegung und schließt viele Perspektiven aus dem LAZ und im Anschluss an das LAZ aus.

Wie auch immer: Wo kommen wir hin, wenn inhaltliche Streitfragen in einer Bewegung nun juristisch ausgetragen werden sollen?

Lara Ledwa ist Geschlechterforscherin und in Berlin lesbisch und queerfeministisch aktiv. Heinz-Jürgen Voß ist Professor für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg und seit Ende der Neunzigerjahre queerpolitisch engagiert.



#1 ZickZickAnonym
  • 07.03.2020, 15:18h
  • Ja wo kommen wir eigentlich hin, wenn Streitfragen juristisch ausgetragen werden? Ich schlage vor, wir nennen es Rechtsstaat. In einem antikapitalistischen Aktivismus, in dem niemandem irgendetwas "gehört" und schon das EIgentum selber abgeschafft gehört kann nämlich sonst einfach jeder alles machen. Wie es ihm gefällt. Zumindest in der Illusion.
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#2 KapitalanlagenAnonym
  • 07.03.2020, 17:32h
  • "Lesbischer und auch schwuler Aktivismus sollte aus unserer Sicht stets auch versuchen antikapitalistisch, antirassistisch und feministisch zu agieren."

    Was hat Antikapitalismus in dieser Auflistung verloren? Bitte um Erklärung der Autoren.
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#3 Ralph
  • 07.03.2020, 18:25h
  • Antwort auf #1 von ZickZick
  • Ich glaube, Du verkennst den Punkt. Auch ich beobachte mit zunehmendem Unbehagen, dass die Erforschung, Beschreibung und Deutung historischer Ereignisse, Entwicklungen und Zusammenhänge nicht mehr Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung bleiben, sondern Gerichten zur Entscheidung vorgelegt werden von Leuten, die Geschichte in ihrem persönlichen Sinne klittern lassen wollen durch dazu inkompetente Juristen, weil sie die Ergebnisse kompetenter Historiker nicht ertragen können. Ich denke da z.B. an den Versuch des Herrn Georg Friedrich Hohenzollern, seinen Urgroßvater, Hitlers Steigbügelhalter Wilhelm Hohenzollern, und seinen Ururgroßvater Ex-Kaiser und Ex-König Wilhelm II., seines Zeichens Deutschlands Totengräber, per Gerichtsbeschluss zu harmlosen Opfern widriger Umstände erklären zu lassen.
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#4 BePrideAnonym
#5 anonymer NickAnonym
  • 07.03.2020, 23:36h
  • Mir stößt das auch auf, das hier so viel über SCHWUL geschrieben wird. Weil ich das nämlich erfunden habe! Da hätte ich auch gerne meine Tantiemen dafür.

    (Antwort 1 habichnichverstanden)

    Grüße
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#6 Homonklin_NZAnonym
  • 08.03.2020, 11:07h
  • Ich habe auch nicht verstanden, geht es konkret um dieses Logo in seiner exakten Ausführung, oder um die Bewegung als Solche und deren zu irgend einer Zeit geprägte, konkrete Vorstellung.

    Das mit dem Logo müsste man urheberrechtlich relativ leicht klären können, wenn da Originalzeichnungen da sind, wenn beklannt ist, wo oder wann das historisch auftauchte.

    Eine Bewegung ist ein Prozess, der sich entwickelt. Auch kann man nie sagen, Aktivismus hätte ein einzelner Mensch oder eine Gruppe ab einem ganz bestimmten Zeitpunkt geprägt. Oft entstand das, wenn man genau hinsieht, schon auf der Basis anderer Bewegungen oder Elemente von Aktivismen, weil Ideen weitergetragen werden und sich über Zeit anreichern können. Eigentlifh sollten sie allen gehören, die sich dafür einsetzen und dran beteiligen, würde man meinen wollen, wenn man können dürfte.

    Juristische Kapazitäten dann eher für Bedrohungen gegen die Bewegung einzusetzen, läge näher, hätte man zu denken gewagt.

    Klingt alles ein bisschen wie Kampf gegen die Allierten, die haben unsere suppe gegessen und den hoheitlichen Stuhl benutzt, um mit am Tisch zu sitzen. Was will man damit wirklich erreichen?
    Innere Zersetzung und das Aufhängen an den seltsamsten, auch vermeintlichen Differenzen scheint ein durchdringendes Problem in der queeren Dimension zu sein, nicht nur auf dieses Thema bezogen.
    Anstatt gemeinsam eine Sache voran zu bringen, bekrittelt und streitet man sich eher gegenseitig bis hin zum äußersten Detail..

    Gastleser, leider mit XY Chromosom, darf eigentlich wohl gar nicht mit reindenken.
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#7 BePrideAnonym
  • 08.03.2020, 13:00h
  • Wichtiger als mein Vergleich ist die Auseinandersetzung mit der juristischen Situation. Teils werden sich meine Gedanken wohl mit denen im #6 überschneiden. Ich leg' mal los:
    Mir kommt es so vor, als hätte es den Streit um ein Symbol aus der Lesbenbewegung vor längerer Zeit schon einmal gegeben, auf der einen Seite vielleicht sogar mit den selben Personen, auf der anderen Seite der sich als Lesbierinnen Definierenden. Wie der Streit ausgegangen ist, weiss ich nicht.
    Die Personen im "LAZ reloaded xx" heben einen angeblichen Rechtsanspruch jedoch schon mit ihrer Vereinsbezeichnung selbst auf. Wenn etwas reloaded werden muss, ist etwas vergangen, es bleibt nur die Hülse übrig, hier das Symbol eben, ein Dokument der Zeitgeschichte. Wird es nicht weiter benutzt, gibt es auch keinen Anspruch darauf.
    Jetzt treff' ich mich gedanklich mit #6, vielleicht nicht ganz so gut. Ob das Symbol vor der LAZ-Zeit kreiert wurde, scheint mir nicht ganz so wichtig. Ich nehme an, dass das Symbol über viele Jahre hinweg von der Bewegung benutzt wurde, ohne dass dagegen, wie sonst auch kaum üblich, dagegen Einspruch erhoben wurde. Es wurde zum Symbol einer Gemeinschaft, der mensch es nun auch nicht wieder nehmen kann. Ich erinnere allerdings den Streit wegen der Urheberschaft des Symbols der Anti-Atomkraftbewegung. Die dänische Kreatorin des Symbols schien mir eine gute Rechtsposition gehabt zu haben, hoffentlich aus anderen Gründen als hier.
    Nun kommt mal wieder meine Argumentation auf Grundlage von GG und Bundesverfassungsgericht. Das Gericht hat festgestellt, dass mensch das Recht hat, sein Geschlecht selbst zu bestimmen. Ob mensch sich als Frau, Lesbe etc. definiert, ist allein dessen Recht, ein Ausschluss durch andere rechtswidrig. Daran müssen sich auch jene gewöhnen, die aus der Zeit gefallen sind und sich ein reaktionäres Menschenbild zurück wünschen.
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#8 IstkapitalAnonym
#9 BePrideAnonym