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Interview

Kevin Kühnert, muss die SPD mehr Queerness wagen?

Juso-Chef und SPD-Vize Kevin Kühnert über sein Coming-out vor zwei Jahren, sozialdemokratische Queerpolitik, sein Verhältnis zu Jens Spahn und das Ausgehen in der Berliner Szene.


Kevin Kühnert ist seit November 2017 Bundesvorsitzender der Jusos und seit Dezember 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD (Bild: Nadine Stegemann)

Kevin Kühnert wurde am 1. Juli 1989 in West-Berlin geboren. 2005 trat er in die SPD ein und war von 2012 bis 2015 Landesvorsitzender der Jusos Berlin. Seit 2017 ist Kühnert Bundesvorsitzender der Jusos, im Dezember 2019 wurde er mit 70,4 Prozent der Delegiertenstimmen zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Im März 2018 äußerte sich der Fußball-Fan erstmals öffentlich zu seiner Homosexualität (queer.de berichtete). Vom "Time"-Magazin wurde Kühnert vor zwei Jahren als "Next Generation Leader" gekürt.

Herr Kühnert, frei nach Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen" gilt für Sie heute "Mehr Queerness wagen"? Ist die SPD die bessere Partei für schwul-lesbische Belange?

Ich bin ja froh, wenn es mehrere Parteien gibt, die sich für queere Belange einsetzen. Schwule und Lesben sind schließlich keine homogene Interessengruppe, die nur deshalb in eine Partei eintreten, weil sie schwul oder lesbisch sind. Die haben auch Vorstellungen von Wirtschaft, Daseinsvorsorge, Umweltpolitik. Im Feld der Gleichstellungspolitik haben wir nicht ohne Grund viel Liberalisierung unter Rot-Grün in Deutschland durchgesetzt – wie etwa das Lebenspartnerschaftsgesetz. Die SPD setzt sich seit Jahrzehnten gezielt für queere Menschen ein. Auch für diejenigen, die uns nicht wählen.

Welchen Stellenwert hat Queerpolitik im sozialdemokratischen Themenkatalog von Klimawandel, Wohnungsnot, Bildung, sozialer Gerechtigkeit?

Die sozialdemokratische Erzählung beginnt bei der Teilhabe durch Arbeit, bei der Verteilung von Wohlstand – was ja durchaus etwas mit queeren Themen zu tun hat. Schwulen und Lesben ist der Zugang zu vielen Führungspositionen immer noch verwehrt, und queere Menschen erleben leider auch einen Paygap auf dem Arbeitsmarkt. Was wir in der feministischen Bewegung seit über 100 Jahren versuchen zu erstreiten, das gilt hier in ähnlicher Weise. Das Schöne an Werten wie Gleichheit und Solidarität ist ja, dass sie universell für alle gelten. Ich bin beispielsweise super froh, dass wir auch trans Personen in der SPD haben, die aus eigener Erfahrung wissen, warum sie mit uns gegen das aktuelle Transsexuellengesetz kämpfen, weil sie nicht pathologisiert werden wollen.

Jenes "Und das ist gut so"-Coming-out des damaligen Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit verschaffte ihm hohe Sympathiewerte, die seine schwache politische Bilanz überstrahlte. Hatten Sie ähnliche Strategiepläne, als Sie Ihre sexuelle Orientierung publik machten?

Schwulsein als Sympathiewerbung zu sehen, würde unsere Gesellschaft überschätzen (lacht). Guido Westerwelle und der FDP hat das seinerzeit auch nicht aus der Patsche geholfen. Ganz im Gegenteil. Was Wowereit damals gemacht hat, war schlicht und ergreifend mutig. Erstens war die Welt vor 20 Jahren eine andere als heute. Zweitens ist er einer Zwangsouting-Kampagne der Boulevardmedien zuvorgekommen. Wowereits Bekenntnis zum Schwulsein ebnete Berlin den Weg heraus aus dem Dasein als spießige deutsche Hauptstadt, hin zu einer liberalen, kosmopolitischen Metropole.

Was war Ihre Motivation fürs Coming-out via Interview? Strategie oder spontane Eingebung?

Das Coming-out war kein strategisches Kalkül. Eigentlich war es nicht mal ein Coming-out, denn das liegt bei mir schon 15 Jahre zurück. Ich hatte jedenfalls eine Interviewanfrage des Berliner Szenemagazins "Siegessäule". Damit war klar, dass dieses Thema am Rande eine Rolle spielen könnte. Ich hätte das nicht von mir aus thematisiert, aber ich verheimliche auch nichts oder verleugne Teile meiner Persönlichkeit. Ich habe auf die gestellte Frage wahrheitsgemäß geantwortet, ohne mir dabei tiefer etwas gedacht zu haben. Mein vielleicht naiver Wunsch ist, irgendwann an jenen Punkt zu kommen, an dem man eine sexuelle Orientierung einfach erwähnen kann, ohne dass sofort eine Meldung daraus wird. Offensichtlich sind wir noch nicht so weit.

Wie fielen die Reaktionen auf Ihr Coming-out aus?

Es waren gar nicht die unmittelbar negativen Reaktionen, aber in dem Moment, in dem man als Politiker auch als Homosexueller wahrgenommen wird, mischt sich in viele politische Angriffe eine homophobe Komponente. Die Leute greifen nach einem Talkshow-Auftritt nicht mehr mich in meiner politischen Position an, sondern wählen den Umweg über die Homosexualität, um zu sagen: "Was nimmt die Schwuchtel sich eigentlich heraus? Der soll froh sein, dass nicht die Zeiten von vor 80 Jahren sind. Da hätte man ganz andere Sachen mit ihm gemacht."

Unter Politikerinnen gibt es eine Frauen-Solidarität über Parteigrenzen hinweg. Wie ist Ihr Verhältnis zum offen schwulen CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn. Oder dem Berliner US-Botschafter Richard Grenell?

Ich habe Jens Spahn persönlich noch nie getroffen, von daher hat sich das noch nicht ergeben. Ich würde aber auch sagen, von allen aufgrund der sexuellen Identität angefeindeten Gruppen, sind schwule Männer diejenigen, die sich am ehesten hintenanstellen können, wenn es um Diskriminierungserfahrungen geht. Natürlich werden auch wir angefeindet. Aber bei lesbischen Frauen kommt eine doppelte Diskriminierung hinzu. Bei trans Menschen gibt es die völlige Exotisierung. Schwule sind im Vergleich die gesellschaftlich anerkannteste Minderheit. Ganz viele wollen unbedingt irgendwelche schwulen beste Freunde haben; die Sichtbarkeit schwuler Männer ist höher als die anderer queerer Menschen.

Etliche Politiker verheimlichen Ihre sexuelle Orientierung. Das war in den Achtzigerjahren bei vielen ein offenes Geheimnis, über das mediales Stillschweigen galt. Wie finden Sie anno 2020 einen Satz des deutschen Wirtschaftsministers Peter Altmaier, der sagte: "Der liebe Gott hat es gefügt, dass ich allein durchs Leben gehe"?

Ich habe zum lieben Gott kein sonderlich enges Verhältnis und kann daher nicht beurteilen, ob er anderen ein guter Berater ist. Ob alleinstehend, in einer oder mehrerer Beziehungen oder verheiratet sollte eigentlich keine Rolle spielen. Mir ist wichtig, ein gesellschaftliches Klima zu haben, in dem niemand solch einen Satz sagen muss, wenn er nicht genau so gemeint ist. Aber ich bin nicht naiv, ich weiß, dass es auch im Jahr 2020 solche Geschichten zuhauf gibt. Und zwar nicht nur bei Prominenten, sondern vor allem auch in den Reihen dahinter.

Kann es Nachteile geben für Politiker, sich zur sexuellen Identität zu bekennen?

Natürlich kann es Nachteile haben. Ob die sexuelle Identität ein Karrierehindernis sein kann, hat sicherlich auch etwas mit der Partei und ihren Werten zu tun. Das Mindset einer Partei kann man nicht beschließen oder über das Grundgesetz ändern. Das sind innere Aushandlungsprozesse, die eine Partei durchnehmen muss.

"Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder" schwadronierte einst CSU-Chef Franz Josef Strauß. Mittlerweile hat Angela Merkel die Ehe für alle mit ermöglicht – wie sehen Sie die Wandlung der Konservativen?

Angela Merkel die Legalisierung der Homoehe zuzuschreiben, ist dann doch etwas weit hergeholt. Gerade das Abstimmungsverhalten von Merkel in dieser Frage hat mich völlig ratlos zurückgelassen. Mit ihrer beiläufigen Bemerkung während eines Talks mit der Zeitschrift "Brigitte" gab sie der SPD die Möglichkeit, die Entscheidung im Bundestag herbeizuführen. Gleichzeitig hat sie als Abgeordnete dann mit Nein gestimmt. Ich habe das so interpretiert, dass sie nach Abschaffung der Wehrpflicht, dem Einstieg in den Atomausstieg und anderen konservativen Zumutungen einmal zeigen wollte: "Naja, es gibt noch Sachen, da stimme auch ich konservativ ab". Ich kann mir kaum vorstellen – zumal die Begründung so lustlos vorgetragen war -, dass das ernsthaft ihre Position ist. Ich finde es dann aber enttäuschend, weil ich eigentlich von politischen Führungskräften erwarte, in solchen Haltungsfragen nicht taktisch zu agieren, sondern aus einer Überzeugung heraus.

Gleichwohl steht das Ergebnis: Die Ehe ist geöffnet. Was nicht wenige auch mit der CDU verbinden, die heute hinter der Entscheidung steht.

Na gut, das ist bei vielen Dingen so. In Umfragen sagen 45 Prozent, Merkel hätte den Mindestlohn eingeführt. Das ist ja unser großes Leidwesen mit dieser Koalition. So wie der Mindestlohn von uns Sozialdemokrat*innen erkämpft wurde, so hat die CDU eben auch nicht die Öffnung der Homoehe durchgebracht. Nur ein Viertel ihrer Abgeordneten im Bundestag hat dafür gestimmt, der Rest war dagegen oder hat sich enthalten. Mit Stimmen der CDU kam die Homoehe also nicht zustande, sondern es war das einstimmige Votum von SPD, Grünen und Linken. Mit Unterstützung eines erfreulichen Haufens von Unions-Abgeordneten, die aber für die Mehrheit nicht relevant waren.

Eine Mehrheit in der Schweiz sprach sich bei der Volksabstimmung für ein Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung aus. Wie offensiv gehen Sie als Juso-Chef und SPD-Vize gegen Homophobie und Hate-Crimes vor?

Ich sehe das als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zum einen durch die Normalisierung der Normalität: Mit welchen Gesellschaftsbildern schicken wir junge Menschen ins Leben? Muss im Englisch-Buch immer eine Vater-Mutter-Kind-Familie abgebildet werden? Oder kann die nicht einmal anders aussehen? Zum anderen durch eine größere Sensibilisierung der Ermittlungsbehörden. Was passiert eigentlich, wenn eine erkennbare trans Person in der Polizeidienststelle einen Angriff anzeigen will? Wird das ernst genommen? Oder geht man in die Amtsstube nebenan und lacht sich erst mal tot darüber, wie die eigentlich aussieht? Das mag in ganz vielen Fällen nicht so sein, aber allein, dass viele Betroffene diesen Eindruck haben, ist ein Problem. Einstellungsuntersuchungen können uns helfen, solche Diskriminierungsmuster konkret zu bekämpfen.

Können Sie als Promi entspannt in der Szene unterwegs sein? Und neue Bekanntschaften machen?

Wenn ich bei mir zuhause in Szenenkneipen unterwegs bin, überrascht das dort nur wenige. Auch in einer Stadt wie Berlin ist die Zahl der Lokalitäten letztlich begrenzt. Die üblichen Verdächtigen trifft man also immer wieder an den verschiedenen Orten, sei es im SchwuZ, im Melitta Sundström oder im Hafen.

Der Bedarf für eine Tarnkappe besteht bei Ihnen nicht?

Nö. Ich bewege mich in der Berliner Szene seit mittlerweile gut 13 Jahren und kenne einfach viele Leute seit langer Zeit. Da gibt es fast nie die Reaktion: "Oh, das ist Kevin Kühnert, den ich gestern im Fernsehen gesehen habe!". Für die meisten bin ich einfach jemand, der mit ihnen da eben gemeinsam hineingewachsen ist.

Die Gefahr, sich als Promi-Beute für Groupies wiederzufinden, gab es nie?

Das nehme ich jetzt nicht so wahr, ehrlich gesagt.



#1 Wort haltenAnonym
  • 08.03.2020, 09:46h
  • Die SPD braucht nicht mehr "Queerness", sondern die sollen einfach nur den demokratischen Gleichheitsgrundsatz umsetzen, ihre Versprechen halten und nicht immer vor der Union einknicken. Dann wäre schon viel erreicht.

    Bestes Beispiel ist der aktuelle Gesetzentwurf zum längst überfälligen Verbot von "Homoheilung":
    im ursprünglichen SPD-Entwurf sollte das generell verboten werden. Für alle Altersgruppen, weil ja auch die Schädlichkeit für alle Altersgruppen wissenschaftlich belegt ist und weil niemand das freiwillig macht, sondern das immer Ergebnis vorheriger Indoktrination und Einreden von Selbsthass ist.

    Aber das wollte die Union nicht und prompt ist die SPD wieder mal vor der Union eingeknickt und stimmt zu, dass nur ein Teil der Opfer geschützt werden soll. Obwohl diese Scharlatanerie bei ALLEN Opfern schwerste psychische Schäden verursacht und bis zum Tod führen kann.

    Hier geht es um Menschenleben!
    Wo sonst will die SPD denn mal hart bleiben, wenn nicht bei Menschenleben?!
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#2 Ralph
  • 08.03.2020, 10:05h
  • Wenn ich höre oder lese, etwas sei eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe", reicht's mir schon. Mit dieser Worthülse flüchtet der Redner/Schreiber aus der eigenen Verantwortung und verteidigt das eigene Nichtstun. - Im Übrigen: Es wäre schon viel erreicht, wollte die SPD ihre Versprechen an die LSBTI-Gemeinde einhalten und nicht brechen mit der verlogenen Ausrede, Reformen seien mit dem jeweiligen Koalitionspartner nicht zu machen, während sie selbst sogar die unsinnigsten Forderungen dieses Partners erfüllt. Ich erinnere an die verfassungswidrige Herdprämie und die EU-rechtswidrige Ausländermaut, die der Union wider besseres Wissen von der SPD geschenkt wurden, während die Eheöffnung und andere rechtliche Verbesserungen für Schwule und Lesben beerdigt wurden. - Nebenbei: Es gilt nicht zu Unrecht als selbstverständlich, dass persönliche Hintergründe von Politikern sich auch politisch widerspiegeln. Christen setzen sich für die Belange der Kirchen ein. Gewerkschafter setzen sich für die Belange der Arbeitnehmer ein. Politiker ausländischer Herkunft widmen sich der Migrations- und Integrationspolitik. Frauen befassen sich mit der Gleichstellung dr Geschlechter usw. usf. Dass viele schwule Politiker und lesbische Politikerinnen das für sich gerne anders sehen und ihre sexuelle Orientierung gar als Belastung betrachten, spricht nicht für sie.
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#3 Homonklin_NZAnonym
  • 08.03.2020, 10:32h
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • I see, das bedeutet, es müssten so verurteilte Arbeitslose bzw. sozial Schwache, Obdachlose dort mitarbeiten, sollte für diese Gruppen etwas erreicht werden, bzw. müssten Juristen da mitarbeiten, damit das vollständige GG auch für diese und für LGBTIQ*-Belange verwirklicht werden.

    Die machen sich das ganz schön einfach. Was ist bloß aus dem Politikern geworden, die zusammen arbeiten, um für möglichst Viele Wege zu öffnen, Lebensmöglichkeiten zu erweitern? "Die anderen haben Schuld" ist nun ja eher so das Ausweichargument.
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#4 Andrea GreinacherAnonym
  • 08.03.2020, 11:28h
  • als frau kann ich nur sagen, das meine besten freunde schon immer schwul waren. weil sie auf das ganze geprolle verzichten und einfach nett sind. ich mag kevin weil er authentisch ist. ich wünsche ihm, das er es weit bringt in der politik und denke, dem steht nichts im wege. die spd macht ihren weg, denn es gibt einige sehr fähige genossen, die ich sehr schätze. einfach weiter machen und möglichst ohne die groko, denn die schadet uns leider mehr, als sie nützlich ist.
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#5 michael hnkAnonym
  • 08.03.2020, 11:39h
  • Da sind aber so einige kritikwürdige Aussagen drin.

    Die "sozialdemokratische Erzählung" beginnt gewiss nicht erst bei der Verteilung von Wohlstand, sondern bereits bei der Erarbeitung desselbigen. Vielleicht sollte er tatsächlich mal den Ratschlag seines Parteifreunds Sigmar Gabriel beherzigen und einen Beruf erlernen oder zumindest ein Studium erfolgreich abschließen, damit er auch bei solchen Aussagen nicht so dermaßen angreifbar bleibt. Kompetenzerwerb hat ja durchaus auch was mit Erwerben zu tun und nicht nur was mit Reden. Letzteres kann er zweifellos sehr gut, und wenn er's richtig angeht, gehört ihm auch die Zukunft. Wenn er allerdings nur auf oberschlauer Laberonkel macht, wird sein Stern auch schnell wieder verglühen, ohne jemals in ein bedeutsames exekutives Amt gekommen zu sein.

    Dass die SPD in LSBT-Gleichstellungsfragen jemals besonders progressiv gewesen sei, halte ich für ein Gerücht. Sie hat eher auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert als selbst die treibende Kraft gewesen zu sein. Immerhin erwies sie sich nicht als Hindernis, wenn sich ein Fenster für eine Positiv-Veränderung auftat. Doch forciert haben dementsprechende Veränderungen andere: die Grünen sowie v.a. Bürgerrechtsgruppen, meist direkt aus den Subkulturen kommend. Das gehört schon zur Ehrlichkeit dazu, die Verdienste der SPD liegen eher auf anderen Feldern.

    Das öffentliche Bekenntnis von Klaus Wowereit wirkte seinerzeit wie ein Befreiungsschlag und Türöffner auch für andere. Ich glaube aber, dass er die enorme Signalwirkung, die von seinem berühmten Satz ausging, selbst nicht auf der Rechnung hatte. Seine ursprüngliche Absicht beschränkte sich wohl darauf, einem bevorstehenden Zwangsouting durch Boulevard-Medien zuvorzukommen. Sein so trefflich geglückter Zusatz "und das ist auch gut so" war ursprünglich, so denke ich, weitaus weniger visionär gemeint als er von der Öffentlichkeit aufgenommen wurde: "Jetzt hab ich's einmal gesagt, und damit soll's auch gut sein" wird eher in seinem Kopf gewesen sein als "Jetzt gleich werde ich was Heroisches für die Schwulenbewegung leisten". Aber wie dem auch sei, es war zweifellos ein historischer Glücksmoment für die Schwulenbewegung in Deutschland und hat in der Folgezeit doch so manches leichter gemacht.

    Geradezu ärgerlich falsch ist aber Kühnerts Annahme, dass Schwule unter LSBT-Gruppen die "gesellschaftlich anerkannteste Minderheit" seien. Ist ihm denn nicht bekannt, dass "schwule Sau" auf Schulhöfen immer noch eines der meist gebrauchten Schimpfwörter ist? Es kommt, glaube ich, noch weitaus häufiger vor als "lesbische Sau" oder "bisexuelle Sau". Ist ihm denn nicht bekannt, dass auch in sehr sehr vielen Berufsumfeldern (freilich außerhalb der Frisör-, Designer- und Flugbegleiterszenen) gerade männliche Homosexualität nur allzu häufig mit dem Stigma des "verweichlichten und nicht so leistungsfähigen Mannes" versehen ist und gerade hier auf homosexuelle Männer ein enormer konformistischer Druck ausgeübt wird, sich bloß das "Schwul sein" nicht anmerken zu lassen, stets auf perfektes "Straight Acting" zu achten und sowieso das eigene Privatleben sehr diskret zu behandeln? Lesbische Frauen hingegen gelten, zumindest in Karriereberufen, nicht selten als "besonders tough" sowie "für die Erwerbsbiografie doch erfreulich schwangerschaftsscheu." Ohne deren Situation beschönigen zu wollen, glaube ich aber tatsächlich, dass in puncto Karriere "Schwul sein" (und übrigens auch "Trans sein") doch noch eher ein Stolperstein ist als "Lesbisch sein" oder gar Bisexualität. Zu guter Letzt sollte sich Herr Kühnert auch dringend darüber informieren, welch "großartigen Stellenwert" gerade männliche Homosexualität in religiös-orthodoxen Kontexten "so genießt". Hass und Gewaltneigung sind, auch das darf keineswegs tabuisiert werden, besonders in muslimisch-orthodoxen Familien und Communities gegen kaum eine andere Gruppe so massiv ausgeprägt wie gegenüber Schwulen. Da wird eher noch Transsexualität akzeptiert, als einen "Schwuchtel" in der eigenen Familie zu haben. Das ist in allen strenggläubigen Kontexten so, natürlich auch unter Strengkatholischen nicht viel anders, doch die Gewaltkomponente - wie sie etwa auch in zahlreichen Rap-Texten glorifiziert wird - sollte nicht unterschätzt werden.

    Bei Kühnert hat man öfters mal das Gefühl, er argumentiert aus einer Blase heraus. Gerade weil auch viele seiner sozialpolitischen Vorstellungen gar nicht mal so verkehrt sind, sollte er sich für seine Argumentation aber die Neigung zum Abgehoben-Abstrakten allmählich mal abgewöhnen. Die SPD braucht einen Chef oder eine Chefin, wo die Leute das Gefühl haben "Das ist eine(r) von uns!" An dem Punkt ist er noch lange nicht.
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#6 Julian SAnonym
  • 08.03.2020, 13:32h
  • Die neuen Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans waren mit dem Versprechen angetreten, dass es mit ihnen kein "Weiter so" geben würde und dass sie den Fortbestand der Groko von einigen Bedingungen abhängig machen werden.

    War wohl nichts...

    Davon ist nichts übrig geblieben...

    Sobald die beiden ihre Pöstchen hatten, war das alles vergessen und jetzt geht die Groko auch ohne Änderungen weiter.

    Also auch mit Esken und Walter-Borjans ein "Weiter so".

    Da wird sich also nichts ändern...
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#7 Julian SAnonym
  • 08.03.2020, 13:49h
  • "Wowereits Bekenntnis zum Schwulsein ebnete Berlin den Weg heraus aus dem Dasein als spießige deutsche Hauptstadt, hin zu einer liberalen, kosmopolitischen Metropole."

    Ist das nur Verklärung der Geschichte zugunsten von Parteikollegen oder glaubt Herr Kühnert das wirklich?

    Wann war Berlin jemals spießig?

    Im Gegenteil, es ist eher so, dass die heutige Gentrifizierung (vor allem dank der Politik von Union und SPD, die Wohnen in Großstädten immer unbezahlbarer macht und Heuschrecken Tür und Tor öffnet) Berlin spießiger denn je macht.

    Berlin war immer schon bekannt für seine alternative linke Szene, seine alternative Kultur, seine Freiheit. Schon zu Zeiten der Teilung war das so, was Historiker nicht nur auf die Tradition aus den 1920er-Jahren zurückführen, sondern vor allem als Überlebensstrategie, um nicht auf dieser Insellage innerhalb der DDR wahnsinnig zu werden, aber auch um zu zeigen, wie frei der Westen ist.

    All das ändert sich schon seit Jahren und immer schneller.

    Ich sage keineswegs, dass das die Schuld von Herrn Wowereit ist. Das ist nicht so. Aber es ist genauso blödsinnig, zu behaupten, Berlin wäre immer spießig gewesen und dank Herrn Wowereit wäre der Grundstein für eine Liberalisierung gelegt worden.

    Aber wie immer bei Herrn Kühnert:
    Ich mach mir die Welt, widde widde, wie sie mir gefällt.
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#8 saltgay_nlProfil
  • 08.03.2020, 14:10hZutphen
  • Nette Beobachtung, wenn hier geschrieben steht, man habe das Gefühl, Kevin Kühnert argumentiere aus einer Blase heraus. Natürlich tut er das. Allein diese Bemerkung, dass sich Berlin von einer spießigen Hauptstadt zu einer weltoffenen Metropole gewandelt habe, kennzeichnet den typischen Berliner, wie er seit über hundert Jahren verhasst ist. "Paris? Wat is denn det für een Kaff. Hier jibs ja nich mal Schockeladenkeks!" (Kurt Tucholski) Berlin ist eine Ansammlung von Spießerquartieren, jeder Ortsteil will der Nabel der Welt sein, merkt aber nicht wie peinlich das ist. Zu meiner Zeit gab es einen Möbelstil der sich "Newkölln" nannte. In Westdeutschland als "Gelsenkirchner Barock" bekannt. Bekanntester Repräsentant ist der Herr Buschkowski, dessen Boddinstraßen Slang so penetrant den Möchtegern "feinen Bürger" erscheinen lassen will. Auch dieser zwielichtige Eberhard Diebchen hatte diesen miesen Senatsangestellten-Zungenschlag, der nur zu deutlich machte, mit welchen Unterweltpolitikern er in Berlin herrschte. Wenn Berlin eine weltoffene Stadt wäre, dann hätten sich die Schwaben dort niemals niedergelassen, denn sie lieben das muffige Spießermilieu mit kosmopolitischer Fassadentünche.

    Dreist ist aber doch, dass ein Kevin Kühnert seine Partei über den grünen Klee lobt, angesichts der Tatsache, dass Genossin Lamprecht den totalen Überwachungsstaat plant, der einer zukünftigen Koalition aus CDU/CSU/AfD wie eine reife Frucht in den Schoß fallen wird und augenblicklich wieder die Zustände des Berlins von 1933 wieder herstellen lässt. Die SPD betreibt doch nur noch strafbare Insolvenzverschleppung. Da mag Kevin Kühnert noch so ausschauen, wie der Sohn des freundlichen Persilonkels, der Handtücher aufstapelt und deren Wert berechnet. Seine Partei hat sich den Persilschein für Demokratie und Gleichheit bereits komplett verscherzt.
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#9 GerritAnonym
  • 08.03.2020, 14:38h
  • Antwort auf #6 von Julian S
  • Naja, Kevin Kühnert ist aber letztlich auch nicht besser.

    Was hat der nicht früher seine Partei kritisiert.

    Aber seitdem der mit einem Pöstchen im Bundesvorstand ruhig gestellt wurde, ist auch er ganz zahm und findet auch die praktisch nicht vorhandene Leistung von Walter-Borjans und Saskia Esken ganz toll.

    So schnell geht es vom Partei-Revoluzzer zum Establishment, dem die Parteikarriere wichtiger ist als all die Ideale, die er früher offensiv vertrat.

    Ich hatte wirklich Hoffnung in ihn gesetzt, aber letztlich ist er genau wie der Rest der SPD.
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#10 GerritAnonym
  • 08.03.2020, 14:46h
  • Antwort auf #8 von saltgay_nl
  • "Dreist ist aber doch, dass ein Kevin Kühnert seine Partei über den grünen Klee lobt"

    Aber auch erst, seitdem er mit einem Pöstchen versorgt wurde. In der Opportunisten-Partei SPD ist das die Währung, worauf man hinarbeitet.

    Ich bin mir gar nicht mal sicher, ob nicht all die Kritik, die er früher an seiner Partei hatte, nur absichtlich war, weil er genau wusste, dass das die schnellste Möglichkeit ist, sich mit einem Pöstchen versorgen zu lassen.

    Schade, dass sich die SPD doch nie ändern wird und dass jeder Hoffnungsschimmer sich dann immer als fataler Trugschluss entpuppt.
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