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Interview

Ist "Narziss und Goldmund" eine schwule Liebesgeschichte?

Ab Donnerstag im Kino: Regisseur Stefan Ruzowitzky über seine Verfilmung der berühmten Erzählung von Hermann Hesse, Homosexualität im Mittelalter und die aktuelle Bromance-Kultur.


"Ich durfte immer nur dein Freund sein, aber dich nie lieben": Jannis Niewöhner and Sabin Tambrea in "Narziss und Goldmund" (Bild: Sony Pictures)

Herr Ruzowitzky, lassen Sie uns mit einer naheliegenden Frage anfangen: Was hat Sie ausgerechnet an Hermann Hesses nicht unbedingt taufrischer Erzählung "Narziss und Goldmund" gereizt?

Wie für viele war dieses Buch eine Art Jugendliebe von mir. Das war das erste "Erwachsenenbuch", das ich als 15-Jähriger in die Hände bekommen habe – und es hat gleich viele für mich damals ganz wichtige Dinge angesprochen: die erste Liebe, sexuelles Erwachen, Freundschaft und die Entscheidung für einen Lebensweg. Diese Jugendliebe ist nun nach vielen Jahren zurückgekommen und hat mich gefragt, ob ich sie verfilmen will. Da habe ich natürlich ja gesagt (lacht).

Dabei sagt man ja oft, der Reiz von Hesses Werken verflöge, sobald man die Pubertät hinter sich gelassen hat…

Ich finde nicht, dass "Narziss und Goldmund" ein reines Teenager-Buch ist. Und im Laufe der Arbeit habe ich sehr viele Leute getroffen, die regelmäßig Hesse lesen und "Narziss und Goldmund" als eine Art Lebenskompass nutzen. Ich finde es wirklich faszinierend, was ihm mit diesem Buch gelungen ist.


Regisseur Stefan Ruzowitzky (Bild: Manfred Werner / wikipedia)

Trotzdem haben Sie für Ihre Adaption einige Veränderungen gegenüber der Vorlage vorgenommen. War das eher der Geschichte oder dem Medium Film geschuldet?

Ich fühlte mich dazu berechtigt, gerade weil ich das Buch so liebe und so viel Respekt vor dem Autor habe. Um dem gerecht zu werden, musste ich ein paar harte Einschnitte vornehmen. Sonst hätte die verständliche Übertragung in ein anderes Medium und für ein Publikum 90 Jahre später nicht funktioniert. Das betraf Fragen der Struktur, aber zum Beispiel auch das Frauenbild, das bei Hesse ein bisschen antiquiert ist, um es mal freundlich zu sagen.

Fürchteten Sie einen Shitstorm?

Nein, aber unsere Gesellschaft hat inzwischen einfach gewisse Erfahrungen gemacht und sich weiterentwickelt. Bei der Freiheit und Lebensfreude, für die Goldmund steht, geht es ja auch um freie Liebe, und Hesse geht da in die gleiche Falle, in die eigentlich auch die ganze Hippie-Generation gegangen ist. Da wird die freie Liebe aus rein männlicher Perspektive gesehen: Die Damen haben also am Wegesrand zu warten, um sozusagen gepflückt zu werden. Das kann man heute einfach nicht mehr so erzählen. Ohne inhaltlich etwas zu verändern, sind diese Frauen bei mir nun starke Persönlichkeiten, die alle etwas wollen. Und sei es eben auch nur den hübschen Goldmund für ein Schäferstündchen. Aber letztlich sind alle Frauen in ihrer Beziehung zu ihm die stärkeren und dominanteren.

Auch das Ende des Films ist ein anderes, nicht wahr?

Nein, nur ein bisschen zugespitzt. Ich habe eine Figur eingeführt, einen – um es mal so zu sagen – bösen Mönch, der quasi die dunkle Seite dessen darstellt, wo Narziss auch landen könnte. Ein Mensch, der ganz ohne Empathie ist und alle Lebensfreude verteufelt. Um den Protagonisten Gelegenheit zu geben, ihre Standpunkte zu formulieren, ist es immer gut, wenn man jemanden hat, der dagegenhält. Und im Finale ist dann ein bisschen mehr Rumbazumba als im Buch, einfach für die Schauwerte. Hesse hatte seine schöne Sprache – und ich eben die schönen Bilder.

Sie haben eben schon die Themen aufgezählt, die Sie auch schon als junger Leser ansprachen. Ist nicht die Religion auch eines?

Für mich als nicht-religiösen Menschen ist das Thema in der Geschichte nicht so wichtig. In meinen Augen geht es eher um die Problematik des Intellektuellen, der sich nicht in die Niederungen des wahren Lebens herabtraut und vielleicht irgendwann darauf kommt, dass er etwas verpasst hat. Und als mittelalterlicher Intellektueller war man eben Mönch. Wäre ich ein religiöser Mensch, würde ich aber doch die Frage interessant finden, die Narziss auch in der Erzählung schon formuliert: Hat Gott nicht die Sünde erschaffen, damit wir auch Sünden begehen, Fehler machen und an ihnen wachsen? Ist das nicht eher das gottgefällige Leben im Gegenzug zu dem eines Frömmelnden, der sich nie in Versuchung führen lässt?

Im Film sind Narziss' Gefühle für Goldmund sehr eindeutig als mehr als freundschaftlich lesbar. Wollten Sie die homoerotische Seite dieser Freundschaft gegenüber der Vorlage deutlicher hervorheben?

Das ist bei Hesse eigentlich schon sehr deutlich lesbar. Ich gehe da von einer Verschwörung der Deutschlehrer und Oberstudienräte aus, die da immer drüber hinweg interpretiert haben (lacht). Es gibt die Stelle, an der Narziss zu Goldmund sagt: "Du träumst von Mädchen, ich träume von Jünglingen." Das würde man doch heute Coming-out nennen! Was man nun allerdings sicherlich im Film deutlicher sieht, ist wie Narziss daran leidet. Er glaubt, dass er sich Gefühle und natürlich vor allem erotische Gefühle verbieten muss, obwohl der doch diesen Freund gleichzeitig so sehr liebt. Er weiß, dass das aus verschiedensten Gründen nie klappen wird, weswegen das im Film in dem Satz mündet: "Ich durfte immer nur dein Freund sein, aber dich nie lieben."

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Beinahe also eine schwule Liebesgeschichte…

Na ja, letztlich eben nicht, einfach weil Narziss sich keinerlei Sexualität erlaubt. Würde er das tun, wäre er ziemlich sicher schwul. Aber ich finde diesen Aspekt gerade auch interessant, weil wir doch inzwischen in einer Bromance-Kultur leben, wo es mittlerweile auch erlaubt ist, dass sich heterosexuelle Männer anfassen und emotional werden. Da kann es, wie ich auch aus dem eigenen Leben weiß, schon mal zu Situationen kommen, wo der eine Bro vielleicht ein bisschen mehr will als der andere. Und das kann man dann auch verhandeln, ohne dass es zu einer großen Tragödie wird wie es vielleicht vor 20 oder 30 Jahren der Fall gewesen wäre.

Wie schwer war es eigentlich, die beiden passenden Hauptdarsteller für diese Rollen zu finden?

Es war entscheidend, dass das junge Männer sind, denn die Geschichte umfasst ja auch ein gerüttelt Maß an Coming-of-Age. Da geht es um diese Kerle, die sich selbst, ihre sexuelle Identität und ihren Lebensweg finden. Wenn da irgendwelche Mittvierziger-Schauspieler auf der Leinwand erscheinen, würde das schwierig (lacht). Jannis Niewöhner hatten wir schon sehr früh in der Entwicklungsphase des Projekts mit dabei. Da habe ich scheinbar ein glückliches Händchen bewiesen, denn der hat sich in diesen Jahren, in denen wir auf die Finanzierung gewartet haben, wirklich ganz toll als Schauspieler entwickelt. Und er schaut halt großartig aus, was für diese Geschichte natürlich auch ganz wichtig ist. Denn man stellt sich bei ihm nie die Frage, warum sich diese ganzen Damen und Herren eigentlich in diesen Typen verknallen.

Infos zum Film

Narziss und Goldmund. Spielfilm. Deutschland 2020. Regie: Stefan Ruzowitzky. Darsteller: Sabin Tambrea, Jannis Niewöhner, Emilia Schüle, André H. Hennicke, Uwe Ochsenknecht, Henriette Confurius, Kida Khodr Ramadan. Laufzeit: 118 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Verleih: Sony Pictures. FSK 12. Kinostart: 12. März 2020
Galerie:
Narziss und Goldmund
27 Bilder


#1 HauptstadtritterAnonym
  • 10.03.2020, 11:08h
  • Der Trailer wirkt extrem langweilig und sorry was genau hat der Film nun Queer zu tun? Ich sah nur das typische Klischee muskulöser Mann trifft geile Frau und vögeln rum also es gibt definitiv besser Filme.
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#2 AbelAnonym
#3 NuminexEhemaliges Profil
#4 Leon 4Anonym
  • 10.03.2020, 15:21h
  • Antwort auf #1 von Hauptstadtritter
  • "Ich sah nur das typische Klischee muskulöser Mann trifft geile Frau und vögeln rum also es gibt definitiv besser Filme"

    Ahja, und fetter mann trifft verlotterten dude und vögeln rum ist dann Prädikat wertvoll oder was?

    Und wow, wie verbittert muss man sein um sex/Beziehung/Liebe zweier attraktiver, heterosexueller Menschen als "Klischee" zu bezeichnen...
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#5 qwertzuiopüAnonym
  • 10.03.2020, 15:28h
  • Ein tolles Buch! Das gehört für mich zu den Büchern, bei denen man die Menschen beneidet, die es noch zum ersten Mal lesen können.

    Den FIlm werd ich mir anschauen.
    Ich bin auch gespannt, wie er umgesetzt wurde, eine Verfilmung von Hermann Hesse stelle ich mir nicht ganz einfach vor, daher kriegt der Film von mir (trotz des tatsächlich etwas nichtssagenden Trailers) einen wohlwollenden Vertrauensvorschuss
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#6 Homonklin_NZAnonym
  • 10.03.2020, 15:38h
  • Hesse hatte eine antiquierte Vorstellung über Frauen? Ich habe den eher als ziemlich progressiv und abenteuerlich für seine Zeit gelesen, aber auch mehr so die anderen Geschichten. Dass der da selber über Bi- oder schwule Empfindungen verfügt haben soll, hat mir ein Briefbekannter von ihm (der schrieb ihm als selbst junger Mann) erzählt. Das lässt sich aber etwa auch aus Steppenwolf heraus lesen, in der Lebenszeit musste man das besonders subtil verkleiden, wenn nur die drauf stoßen sollten, deren Saite dafür empfänglich war. Hermine heißt da scheints nicht zum Spaß so. Vielleicht liest das aber auch nur jeder auf seine Weise, ich las diese Figur damals als Alter Ego.

    Die hier verfilmte Geschichte ging aus irgend einem komischen Grund an mir vorüber. Vielleicht, weil ich damals so depressiv war und auf Lebensverdruss abonniert - die Wehen vor der Auto-Entchristianisierung, sozusagen. An Liebe oder Freundschaft hätte man doch nie zu denken gewagt - das gab es nur für "Normale".

    So denn, ein Anreiz, sich das als Neuverfassung zu gönnen. Auf die alten Tage, Theater, nur für Verrückte. Wäre ein cooler Kino-Name.
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#7 Homonklin_NZAnonym
  • 10.03.2020, 16:37h
  • Antwort auf #4 von Leon 4
  • ""Ahja, und fetter mann trifft verlotterten dude und vögeln rum ist dann Prädikat wertvoll oder was? ""

    Das mal alias Romeo & Julia(n) in Szene bringen, mit Axel Stein, wie er früher mal war, und vielleicht Helge Schneider, und es gäbe endlich mal wieder eine wahnwitzige Komödie ;)
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#8 goddamn liberalAnonym
  • 10.03.2020, 20:57h
  • Antwort auf #6 von Homonklin_NZ
  • "Hermine heißt da scheints nicht zum Spaß so. "

    Wohl wahr.

    Gerade das fließend Bisexuelle macht Hesses Texte so queer.

    Da kann und konnte frau/man lernen, was ein freier Mensch ist.

    Auf den Film bin ich allein wegen der Besetzung gespannt.
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#9 zundermxeAnonym
  • 11.03.2020, 08:44h
  • Nu bin ich mit Sicherheit nicht der belesenste aller Geister.
    Doch Hesse hab ich verschlungen und geliebt. Und so manche Betrachtung spuckt mir bis heute im Kopf herum. So werd ich mir ohne jede Erwartung den Film anschauen und bin mal gespannt ob der Zauber von Hesse auch im Film (für mich) wirkt.
    Vielleicht werd ich dann nach vielen, vielen Jahren auch mal wieder was von ihm lesen.
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#10 LalithaAnonym
  • 13.06.2020, 23:02h
  • Großartige Verfilmung! Großartige Schauspieler vorallem Sabin als Narziss! Ich habe den Roman geliebt und im Grunde eine ähnliche Geschichte im Klosterinternat erlebt. Hesse hat mir als junger Mensch aus der Seele gesprochen! Schön das der Regisseur sich getraut hat die feine Tiefe der Liebe zwischen zwei Menschen, in dem Fall Männer , zu zeigen!!! Hermann Hesse hätte sich gefreut!
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