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Heimkino

Neckische Nacktheit

Neu auf DVD: Der wunderbare Spielfilm "Cousins" erzählt die positive Geschichte einer emotionalen und sexuellen schwulen Erweckung in der brasilianischen Provinz.


Teenager Lucas lebt mit seiner strenggläubigen Tante in der brasilianischen Provinz. Mario, ein weiterer Neffe, der gerade aus dem Gefängnis kommt, bringt alles durcheinander (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Andreas Köhnemann
    11. März 2020, 07:23h, 1 Kommentar

"Dying is easy, comedy is hard", lautet ein Spruch, der dem britischen Schauspieler Edmund Gwenn zugeordnet wird. Damit könnte gemeint sein, dass es vergleichsweise einfach ist, das Publikum mit großer Tragik zum Weinen zu bringen – aber ziemlich schwer, den Leuten ein Lachen zu entlocken. Die häufig unterschätzte Kunst der Komödie besteht nicht zuletzt darin, das Schwere mit Leichtigkeit zu erzählen, das Komische im Kampf gegen die Mühsal des Lebens herauszukitzeln.

Das brasilianische Regie-Duo Thiago Cazado und Mauro Carvalho nimmt diese Herausforderung in seinem zweiten gemeinsamen Film "Cousins" an, indem es sich einem Milieu widmet, das geradezu nach einer beklemmenden Geschichte schreit – und dabei der Versuchung widersteht, dem Schreien nach Leid zu folgen. Stattdessen lassen die beiden Regisseure die Lust auflodern und die Liebe Oberhand gewinnen.

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Tattoos unterm biederen Pullover

Das Drehbuch von Cazado, der auch eine der zwei Hauptrollen verkörpert, sorgt für den unbeschwerten Ton und Dialogwitz, die Kamera von Carvalho für die hellen, sanften Bilder. So werden wir in die Welt des zurückhaltenden Jugendlichen Lucas geführt, der als Waise in der brasilianischen Provinz bei seiner gottesfürchtigen Tante wohnt. Diese trägt konsequenterweise den Namen Lourdes und ist in ihrer tiefen Frömmigkeit natürlich bewusst überzeichnet. Und auch der scheue Lucas entspricht mit seinem Faible für einsame, stille Gartenarbeit einem Stereotyp. Auf seinem Keyboard begleitet er die (durchweg weiblich besetzten) Bibelrunden der Tante und blickt gehemmt in den Kreis der Gläubigen.

Zum Charme von "Cousins" gehört jedoch auch, dass Brüche und Grenzüberschreitungen bereits früh mitschwingen. So kommen etwa unter den biederen Pullovern, die Lucas zu seiner braven Frisur trägt, ein paar hübsche Tattoos zum Vorschein. Und die weihevollen Reden von Lourdes werden auch mal von der rabiaten Beseitigung einer Kakerlake unterbrochen, die offenbar nicht in Lourdes' Vorstellung eines trauten Heims passt. Um diese "Abgründe" weiter aus dem Verborgenen zu holen, bedarf es eines neuen Hausgastes – wie dies bereits in Pier Paolo Pasolinis queerem Filmklassiker "Teorema" (1968) in Gestalt des überirdisch attraktiven Terence Stamp der Fall war. Ähnlich wie bei Pasolini hat auch der überraschende Besuch in "Cousins" destruktive Auswirkungen.

Kumpelhafte Verführung durch den Hausgast


Poster zum Film: Die Edition Salzgeber hat "Cousins" mit deutschen Untertiteln fürs Heimkino veröffentlicht

Marios Ankunft verursacht peu à peu den Abbau der vielen Hemmungen, die in Lourdes' Haushalt gelten. Der renitente junge Mann, der gerade aus dem Knast entlassen wurde und Zoff mit seinem Vater hat, betritt mit rockigem Musikeinsatz den Schauplatz. Es dauert nicht lange, bis er ganz selbstverständlich blankzieht, um Lucas und uns klarzumachen, dass die Zeit der unnötigen, lustfeindlichen Zurückhaltung nun wirklich vorüber ist.

Wenn Lucas und Mario, die sich ein Schlafzimmer teilen, sturmfreie Bude haben, beginnt ein hinreißendes Spiel zwischen kumpelhafter Verführung und neckischer Glückseligkeit, die man nur äußerst selten so unbekümmert auf der Leinwand erlebt: "SpongeBob Schwammkopf" gucken und Karottenkuchen essen, nächtliche Telefonstreiche spielen und Wodka trinken, in Boxershorts zu lauter Musik tanzen. Und bald wird es zwischen den beiden immer erotischer – auf überaus verspielte Weise.

Schelmische Erotik

Trotz des repressiven Umfelds, in dem sich die Jungs begegnen, geht ihr sexuelles Erwachen bemerkenswert sorglos vonstatten. Die Entdeckung der Leidenschaft macht die Dinge für die beiden nicht komplizierter, sondern im Gegenteil: lockert sie auf, vereinfacht alles. Nacktheit, von der es in "Cousins" reichlich gibt, hat hier weniger etwas Voyeuristisches, sondern vielmehr etwas Schelmisches. Sex hat hier nichts Bedrohliches, sondern führt zu wunderbar albernen Häschenspielen im Bett, zum Grinsen und fröhlichen Kichern.

Herrlich ist auch das heimliche Füßeln unterm Tisch beim Kartenspielen mit der zurückgekehrten, völlig ahnungslosen Tante. Oder wenn die beiden Jungs schwer verliebt mit dem kleinen Nachbarshund herumtoben, den sie Gassi führen, um ein bisschen Geld zu verdienen. All das funktioniert letztlich deshalb so gut, weil Cazado und sein Co-Star Paulo Sousa die erforderliche Chemie miteinander haben: Es knistert und prickelt, wenn die beiden sich anschauen und anlachen, man spürt ihr Begehren mit jeder Berührung.

Konflikte, die einen zum Lachen bringen

Die Konflikte, die Lucas, Mario und Lourdes im Laufe des Plots zu überwinden haben, werden derweil betont komödiantisch behandelt. Die gläubige Hausbesitzerin, auf deren Gunst die finanziell klamme Lourdes angewiesen ist, wird rasch als scheinheilig entlarvt. Und die unglücklich in Lucas verknallte Julia, die das aufkeimende Glück zwischen ihrem Schwarm und dem rebellischen Provinz-Eindringling Mario mit einem Fernglas im Gebüsch beobachtet und mit zittrigen Händen ein Foto der beiden zerschneidet, um Voodoo-mäßig alles kaputt zu machen, spinnt eine derart durchschaubare, Telenovela-eske Intrige, dass zu keiner Sekunde eine ernsthafte Eintrübung und Gefahr der neu gewonnen Freiheit für Lucas, Mario und Lourdes zu befürchten ist.

Wenn sich das zentrale Trio – noch ergänzt um einen vierten Mitspieler, der auch für Lourdes ein Liebes-Happy-End verheißt – sich einen Wein gönnt, weil schließlich auch Jesus beim Abendmahl zum Rebensaft gegriffen hat, ahnt man, dass die Harmonie hier einfach mal unerschütterliches Glück sein darf. Und es macht wirklich Spaß, das mitanzusehen.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Cousins. Spielfilm. Brasilien 2019. Regie: Thiago Cazado und Mauro Carvalho. Darsteller: Thiago Cazado, Paulo Sousa, Juliana Zancanaro. Laufzeit: 82 Minuten. Sprache: portugiesische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber
Galerie:
Cousins
8 Bilder