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"Warum siehet mit Liebe dein Aug' auf ihn?"

Zitternde Urningsherzen: Wie schwul war Hölderlin?

Heute vor genau 250 Jahren – am 20. März 1770 – wurde der Dichter Friedrich Hölderlin geboren. Für die frühe Homosexuellenbewegung war er eindeutig schwul und bot Möglichkeiten der Identifikation.


Friedrich Hölderlin auf einer Pastell-Zeichnung aus dem Jahr 1792 (Bild: Franz Carl Hiemer)
  • Von Erwin In het Panhuis
    20. März 2020, 07:37h, 2 Kommentare

Der deutsche Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770-1843) liebte die griechische Antike. Dazu heißt es in einer Radiosendung von Bayern 2 (4. Juli 2017): "Wozu braucht Hölderlin die 'Alten'? Geht es um modische Staffage, um eine klassische Attitüde oder eine Art Bildungs-Posing: Schaut her, auch ich kann Griechisch […]? Sicher nicht. Mit naiver Griechenschwärmerei oder einer um 1800 angesagten Retromasche hat Hölderlin nichts am Hut. Er will die Antike weder als gelehrte Kulisse missbrauchen noch kopieren. […] Er braucht Griechenland nicht als Fluchtort, sondern als Imaginationsraum."

Seine Vorstellung von einem solchen "Imaginationsraum" teilte Hölderlin mit Homosexuellen wie dem Dichter August Graf von Platen und dem Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann. Wegen dieser Sicht auf die Antike und wegen seiner Texte wurde Hölderlin in der frühen Homosexuellenbewegung als Homosexueller angesehen. Hölderlin – der für viele wahnsinnig schöne Literatur schuf – verfiel in der zweiten Hälfte seines Lebens dem Wahnsinn, wurde zwangsbehandelt und von 1807 bis zu seinem Tod 1843 in dem später nach ihm benannten Hölderlinturm in Tübingen untergebracht.

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Hölderlins Freundschaft zu Sinclair


Hölderlins Freund und Unterstützer Isaac von Sinclair (Gemälde von Favorin Lerebours, 1808)

Hölderlins enge Freundschaft mit Isaac von Sinclair (1775-1815) ist am ausführlichsten von Ursula Brauer untersucht worden. Schon im Vorwort ihres Buches "Isaac von Sinclair. Eine Biographie" (1993) betont die Autorin, dass "Sinclair homoerotisch empfand und gegen diese Anlage glaubte ankämpfen zu müssen; allerdings konnte er sie im erotisch getönten Freundschaftskult dieser Zeit teilweise ausleben. So ist seine von Anfang an besitzergreifende Zuneigung zu Hölderlin erklärbar" (S. 7). Sinclair sei sich schon als Student bewusst gewesen, "zum Umgang" mit Frauen "ganz unfähig" zu sein (S. 51).

Bei Hölderlins sexueller Orientierung ist Brauer vorsichtiger. Als Hauslehrer habe er Zöglinge vom Onanieren abhalten müssen, womit er "auch auf eigene homoerotische Problematik gestoßen sein [kann], die er vielleicht [mit Wilhelmine Kirms] heterosexuell überkompensiert hat" (S. 78-79). Zeitweise habe Hölderlin mit Sinclair zusammengewohnt, er sei allerdings schon nach wenigen Wochen geflohen, weil Sinclair "vielleicht homoerotische Wünsche erkennen ließ" und sich Hölderlin vielleicht auch gegen die "eigenen ähnlichen Wünsche[n]" gewehrt habe (S. 81).

Eine "körperliche Liebe zu Frauen" habe es bei beiden Freunden nur als "flüchtige Episoden gegeben". Beide habe zudem eine starke Mutterbindung verbunden, die zu "homosexuellen Attraktiertheiten" geführt habe (S. 82, was in dieser Formulierung einen pathologisierenden Anschein erweckt). Für die Autorin gibt es keine Hinweise auf ausgelebte Homosexualität bzw. darauf, dass Sinclair "seine homoerotischen Neigungen anders als in Männerfreundschaften gelebt" habe (S. 83-85), wobei sie als Beispiele neben Friedrich Hölderlin auch seine Freunde Jacob Zwilling und Alexander Blankenstein nennt (S. 298-300).

Einige Jahre später betonte Ursula Brauer in ihrem Aufsatz "Friedrich Hölderlin und Isaac von Sinclair. Stationen einer Freundschaft" (in dem Sammelband "Hölderlin: Lesarten seines Lebens, Dichtens und Denkens" (1997, S. 19-48), dass die Freundschaft der beiden Männer "nicht zu verstehen [ist] ohne die Kenntnis von Sinclairs homosexueller Anlage", die in seinem Leben immer "nachweisbar bleibt". Als Hölderlin aus Jena geflohen sei, sei er auch vor Sinclairs "Begehren" geflohen, denn die "Utopie eines gemeinsamen Lebens" habe der bedrängte Hölderlin nicht teilen wollen (S. 10). Die literarischen Parallelen zwischen der Titelfigur in Hölderlins Werk "Hyperion" (= Hölderlin) und dessen Freund Alabanda (= Sinclair) sind für die Autorin "beweisbar" (S. 20-21).

Die Rezeption von Brauers Buch

Brauers Äußerungen zur Homosexualität wurden in der wissenschaftlichen Forschung positiv aufgenommen. Ein Beispiel dafür ist die Rezension in "Nassauische Annalen. Jahrbuch des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung" (Band 107, 1996, S. 367), wonach es "zuweilen vielleicht ein wenig spekulativ, im ganzen aber durchaus einleuchtend" sei, wie Ursula Brauer das Motiv der Homosexualität im Rahmen der Freundschaft der beiden Schriftsteller darstelle.

Auch in anderen Veröffentlichungen wird in Bezug auf Hölderlin – mit Bezug auf Brauers Buch – offen über Homosexualität reflektiert. Beispiele dafür sind das "Hölderlin-Jahrbuch 1994/1995" (Bd. 29, 1994, S. 332), das auf Sinclairs "homosexuelle Anlage" eingeht, und das Buch "Bi-Textualität. Inszenierungen des Paares" (2001, S. 314), in dem Sinclair als der begehrende Part in der Freundschaftsbeziehung dargestellt wird. Der Germanist Dieter Burdorf betont in "Friedrich Hölderlin" (2011, S. 22) unter Bezugnahme auf Brauer, dass Hölderlin möglicherweise auch vor Sinclair geflohen sei, "dessen Homosexualität er in der engen Wohngemeinschaft mit ihm – vielleicht in Abwehr eigener homosexueller Neigungen – nicht ertragen hat".

Filme über Hölderlin und Sinclair

Für die Frage, wie in Filmen die enge Freundschaft zwischen Hölderlin und Sinclair dargestellt wird, bieten sich zwei Filme an.

Der Defa-Film "Hälfte des Lebens" (1984) – der Titel bezieht sich auf Hölderlins gleichnamiges Gedicht und seine Zeit im Hölderlinturm (s.o.) – wird nicht zum Kauf angeboten, konnte jedoch in der Kunsthochschule für Medien in Köln eingesehen werden. In einem Trailer (1:10-1:45) ist eine Filmszene zu sehen, in der Sinclair Hölderlin zaghaft-zärtlich berührt und ihm körperlich nahe kommt, was im Kontext dieser Freundschaft – ähnlich wie herzliche Umarmungen in anderen Szenen – wie eine Mischung aus Männerfreundschaft und homoerotischem Begehren wirkt.


Die "Hälfte des Lebens" (1984) mit zarter Homoerotik

Der Film "Feuerreiter" (1998) – der mir vollständig vorliegt – zeigt in mehreren Filmszenen sehr deutlich, dass der als homosexuell dargestellte Sinclair und der als bisexuell dargestellte Hölderlin ein sexuelles Verhältnis haben, das weit über die Darstellung in Ursula Brauers Sinclair-Biographie hinausgeht. Den gesamten Film gibt es zwar nicht online, aber die wichtigste schwule Sex-Szene ist als vierminütiger Ausschnitt bei Youtube zu sehen. Eine der weniger deutlichen homoerotischen Szenen, in der Sinclair seinen nackten Freund umarmt und badet, ist auch in einem Trailer (bei Youtube 3:40-4:30) zu sehen.

Es verwundert nicht, dass das homosexuelle Verhältnis der beiden Männer im Film als solches auch rezipiert wurde: Es werde "als sexuelle Beziehung dargestellt […], aus der Hölderlin sich lösen will. Er zerbricht […] an dieser Liebesgeschichte" (Rezension auf der Internetseite von Amazon). Auf einem Filmfestival in San Francisco wurde die Regisseurin Nina Grosse von einem Germanisten gefragt, ob Hölderlins "'homosexual activity' verbürgt sei". Als sie dies verneinte, bekam sie "prompt zu hören, warum sie ausgerechnet damit den Dichter so abqualifizieren müsse [und] ihn so negativ darstelle" (zitiert in: "Wie schwul war Hölderlin?" In: "Der Freitag. Die Wochenzeitung", 12. Februar 1999).


Der Film "Feuerreiter" (1998) mit deutlichen Sex-Szenen

Hölderlins Roman "Hyperion"

Hölderlins Antiken-Roman "Hyperion oder Der Eremit in Griechenland" erschien in zwei Bänden 1797 und 1799. Der Protagonist Hyperion berichtet hier rückschauend von seinem Leben. Er wächst auf einer griechischen Insel auf und zieht später in die weite Welt, um andere Völker kennen zu lernen. Dabei schließt er Freundschaft mit Alabanda, mit dem er schwärmerisch das Bild einer freien und schönen Gesellschaft entwirft. Kurz danach trennen sich ihre Wege. Hyperion zieht sich auf seine heimatliche Insel zurück und lernt dort das Mädchen Diotima kennen. Zu Beginn des zweiten Bandes erneuert Hyperion seine Freundschaft mit Alabanda. Nach dem Tode Alabandas und Diotimas kehrt Hyperion nach Griechenland zurück und findet nun zu sich selbst.

Der Roman ist heute online verfügbar – zum Beispiel innerhalb einer Ausgabe von Hölderlins "Ausgewählten Werken" (1874, S. 175-293). Hier lassen sich auch die Textstellen finden, die die Liebe zwischen Hyperion und Alabanda betonen und manchmal als homosexuell interpretiert wurden. So äußert sich Hyperion über Alabanda: "Als da ich im Lichte der Liebe mich fühlte [sahen wir] von neuem mit leisem liebendem Forschen uns an. Die Gestalt des Teuren war sehr anders geworden seit den Tagen der Hoffnung. Wie die Mittagssonne […] funkelte sein grosses ewigliebendes Auge vom abgeblühten Gesichte mich an" (S. 252). Alabanda sagt zu seinem Freund: "Oh mein Hyperion! Ich sehne mich sehr nach etwas Grossem und Wahrem und ich hoff es zu finden mit dir" (S. 253).

Zwei homoerotische Gedichte Hölderlins

Unter dem Titel "Sokrates und Alcibiades" schrieb Hölderlin ein Gedicht über die beiden antiken Personen bzw. über die Weisheit und Schönheit im Kontext dieser "berühmten homoerotischen Beziehung" (Wikipedia). Die erste von insgesamt zwei Strophen lautet: "Warum huldigst Du, heiliger Sokrates, Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht? Warum siehet mit Liebe wie auf Götter dein Aug' auf ihn?"

Mit diesem homoerotischen Gedicht haben sich viele Autoren beschäftigt und wurden von ihm inspiriert. Der Literaturwissenschaftler Paul Derks setzt in seinem Buch "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990) das Gedicht in Bezug zu anderen zeitgenössischen Autoren wie Wilhelm Heinse und verweist auf Hölderlins weitere Äußerungen über die Antike (S. 74-75). Martin Walser weist darauf hin, dass die beschriebene Handlung aus Platons "Symposion" übernommen wurde, wo Sokrates "mit Alcibiades eine Nacht verbracht hat" ("Die Zeit", 16. Mai 2013). Der deutsche Literaturwissenschaftler Erich Auerbach (1892-1957) schrieb dieses Gedicht auf das Vorsatzpapier seines Exemplars von Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" ("Offener Horizont", 5/2018, S. 259, 267).

Benjamin Britten (1913-1976) komponierte 1958 einen Liederzyklus für hohe Stimme und Klavier, der unter dem Titel "Sechs Hölderlin-Fragmente" erschien und einzelne Gedichte und Verse von Hölderlin wie "Sokrates und Alcibiades" aufgreift. Heute gibt es Brittens Liederzyklus auf Youtube in den unterschiedlichsten Fassungen zu hören. In einer dieser Fassungen singt Peter Pears (Tenor), der langjährige Lebensgefährte des Komponisten.

Ein weiteres homoerotisches Gedicht Hölderlins heißt "Griechenland". Es enthält folgende Zeilen: "Wo in tausend süßen Dichterstunden, Wie ein Göttertraum, das Alter schwand, Hätt' ich da, Geliebter! Dich gefunden, Wie vor Jahren dieses Herz dich fand" (Wikisource). Das Gedicht trägt die geheimnisvolle Widmung "An St.". Es liegt nahe, dass damit sein Freund Sinclair gemeint war, weil sich der Familienname "Sinclair" von "St. Clair" ableitet und er auch an anderer Stelle als "St. Clair" literarisch verewigt wurde.

Im Gegensatz dazu muss das Hölderlin-Gedicht "Ganymed" aus schwuler Perspektive enttäuschen. "Ganymed" – der Liebling und Mundschenk von Göttervater Zeus – ist zwar häufig eine klassische Vorlage für die Thematisierung von Homoerotik, lässt sich aber in diesem Hölderlin-Gedicht nicht einmal ansatzweise mit gleichgeschlechtlicher Sexualität in Verbindung bringen.

Hölderlins Freundschaft mit Waiblinger und dessen "Phaeton"

Der Schriftsteller Friedrich Wilhelm Waiblinger (1804-1830) ist heute durch seine "homoerotisch geprägte Beziehung" zu Eduard Mörike (Wikipedia) und seine Freundschaften mit Hölderlin und dem homosexuellen August von Platen bekannt. Im Jahre 1822 besuchte Waiblinger den als wahnsinnig geltenden Hölderlin in seinem Turm in Tübingen und verarbeitete diese Begegnungen in seinem zweibändigen Roman "Phaeton" (1823). Dieser Roman wird online im Originalsatz von 1823 (1. Teil und 2. Teil) und parallel dazu in neu gesetzter Form angeboten.


Wilhelm Waiblinger – ein Freund Friedrich Hölderlins

Beim Lesen wird schnell deutlich, dass Waiblinger sich von Hölderlin inspirieren ließ, in Bezug auf Homoerotik jedoch deutlicher formuliert. Seine Romanfigur Phaeton versteht, "wie die Griechen ſchoͤne Knaben und Juͤnglinge lieben konnten. […] Es war eine wunderbare, anbetende Liebe" (S. 20). Später verliebt sich Phaeton in einen schönen Jüngling: "Es ist ein wunderbar Gefuͤhl, das mich uͤberwallt, wenn ich diesen schoͤnen Juͤngling ansehe. Ich hange mit einer schwaͤrmerischen Neigung an" ihm (S. 29). Ähnlich wie sich Hölderlins Hyperion in eine Frau verliebt, verliebt sich auch Waiblingers Phaeton in die schöne Atalanta. Ihr "weicher Busen schlug an dem meinen, ihr Mund bebte auf dem meinen" (S. 114).

Über Hölderlins "Hyperion" und Waiblingers "Phaeton" schrieb Paul Derks in seinem bereits zitierten Buch "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990, S. 393-409) ein gemeinsames Kapitel. Waiblingers Geschichte spiele in einer imaginären Gegenwart und verbinde das "Selbstbildnis seines Autors, Züge aus Hölderlins Hyperion und schließlich das Schicksal des irrsinnig gewordenen Hölderlin selbst miteinander" (S. 400-401). Derks belegt auch, wie Waiblingers Roman zeitgenössisch auf "heftigen Widerspruch" stieß (S. 408). Waiblingers späteres Porträt "Friedrich Hölderlin's Leben, Dichtung und Wahnsinn" gilt als Beginn der Hölderlin-Forschung.

Die frühe Homo-Bewegung – WhK und der "Eigene"

In den wichtigsten Publikationen der frühen Homosexuellenbewegung wurde auf Hölderlin und sein Werk regelmäßig Bezug genommen. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ, 1899, S. 215, 225) wird Hölderlins "Hyperion" in der von Eugen Wilhelm erstellten "Bibliographie der Homosexualität" geführt. Zwei Jahre später wird im gleichen Jahrbuch betont, dass Friedrich Hölderlin die "Lieblingsminne als natürliches Liebesgefühl empfunden und dargestellt" habe (JfsZ, 1901, S. 414). Folgerichtig ist sein Name (JfsZ, 10. Jg., 1909/10, S. 110), auch Teil einer Art "schwuler Ahnengalerie" – also einer Liste von Prominenten, die als schwul angesehen wurden und die sich als positive Identifikationsmöglichkeiten eigneten. Hölderlin war – so die durchgehende Meinung – der "gleichen Begeisterung für die antike Schönheit fähig" wie der (schwule) Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann (JfsZ, 1917, S. 138). Anders ausgedrückt: Friedrich Hölderlin war einer von uns!

Marita Keilson-Lauritz hat in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997) gut die Bedeutung Hölderlins für die frühe Homosexuellenbewegung dokumentiert. Nicht nur rund um das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und das JfsZ, sondern auch rund um Adolf Brand und seine Schwulenzeitschrift "Der Eigene" gehörten Werke von Hölderlin zum festen Kanon an Texten zur Homosexualität (S. 159). Auch hier wurde er zu den – aus schwuler Sicht – großen Toten gezählt (S. 70) und sein Gedicht "Sokrates und Alcibiades" abgedruckt (S. 418). Nach Keilson-Lauritz belegte Hölderlin im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" und in "Der Eigene" den achten Platz der am meisten zitierten deutschsprachigen Autoren (S. 290).

Die frühe Homo-Bewegung – Kupffer, Dietrich und de Joux


Hölderlin in "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" (1896), der ersten homosexuellen Anthologie der Welt. Sie ist heute durch einen verdienstvollen Reprint aus dem Verlag rosa Winkel (1995) wieder lieferbar

Hölderlins Bedeutung lässt sich gut daran bemessen, in welchen zeitgenössischen Publikationen seine belletristischen Werke behandelt wurden. Neben dem "Jahrbuch" und dem "Eigenen" (S. 277) nennt Marita Keilson-Lauritz auch Ludwig Freys "Der Eros und die Kunst" (1896). In Elisar von Kupffers "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" (1900, Reprint 1995) – der ersten homosexuellen Anthologie der Welt – wurden Hölderlins Gedichte "Sokrates und Alcibiades" und "Griechenland" (S. 128-129) sowie Auszüge aus "Hyperion" (S. 130-131) abgedruckt.

Hans Dietrich (= Hans Dietrich Hellbach) geht in seiner Dissertation "Die Freundesliebe in der deutschen Literatur" (1931, Reprint 1996) auf rund 15 Seiten auf Hölderlin ein. Hellbach verdeutlicht hier die ähnliche Griechenland-Rezeption bei Hölderlin und den homosexuellen Autoren August Graf von Platen und Johann Joachim Winckelmann. Eine Freundschaft wie in "Hyperion" könne nur von einem Dichter erschaffen werden, "dem die Magie des Eros sich erschlossen" habe. Für Dietrich besteht die äußere Handlung des Romans im Schwanken des Protagonisten zwischen dem Freund und der Freundin. Hölderlin verbinde mit Platen die Form der "Erosdichtung" (S. 43-45).

Zur homosexuellen Emanzipationsliteratur gehört auch Otto de Joux' (d. i. Otto Rudolf Podjukl) Buch "Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psychologische Studien" (1897, S. 117-124). Nach Ansicht des Autors bietet Hölderlin das Bild einer "überaus edlen, begnadeten Uranier-[Homosexuellen-]Natur". Die "schwärmerische Liebe" zu Freunden wie Sinclair und seine Begeisterung für die Antike fänden "sich bei allen vornehmen urnischen Naturen" wieder (S. 118). "Hyperion" ist nach de Joux ein Roman über die Liebe eines Helden zu einem "urnisch empfindenden Manne" (S. 119).

Spätere Rezeption: Peters' Hölderlin-Buch (1982)

Marita Keilson-Lauritz betont in ihrem genannten Buch (1997, S. 291), dass Hölderlin im Gegensatz zur ersten Homosexuellenbewegung im "modernen Homo-Kanon eine eher bescheidene Rolle spielt". Sie hat Recht, wenn es auch ein paar spannende Ausnahmen gibt – wie das oben bereits behandelte Buch von Ursula Brauer zeigt.

Der Psychiater Uwe Henrik Peters hat in seinem Buch "Hölderlin. Wider die These vom edlen Simulanten" (1982) Hölderlins "Homoerotik" ein eigenes Kapitel gewidmet (S. 158-163). Es sei zwar nichts über "manifeste homosexuelle Beziehungen" bekannt, man müsse aber auch erkennen, dass "homoerotische Beziehungen und ihre Abwehr für Hölderlin eher noch bedeutungsvoller sind als seine Beziehungen zu Frauen" (S. 158). Er erinnert an Hölderlins Jugendfreundschaften mit Immanuel Nast und Christian Ludwig Neuffer, die Hölderlin beide zärtlich "Bruder" nannte (S. 159). Eine als homoerotische Einladung verstandene Aufforderung Christian Schwabs, sich zu zu ihm auf das Sofa zu setzen, habe Hölderlin mit den Worten abgelehnt: "Bei Leib nicht, es ist gefährlich" (S. 163). Später schreibt Peters eher spekulativ: "Die abgewehrte homosexuelle Versuchung im Falle Sinclair ist das Motiv für die schizophrene Entgleisung" (S. 228).

Von den vielen Autoren, die sich mit Peters' Buch auseinandersetzten, möchte ich zwei herausgreifen. Zum einen die Rezension von Günther Gercken im "Deutschen Ärzteblatt" (4. Februar 1983, S. 97) – wo Gerckens Meinung schon durch den Titel des Aufsatzes "Wie Hölderlin nachträglich zum Homosexuellen gemacht werden soll" deutlich wird. Neu an dem Buch von Peters sei die "Psychologisierung des Entstehens der Psychose durch homosexuelle Antriebe Hölderlins. Um diese These zu stützen, werden alle freundschaftlichen Beziehungen Hölderlins zu Männern erotisiert und die heterosexuellen Beziehungen […] herabgespielt." Mit Homoerotik glaube "Peters den Schlüssel zum Verständnis" Hölderlins gefunden zu haben, womit er jedoch weder Hölderlin noch dessen Werk gerecht werde.


Rezension im "Deutschen Ärzteblatt" – der auflagenstärksten Medizinzeitschrift Deutschlands

Ebenso deutlich in der Ablehnung von Peters' Thesen ist der Mediziner Reinhard Horowski, der in seinem Buch "Hölderlin war nicht verrückt. Eine Streitschrift" (2017. o. S.) darauf verweist, dass es "überhaupt keine Anhaltspunkte für eine solche Veranlagung Hölderlins" gebe. Es sei "einfach dumm", Hölderlins Krankheit mit verdrängter Homosexualität in Verbindung zu bringen, weil kein Psychiater in verdrängter Homosexualität die Ursache einer Geisteskrankheit sehen würde. Für Horowski war Hölderlin, anders als Sinclair, mit "Sicherheit nicht homosexuell" – was aber letztendlich ebenso wenig belegbar bleibt. Es bleibt problematisch, historische Personen posthum zu diagnostizieren und als Wissenschaftler seine Forschungen von seiner persönlichen Meinung beeinflussen zu lassen.

Weitere Beispiele späterer Rezeption

Recht vorurteilsfrei verweist der Psychotherapeut Hans Joachim von Schumann in "Homosexualität und Selbstmord: Ätiologische und Psychotherapeutische Betrachtungen" (1965) darauf, dass sich hinter "Hyperion" "viel Autobiographisches von Hölderlin verbirgt" und dass Hölderlin ein "Bisexueller im hellenischen Sinne [sei]. Er vermochte sich dem Freund wie der Freundin in etwa gleicher Hingabe und Intimität zu widmen."

Der französische Germanist Pierre Bertaux überzeugt in seinem Buch "Friedrich Hölderlin" (1978) mit profunden Quellenkenntnissen. Von ihm wird der "Verdacht" des Homoerotischen zumindest nicht zurückgewiesen. Die aufgeladene Atmosphäre unter "enthusiastischen Zwanzigjährigen" sei aber halt eine Konsequenz von Isolation vom anderen Geschlecht und Antiken-Rezeption. Bekannt wurde Bertaux jedoch für seine wesentlich provokantere These, dass Hölderlin nicht krank gewesen sei, wobei laut Wikipedia seine "Auffassung, Hölderlin habe seinen Wahnsinn nur simuliert, in solcher Vereinfachung aus heutiger Sicht" als falsch anzusehen sei (Wikipedia).

Der Philosophiehistoriker Michael Franz untersucht in dem Aufsatz "'Platons frommer Garten'. Hölderlins Platonlektüre von Tübingen bis Jena" (in: "Hölderlin-Jahrbuch", 1992/1993, S. 111-127) einen Brief Hölderlins an einen Freund aus dem Jahr 1793, der sich auf drei philosophische Dialoge Platons bezieht. Franz bietet viele theoretische Erklärungen an und erwähnt auch kurz die antike Päderastie als eine Form von Homosexualität (S. 125). Der Autor schreibt nichts Falsches, aber für mich liegt der Schlüssel zum Verständnis dieses Briefes in Bereichen, die der Autor nicht einmal erwähnt: Platons Werke "Phaidros" und "Symposion", auf die hier Bezug genommen wird, haben einen deutlichen homosexuellen Inhalt. Außerdem soll Hölderlin mit Ludwig Neuffer, dem Adressaten des Briefes, nach anderen Quellen eine homoerotische Freundschaft verbunden haben.

Aktuelles zum Weiterlesen

Zum Weiterlesen können sowohl Bernd-Ulrich Hergemöllers Lexikon "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum" (2001, S. 362-364) als auch das schon erwähnte Buch von Paul Derks "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990) empfohlen werden, das auf weiterführende Literatur verweist.

Auf zwei Werke möchte ich separat eingehen: Horst Krüger versucht in seiner Kurzgeschichte "Hyperion am Bahnhof Zoo. Hellas von hinten", die von einem Stricher im Berlin der Siebzigerjahre handelt, von einer Referenz an einen bekannten Namen der Literaturgeschichte zu profitieren (1971 erstmals erschienen. Wiederabgedruckt in der Anthologie "Hyperion am Bahnhof Zoo. Hautnahe Männergeschichten", herausgegeben von Hans Stempel und Martin Ripkens, 1998, S. 146-149).


"Hyperion am Bahnhof Zoo. Hellas von hinten" (1998) – ein Beispiel moderner schwuler Rezeption

Paul Derks scheint in seinem genannten Buch davon angetan zu sein, wie Krüger Hölderlins "Hyperion" auf diese Weise "weitergedichtet" habe, und zitiert ihn ausführlich. Seine Frage, ob der sich prostituierende Protagonist der Siebzigerjahre die "konsequente Ausformung" dessen ist, was "im Hyperion angelegt war" (S. 393-394), lässt er jedoch offen. Später kritisiert er, dass Krüger Hölderlins vorsichtige Homoerotik auf einen "offensichtlich zu groben" Begriff gebracht habe (S. 400), und meint damit offenbar den Untertitel "Hellas von hinten", der als Alliteration zu Analverkehr in der Antike zu provozieren versucht. Krügers Erzählung ist zumindest ein Beleg, wie Hölderlin bis heute – auch im schwulen Kontext – zu inspirieren vermag.

In seiner Dissertation "'Aristokraten aus Not' und ihre 'Philosophie der zu hoch hängenden Trauben'" (2001, auszugsweise online) geht Jan Steinhaußen darauf ein, dass Hölderlin von Homosexuellen wie Ernst Bertram und Klaus Mann zu einem Leitbild stilisiert wurde (S. 211), und widmet diesem Aspekt der Rezeption mit "Hölderlin – der Werther Griechenlands" ein eigenes Kapitel (S. 327-343). Dann verweist er zunächst auf die schwule Rezeption durch den Schriftsteller Otto de Joux, den Nervenarzt Siegfried Placzek, den Germanisten Pierre Bertaux und den Psychiater Uwe Henrik Peters (S. 328-329) sowie darauf, dass der George-Kreis "von der Homosexualität Hölderlins" ausging (S. 332-333).

Hölderlins Bedeutung sei auch an den Publikationen des George-Kreises über ihn abzulesen: Stefan George habe einige Hölderlin-Gedichte in seiner Anthologie "Deutsche Gedichte" abgedruckt (1902). Der Germanist Berthold Litzmann habe "Hölderlins gesammelte Dichtungen" (1896) und sein Kollege Ernst Bertram "Hölderlins gesammelte Briefe" (1935) herausgegeben (S. 333-336), beide waren Anhänger Georges. Steinhaußen geht auch kurz auf Hölderlins Freundschaft mit Isaac Sinclair ein, der – so der von ihm zitierte Germanist und George-Anhänger Max Kommerell – als "Liebender" näher um "Hölderlins heiliges Feuer gekreist [sei] als irgendein Zeitgenosse" (S. 339). Für Steinhaußen steht Hölderlin "für eine den mannmännlichen, platonischen Eros bejahende, durch Freundschaft und gleichgeschlechtliche Liebe bezeugte neue Gesellschaft" (S. 343). Steinhaußen formuliert, wie bei diesem Zitat, stets vorsichtig und besonnen, weil er weiß, dass die Hinweise auf homosexuelle Deutungsmuster vor allem Vermutungen sind.

Was bleibt

Schon die erste Homosexuellenbewegung vor 100 Jahren wies gerne auf Prominente hin, deren Homosexualität wie bei Hölderlin als sicher angenommen wurde. Er wurde klar als "einer von uns" angesehen. Unter Berücksichtigung der früheren dringend notwendigen Suche nach positiven Identifikationsmöglichkeiten kann ich das gut nachvollziehen. Das bedeutet nicht, dass ich ebenfalls davon überzeugt bin, dass Hölderlin tatsächlich schwul war, aber Hölderlins Leben wird unter dem Aspekt von Homosexualität und basierend auf Quellen und historischen Forschungen – einschließlich seiner Freundschaften zu Männern und seiner Liebesverhältnisse – gleichermaßen greifbarer und spannender. Bei einigen Wissenschaftlern scheint dabei die eigene persönliche Meinung über Homosexualität mitzuschwingen.

Ein solches schwules Promi-Fishing gibt es bis heute, und auch heute noch gehört Friedrich Hölderlin dazu. In der "Materialmappe […] für den Schulunterricht" mit dem Titel "Vom anderen Ufer?" (2015, S. 16, 18) aus Ludwigshafen werden Schülern Fragen nach der Homosexualität Prominenter gestellt: "Wen kennst Du? Von wem wusstest Du [dass er Männer liebte]?" Auch Friedrich Hölderlin wird hier mit aufgeführt. Ich habe zwar leichte Bedenken, dass Hölderlin ohne nähere Reflexion über die Hintergründe als schwuler Mann benannt und im Schulunterricht vermutlich nur unzureichend über verschiedene Formen von Homosexualität in diversen Epochen gesprochen wird. Aber diese Bedenken treten zurück, weil ich mich vor allem freue, dass Homosexualität im Schulunterricht in positiver Form behandelt wird.

Was bleibt, ist zwar kein Beweis für Hölderlins Homosexualität, aber ein guter Anlass, sich anlässlich seines 200. Geburtstages mal wieder mit seinen Gedichten und Geschichten über die Freundschaften zwischen Männern im Geiste der Antike zu beschäftigen und sich darüber zu freuen, wie viele schwule Künstler er inspiriert hat. Damit hat der schon erwähnte Otto de Joux ("Die hellenische Liebe in der Gegenwart", 1897, S. 124) Recht behalten, als er schon vor mehr als 120 Jahren davon ausging, dass Hyperions Leid "noch nach Jahrhunderten in allen Urningherzen nachzittern" werde.

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#1 jungwolfAnonym
  • 20.03.2020, 11:12h
  • Erst mal vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich finde, dass man bei solchen Überlegungen, ob bei Hölderlin was Schwules war, darf man nicht vergessen, dass der Freundschaftskult Ende des 18. Jahrhunderts bei vielen jungen Akademikern zu überschwänglichen Liebeserklärungen geführt hat. Das war eine Art "Bromance", die man z.B. auch bei Goethe findet.
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#2 SchwulileinAnonym
  • 20.03.2020, 18:49h
  • "Schwul" ist ein modernes Konzept, das sich auf Hölderlin nicht anwenden lässt, ohne kulturhistorisch grobe Fehler zu machen.
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