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"Journal of Health Monitoring"
Diskriminierung macht uns krank
Es geht queeren Menschen nicht gut: Eine neue Veröffentlichung des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von LGBTI hat Studien der letzten 20 Jahre ausgewertet und kommt zu erschütternden Ergebnissen. Benennt aber auch die Ursachen klar und deutlich.

Die gesundheitliche Situation von LGBTI ist – trotz einer eher positiven gesellschaftlichen Entwicklung – immer noch enorm schwierig (Bild: Colombia University)
- Von Paul Schulz
21. März 2020, 14:15h 6 Min.
Es ist ein altes Klischee, dass man Artikel, deren Überschrift mit "Neue Studie sagt, dass…" beginnen, eher vorsichtig lesen sollte. Schließlich kann man mit Studien, deren Fragestellungen schon von bestimmten Interessen geleitet werden, alles Mögliche belegen, weil hier eben oft der Wunsch der Vater des Gedanken ist. Aber ernsthafte Wissenschaftler*innen können etwas tun, um das zu vermeiden: Nämlich mehrere Studien betrachten und deren Ergebnisse miteinander vergleichen und in Beziehung setzen.
Genau das haben die Wissenschaftler*innen Kathleen Pöge und Alexander Rommel jetzt getan. Ihr neuer Beitrag im "Journal of Health Monitoring" des Robert-Koch-Instituts (PDF) trägt den Titel "Die gesundheitliche Lage von lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen" und versucht genau die zu beschreiben.
Die Autor*innen standen dabei zuallererst vor dem Problem, dass es zu ihrem Thema auch im Jahr 2020 nur sehr wenige Daten gibt. Also haben sie sich an das Sisyphos-Projekt gewagt und internationale und deutsche Reviews, Metaanalysen und bevölkerungsbezogene Studien für ihre Untersuchung herangezogen. Und zwar die der letzten zwanzig Jahre, von Australien, über die USA bis zu Europa.
Besorgniserregende Ergebnisse
Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sind vielfältig, stellenweise überraschend, oft besorgniserregend und sehr umfangreich. Die grundsätzliche Erkenntnis bleibt: Wir wissen viel zu wenig, um genaue Angaben zu gesundheitlichen Situation von queeren Menschen machen zu können.
Das beginnt schon damit, dass Wissenschaftler*innen immer noch nicht wissen, wie groß die Gruppe derjenigen, die sie untersuchen, eigentlich genau ist. Der Anteil der sich selbst so identifizierenden schwulen Männer, lesbischen Frauen und Bisexuellen variiert von Land zu Land stark, weil diese Selbstidentifikation immer auch von den gesellschaftlichen Umständen geprägt ist, die sie überhaupt möglich machen – oder eben nicht.
In Deutschland ist er für Schwule und Lesben rund 2%und liegt für Bisexuelle etwas darüber. Allerdings klaffen Identifikation und sexuelles Verhalten weit auseinander. Die Anzahl derjenigen, die in den letzten zwölf Monaten gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakten hatten, liegt bei den unter 25-Jährigen zum Beispiel bei erstaunlichen 14,3%. Und fast jeder Zehnte in der deutschen Bevölkerung unter 40 bezeichnet sich zwar nicht als schwul, lesbisch oder bisexuell, aber würde die Beschreibung "rein heterosexuell" auch nicht für sich akzeptieren.
Große Defizite bei Rechten von trans und inter Menschen
Die gesundheitliche Situation von LGBTI ist – trotz einer eher positiven gesellschaftlichen Entwicklung – immer noch enorm schwierig. Das erkennt die Datensammlung auch unumwunden an: "Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland haben sich für homo- und bisexuelle Menschen schrittweise verbessert, während für trans- und intergeschlechtliche Personen aus Sicht vieler Akteure bezüglich sowohl der medizinischen als auch rechtlichen Anerkennung noch große Defizite bestehen und wissenschaftliche Erkenntnisse noch ungenügend Eingang in die medizinische Praxis gefunden haben", so die Autor*innen.
Auch deutlich wird, dass negative Selbstwahrnehmungen zum eigenen Geschlecht oder der sexuellen Orientierung einen positiven Umgang der LGBTI-Personen mit sich selbst erschweren. Was nicht an ihnen selbst liegt. "Das Geschlecht beziehungsweise die sexuelle Orientierung selbst sind nicht ursächlich für höhere Prävalenzen von Depressivität und Suizidalität. Vielmehr sind mangelnde Akzeptanz, Diskriminierung und Gewalterfahrungen psychisch belastend und können zu Erkrankungen führen". Heißt: Es geht queeren Menschen schlecht, weil die Gesellschaft schlecht mit ihnen umgeht.
Das "Deutsche Ärzteblatt" beschreibt die Lösung in einer Bericht über die Studie so: "Ein akzeptierendes und unterstützendes soziales Umfeld sowie die Verfügbarkeit von Peer-Beratungsstellen mit Informations-, Beratungs- und Vernetzungsangeboten könnten sich auf die Gesundheit von LSBTI-Personen förderlich auswirken. Weiterhin gebe es viele Hinweise, dass die Gesundheitsversorgung noch nicht ausreichend an die Bedarfe von LSBTI-Personen angepasst sei und es häufig an Fachwissen und Sensibilisierung im Umgang mit LSBTI-spezifischen Gesundheitsthemen fehle."
Lesben trinken zehnmal häufiger als Heteros
Hier ein kleiner Ausschnitt, der Unterschiede zwischen den untersuchten physiologischen, psychologischen und verhaltensbedingten Erkrankungen bei LGBTI und nicht-queeren Menschen in der RKI-Veröffentlichung: Lesbische Frauen haben eine Lebenszeitprävalenz von 25,6% für riskanten Substanzkonsum beziehungsweise Substanzabhängigkeit im Vergleich zu 2,9% respektive 7,1% bei heterosexuellen Frauen. Heißt: Sie trinken zehnmal häufiger zu viel als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen. Lesbische Frauen hatten im Vergleich zu heterosexuellen Frauen signifikant höhere Prävalenzen sowohl beim Konsum von Marihuana (16,7% vs. 2,6%) und anderen Drogen (12,6% vs. 3,1%) als auch bei der Abhängigkeit von Alkohol (13,3% vs. 2,5%), von Marihuana (2,8% vs. 0,2%) und anderen Drogen (5,7% vs. 0,4%).
Nicht alle Nachrichten sind schlecht: "Neben Risikofaktoren für die Gesundheit gibt es auch Hinweise auf gesundheitsförderliches Verhalten von lesbischen Frauen: So gaben in einer deutschen Studie von 2005 77,6% der Befragten an, regelmäßig Sport zu treiben, 40,7% berichteten, zwei Stunden oder mehr pro Woche sportlich aktiv zu sein." Auch der alte Mythos, dass lesbische Frauen öfter an Krebs erkranken, weil weniger von ihnen Kinder bekommen, ließ sich mit den Daten der letzten 20 Jahre nicht erhärten. Die Anzahl ihrer Krebserkrankungen liegt im Durchschnitt.
Der dritte Schwule hat Suizidgedanken
Bei schwulen Männern ist die Sachlage etwas anders: "Verschiedene internationale Metaanalysen und systematische Reviews zeigen, dass schwule und bisexuelle Männer beziehungsweise MSM im Vergleich zu heterosexuellen Männern häufiger durch Angststörungen, Depressionen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit sowie Suizidalität belastet sind. Laut einer internationalen Metaanalyse von 2017 liegt zum Beispiel die Lebenszeitprävalenz für Suizidgedanken für MSM bei 35,0% (Range zwischen den Ländern 13,2% bis 55,8%).
Psychische Belastungen und Suizidalität können zudem auch mit einer HIV-Infektion einhergehen. Ein positiver HIV-Status führte in den vorliegenden Untersuchungen zu einem signifikant erhöhten Risiko für suizidale Gedanken. Auch tatsächliche Suizidversuche sind bei schwulen und bisexuellen Männern häufiger als bei heterosexuellen Menschen." Die Wahrscheinlichkeit, dass ein schwuler Mann in seinem Leben einen Selbstmordversuch unternimmt ist dreimal so hoch wie bei heterosexuellen Männern.
Zwar trinken nur 5% mehr schwule als heterosexuelle Männer mehr als sie vielleicht sollten, allerdings ist der Anteil der Männer mit einem mit Alkohol zusammenhängenden Suchtproblem fast dreimal so hoch, er liegt über 16%. Auch der Anteil der Konsumenten harter Drogen ist unter Schwulen um ein Vielfaches höher, auch und besonders im Vergleich zu Lesben, obwohl die viel mehr Drogen nehmen als heterosexuelle Frauen.
Kaum belastbare Zahlen zu trans und inter Menschen
"Bisexuelle Männer wiesen im Vergleich zu heterosexuellen Männern nur eine geringfügig erhöhte Prävalenz beim starken Alkoholkonsum auf (16,4% vs. 13,7%). Erhöhte Prävalenzen bei bisexuellen Männern wurden allerdings für Alkoholabhängigkeit (19,5% vs. 6,1%), den Konsum von Marihuana (13,2% vs. 6,2%) und weiteren Drogen (17,7% vs. 4,5%) und der Abhängigkeit von diesen (5,1% vs. 0,5%) berichtet." Dass alle diese Gruppen viel mehr rauchen als Heteros, hat diese Woche schon eine britische Studie belegt (queer.de berichtete)
Bei trans und intergeschlechtlichen Menschen sind die Daten in der Veröffentlichung des RKI zwar auch erschreckend (u.a. 50% selbstverletzendes Verhalten und ein um ein Vielfaches höheres Suizidrisiko, über 50% Mobbing-Erfahrungen und ein großes Risiko für eine depressive Erkrankung), allerdings auch kaum belastbar. Denn die Forscher*innen verorten den Bevölkerungsanteil dieser Gruppe irgendwo zwischen 0,05% und 2,4%.
Die größte gesundheitliche Bedrohung für LGBTI scheint nicht Corona zu sein, sondern die immer noch erdrückende gesellschaftliche Diskriminierung.
Links zum Thema:
» Die RKI-Studie als PDF zum Download
















Und das schadet auch der Wirtschaft und jeden einzelnen Bürger, weil die Betroffenen häufiger krank sind (also Arbeitszeit fehlt), weil sie die Gesundheitskassen belasten, etc.
Und sie können entsprechend auch weniger Geld ausgeben.
Alleine schon deswegen muss (rechtliche und gesellschaftliche) Diskriminierung abgebaut werden. Wenn man es schon nicht für die Betroffenen tut, sollte man es wenigstens für die gesamte Volkswirtschaft tun.
Alles andere schadet einem Land und allen (auch den heterosexuellen) Bürgern - direkt und indirekt.