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"Journal of Health Monitoring"

Diskriminierung macht uns krank

Es geht queeren Menschen nicht gut: Eine neue Veröffentlichung des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von LGBTI hat Studien der letzten 20 Jahre ausgewertet und kommt zu erschütternden Ergebnissen. Benennt aber auch die Ursachen klar und deutlich.


Die gesundheitliche Situation von LGBTI ist – trotz einer eher positiven gesellschaftlichen Entwicklung – immer noch enorm schwierig (Bild: Colombia University)

Es ist ein altes Klischee, dass man Artikel, deren Überschrift mit "Neue Studie sagt, dass…" beginnen, eher vorsichtig lesen sollte. Schließlich kann man mit Studien, deren Fragestellungen schon von bestimmten Interessen geleitet werden, alles Mögliche belegen, weil hier eben oft der Wunsch der Vater des Gedanken ist. Aber ernsthafte Wissenschaftler*innen können etwas tun, um das zu vermeiden: Nämlich mehrere Studien betrachten und deren Ergebnisse miteinander vergleichen und in Beziehung setzen.

Genau das haben die Wissenschaftler*innen Kathleen Pöge und Alexander Rommel jetzt getan. Ihr neuer Beitrag im "Journal of Health Monitoring" des Robert-Koch-Instituts (PDF) trägt den Titel "Die gesundheitliche Lage von lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen" und versucht genau die zu beschreiben.

Die Autor*innen standen dabei zuallererst vor dem Problem, dass es zu ihrem Thema auch im Jahr 2020 nur sehr wenige Daten gibt. Also haben sie sich an das Sisyphos-Projekt gewagt und internationale und deutsche Reviews, Metaanalysen und bevölkerungsbezogene Studien für ihre Untersuchung herangezogen. Und zwar die der letzten zwanzig Jahre, von Australien, über die USA bis zu Europa.

Besorgniserregende Ergebnisse


Die 30-seitige Veröffentlichung des RKI gibt als PDF zum Download

Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sind vielfältig, stellenweise überraschend, oft besorgniserregend und sehr umfangreich. Die grundsätzliche Erkenntnis bleibt: Wir wissen viel zu wenig, um genaue Angaben zu gesundheitlichen Situation von queeren Menschen machen zu können.

Das beginnt schon damit, dass Wissenschaftler*innen immer noch nicht wissen, wie groß die Gruppe derjenigen, die sie untersuchen, eigentlich genau ist. Der Anteil der sich selbst so identifizierenden schwulen Männer, lesbischen Frauen und Bisexuellen variiert von Land zu Land stark, weil diese Selbstidentifikation immer auch von den gesellschaftlichen Umständen geprägt ist, die sie überhaupt möglich machen – oder eben nicht.

In Deutschland ist er für Schwule und Lesben rund 2%und liegt für Bisexuelle etwas darüber. Allerdings klaffen Identifikation und sexuelles Verhalten weit auseinander. Die Anzahl derjenigen, die in den letzten zwölf Monaten gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakten hatten, liegt bei den unter 25-Jährigen zum Beispiel bei erstaunlichen 14,3%. Und fast jeder Zehnte in der deutschen Bevölkerung unter 40 bezeichnet sich zwar nicht als schwul, lesbisch oder bisexuell, aber würde die Beschreibung "rein heterosexuell" auch nicht für sich akzeptieren.

Große Defizite bei Rechten von trans und inter Menschen

Die gesundheitliche Situation von LGBTI ist – trotz einer eher positiven gesellschaftlichen Entwicklung – immer noch enorm schwierig. Das erkennt die Datensammlung auch unumwunden an: "Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland haben sich für homo- und bisexuelle Menschen schrittweise verbessert, während für trans- und intergeschlechtliche Personen aus Sicht vieler Akteure bezüglich sowohl der medizinischen als auch rechtlichen Anerkennung noch große Defizite bestehen und wissenschaftliche Erkenntnisse noch ungenügend Eingang in die medizinische Praxis gefunden haben", so die Autor*innen.

Auch deutlich wird, dass negative Selbstwahrnehmungen zum eigenen Geschlecht oder der sexuellen Orientierung einen positiven Umgang der LGBTI-Personen mit sich selbst erschweren. Was nicht an ihnen selbst liegt. "Das Geschlecht beziehungsweise die sexuelle Orientierung selbst sind nicht ursächlich für höhere Prävalenzen von Depressivität und Suizidalität. Vielmehr sind mangelnde Akzeptanz, Diskriminierung und Gewalterfahrungen psychisch belastend und können zu Erkrankungen führen". Heißt: Es geht queeren Menschen schlecht, weil die Gesellschaft schlecht mit ihnen umgeht.

Das "Deutsche Ärzteblatt" beschreibt die Lösung in einer Bericht über die Studie so: "Ein akzeptierendes und unterstützendes soziales Umfeld sowie die Verfügbarkeit von Peer-Beratungsstellen mit Informations-, Beratungs- und Vernetzungsangeboten könnten sich auf die Gesundheit von LSBTI-Personen förderlich auswirken. Weiterhin gebe es viele Hinweise, dass die Gesundheitsversorgung noch nicht ausreichend an die Bedarfe von LSBTI-Personen angepasst sei und es häufig an Fachwissen und Sensibilisierung im Umgang mit LSBTI-spezifischen Gesundheitsthemen fehle."

Lesben trinken zehnmal häufiger als Heteros

Hier ein kleiner Ausschnitt, der Unterschiede zwischen den untersuchten physiologischen, psychologischen und verhaltensbedingten Erkrankungen bei LGBTI und nicht-queeren Menschen in der RKI-Veröffentlichung: Lesbische Frauen haben eine Lebenszeitprävalenz von 25,6% für riskanten Substanzkonsum beziehungsweise Substanzabhängigkeit im Vergleich zu 2,9% respektive 7,1% bei heterosexuellen Frauen. Heißt: Sie trinken zehnmal häufiger zu viel als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen. Lesbische Frauen hatten im Vergleich zu heterosexuellen Frauen signifikant höhere Prävalenzen sowohl beim Konsum von Marihuana (16,7% vs. 2,6%) und anderen Drogen (12,6% vs. 3,1%) als auch bei der Abhängigkeit von Alkohol (13,3% vs. 2,5%), von Marihuana (2,8% vs. 0,2%) und anderen Drogen (5,7% vs. 0,4%).

Nicht alle Nachrichten sind schlecht: "Neben Risikofaktoren für die Gesundheit gibt es auch Hinweise auf gesundheitsförderliches Verhalten von lesbischen Frauen: So gaben in einer deutschen Studie von 2005 77,6% der Befragten an, regelmäßig Sport zu treiben, 40,7% berichteten, zwei Stunden oder mehr pro Woche sportlich aktiv zu sein." Auch der alte Mythos, dass lesbische Frauen öfter an Krebs erkranken, weil weniger von ihnen Kinder bekommen, ließ sich mit den Daten der letzten 20 Jahre nicht erhärten. Die Anzahl ihrer Krebserkrankungen liegt im Durchschnitt.

Der dritte Schwule hat Suizidgedanken

Bei schwulen Männern ist die Sachlage etwas anders: "Verschiedene internationale Metaanalysen und systematische Reviews zeigen, dass schwule und bisexuelle Männer beziehungsweise MSM im Vergleich zu heterosexuellen Männern häufiger durch Angststörungen, Depressionen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit sowie Suizidalität belastet sind. Laut einer internationalen Metaanalyse von 2017 liegt zum Beispiel die Lebenszeitprävalenz für Suizidgedanken für MSM bei 35,0% (Range zwischen den Ländern 13,2% bis 55,8%).

Psychische Belastungen und Suizidalität können zudem auch mit einer HIV-Infektion einhergehen. Ein positiver HIV-Status führte in den vorliegenden Untersuchungen zu einem signifikant erhöhten Risiko für suizidale Gedanken. Auch tatsächliche Suizidversuche sind bei schwulen und bisexuellen Männern häufiger als bei heterosexuellen Menschen." Die Wahrscheinlichkeit, dass ein schwuler Mann in seinem Leben einen Selbstmordversuch unternimmt ist dreimal so hoch wie bei heterosexuellen Männern.

Zwar trinken nur 5% mehr schwule als heterosexuelle Männer mehr als sie vielleicht sollten, allerdings ist der Anteil der Männer mit einem mit Alkohol zusammenhängenden Suchtproblem fast dreimal so hoch, er liegt über 16%. Auch der Anteil der Konsumenten harter Drogen ist unter Schwulen um ein Vielfaches höher, auch und besonders im Vergleich zu Lesben, obwohl die viel mehr Drogen nehmen als heterosexuelle Frauen.

Kaum belastbare Zahlen zu trans und inter Menschen

"Bisexuelle Männer wiesen im Vergleich zu heterosexuellen Männern nur eine geringfügig erhöhte Prävalenz beim starken Alkoholkonsum auf (16,4% vs. 13,7%). Erhöhte Prävalenzen bei bisexuellen Männern wurden allerdings für Alkoholabhängigkeit (19,5% vs. 6,1%), den Konsum von Marihuana (13,2% vs. 6,2%) und weiteren Drogen (17,7% vs. 4,5%) und der Abhängigkeit von diesen (5,1% vs. 0,5%) berichtet." Dass alle diese Gruppen viel mehr rauchen als Heteros, hat diese Woche schon eine britische Studie belegt (queer.de berichtete)

Bei trans und intergeschlechtlichen Menschen sind die Daten in der Veröffentlichung des RKI zwar auch erschreckend (u.a. 50% selbstverletzendes Verhalten und ein um ein Vielfaches höheres Suizidrisiko, über 50% Mobbing-Erfahrungen und ein großes Risiko für eine depressive Erkrankung), allerdings auch kaum belastbar. Denn die Forscher*innen verorten den Bevölkerungsanteil dieser Gruppe irgendwo zwischen 0,05% und 2,4%.

Die größte gesundheitliche Bedrohung für LGBTI scheint nicht Corona zu sein, sondern die immer noch erdrückende gesellschaftliche Diskriminierung.



#1 FinnAnonym
  • 21.03.2020, 15:31h
  • Ja, Diskriminierung macht krank. Sowohl rechtliche als auch gesellschaftliche Diskriminierung.

    Und das schadet auch der Wirtschaft und jeden einzelnen Bürger, weil die Betroffenen häufiger krank sind (also Arbeitszeit fehlt), weil sie die Gesundheitskassen belasten, etc.

    Und sie können entsprechend auch weniger Geld ausgeben.

    Alleine schon deswegen muss (rechtliche und gesellschaftliche) Diskriminierung abgebaut werden. Wenn man es schon nicht für die Betroffenen tut, sollte man es wenigstens für die gesamte Volkswirtschaft tun.

    Alles andere schadet einem Land und allen (auch den heterosexuellen) Bürgern - direkt und indirekt.
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#2 schwulenaktivist
  • 21.03.2020, 16:50h
  • Grossen Anteil an der Situation haben auch diejenigen Ansichten, Vorurteile und Selbstvorwürfe, die Betroffene von der Gesellschaft "übernehmen" und die eigene Verdrängung realer Betroffenheit!

    Es braucht wieder Gruppenarbeit wie zu Zeiten der Schwulenbewegung, die dies "bearbeitet"! Statt Heiratsvermittlung und Partyschiffe! :P
    In der Gesellschaft werden die Probleme der Menschen während und nach der Arbeit "therapiert" - auch in der Form von Fetischen und Drogenkonsum!
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#3 Leider wahrAnonym
  • 21.03.2020, 17:11h
  • Auch mich hat jahrelanges Mobbing in der Schulzeit krank gemacht.

    Das führte dazu, dass ich aus Frust gefressen habe und aus Frust gepaart mit Angst fast nur zuhause gehockt habe. Das Übergewicht, was ich dadurch als Jugendlicher bekommen hatte, bin ich bis heute zu (mit meinen nun über 40 Jahren) nicht los geworden. Mit allen Konsequenzen, die das für meine Gesundheit (und damit auch für die Krankenkasse) hat.

    Die Mobber von damals wissen nicht, was sie mir damit angetan haben und wie sie mein Leben versaut haben. Ich mache zwar das beste raus und mein größter Wunsch wäre es, endlich abzunehmen, aber das ist leider nicht so leicht, wenn man das Gewicht erst mal drauf hat.

    Und jeder, der meint, das hätte was mit mangelnder Disziplin zu tun, soll sich erst mal 140kg anfuttern und dann mal gucken, wie sich der Hormonhaushalt verändert, wie schwer Bewegung fällt, etc. Wie will man abnehmen, wenn Bewegung schwer fällt und wenn einem übel vor Hunger wird?

    Ja, Diskriminierung macht definitiv krank.

    Sie hat mich krank gemacht. Sie hat viele andere Menschen krank gemacht und sie wird leider auch noch viele weitere Menschen krank machen.

    Da werden Leben zerstört und ja, ganz nebenbei wird auch die Volkswirtschaft unnötig belastet.
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#4 WertloserDreckAnonym
  • 21.03.2020, 20:46h
  • So hat man mich mal ganz viel genannt. Ja das macht etwas mit der Seele und wenn die anderen ein wie Dreck behandeln denkt man irgendwann selber man sei es. Depris haben Gründe. Dope macht sie still und man lacht trotzdem. Alles kann betäubt werden, nur Alleinsein nervt weiter. Ritzen hilft nicht. Dann frisst man, pafft und wird fett. Fettsein ist noch beschissener. Isolationshaft im Mehrwegsystem. Dann ist man nicht nur allein, sondern einsam. BF bedeutet nicht Boyfriend sondern Bierflasche. Einer geht noch rein. Statt Liebe Lattenwix auf PornHub. Sich crystalin mal Wegbeamen. Finger in Po, Mexico.
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#5 Nk231Anonym
#6 JadugharProfil
  • 22.03.2020, 00:50hHamburg
  • Bei mir hat sich vieles in das Gegenteil entwickelt. In war und bin in vieler Hinsicht ein Außenseiter! Am Anfang bin ich nicht gesund auf die Welt gekommen, und die Ärzte haben mich deswegen fast siebzehn Jahre lang fast zu Tode gequält, bis mir der Kragen platzte und ich meinen eigenen persönlichen Weg ging, mich nicht mehr gängeln lies und so für immer gesund wurde. Seit 57 Jahren werde ich absichtlich und aus Rache gegen die Ärzte nicht mehr krank und folge meinen EIGENEN Erkenntnissen und meiner eigenen Natur, weil ich nie wieder in diese Situation kommen will, die ich von 1946 bis 1963 durchleben mußte. Durch meine Homosexualität wurde ich zwar diskriminiert, doch ich betonte meine Andersartigkeit in vielen Dingen, als auch auf das Recht, ein Außenseiter zu sein. Ebenso nicht nur für mich, sondern für jeden! Jeder hat seinen Wert! Durch meine Gesundheit, durch mein Schwulsein, und durch viele andere Dinge in meinen Leben tanzte ich sehr gern aus der Reihe! Heute schätzt man mich, durch das, was ich durch mein Außenseitertum geschaffen habe. Es dauert eben seine Zeit, bis das Umfeld diese Schätze erkennt, die durch ein Außenseitertum zustande kommen. Man bedenke, daß es meistens die Außenseiter sind, die Innovationen in eine Gesellschaft einbringen. Mediziner fragen jetzt bei mir nach, über meine erstaunlich extrem gute Gesundheit und daß ich seit mehr als 40 Jahren kaum gealtert bin. Ich sehe mit 73 Jahren immer noch so aus, als wäre ich zwischen 20 und 30 Jahre alt, habe keine Alterserscheinungen, keine Altersichtigkeit, keine Falten, keine grauen Haare und eine Gelenkigkeit wie ein Yogi, als auch daß meine Fähigkeiten immer mehr wachsen. Ich geniese mein Andersein! Wenn LGBTI-Menschen als Besonderes angesehen werden und auch sich selbst als etwas Besonderes sehen und daß man sich nicht an eine kranke Gesellschaft anpassen muß, so kann man daraus durchaus positive Konsequenzen ziehen, wo man als Vorbild dienen kann. Das schafft geistiges Kapital für alle! Daraus folgt dann eine Wertschätzung der anderen.
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#7 JadugharProfil
  • 22.03.2020, 01:28hHamburg
  • Antwort auf #3 von Leider wahr
  • Es gibt einen Ausweg aus ihrer Situation, wo sie wie ein Phönix aus der Asche herauskommen! Allein die Erfahrungen (ob negativ oder positiv), die ihnen zu Teil wurden, bringen auch tiefe Einsichten und Erkenntnisse, weil sie die durchlebt haben. Sei werden eine persönliche Lösung erarbeiten, sofern sie die Lust und den Wunsch verspüren, sich so wohl wie nie zuvor zu fühlen. Nur dann machen sie die ersten Schritte auf den Weg dorthin. Sie können beobachten und daraus Erkenntnisse ziehen. Dann sehen sie, wie sich ihr Gewicht normalisiert. Experimentieren sie mal mit den Fasten und optimieren sie diese Methoden bezüglich ihrer Natur! Gestalten sie ihre Aktionen so, daß sie ihr Wohlbefinden vermehren. Trainieren sie ihre Wahrnehmungen, ihre Sinne und ihr Gefühl, denn der Tastsinn ist der beste Bioindikator den sie haben. Eine Betäubung mittels Drogen ist der falsche Weg! Passen sie sich nicht irgendwo an, sondern folgen sie eher ihren EIGENEN Bedürfnissen. Gehen sie mit sich sehr nett um, den ihr wunderbarer Körper haben sie nur einmal! Entfalten sie ihn und gewinnen dabei körperliche und geistige Kräfte! Ihre Erkenntnisse können sie weiter geben und lernen durch die Erfahrungen und Erkenntnisse der anderen viel hinzu! Machen sie sich den außergewöhnlichen Phönix als Vorbild! Er ist einer von uns, der aus der Reihe tanzte!
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#8 zundermxeAnonym
  • 22.03.2020, 05:02h
  • Leben ist absolut einfach und völlig kompliziert zugleich.
    Aus meiner Warte auf mich selbst und andere bezogen (die ich über lange Zeit gut kenne bzw kannte) würde ich sagen, dass das Merkmal queer zu sein einen viel extremeren und prägenderen Einfluss auf ein Leben hat als es haben sollte bzw müsste.
    Das kann Chance und Abgrund zugleich sein ohne, dass hier in einfachen Kategorien von richtig oder falsch gesprochen werden kann.

    Die Gesellschaft als Gesamtheit wird sich so schnell und nachhaltig, wie es erforderlich und wünschenswert wäre, nicht ändern (lassen).
    MMn wäre es für uns als Queers schon ein immens großer und sinnvoller Schritt, wenn wir untereinander besser mit uns umgehen würden und nicht noch weiteren Verhaltensdruck erzeugen würden.
    Leider ist der Trend scheinbar aber genau gegenläufig.

    Das Verständnis und die Akzeptanz für das Individuelle, bspw das besonders Schrille oder das besonders Ruhige, nimmt ab und wird gerne mit unterstellenden Wertungen versehen, wie wir es in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft gelernt haben.
    Viele Queers vereinsamen innerlich über die Zeit betrachtet und dies hat zudem soziale wie gesundheitliche Folgen.
    Solidarität und Empathie nicht nur in Wort und Gesinnung, sondern im tatsächlich alltäglichen Umgang und Leben. Akzeptanz heißt bspw als Schwuler den Schwulen nebenan so mit all seinen Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren und zu schätzen, wie er ist und nicht wie ich selbst ihn in mir spiegele.
    Uih, wir wären verdammt weit, wenn wir das hinbekämen... ohne Ab- und Ausgrenzung.
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#9 Homonklin_NZAnonym
  • 22.03.2020, 13:22h
  • Antwort auf #8 von zundermxe
  • ""Viele Queers vereinsamen innerlich""

    Ja, das wäre mir auch fast so gegangen, oder war über längere Zeit sogar so. Wenn ich nicht wieder eine Sozialisierung im Hetero-Bereich gefunden hätte. Leider sind Queers eben auch vorrangig mit Partnersuchen beschäftigt und zeigen kaum ein Interesse an bloßen Bekanntschaften, die ohne irgendwelches Herumprüfen ablaufen, ob man nicht doch irgendwie sexuell verzweckbar sei.

    Das Ganze ist aber schon von Kindesbeinen an eine Sondersituation mit erhöhten Schwierigkeitsgraden. Was in dem Artikel sehr richtig ist, es wird durch die Problematik des nicht Akzeptiertwerdens so viel an Entmutigung und Selbstzweifeln verursacht, wioran dann viele queere Menschen scheitern, wenn sie Ausgrenzung so massiv ausgesetzt sind. Oder eben auch Einwirkungen durch Religion.

    Mich haben Religion und daran geknüpfte Erwartungen über den schmalen Grat zwischen Selbstmord und Weglaufen getrieben. In der Zeit, wo andere immer von ihrer glücklichen Kindheit berichten, musste ich Angst haben, ob ich den nächsten Tag noch erlebe. Einmal unbeschwert ich sein? Undenkbar, immer nur 10%, der Rest blieb weggeklappt, zur Sicherheit. Was Heterosexuelle in ihrer Pubertät erleben, gab es schlicht nicht. Erste Liebe, erster Kuss usw. Das konnte man sich abschminken.

    Dieses sozusagen verordnete anders behandelt-Werden, dem man so einfach nicht entrinnen kann. Das macht einen zusehends krank. Gemüt oder Herz, vor allem im Inneren rodet das die Gärten des Lebenstraums. Man kann von einer zugemuteten Chancen-Ungleichheit sprechen, die einem mit einem queeren Akzent in die Wiege gelegt wird. Schon in den grundlegenden Aspekten hat man nirgends gleiche Chancen. Wenn ein Junge ein Mädchen mag, findet die Umgebung das sehr niedlich. Wenn ein Junge einen Jungen so gemocht hätte. Dafür setzte es Trachten Prügel und Stunden mit dem Onkel Doktor. GGf. auch Verschwinden in der Klappse oder bei den Exorzisten in der Gebets-Zwickmühle. Ein Unterschied, wie man ihn nicht herausfordern musste. Es reichte das, was einen schier zur Selbstzerstörung getrieben hätte.

    Gleiche Berufschancen? Fehlanzeige. Heute hat sich was gebessert, ja. Damals die Vorstellung, mal als Kriminalbiologe zu arbeiten? Als Schwuchtel kannst du nicht zur Polizei, basta. Aus der Traum, schon fertig. Feuerwehr,Ranger, sonstwas in so Richtungen? Vergiss es!
    Quereinstieg in die Wissenschaft - okay, ganz schön spät dann mal Glück gehabt. Schland adieu.

    Nach der Abnabelung und frei Schwimmen wird es nicht zwingend einfacher. Wenn man in der queeren, oder der schwulen Welt auch wieder aneckt und nicht korrekt schwul tickt. Also entweder keinen Bock auf Outing hat, noch auf hedonistisch bewegtes Abenteuerleben. Da fliegt man auch wieder raus, im hohen Bogen. Wenn man mal mitkriegt, wie viele da nichts von Liebe, Romantik oder Monogamie, long term relationship, Ehe und so halten. Da kann man sich nicht wirklich angenommen finden. Und dann mag man die Typen lieber voll in Leder, Sportswear und Gear anstatt nackt ... Fetisch, was, Graus, ischa ekelich, oh nein. Und schon verschissen! Wieder unten durch.

    Stolz aufs Anderssein? Bringt einen auch nicht weiter. Dann lieber als "normal" auffallen. Hat man wenigstens seine Ruhe und kann halbwegs machen, was man will. Die Clique denkt sich, so hässlich wioe der ist, kein Wunder hat der keine Frau, und dann ist auch gut damit. Mehr brauchen die nicht wissen. Interessanter ist, was am Sonntag auf dem Grill landet, wer Mate mitbringt, und wie die Red Devils gespielt haben.
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#10 GerritAnonym
  • 22.03.2020, 13:32h
  • Antwort auf #3 von Leider wahr
  • Danke für die Offenheit, das Vertrauen und das Teilen Deiner Geschichte.

    Das ist ein weiteres trauriges Beispiel, was Diskriminierung, Mobbing und Angst anrichten - nicht nur psychisch, sondern auch körperlich.

    Und das traurige ist:
    es hat sich nur ein wenig gebessert.

    Nach wie vor sind Diskriminierung und Mobbing Alltag. Der rechtliche Schutz davor ist löchrig bzw. erlaubt sogar explizit Diskriminierung.

    Und an Schulen sind "Schwule Sau" & Co immer noch die häufigsten Schimpfwörter. Und wenn die Politik endlich mal aktiv wird und mehr Aufklärung umsetzen will, rudern sie sofort wieder zurück, nur weil ein paar religiöse Fanatiker und andere ewiggestrige Spinner alles so lassen wollen.
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