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Interview

"Ich wollte auch eine Liebe zwischen zwei Soldaten zeigen"

Regisseur Marvin Kren über seine Serie "Freud", versteckte Homosexualität in der k.-u.-k.-Armee, seine schlechten Erfahrungen mit Hypnose sowie unerwartete Erektionen bei den Dreharbeiten.


Szene aus "Freud": Sigmund Freud (Robert Finster) begibt sich an der Seite des traumatisierten Kriegsveteranen und Inspektors Alfred Kiss (Georg Friedrich) auf Mörderjagd (Bild: Jan Hromadko / SATEL Film GmbH / Bavaria Fiction GmbH)
  • Von Dieter Oßwald
    22. März 2020, 09:17h, noch kein Kommentar

Mit dem Horrorfilm "Rammbock" gab der Österreicher Marvin Kren vor zehn Jahren sein Langfilm-Debüt. Sein zweites Gruselstück "Blutgletscher" bekam drei österreichische Filmpreise und lief auf dem Max Ophüls Festival. Nach einigen "Tatort"-Folgen,brachte der Clan-Krimi "4 Blocks" vor drei Jahren den großen Durchbruch. Mit der achtteiligen Serie "Freud" präsentiert Kren nun einen Thriller um den jungen Nervenarzt, der einer Mordserie in Wien auf die Spur kommen will. Die Premiere fand auf der Berlinale statt, vor dem Netflix-Star lief die Serie im ORF.

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Regisseur Marvin Kren wurde 2018 für "4 Blocks" mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet (Bild: Superbass / wikipedia)

Herr Kren, Corona dürfte Ihnen gute Quoten bescheren, bei der TV-Ausstrahlung im ORF holten Sie bereits immerhin 475.000 Zuschauer:..

"Freud" ist kein Krisengewinner! Die TV-Quote war gut, aber weil auf ORF 2 zeitgleich ein aktueller Bericht über Corona kam, haben sehr viele Zuschauer dieses Programm angeschaut. In Zeiten geschlossener Kinos und Selbst-Quarantäne wird es für Film-Fans sicher erfreulich sein, dass sie sich auf Netflix mit Arthaus eindecken können.

Was würde Sigmund Freud zu "Freud" sagen?

Freud würde mich vermutlich mit einem nassen Handtuch durch den Zweiten Wiener Bezirk jagen! (lacht)

Wie wahrhaftig sind Sie bei Ihrer Darstellung des jungen Nervenarztes?

Die Ausgangssituation ist sehr wahrhaftig. Wir haben versucht, dem jungen Freud getreu zu werden: Wen hat er geliebt, wie war die Beziehung zu seiner Mutter, was hat es bedeutet, in dieser Zeit ein junger jüdischer Arzt zu sein? Freud war erpicht auf die Kontrolle seiner eigenen Biografie und hat viele Schriften aus seiner Frühzeit zerstört. Auf die Phase der Hypnose war er gar nicht so stolz. Die mangelnde historische Überlieferung aus dieser Zeit gab uns die gewisse Freiheit, eine Genre-Erzählung aus Mystery, Thriller, Crime und Horror zu machen

Wie stolz sind Sie auf Ihre Phase der Hypnose? Sie wollten sich zur Vorbereitung selbst hypnotisieren lassen, brachen das Experiment jedoch erschrocken ab. Was war passiert?

Im Film sieht man Hypnose meist mit dem ziemlich abgedroschenen Bild von einem Pendel. Um eine andere Art der Darstellung zu finden, wollte ich unbedingt selbst erfahren, wie sich Hypnose anfühlt. Meine Skepsis schlug schnell um. Die Wirkung war enorm, ich war zehn Minuten lang völlig willenlos. Diese Erfahrung fand ich sehr erschreckend und brach das Experiment ab. Aber es war wichtig zu wissen, welch mächtiges Instrument Freud da in seinen Händen hatte.

Ihre Serie hat bisweilen gleichfalls einen fast hypnotischen Sog…

Wir haben natürlich versucht, eine sehr intensive Serie zu machen, die ans Eingemachte geht. Und die einen dort berührt, wo eine Serie einen zuvor noch nicht berührt hat. Deswegen sind die Reaktionen auch sehr konträr. Zum einen gibt es ganz großes Lob. Zum anderen reagieren manche Zuschauer sehr aggressiv auf "Freud", weil sie einige brutalen Szenen erschüttert haben.

Wie erschüttert war Netflix von Ihrem Drehbuch? Freigegeben ist die Serie erst ab 16 Jahren.

Netflix ist da ziemlich cool und mutig. Solche gewagten Stoffe werden als passend für die Zielgruppe gesehen. Beim ORF war man etwas besorgter, aber sagte: Das muss ein öffentlich-rechtlicher Sender auch können. Man hat mir viel Freiheit gelassen und ist den ganzen Weg mit mir gegangen. "Freud" war wie eine Carte blanche, weil "4 Blocks" so erfolgreich war. Für dieses Vertrauen bin ich auch etwas ehrfürchtig.

Was halten Sie vom Vergleich mit "Babylon Berlin"?

"Babylon Wien" ist häufig zu hören, das ist auch naheliegend. Ich wollte eine Serie machen über jene Zeit, in der die großen Denker und Künstler Wiens groß geworden sind. Es war die Dämmerung der Donau-Monarchie. Mit pervertierten Moralvorstellungen musste eine junge Generation aufwachsen. Wobei der Keim von Demokratie und Freiheit bereits vorhanden war. Aber alles wurde eben unterdrückt. So entstand ein perfekter Nährboden für Symptome wie Hysterie oder Neurosen.

Zu den pervertierten Moralvorstellungen zählt auch das Verstecken der Homosexualität, das Sie en passant darstellen. Ist weniger oft mehr?

Ich wollte eine Liebe zwischen zwei Soldaten zeigen, die ihre Zuneigung und Leidenschaft im starren Korsett der k.-u.-k.-Armee niemals ausleben können. Da steckt eine unglaubliche Tragik, die mir sehr wichtig war zu erzählen.

Was hat es mit der Szene nackter Männer auf sich, die sich mit Blut beschmieren?

Ich wollte schon immer ein okkultes Ritual verfilmen. War zwar noch nie bei einem dabei, aber kann mir gut vorstellen, dass man dabei nackig ist. Ein lustiges Detail war, dass ich im Nachhinein erst erfahren habe, dass einige der Komparsen Pornodarsteller waren, und einen hat die Szene besonders angetan, so dass man es auch an anderen Körperteilen sehen konnte. Da mussten wir dann kurz pausieren, um alles etwas zu beruhigen. (lacht)

Direktlink | Offizieller Trailer zur Serie

Manche sehen Ihren Freud als Superhelden. Sehen Sie das ähnlich?

Von weitem könnte man unsere Show als cooles Comic beschreiben. Insofern wäre der Antiheld wie ein moderner Superheld mit all seinen Schattenseiten. Tatsächlich ist das jedoch nicht der Fall, unser Freud ist zu menschlich als dass er ein Superheld sein könnte.

Wenn einem beim gejagten Kaiser im nächtlichen Labyrinth "Shining" einfällt, ist das kaum Zufall?

Das sind Dinge, die sich ergeben haben. (lacht) Auf der Suche nach dem geeigneten Showdown von Vater und Sohn entdeckten wir beim Blick aus dem Schloss diesen Irrgarten. Welches bessere Motive könnte es geben? Das Labyrinth ist die perfekte Metapher für das Unbewusste!

In all Ihren Filmen tritt mit Brigitte Kren Ihre Mutter auf, diesmal als Haushälterin Leonore. Was würde Freud dazu sagen?

Vermutlich würde er Ödipus-Komplex sagen. (lacht) Meine Mutter und ich haben ein sehr starke Bindung miteinander. Es ist auch ein Dankeschön dafür, dass sie mir diesen Beruf näher gebracht hat.

Infos zur Serie

Freud. Serie. Österreich 2020. Regie: Marvin Kren: Darsteller. Robert Finster, Ella Rumpf, Georg Friedrich, Brigitte Kren. Acht Episoden à 55 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Untertitel: Englisch (optional). FSK 16. Ab 23. März 2020 auf Netflix