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Argentinien

"Ich hatte solche Angst. Und jetzt ist sie weg"

Mit Sebastián Vega hat sich der erste argentinische Profi-Basketballer als schwul geoutet, "um anderen Sportlern zu helfen, es auch zu tun". Ein Meilenstein – mit ausschließlich positiven Reaktionen.


Sebastián Vega in Aktion: "Ich fühle mich wirklich befreit"

Jetzt hat auch der Basketball seinen offen schwulen Superstar. Der kommt aus Argentinien und inszenierte sein Coming-out nicht groß in den Massenmedien, sondern machte es via Instagram und Co. einfach schnell selbst. "Die Wahrheit ist befreiend", schrieb Sebastián Vega am 10. März in einem Post und veröffentlichte dazu einen Brief an seine Fans, in dem er erzählte, dass er lange mit sich und seiner Sexualität gekämpft habe, nun aber endlich nicht mehr lügen wolle.



Vega wuchs in Gualeguaychu auf, etwa 125 Meilen nördlich von Buenos Aires, einer Gegend, in der Homosexualität lange noch nicht so akzeptiert ist wie in den argentinischen Metropolen. In seinem Coming-out-Brief berichtet der Zwei-Meter-Mann, wie er erst versuchte, eine Frau zu treffen, um ein "heterosexuelles Leben" zu führen, sich im Laufe der Zeit aber seinen Gefühlen für Männer nicht entziehen konnte. "Und dann traf ich denjenigen, der für die nächsten sechs Jahre mein Partner werden sollte."

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Unterstützung von der Familie

Als er diesen Mann traf, beschloss Vega, sich gegenüber seiner Familie zu outen. Der 31-Jährige schreibt, er habe große Angst gehabt, es seinem Vater zu erzählen, weil er immer angenommen habe, dass der ihn dann zu Hause raus schmeißen würde. Zu seiner Überraschung akzeptierten und unterstützten seine Eltern ihn jedoch vollständig: "Sie haben mir gezeigt, dass sich nichts ändern wird, dass die Dinge und ihre Liebe zu mir gleich bleiben. Dass meine sexuelle Orientierung nichts daran ändert, wer ich als Person war (und bin)."

Er habe sich entschlossen, seine Homosexualität nicht weiter zu verstecken, "um anderen Sportlern zu helfen, es auch zu tun", erklärte der Spieler in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Dort beschrieb er auch die Reaktionen nach dem Coming-out: "Ich hatte solche Angst. Und jetzt ist sie weg. Sie behindert mich nicht mehr. Ich fühle mich wirklich befreit. Ich habe gemerkt: Es war lange her, dass ich ohne das riesige Gewicht der Angst auf meinen Schultern durch die Welt gegangen bin."

Kaum Vorbilder für Vega in Argentinien

Obwohl Argentinien vergleichsweise fortschrittliche Gesetze in Bezug auf LGBTI-Rechte hat, bestehen innerhalb der Gesellschaft konservative Einstellungen zu Sexualität und Geschlechtsnormen weiter. "Leider ist Homosexualität im Sport immer noch ein Tabuthema", erklärte Vega. "Es ist sehr schwierig zu sagen, dass du schwul bist. Du sollst männlich und macho sein, um nicht als schwächer als die anderen wahrgenommen zu werden."

Seine Teamkollegen hätten ihn nach seinem Coming-out jedoch komplett unterstützt, so der Basketballer weiter. Einige hätten sich sogar für frühere homophobe Kommentare entschuldigt. "Das Schönste von allem ist, dass sich im Team nichts zum Negativen verändert hat – im Gegenteil, es ist alles viel besser geworden", erklärte er. "Wir haben einen stärkeren Zusammenhalt als vorher." Er bedankte sich auf seinen Social-Media-Kanälen auch für die Unterstützung: "Für die unendlichen Botschaften der Zuneigung und des Respekts, die ich erhalten habe: Danke. Ihr habt mich sehr gerührt."



#1 Julian SAnonym
  • 22.03.2020, 16:33h
  • Genau das ist der entscheidende Punkt:

    Vor dem Outing hat man ständig Angst:

    Angst davor, sich mal zu verplappern oder falsch zu verhalten.

    Angst davor, dass jemand was entdecken oder ahnen könnte.

    Angst davor, dass jemand was ausplappert.

    Angst davor, deswegen erpresst zu werden.

    Angst davor, was nach dem Outing ist.

    Immer nur Angst, Angst, Angst.

    Man mag die verdrängen oder überspielen. Aber irgendwo im Unterbewusstsein ist sie immer latent vorhanden und richtet so viel Schaden an der Seele und Psyche an, was sich aber erst langfristig äußert.

    Nach dem Outing fühlt man sich dann plötzlich frei. Und erst dann merkt man, was man sich vorher alles selbst angetan hat. Und plötzlich ist einem sogar egal, was andere davon halten, weil man merkt, dass das keine Rolle mehr spielt, weil man plötzlich so frei ist, wie noch nie zuvor.

    Und das beste ist: dass die überwältigende Zahl der Anderen das vollkommen okay finden. Weil sie eben einen Menschen nicht nach seiner sexuellen Orientierung beurteilen. Und dann ist das sehr schnell kein Thema mehr.

    Und plötzlich merkt man, wie unsinnig, albern und dumm das ganze Versteckspiel war. Und man bereut jeden einzelnen Tag, den man gewartet hat, weil einem langsam dämmert, was man sich damit selbst angetan hat.
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#2 FinnAnonym
  • 22.03.2020, 16:59h
  • Man tut nicht nur sich selbst etwas gutes, wenn man diese Schmierenkomödie des Verleugnens und Versteckens endlich beendet.

    Sondern das nützt auch anderen. Denn je mehr Leute offen zu sich selbst (und ihrem Partner oder der Partnerin) stehen, desto leichter fällt es anderen auch.

    Und bei Sportlern kommt noch hinzu, dass sie auch eine Vorbildfunktion haben. Fans wollen vor allem eines von ihren Idolen: nicht belogen werden.

    Wenn der schwule Junge oder das lesbische Mädchen weiß, dass ihre Idole auch schwul oder lesbisch sind, haben sie ein ganz anderes Selbstwertgefühl und können z.B. auch Mobbing besser ertragen. Und es wird auch generell weniger Mobbing geben, wenn auch die Heteros sehen, dass ihre Idole auch schwul und lesbisch sind.

    Offen zu sich selbst zu stehen und anderen keine Schmierenkomödie vorzuspielen, ist ein Beispiel wahrer Sportlichkeit und eine Umsetzung sportlicher Ideale. Das sind echte Idole.
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#3 ursus
  • 22.03.2020, 18:58h
  • Antwort auf #1 von Julian S
  • Einem großen Teil deines Kommentars stimme ich zu.

    Ich möchte aber zu bedenken geben, dass es wohl niemandem auf der Welt völlig egal ist bzw. sein kann, was andere von ihm_ihr denken. Es dürfte wahr sein, dass in vielen Fällen die negativen Konsequenzen, die man sich vor einem Coming-Out ausmalt, gar nicht eintreten oder zumindest nicht so dramatisch sind. Das bedeutet aber nicht, dass diesbezügliche Ängste immer völlig unbegründet sind.

    Oder hast du noch nie von Kündigungen, wegbleibenden Verträgen, Rauswürfen aus der Familie, Verlust sozialer Kontakte usw. gehört? Das bilden sich die Betroffenen doch nicht alles nur ein. So etwas kann passieren.

    Ich finde es richtig, zum Coming-Out tendenziell zu ermuntern. Ich finde es aber falsch, die realen Risiken einfach zu leugnen oder sie herunterzuspielen. Jede_r muss diese Risiken selbst einschätzen und gegen die gewonnene Freiheit auf der anderen Seite abwägen. Es ist nicht an Außenstehenden, diese Abwägung vorzunehmen oder zu beurteilen.

    Was wir tun können, und womit ich ganz bei dir bin: Wir können die Vorteile eines Coming-Outs, die die Menschen, die noch vor diesem Schritt stehen, vielleicht nicht sehen können, beschreiben. Das kann helfen.

    Besonders wichtig ist mir aber noch Eines: Wenn jemand im Schrank feststeckt, dann tut er_sie sich das NICHT "selbst an", sondern die heteronormative Gesellschaft. Da wollen wir doch bitte das eigentliche Problem nicht entpolitisieren, die Ursache nicht individualisieren und vor allem nicht die Schuld bei den Opfern suchen.
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#4 LorenProfil
  • 22.03.2020, 20:07hGreifswald
  • Antwort auf #3 von ursus
  • Ich möchte dir beipflichten und ergänzen, dass auch die "Ausgangslage", aus der sich ein Mensch in Richtung eines Coming-Out-Prozesses bewegt (oder auch nicht), individuell verschieden ist. Ich wurde beispielsweise in meiner Kindheit mit Handlungen anderer konfrontiert, die ich als traumatisierend umschreiben möchte, ohne sie hier explizit näher zu erläutern. Das erleichterte mir nicht gerade den Aufbau von Vertrauen in andere, sondern ich musste an mir und mit anderen daran arbeiten, erstmal eine Grundlage für ein Coming-Out zu legen (was sehr vereinfacht formuliert ist, da der Weg ein schmerzlicher war). Ich habe für mich aus eigenen Erfahrungen den Schluss gezogen, mich Be-oder Verurteilungen anderer bezüglich ihres Coming-Outs zu enthalten und mich auf Zuhören und möglichst empathisches Handeln zu konzentrieren, sofern das gewünscht ist. Und wenn es nicht gewünscht ist, dies zu respektieren. Die "Zumutbarkeitsgrenze" eines Menschen zu einem gegebenen Zeitpunkt ist eine individuelle und vom Individuum selbst zu bestimmende, wobei jedes Individuum (hoffentlich) entwicklungsfähig ist.
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#5 Homonklin_NZAnonym
  • 22.03.2020, 20:39h
  • Antwort auf #1 von Julian S
  • ""Und das beste ist: dass die überwältigende Zahl der Anderen das vollkommen okay finden. Weil sie eben einen Menschen nicht nach seiner sexuellen Orientierung beurteilen. Und dann ist das sehr schnell kein Thema mehr.""

    Zu schön, wenn das allgemeingültig wäre. Für manche kann diese Traumwelt wohl irgendwo stattfinden. Hinter den ganzen tollen Berichten fallen die, bei denen das alles andere als positiv ablief, hinter die gern ausgeblendete Ablage.

    Wenn man sich dann nach mehreren solchen Erfahrungen zum Schweigen durchringt, muss das ebengleich toleriert sein. Und das, ohne die Leute alle als "Lügner" darzustellen, weil sie über etwas nichts sagen, das ehestens ihre Beischlafpartner was angeht.
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#6 ursus
  • 22.03.2020, 23:06h
  • Antwort auf #4 von Loren
  • Es wären noch viele Faktoren zu nennen, die alle individuell berücksichtigt werden müssen. Neben der psychischen Grundkonstitution und prägenden Vorerfahrungen (bei mir war beides auch eher suboptimal) finde ich vor allem auch die Frage sehr wichtig, auf welche sozialen, finanziellen usw. Ressourcen jemand zurückgreifen kann, der_die sich zum Coming-Out entscheidet - oder eben dagegen.

    Sind da eine oder mehrere Personen, die mich emotional auffangen, wenn alles schief geht, oder stehe ich dann alleine da? Kann ich bei jemandem wohnen, wenn meine Eltern total durchdrehen oder mich vor die Tür setzen? Überstehe ich eine Zeit ohne Einkommen?

    Verschiedene Menschen stehen da u. U. vor so völlig verschiedenen Herausforderungen, dass sich pauschale Empfehlungen für mich verbieten.

    So habe ich es übrigens auch in der Beratungsarbeit gelernt: Patentrezepte möglichst gründlich aus dem Kopf schlagen. Um Himmels Willen nicht gleich mit Ratschlägen draufpatschen, sondern vor allem ergebnisoffen zuhören und die individuelle Situation detailliert klären. Für den eigenen Weg muss jede_r selbst Experte sein.
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#7 LorenProfil
  • 23.03.2020, 00:57hGreifswald
  • Antwort auf #6 von ursus
  • "Für den eigenen Weg muss jede_r selbst Experte sein."

    ... oder sich auf den womöglich beschwerlichen Weg begeben können, es selbstbestimmt zu werden. Da ist es nach meiner Erfahrung wichtig, dass mindestens eine Person einfach "da" ist (ohne zu bedrängen; ohne es besser zu wissen, aber vielleicht aufgrund der Lebenserfahrung ein Spektrum an Möglichkeiten der Problemlösung in petto zu haben, wenn dies gewünscht wird; ohne sich im Sinne eines "Helfersyndroms" zu wichtig zu nehmen, aber den Moment als wichtigen zu begreifen ...).

    In meiner Zeit als Förderschullehrer für die ca. 1%, die statistisch als nicht mehr beschulbar galten, hat es Kolleg*innen irritiert, dass meine Schüler*innen meine Telefonnummer hatten um mich in Notfällen jederzeit erreichen zu können. Tatsächlich habe ich nie erlebt, dass dies zu Telefonstreichen genutzt wurde, wie mir Kolleg*innen prophezeiten, sondern nur dann, wenn die Hütte brannte. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass ein Anruf gekommen wäre und ich nicht ins Krankenhaus nach einem Suizidversuch bestellt worden wäre (obwohl ich selbst erlebt habe, dass es Augenblicke oder Phasen vollkommener Hoffnungslosigkeit gibt). Aber auch dann galt für mich: Keine unerwünschten Fragen stellen, keine Besserwisserei. Einfach "da" sein und wenn möglich einen Beitrag dazu leisten, dass langsam neuer Lebensmut wachsen kann. Ich kenne einige dunklere Ecken eines möglichen Erfahrungsraumes bestens und habe erlebt (und erlebe manchmal noch heute, da Vergangenes in die Gegenwart wirken kann), wie es sich dort anfühlen kann, bin aber immer noch "da" und kann die heiteren Momente des Lebens ausgiebig genießen. Das hat wohl manchmal geholfen, dass auch die mir Anvertrauten den Lichtschalter im Dunklen gefunden haben. Hoffentlich.
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#8 LorenProfil
  • 23.03.2020, 01:30hGreifswald
  • Antwort auf #6 von ursus
  • P.S.

    " ... finde ich vor allem auch die Frage sehr wichtig, auf welche sozialen, finanziellen usw. Ressourcen jemand zurückgreifen kann, der_die sich zum Coming-Out entscheidet - oder eben dagegen."

    Es gibt leider Menschen, deren Ressourcen diesbezüglich äußerst schmal sind und die schnell mal übersehen werden, wenn von zu weit oben hinuntergeblickt wird. Seit ich mein Elternhaus verlassen habe, habe ich immer dort gelebt, wo viele Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen (wenn überhaupt) leben (zur Zeit in einer Plattenbausiedlung) und wo schwierige Lebensverhältnisse auch die sozialen Beziehungen belasten können in einem Land, in dem sich zu oft jede Person selbst der/die nächste ist (wobei es nicht das Land ist, sondern das soziokulturelle Klima, dass Menschen leider zu oft an ihrem monetären Vermögen misst und nicht an ihrem ideellen). Belastungsfaktoren wie fehlende finanzielle Resourcen und instabile soziale Beziehungen sind für ein möglichst selbstbestimmtes Leben Gift, so meine Hypothese. Da kann auch ein vielleicht denkbarer Ausweg wie das Verlassen der gewohnten Umgebung geradewegs in eine kriminelle Karriere oder auf den Strich führen (wie ich gelegentlich in anderem Zusammenhang erlebt habe). Leider sehe ich da auch keine einfachen Lösungen oder Patentrezepte. Wer welche weiß, ist hochwillkommen.
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#9 ursus
  • 23.03.2020, 13:23h
  • Antwort auf #8 von Loren
  • "Belastungsfaktoren wie fehlende finanzielle Resourcen und instabile soziale Beziehungen sind für ein möglichst selbstbestimmtes Leben Gift, so meine Hypothese."

    Ich weiß nicht, ob es dazu sogar Studien gibt, aber das scheint mir doch extrem plausibel. Deswegen reagiere ich manchmal auch etwas gereizt auf "jede_r sollte doch einfach nur..."-Ratschläge. Es gibt nun mal Situationen, in denen kaum etwas "einfach" ist. Ich weiß das aus Beobachtung und aus eigener Erfahrung.

    Statt Menschen, die sich ein Coming-Out nicht zutrauen, zu beurteilen, halte ich es für zielführender, gemeinsam dafür zu sorgen, dass Selbstbestimmung auch unter erschwerten Bedingungen etwas leichter wird.

    Ein guter erster Schritt besteht mMn darin, dass wir uns an unsere eigenen inneren Kämpfe erinnern. Mir scheint, dass viele von uns dazu neigen, diese nach erfolgreichem Coming-Out zu verdrängen.
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#10 ursus
  • 23.03.2020, 13:30h
  • Antwort auf #7 von Loren
  • "dass mindestens eine Person einfach "da" ist"

    Genau darum geht es. Allein das Wissen und Vertrauen, dass zumindest eine solche Person existiert, ändert die Welt. Ich glaube, das gilt wirklich für uns alle.
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