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Argentinien

"Ich hatte solche Angst. Und jetzt ist sie weg"

Mit Sebastián Vega hat sich der erste argentinische Profi-Basketballer als schwul geoutet, "um anderen Sportlern zu helfen, es auch zu tun". Ein Meilenstein – mit ausschließlich positiven Reaktionen.


Sebastián Vega in Aktion: "Ich fühle mich wirklich befreit"

  • Von Paul Schulz
    22. März 2020, 14:20h 10 3 Min.

Jetzt hat auch der Basketball seinen offen schwulen Superstar. Der kommt aus Argentinien und inszenierte sein Coming-out nicht groß in den Massenmedien, sondern machte es via Instagram und Co. einfach schnell selbst. "Die Wahrheit ist befreiend", schrieb Sebastián Vega am 10. März in einem Post und veröffentlichte dazu einen Brief an seine Fans, in dem er erzählte, dass er lange mit sich und seiner Sexualität gekämpft habe, nun aber endlich nicht mehr lügen wolle.



Vega wuchs in Gualeguaychu auf, etwa 125 Meilen nördlich von Buenos Aires, einer Gegend, in der Homosexualität lange noch nicht so akzeptiert ist wie in den argentinischen Metropolen. In seinem Coming-out-Brief berichtet der Zwei-Meter-Mann, wie er erst versuchte, eine Frau zu treffen, um ein "heterosexuelles Leben" zu führen, sich im Laufe der Zeit aber seinen Gefühlen für Männer nicht entziehen konnte. "Und dann traf ich denjenigen, der für die nächsten sechs Jahre mein Partner werden sollte."

Unterstützung von der Familie

Als er diesen Mann traf, beschloss Vega, sich gegenüber seiner Familie zu outen. Der 31-Jährige schreibt, er habe große Angst gehabt, es seinem Vater zu erzählen, weil er immer angenommen habe, dass der ihn dann zu Hause raus schmeißen würde. Zu seiner Überraschung akzeptierten und unterstützten seine Eltern ihn jedoch vollständig: "Sie haben mir gezeigt, dass sich nichts ändern wird, dass die Dinge und ihre Liebe zu mir gleich bleiben. Dass meine sexuelle Orientierung nichts daran ändert, wer ich als Person war (und bin)."

Er habe sich entschlossen, seine Homosexualität nicht weiter zu verstecken, "um anderen Sportlern zu helfen, es auch zu tun", erklärte der Spieler in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Dort beschrieb er auch die Reaktionen nach dem Coming-out: "Ich hatte solche Angst. Und jetzt ist sie weg. Sie behindert mich nicht mehr. Ich fühle mich wirklich befreit. Ich habe gemerkt: Es war lange her, dass ich ohne das riesige Gewicht der Angst auf meinen Schultern durch die Welt gegangen bin."

Kaum Vorbilder für Vega in Argentinien

Obwohl Argentinien vergleichsweise fortschrittliche Gesetze in Bezug auf LGBTI-Rechte hat, bestehen innerhalb der Gesellschaft konservative Einstellungen zu Sexualität und Geschlechtsnormen weiter. "Leider ist Homosexualität im Sport immer noch ein Tabuthema", erklärte Vega. "Es ist sehr schwierig zu sagen, dass du schwul bist. Du sollst männlich und macho sein, um nicht als schwächer als die anderen wahrgenommen zu werden."

Seine Teamkollegen hätten ihn nach seinem Coming-out jedoch komplett unterstützt, so der Basketballer weiter. Einige hätten sich sogar für frühere homophobe Kommentare entschuldigt. "Das Schönste von allem ist, dass sich im Team nichts zum Negativen verändert hat – im Gegenteil, es ist alles viel besser geworden", erklärte er. "Wir haben einen stärkeren Zusammenhalt als vorher." Er bedankte sich auf seinen Social-Media-Kanälen auch für die Unterstützung: "Für die unendlichen Botschaften der Zuneigung und des Respekts, die ich erhalten habe: Danke. Ihr habt mich sehr gerührt."

-w-

#1 Julian SAnonym
  • 22.03.2020, 16:33h
  • Genau das ist der entscheidende Punkt:

    Vor dem Outing hat man ständig Angst:

    Angst davor, sich mal zu verplappern oder falsch zu verhalten.

    Angst davor, dass jemand was entdecken oder ahnen könnte.

    Angst davor, dass jemand was ausplappert.

    Angst davor, deswegen erpresst zu werden.

    Angst davor, was nach dem Outing ist.

    Immer nur Angst, Angst, Angst.

    Man mag die verdrängen oder überspielen. Aber irgendwo im Unterbewusstsein ist sie immer latent vorhanden und richtet so viel Schaden an der Seele und Psyche an, was sich aber erst langfristig äußert.

    Nach dem Outing fühlt man sich dann plötzlich frei. Und erst dann merkt man, was man sich vorher alles selbst angetan hat. Und plötzlich ist einem sogar egal, was andere davon halten, weil man merkt, dass das keine Rolle mehr spielt, weil man plötzlich so frei ist, wie noch nie zuvor.

    Und das beste ist: dass die überwältigende Zahl der Anderen das vollkommen okay finden. Weil sie eben einen Menschen nicht nach seiner sexuellen Orientierung beurteilen. Und dann ist das sehr schnell kein Thema mehr.

    Und plötzlich merkt man, wie unsinnig, albern und dumm das ganze Versteckspiel war. Und man bereut jeden einzelnen Tag, den man gewartet hat, weil einem langsam dämmert, was man sich damit selbst angetan hat.
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#2 FinnAnonym
  • 22.03.2020, 16:59h
  • Man tut nicht nur sich selbst etwas gutes, wenn man diese Schmierenkomödie des Verleugnens und Versteckens endlich beendet.

    Sondern das nützt auch anderen. Denn je mehr Leute offen zu sich selbst (und ihrem Partner oder der Partnerin) stehen, desto leichter fällt es anderen auch.

    Und bei Sportlern kommt noch hinzu, dass sie auch eine Vorbildfunktion haben. Fans wollen vor allem eines von ihren Idolen: nicht belogen werden.

    Wenn der schwule Junge oder das lesbische Mädchen weiß, dass ihre Idole auch schwul oder lesbisch sind, haben sie ein ganz anderes Selbstwertgefühl und können z.B. auch Mobbing besser ertragen. Und es wird auch generell weniger Mobbing geben, wenn auch die Heteros sehen, dass ihre Idole auch schwul und lesbisch sind.

    Offen zu sich selbst zu stehen und anderen keine Schmierenkomödie vorzuspielen, ist ein Beispiel wahrer Sportlichkeit und eine Umsetzung sportlicher Ideale. Das sind echte Idole.
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#3 ursusEhemaliges Profil
  • 22.03.2020, 18:58h
  • Antwort auf #1 von Julian S
  • Einem großen Teil deines Kommentars stimme ich zu.

    Ich möchte aber zu bedenken geben, dass es wohl niemandem auf der Welt völlig egal ist bzw. sein kann, was andere von ihm_ihr denken. Es dürfte wahr sein, dass in vielen Fällen die negativen Konsequenzen, die man sich vor einem Coming-Out ausmalt, gar nicht eintreten oder zumindest nicht so dramatisch sind. Das bedeutet aber nicht, dass diesbezügliche Ängste immer völlig unbegründet sind.

    Oder hast du noch nie von Kündigungen, wegbleibenden Verträgen, Rauswürfen aus der Familie, Verlust sozialer Kontakte usw. gehört? Das bilden sich die Betroffenen doch nicht alles nur ein. So etwas kann passieren.

    Ich finde es richtig, zum Coming-Out tendenziell zu ermuntern. Ich finde es aber falsch, die realen Risiken einfach zu leugnen oder sie herunterzuspielen. Jede_r muss diese Risiken selbst einschätzen und gegen die gewonnene Freiheit auf der anderen Seite abwägen. Es ist nicht an Außenstehenden, diese Abwägung vorzunehmen oder zu beurteilen.

    Was wir tun können, und womit ich ganz bei dir bin: Wir können die Vorteile eines Coming-Outs, die die Menschen, die noch vor diesem Schritt stehen, vielleicht nicht sehen können, beschreiben. Das kann helfen.

    Besonders wichtig ist mir aber noch Eines: Wenn jemand im Schrank feststeckt, dann tut er_sie sich das NICHT "selbst an", sondern die heteronormative Gesellschaft. Da wollen wir doch bitte das eigentliche Problem nicht entpolitisieren, die Ursache nicht individualisieren und vor allem nicht die Schuld bei den Opfern suchen.
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