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Heimquarantäne

Zehn queere Comics, die die Welt ein wenig bunter machen

Damit euch während Corona nicht langweilig wird, empfehlen wir zehn Comics, mit denen man im Sitzen oder Liegen aus den eigenen vier Wänden fliehen und die große weite Welt entdecken kann.


Rauschende schwule Liebesgeschichte: Ausschnitt aus dem Cover von "Try"

Comics sind nichts für Erwachsene, richtig? Falsch! Es wird momentan darum gebeten, dass wir uns nur mit wenigen Menschen umgeben und hauptsächlich zu Hause aufhalten. Das Leben sollte nur zwischen Sofa, Kühlschrank, Balkon und Badewanne stattfinden. Der ideale Zeitpunkt, um lesend und staunend alte Vorurteile über Comics auszuräumen. Hier sind zehn queere Möglichkeiten dafür:

Noelle Stevenson: Nimona

Für "Nimona" war Noelle Stevenson im Erscheinungsjahr des US-Originals, 2015, für Dutzende von Comic-Preisen nominiert und gewann viele davon auch. Das Buch ist aber auch märchenhaft gut! Dabei ist die Welt, die hier gebaut wird, nicht ganz das, was man etwa von Grimms Märchen erwarten würde. Und die Heldin ist das auch nicht. Die enthusiastische, etwas aufdringliche Teenagerin Nimona steht eines Tages unerwartet im Schlupfwinkel von Erzbösewicht Ballister Blackheart, der gerade seinem Freund hinterhertrauert, um sich ihm als Sidekick anzudienen. Ihre Begeisterung für seine schurkischen Pläne ist eine Sache, aber was ihn letztlich überzeugt, ist eine andere Eigenschaft von ihr: Sie ist eine Gestaltwandlerin. Das weckt unweigerlich auch das Interesse des Instituts für Recht und Ordnung und Heldentum, und damit geraten alsbald die Verhältnisse im Märchenreich nachhaltig ins Wanken. Stevenson nutzt das Gestaltwandler-Motiv geschickt, um mit Genre-Stereotypen zu spielen und zu zeigen, wie albern sie sind. Herrlich!

Howard Cruse: Stuck Rubber Baby


Ein Schwuler kämpft gegen Rassenhass: "Stuck Rubber Baby"

"Stuck Rubber Baby" machte seinen Autor Howard Cruse Anfang der Neunzigerjahre schlagartig weltberühmt und trug sehr dazu bei, dass das Genre "Graphic Novel" plötzlich in aller Munde war und sehr ernst genommen wurde. Cruse erzählt von Toland Polk, der im Jahr 1963 in eine Gruppe freidenkender Künstler*innen und Aktivist*innen gerät, die nicht nur Polks Leben von Grund auf verändern werden. Denn sie sind Teil der US-Bürgerrechtsbewegung. Die kümmert sich um Feminismus, Antirassismus und gesellschaftlichen Fortschritt, aber Howard hat ein großes Geheimnis, mit dem er sich herumschlägt und das unbedingt an die Oberfläche will. Aber, wie gesteht man sich Anfang der Sechziger erst mal selbst – und dann anderen – ein, dass man auf Kerle steht? "Stuck Rubber Baby" wurde vor zehn Jahren toll neu übersetzt und ist ein großes, schönes Leseerlebnis. (Buchkritik auf queer.de)

George Takei: They Called Us Enemy – Eine Kindheit im Internierungslager

Ein dunkles Kapitel der US-Geschichte: In dieser beeindruckenden Graphic Novel schildert "Star Trek"-Star und LGBTI-Aktivist George Takei seine Erlebnisse in jenen Internierungslagern, die von den USA im Zweiten Weltkrieg für den Teil der Bevölkerung mit japanischen Wurzeln eingerichtet wurden. Die Welt des vierjährigen George verändert sich von einem Moment auf den anderen, als sich eines Morgens sein Heimatland im Krieg mit dem seines Vaters befindet. Sind in der eigenen Familie plötzlich Feinde? Ein großes, tolles Buch über Rassismus, in dem Takeis queere Zukunft an einigen Stellen zärtlich angedeutet wird. "They Called Us Enemy" kann man im Moment noch nur in Englisch genießen, die deutsche Ausgabe erscheint am 13. Mai.

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster

Emil Ferris' Debüt ist so gut, dass selbst Großmeister*innen der Comicwelt in Staunen verfielen. Art Spiegelmann nannte es eine "Genrerevolution", Alison Bechdel sprach von einem "Monster von einem Buch". Erzählt wird von der zehnjährigen Karen Reyes und ihrem Skizzenbuch. Sie liebt das Andersartige, Abweichende, Verfolgte, weil sie sich in ihrer Kindheit im Chicago der Sechzigerjahre in ihm wiedererkennt. Ein kindlicher Freak, der sich zu anderen Freaks hingezogen fühlt. Wie autobiografisch das ist, erkennt man, wenn man sich Ferris genauer betrachtet: Sie ist 59 Jahre alt und genderfluid, eine Wandlerin zwischen den Welten und verabscheut Normen jeder Art. Das macht ihr Buch zu einem berauschenden, unfassbar schönen und sehr poetischen Fest des Andersseins.

Ella Frank: Try

"Try" ist das einzige noch nicht übersetzte Werk in dieser Liste. Gehört hier aber rein, weil es sooooo schön ist. Ja, ein bisschen kitschig ist die Geschichte auch, aber Ella Frank und ihre Illustratorin Sarah Chreene haben zwei Jahre an diesem, erst im Februar erschienenen, luxuriösen Band gearbeitet, und das sieht man auch. Er steckt voller Liebe zum erotischen Detail. Die beiden Frauen tun etwas, das Frauen in den letzten zehn Jahren, zum Beispiel in der Fan Fiction, sehr gern tun: Sie erzählen eine rauschende, schwule Liebesgeschichte, hier über Logan und Tate. Logan verliebt sich eigentlich nie, und Tate hatte noch nie was mit Männern. Aber was passiert, wenn sie es einfach mal miteinander versuchen? Dieser Versuch ist das "Try" des Titels und sieht verdammt gut aus.

Julie Maroh: Blau ist eine warme Farbe


Berührende lesbische Coming-out-Geschichte: "Blau ist eine warme Farbe"

Dass der französische Filmhit über eine große, lesbische Liebe eine Comicverfilmung ist, wissen nicht viele, dabei ist das Buch von Julie Maroh mit der Grund dafür, warum der Film mit so poetischen Bildern aufwarten konnte und eine so wahnsinnig schöne Geschichte erzählt: Das Leben von Clementine kippt an dem Tag, als sie Emma trifft, eine junge Frau mit blauen Haaren, die sie alle Facetten der Lust entdecken lässt und ihr ermöglicht, sich dem Blick der anderen zu stellen. Die ebenso sanfte wie tragische und mit autobiografischen Elementen versehene Coming-out-Geschichte über Clementine und Emma, die miteinander eine Liebesbeziehung eingehen und deswegen den homophoben Attacken ihrer Umwelt ausgesetzt sind, ist genreübergreifend großartig. Und wer den Film von 2013 genossen hat, wird das auch mit der Vorlage von 2011 tun. Die in Angoulême lebende Schöpferin der Vorlage erhielt für ihre Graphic Novel-Debüt bereits im Erscheinungsjahr den Prix du Public auf dem berühmten Festival der Stadt. (Buchkritik auf queer.de)

Alison Bechdel: Fun Home

Was kann man über "Fun Home" noch sagen? Das autobiografische Meisterwerk ist die meistgepriesene Graphic Novel der letzten zehn Jahre, längst auch als Musical ein Welthit und bald ein Film. Wir können es kaum erwarten, uns weiter überraschen zu lassen. Denn zu rechnen war, sieht man sich die Handlung an, mit nichts davon. In "Fun Home" erzählt Alison Bechdel die Geschichte ihres verstorbenen, schwulen Vaters und wie sie in der Auseinandersetzung mit seinem Suizid zu sich selbst gefunden hat. Übersetzt wurde das Buch von niemand Geringerem als Literaturpapst Denis Scheck, weil auch der so begeistert war. Für Queerlinge, die immer noch glauben, Comics wären kein ernst zu nehmendes literarisches Genre, ist "Fun Home" ideale Einstiegsdroge und der perfekte Gegenbeweis in einem.

Reinhard Kleist: Knock Out!

"Knock Out!" ist die Geschichte davon, wie ein schwuler Mann einen anderen Mann totschlägt, weil er ihn homophob beleidigt hat. Im Boxring. Vor Publikum. Und sie ist wahr. Dieser Mann war Boxweltmeister Emile Griffith, der in Reinhard Kleists neuestem Streich sagt: "Wie seltsam das ist… Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Hingegen, ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde, die mich zu einem schlechten Menschen macht. Wenn ich auch nicht im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein ganzes Leben lang eingesperrt." Kleist hat sich in seiner neuen Graphic Novel eines großen, schwierigen Themas angenommen und stemmt es mit Bravour. Das berührende Porträt des schwulen Sportlers, der das sein will, aber nicht kann und deswegen im wahrsten Sinne des Wortes wild um sich schlägt, bis es geht, berührt tief und schreit nach einer Verfilmung. (Buchkritik aud queer.de)

Gengoroh Tagame: Der Mann meines Bruders

Gengoroh Tagames Bilder sind längst weltberühmt und dieser kleine, feine Comicroman ist es auch. Wer ihn nicht kennt, sollte das jetzt ändern! Der überraschende Besuch von Onkel Mike in einem beschaulichen japanischen Städtchen entzückt seine Nichte Kana, wirft den alleinerziehenden Vater Yaichi aber vollends aus den wohlgeordneten Bahnen seines Lebens. Denn der Kanadier Mike Flanagan ist der hinterbliebene Ehemann von Yaichis verstorbenen Zwillingsbruder Ryoji, der als Erwachsener die Akzeptanz seiner Sexualität im Ausland suchte. Mike will mit seinem Besuch endlich die japanische Verwandschaft kennenlernen und seine Trauer um Ryoji teilen, während Yaichi sich gedanklich seinem Zwillingsbruder erst wieder annähern muss. Hat er damals seinen Bruder genügend unterstützt, als der ihm seine Homosexualität gebeichtet hat? Tagames unkonventionelle Familiengeschichte hat inzwischen vier Bände, die voll sind von entzückenden Ideen und einer tiefen Menschlichkeit. (Buchkritik auf queer.de)

Ralf König: Herbst in der Hose

Natürlich wäre diese Liste ohne den Meister des deutschen, queeren Comics nicht komplett. Ralf König schreibt und zeichnet jetzt seit 30 Jahren unsere Geschichte und hat sich dabei längst ein nationales und internationales Millionenpublikum erarbeitet. In "Herbst in der Hose" treffen wir sein liebstes Paar wieder: Konrad und Paul sind zurück! Dabei passiert ausgerechnet Paul gerade eine Tragödie: Er wird älter. Das ist mit 48 keine Überraschung, aber das Nachlassen der Steh- und Sehkraft, die grauen Haare und die Stimmungsschwankungen können besonders schwule Männer vor sehr lustige Herausforderungen stellen. Während das Humorlevel steigt, sinkt der Testosteronspiegel ins Bodenlose. "Herbst in der Hose" ist Königs bislang reifstes und mitfühlendstes Alterswerk. Die Verfilmung von "Der bewegte Mann" mit Til Schweiger war sehr schön, aber das hier würde einen wunderbaren Streifen über das reale schwule Leben jenseits der 40 abgeben! (Buchkritik auf queer.de)

Noch ein Hinweis: Die queeren Buchläden sind ein unersetzbarer Teil der Community in Deutschland und bieten während der Corona-Krise versandkostenfreie Lieferung bis zur Wohnungstür an. Kauft eure Bücher bitte dort, auch online, um sie zu unterstützen. Es darf gehamstert werden – zum Beispiel bei Eisenherz.



#1 Mo_SydneyAnonym
  • 23.03.2020, 15:33h
  • Hallo liebe Redaktion,

    vielen lieben Dank für diese wunderbare Liste, die mir ausgesprochen gut gefällt! :-)

    Einen einzigen Kritikpunkt habe ich: Weshalb habt ihr im Abschnitt über "Fun Home" Alison Bechdels Lesbischsein unerwähnt gelassen?

    Ich wünsche mir auch in dieser Hinsicht lesbische Sichtbarkeit! Bitte macht doch kurz deutlich, dass es in "Fun Home" nicht nur um das Schwul(bzw. Bi-)sein von Bechdels Vater, sondern genauso auch um Alisons Homosexualität ging. :-) Vielen Dank, und bleibt gesund!
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