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Cricket, Latein und Christopher

Als man schwule Streber auf die indische Teeplantage schickte

In seinem Roman "Fielding Gray" hat der britische Schriftsteller Simon Raven seine Erfahrungen als homosexuelles Latein- und Cricket-Ass auf einer Privatschule für Jungen in den Fünzigerjahren verarbeitet.


Der britische Schriftsteller Simon Raven (1927-2001) wurde insbesondere für seinen zehnbändigen Romanzyklus "Almosen für das Vergessen" (Alms for Oblivion) bekannt
  • Von Fabian Schäfer
    26. März 2020, 07:44h, noch kein Kommentar

Eine englische Privatschule für Jungen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg muss ein besonderer Ort gewesen sein. Denn da kann ein Fielding Gray, der lateinische Gedichte übersetzt wie andere Kartoffeln schälen und am liebsten Professor werden würde, zum Star der ganzen Schule aufsteigen. Nicht nur das: Er ist auch noch ein begnadeter Cricket-Spieler (was hierzulande wohl einem Top-Fußballstürmer gleichkäme) und von einer unbeschreiblichen Schönheit. Er ist der unangefochtene Star der Schule. Das weiß der Teenager auch.

Er verguckt sich in Christopher Roland, und der fühlt ähnlich. Die beiden beginnen eine Affäre und treffen sich im etwas abgelegenen alten Heuschober, wo der forsche Fielding ihn verführt. Eine Nacht, die Konsequenzen hat, denn die steigende Zuneigung bleibt den Schulkameraden nicht verborgen. Es entstehen Gerüchte, und sein Konkurrent Somerset Lloyd-James weiß, wie er die nutzen kann.

Der Vater hat ganz andere Pläne für den Sohn


"Fielding Gray" ist im Berliner Elfenbein Verlag erschienen

Damit wäre der erste Konflikt schon mal klar. Dazu kommt, dass Fielding Grays Vater ganz andere Pläne für seinen Sohn hat. Latein und Griechisch galten anscheinend schon vor 70 Jahren als brotlose Kunst. Der Vater, ein "unerbittlich schikanöser Tyrann", wie ihn Fielding beschreibt, will ihn also auf eine indische Teeplantage schicken, um was Richtiges zu machen. Klar, dass sein Sohn wenig bis gar nichts davon hält.

"Fielding Gray" des Briten Simon Raven (1927-2001) aus dem Jahre 1967 ist der Auftakt des zehnbändigen "Almosen fürs Vergessen"-Romanzyklus, der erstmals ins Deutsche übersetzt wurde – und wird. In Großbritannien ist es der vierte Band, doch der Chronologie wegen erscheint er in Deutschland zuerst. Halbjährlich folgen nun die neun weiteren Romane, die alle über sich überschneidende Personen lose miteinander verbunden, aber in sich abgeschlossen sind.

"Kinderkram" oder lieber das "Lotusreich der weiblichen Lenden"?

Autor Simon Raven war ungemein produktiv, er schrieb neben dem Romanzyklus zahlreiche Werke fürs Theater sowie Drehbücher fürs Fernsehen. In Deutschland bislang nahezu unbekannt, schieden sich in Großbritannien schon immer die Geister an seinem Werk, wie Übersetzerin Sabine Franke in ihrem ausführlichen Nachwort nachzeichnet. Und er verarbeitet in "Fielding Gray" seine eigene Schulzeit, Simon Raven hat nicht wenige Ähnlichkeiten zum aufmüpfigen, klugen, aber auch durchtriebenen Fielding.

Der Roman soll eine Satire sein auf die obere Mittelklasse der Nachkriegszeit, was er ohne Zweifel ist, wenn Fielding ziemlich spät und unfreiwillig ein "Gespräch mit einem Mitglied der Unterschicht" führt und "keinen Schimmer hatte, wie ich es fortführen soll." Doch er ist auch die Geschichte einer Leidenschaft, einer jugendlichen Erweckung der Gefühle, ein Coming-of-Age-Roman. Und der gleichzeitigen Abwehr derselben, die das als "Kinderkram" abtut.

Fielding findet, er könne dann doch langsam "zu Höherem aufsteigen" – nämlich ins "Lotusreich der weiblichen Lenden". Tut er auch, der Draufgänger, in einer Geisterbahn.

Dass Peter, dem Fielding sich wegen der Sache mit Christopher anvertraut, aufgeklärt-modern reagiert, ihn beruhigt und gleichzeitig ermahnt, ist für die Zeit ziemlich erstaunlich. Es sei nicht "das, was zwei Jungs privat miteinander anstellen, was ihnen dauerhaft schadet, sondern der hysterische Aufruhr, der losgeht, wenn sie dabei erwischt werden", erklärt er, und klingt dabei ziemlich genau wie Magnus Hirschfeld.

Ein scharfsinniges Portrait seiner Zeit

Simon Raven beweist mit "Fielding Gray" einen sehr feinen, unterschwelligen Stil, der einem die Gefühlswelt seines Hauptprotagonisten näherbringt – auch wenn der fast mit jeder Seite unsympathischer und eigennütziger wird. Gleichzeitig überschlagen sich irgendwann die Ereignisse so sehr, dass selbst Soapschreiber davon Abstand nehmen würden. Da fühlt sich der Roman an wie ein Fünfzigerjahre-Melodrama in Technicolor: Sehr intensiv, zweifellos spannend, aber melodramatisch fast bis zum Bersten aufgeladen und zu künstlich.

Da folgt ein Todesfall auf den nächsten, die Zufälle sind zu zufällig, die Wendungen zu unerwartet, und das Netz der Intrigen, Affären, Exzesse und Beleidigungen wird immer dichter – aber auch unterhaltsam. Dazu kommen mit Fachjargon gespickte, seitenlange Beschreibungen vom Cricketspiel, Pferderennen und Golfturnier.

Und doch, sieht man darüber hinweg (oder lässt man sich davon sogar faszinieren), steckt in "Fielding Gray" ein erstaunliches, durchaus scharfsinniges Portrait einer Zeit, ihrer Elite und ihres Denkens – das auch noch ungemein davon profitiert, dass es eindeutige reale Vorbilder gibt, wie im Nachwort erläutert wird. Ja, zugegeben, eigentlich möchte man schon wissen, wie es weitergeht – und warum Fielding doch kein Professor geworden ist.

Infos zum Buch

Simon Raven: Fielding Gray. Roman. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Sabine Franke. Gebundene Ausgabe. 264 Seiten. Elfenbein Verlag. Berlin 2020. 22 €. ISBN 978-3-96160-013-7