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Interview

"Viele schwule Missbrauchsopfer haben sich umgebracht"

Regisseur François Ozon über seinen Film "Gelobt sei Gott", der jetzt auf DVD und Blu-ray erhältlich ist, und wie es zu dieser scharfen künstlerischen Abrechnung mit der katholischen Kirche kam.


Szene aus "Gelobt sei Gott": François Ozon hat für seinen fiktionalen Film die realen Ereignisse um den Missbrauchsskandal in Lyon verarbeitet (Bild: Pandora Film)

François Ozon gehört nicht nur zu den fleißigsten und erfolgreichsten Regisseuren Frankreichs, er ist auch einer der vielseitigsten. "Gelobt sei Gott", sein 18. Spielfilm seit 1998, ist ein sehr ernstes, aufwühlendes, aber fast sprödes Drama über Missbrauch in der katholischen Kirche – und könnte damit nicht weiter entfernt sein von den beiden Vorgängern, dem schwarzweißen Liebesdrama "Frantz" und dem Erotikthriller "Der andere Liebhaber".

Anlässlich des Films, der 2019 auf der Berlinale den Großen Preis der Jury gewann und nun auf DVD und Blu-ray erscheint, trafen wir den schwulen Filmemacher, dessen Werk auch so unterschiedliche Filme wie die Fassbinder-Adaption "Tropfen auf heiße Steine", "8 Frauen", "Swimming Pool", das HIV-Drama "Die Zeit, die bleibt" und die Crossdressing-Geschichte "Eine neue Freundin" umfasst, zum Interview.

Ozons nächster Film "Eté 1984" ist übrigens längst im Kasten und wird noch in diesem Jahr Premiere feiern.

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François Ozon im Jahr 2012 (Bild: Georges Biard / wikipedia)

Monsieur Ozon, ursprünglich wollten Sie eine Dokumentation über das Thema drehen. Warum wurde es am doch ein Spielfilm?

Zum ersten Mal in meinen Leben habe ich für einen Film investigative Recherchen unternommen wie sie sonst Journalisten machen. Auf der Webseite der Opfer habe ich ihre Aussagen gelesen und alle Presseberichte durchforstet, später habe ich mich mit den Männern selbst getroffen, aber auch mit ihren Familien und Anwält*innen gesprochen. Aber ich merkte schließlich, dass die meisten von ihnen nach jahrelangen Interviews und Fernsehreportagen eigentlich gerne wieder in der Anonymität verschwinden wollten. Der Gedanke, dass jemand einen Spielfilm über ihre Geschichte dreht und damit womöglich noch einmal eine ganz andere Reichweite erreicht, schien ihnen dagegen gut zu gefallen.

"Gelobt sei Gott" ist hochaktuell, erst im vergangenen Juli wurde der Kardinal, um den es im Film geht, seines Amtes enthoben. Wollten Sie sich aktiv einmischen in den Fall und ein Statement setzen?

Wie in allen meinen Filmen ging es mir zuvorderst darum, eine intime, persönliche Geschichte zu erzählen. Warum schweigen Opfer manchmal 30 Jahre lang? Welchen Mut braucht es, sich dann doch über einen Missbrauch zu äußern? Und welche Auswirkungen hat ein solcher Schritt nicht nur auf das Opfer, sondern auch auf sein Umfeld? Diese Fragen beschäftigten mich mehr als etwa die Hierarchien auf der Täterseite. Trotzdem war es mir wichtig, in ihrem Fall die echten Namen zu verwenden und auch juristischen Ärger dafür in Kauf zu nehmen. Von daher ging es mir natürlich schon auch um die unmittelbare Relevanz dieses Falles.

Warum ist eigentlich keiner der Männer, von denen Sie im Film erzählen, schwul?

Ich habe tatsächlich gezielt recherchiert, um Missbrauchsopfer zu finden, die sich später als schwul geoutet haben. Aber viele der Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, berichteten mir, dass das nicht selten die Männer waren, die sich irgendwann umgebracht haben. Weil es ihnen nach den Erfahrungen in ihrer Kindheit so schwerfiel, ihre eigene Sexualität zu akzeptieren.


Die deutsche Synchronfassung von "Gelobt sei Gott" ist jetzt auf DVD und Blu-ray erhältlich

Welche Erfahrungen haben Sie selbst eigentlich mit der katholischen Kirche?

Die Erstkommunion habe ich noch hinter mich gebracht, doch danach war meine katholische Laufbahn auch recht schnell beendet. Mit Glauben konnte ich einfach nie sonderlich viel anfangen.

Aber Sie haben keine negativen Erfahrungen gemacht?

Nein, aber während der Arbeit an dem Film erinnerte ich mich plötzlich an eine Situation aus meiner Kindheit, an einen Priester, der mit uns Verstecken spielte. Dieser Mann hat damals nichts mit mir gemacht, aber er hätte es problemlos tun können. Mit einem Mal spürte ich fast körperlich diese Schutzlosigkeit, der Kinder in solchen Verhältnissen ausgesetzt, immer noch und überall auf der Welt.

Ihre Filme sind immer wieder höchst unterschiedlich, man erkennt nicht unbedingt einen roten Faden oder eine Handschrift, die sie miteinander verbindet…

Alle meine Filme sind für mich sehr persönlich, denn ich bringe in jeden meine eigene Sichtweise ein. Manchmal aktiver, manchmal eher als Zuhörer, wie jetzt im Fall von "Gelobt sei Gott". Ich bin nur eben kein Regisseur, für die jeder Film zum Egotrip wird, weil sich alles nur um sie dreht. Sondern eher vom Schlag der Kollegen der Vierziger und Fünfziger, die von Komödien über Musicals und Western bis hin zu Dramen alles auf dem Kasten hatten.

Direktlink | Deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

Gelobt sei Gott. Drama. Frankreich 2018. Regie: François Ozon. Darsteller: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud. Laufzeit: 137 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, französische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 6. Pandora Film


#1 Peter GoldrohrAnonym
  • 27.03.2020, 11:13h
  • Jeder Künstler sollte, bevor er über bösen Sex arbeitet, zehn Werke über guten Sex schaffen.

    Unter gutem Sex verstehe ich nicht diese Koppelgeschäfte zwischen Liebe und Sex, sondern einfach Sex.

    Alltäglichen Sex, Glanznummern, Begierde und Sehnsucht, Geheimnisse, Weltenwechsel, Sexkultur, Feiern von Sex, Befriedigung und Befriedung, Ausrottung von sexuell übertragbaren Krankheiten, Homosex, Sympathikus und Parasympathikus, Tordurchgänge, Prostatalustkurse, Reden über Sex, Orgasmen und eine gute Erinnerung an Sex.

    Leistet die Kunst das nicht, wird Sex in unseren Köpfen zur Pest. Wer den Sex nicht ehrt, ist die Liebe nicht wert.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 TheDadProfil
  • 27.03.2020, 13:16hHannover
  • Antwort auf #1 von Peter Goldrohr
  • ""Jeder Künstler sollte, bevor er über bösen Sex arbeitet, zehn Werke über guten Sex schaffen.""..

    Das hätte zur Folge das wir niemals mehr etwas über MIssbrauch und seine Strukturen erfahren würden..
    Das ist dann auch kein "böser sex", das ist Macht und Gewalt, und zusammen seine Exzesse..

    Was Deine Aufzählung des "guten Sex" betrifft..
    Da bin ich ganz bei Dir..
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Anderes LichtAnonym
  • 27.03.2020, 15:47h
  • "Viele schwule Missbrauchsopfer haben sich umgebracht"

    So erscheinen auch die "Konversionstherapien" in völlig neuem Licht:

    Zuerst missbraucht man Kinder.

    Dann redet man ihnen ein, es sei ihre Schuld und sie hätten die Priester "verführt" und damit etwas unchristliches getan.

    Und dann treibt man sie mit diesen Gehirnwäsche-Therapien endgültig in den Selbstmord.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 Homonklin_NZAnonym
  • 27.03.2020, 16:41h
  • Antwort auf #1 von Peter Goldrohr
  • Vermutlich meinst Du ja all seine anderen Filme, und gar nicht den über Missbrauch, denn dabei handelt es sich nicht um Sex. Das sollte schon mal allmählich differenziert werden.

    Dass da Opfer sich umgebracht haben, ist lange nicht nur bei denen so, die schwul oder queer veranlagt waren.
    Wenn das aber eine Rolle spielt, wird es umso schwerer, überhaupt zu einem inneren Einklang mit Sexualität zu finden. Weil es insgesamt schwierig ist, überhaupt psychisch zu überleben, und das "Lebenslänglich", das man bekommt, auch lebensbegleitende Traumafolgen herbei bringt. Das lässt sich auch nicht wegbeten, und häufig nicht "wieder heile" therapieren, was damit in einem Menschen angerichtet wird.

    Depressionen, ein vermindertes, ja verhindertes Selbstwertgefühl, Zweifel und Zerwürfnisse, das, was einige Ignoranten dann später als gescheiterte Existenz bezeichnen, wenige überstehen das ohne irgendwelche tiefgreifenden Folgen. Viele glauben zu lange, das sei ihr Verschulden, ihnen wird das zusätzlich noch einsuggeriert, sie seien "Gott" ungefällig, böse Kinder oder von Natur aus schon schlecht aka Erbsünde und der ganze Mist.

    Das macht solche Filme umso wichtiger. Man könnte auch mal einen über Professor Pfeifer's Erfahrungen mit den bockigen Bischofskonferenzlern drehen, und was da an Vertuschung und Drohgebärden alles ablief. (Er sei kein Freund der Kirche, wenn er dies und Jenes nicht so unterlässt, wie die Kirche über die kriminologischen Untersuchungen deutscher Missbrauchsfälle es zu veröffentlichen vorgibt ) Mit solchen Filmen beschreibt man die unannehmbare Wahrheit hinter dem ganzen Glaubenskonzern! Na, jedenfalls einen Teil davon, den sich die Rosinenpicker der Kuscheljesus-Schunkelbande regelmäßig an den Scheuklappen vorbei gehen lassen. Und damit dann auch ihre Mitverantwortung über die monetäre Unterstützung der Pädophilen von dieser Kirche stets nicht sehen. Die Kirche selbst, ihre Funktionäre, flüchten ewig vor dieser Wahrheit in Ablenkungen hinein, und verdammen und hetzen gegen Erwachsene, die einander im Konsens lieben, oder anders geboren wurden, als es ihr ausgesucht unvollständiges Weltbild gestatten will.

    Da müsste man mal eine Pflicht zur täglichen Spiegelschau und Erinnerungs-Unterricht einführen. Solche Filme sind da ziemlich hilfreich. Daher verneige ich mich vor dem Regisseur, Vor dem kann man Achtung haben.
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#5 FinnAnonym
  • 27.03.2020, 17:31h
  • Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen will, wenn ich daran denke, dass nach Jahrzehnten (oder gar Jahrhunderten) des unzähligen Missbrauchs die Kirche nach wie vor nur so viel zugibt, wie sich nicht mehr vertuschen lässt, aber ansonsten weiterhin die Sache klein halten will.

    Das betrifft nicht nur die Täter, sondern auch diejenigen, die sie gedeckt haben. Da kennen wir wohl erst die Spitze des Eisbergs. Und die Kirche setzt alles daran, dass das so bleibt.

    Ich erinnere nur an die Entlassung des Kriminologen Herrn Pfeiffer, der wohl zu viel herausgefunden hat. Und letztens habe ich gehört, dass die Kirche schon wieder einen Bericht blockiert.
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#6 panzernashorn
#7 TheDadProfil
  • 27.03.2020, 22:19hHannover
  • Antwort auf #5 von Finn
  • ""Ich erinnere nur an die Entlassung des Kriminologen Herrn Pfeiffer, der wohl zu viel herausgefunden hat.""..

    Das hat er leider nicht, denn die Einsicht in die entsprechenden Akten wurde ihm ja verweigert..

    Allein die Forderung wirklich ALLES sehen zu wollen um zu einer vernünftigen Aufarbeitung beitragen zu können, sprich keine Tabus, keine Geheimnisse, war schon zu viel für diese Kriminelle Vereinigung..

    Hätte man dieser Forderung entsprochen, dann wäre das System Missbrauch in der RKK in sich zusammengebrochen, denn neben den Vertuschungsstrukturen wären auch die Täter-Kreise identifiziert worden, und damit wären vor allem auch aktuelle Missbrauchsfälle an das Tageslicht gezerrt worden..
    Aktuelle Fälle sind jedoch immer noch Justiziabel, und die Gerichte hätten sich dann vielleicht mit einigen aktiven Bischöfen und Kardinälen befassen müssen, weil sie Vertuscher oder sogar Täter sind..
    Das wollte die RKK auf jeden Fall verhindern, denn ein Eingriff in den Klerus, und genau das hätte diese bedeutet, hätte die RKK auf deutschen Boden zerstört, weil sich die gesamte Struktur in Luft aufgelöst hätte..
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#8 antosProfil
#9 schwulenaktivist
  • 28.03.2020, 11:26h
  • Ich empfehle allen, die HETEROsexuell Betroffenen nicht einfach auszugrenzen! Alle Sexualitäten ermöglichen Übergriffe dank des kulturell verordneten Schweigens, das Macht erhalten soll!
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#10 antosProfil
  • 28.03.2020, 11:49hBonn
  • Antwort auf #9 von schwulenaktivist
  • Bevor Du >allen< etwas empfiehlst, lies doch einfach mal das Interview:

    >>Warum ist eigentlich keiner der Männer, von denen Sie im Film erzählen, schwul?

    Ich habe tatsächlich gezielt recherchiert, um Missbrauchsopfer zu finden, die sich später als schwul geoutet haben. Aber viele der Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, berichteten mir, dass das nicht selten die Männer waren, die sich irgendwann umgebracht haben. Weil es ihnen nach den Erfahrungen in ihrer Kindheit so schwerfiel, ihre eigene Sexualität zu akzeptieren.<
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