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Interview

"Ein Schwuler zur besten Sendezeit, das war man nicht gewohnt"

Georg Uecker spielt seit 1986 in der "Lindenstraße" Deutschlands bekanntesten TV-Schwulen Carsten Flöter. Am Sonntag läuft die letzte Folge. Ein Gespräch über bigotte Pädagogik, skandalöse Küsse, Morddrohungen und noch immer bestehende Tabus.


Georg Uecker spielte von 1986 bis 1991 sowie von 1995 bis 2020 die Rolle des Dr. Carsten Flöter in der ARD-Soap "Lindenstraße" (Bild: Raimond Spekking / wikipedia)

Am Sonntag ist nach fast 35 Jahren Schluss mit der "Lindenstraße". Wie geht es dir damit?

Ich bin ein bisschen melancholisch, zugegeben. Dabei bin ich kein sentimentaler Mensch, der viel nach hinten schaut. Alles im Leben hat seine Zeit. Aber, die "Lindenstraße" war ein sehr langer Lebensabschnitt für mich, der mich sehr geprägt hat, nicht nur beruflich. Zusammen mit der Covid-19-Situation kann einen das schon melancholisch machen.

Was wird dir am meisten fehlen?

Die enge Zusammenarbeit mit den Kollegen. Das wird es so in meinem Leben nie wieder geben. Und, ich glaube, nirgendwo, für niemanden im deutschen Fernsehen. Ich bin jetzt nicht der Opa, der sagt, "früher war alles besser", aber wir waren schon so etwas wie das letzte gallische Dorf der ARD. Was nicht heißt, dass man sich immer gemocht hat. Es gab Kontroversen, und es hat auch mal gekracht. Aber insgesamt waren wir ein Ensemble, mit Autoren und Produzenten, das über Jahrzehnte in engem Austausch stand. Die Fragen waren immer: Was wollen wir erzählen, wie geht das, wofür stehen wir? Wo wollen wir langfristig hin? Das war mir immer extrem wichtig. Ich habe nur kurzfristige Verträge unterschrieben, weil ich immer überprüfen wollte, ob ich noch Lust habe und die Produktion noch gute Ideen hat. Dieses Miteinander, das Dinge-gemeinsam-Entwickeln, das werde ich sehr vermissen.


Georg Ueckers Rolle des Carsten Flöter war in den Achtzigerjahren einer von sehr wenigen offen schwulen Figuren im deutschen Fernsehen (Bild: ARD)

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Auch den ersten schwulen Kuss im deutschen TV-Mainstream, bei dem du 1990 einer der Küssenden warst, habt ihr hinter den Kulissen lange entwickelt, oder?

Wir sind dabei viele Umwege gegangen, das ist richtig. Es war ja aber auch schwierig. Als die "Lindenstraße" 1984 entwickelt wurde, war die Idee, eine offen schwule Figur in einer deutschen Mainstream-Serie unterzubringen, eine riesige Sache. Es gab ja nur drei öffentlich-rechtliche Sender. Und alle ARD-Sendeanstalten plus ORF diskutierten mit. Natürlich hatte es vorher im Nachtprogramm, auf obskuren Sendeplätzen, schon schwule Figuren in Filmen, die im Fernsehen liefen, gegeben. Damit erreichtest du das schwule Publikum, aber nicht die Hausfrau von nebenan. Ein Schwuler zur besten Sendezeit, das war man nicht gewohnt. Der erste Skandal dieser Art war "Die Konsequenz" gewesen, ein Film über einen schwulen Mann, der 1977 um 20 Uhr gelaufen war und ein riesiges Tohuwabohu auslöste. Der Bayerische Rundfunk machte nicht mit und zeigte stattdessen einen Film von Hans W. Geissendörfer, was er immer idiotisch fand. Als Geissendörfer acht Jahre später die "Lindenstraße" und mit ihr Carsten Flöter erfand, habe ich das auch als späte, aber süße Rache gesehen.

Die Figur selbst wurde schon so geschrieben, dass Carsten erst mal als der nette, etwas schüchterne, freundliche und charmante Mann von nebenan gelesen werden konnte, ohne sichtbare Sexualität. Das war Absicht. Mütter sollten schon denken "Der wäre doch auch was für meine Tochter." Damit das Coming-out am Ende des ersten Jahres dann auch eine Wirkung hat und dem bürgerlichen Publikum Schwule als Menschen zeigt, die man mag und kennt. Das war pädagogisch notwendig, wenn du so willst. Aus heutiger Sicht ist das natürlich extrem bigott. Damals war es nötig.

Wie waren die Reaktionen auf Carstens Coming-out?

Es gab da schon heftigere Reaktionen. Aber all das war nichts im Vergleich zu dem, was passierte, als die Figur drei Jahre später endlich mal einen Mann küsste. Da war die Hölle los.


Der Kuss zwischen Robert Engel (Martin Armknecht) und Carsten Flöter (Georg Uecker) erhitzte damals die Gemüter (Bild: WDR)

Du bekamst Morddrohungen, musstest für Monate unter Personenschutz gestellt werden und warst wochenlang Futter für die "Bild". Hattet ihr damit gerechnet?

Ich hatte null damit gerechnet, im Ernst. Und die Produktion auch nicht. Es war ein heilsamer Schock. Man muss bedenken: Ich komme aus einem sehr offenen und komplett liberalen Elternhaus, hatte ein frühes, gutes Coming-out, schon als Teenager angefangen mich politisch und dabei auch in der Schwulenbewegung zu engagieren. Und ich lebte in Köln, einer weltgewandten Metropole und arbeitete in einem Berufsumfeld, wo meine Sexualität kein Problem war. Und damit in einer Blase, wie sich herausstellte, die geplatzt ist, als Carsten seinen ersten Kerl küsste. Da brach die deutsche Wirklichkeit in mein Leben ein, der Toleranzspiegel war sehr niedrig und es gab ja außer mir damals keine anderen offen schwulen Schauspieler, oder Rollen, an denen der Volkszorn sich hätte entladen können.

Das ist nicht eitel gemeint, aber der Preis für den Kuss war schon hoch. Ich habe es mit Kampfgeist genommen, aber was blieb mir auch übrig? Unter Personenschutz zu leben, ist nicht wirklich lustig und macht dir ziemliche Angst. Ich hatte die ja auch nicht bestellt, sondern sie wurden mir einfach schon aus versicherungstechnischen Gründen an die Seite gegeben. Glücklicherweise bewegten wir uns auf die drehfreie Sommerpause zu, in der ich bei meinem Freund in London abtauchte. Als ich im Spätsommer zurück kam, ging es wieder einigermaßen. Aber es hat mich lange beschäftigt, und ich habe Jahre später gemerkt, wie die Ereignisse von damals immer noch nachwirkten.

Bist du stolz auf den Kuss, gerade wegen all dem, was folgte?

Ich hab's ja nicht so mit Stolz und wundere mich manchmal ein bisschen, worauf Menschen heute alles so stolz sind. Ich würde es vorsichtiger formulieren und sagen: Wir haben damit eine Menge erreicht. Und das war gut.

War Carstens Figur und die Reaktionen auf sie auch die Grundlage für die generelle politische Offenheit der "Lindenstraße" für LGBTI-Themen und solchen Figuren in den nächsten 25 Jahren? Man hätte ja nach dem Kuss und diesen Ereignissen auch sagen können: Das machen wir nie wieder…

Es war nicht monokausal, aber die Reaktionen auf den Kuss zeigten Geissendörfer und uns allen schon: Da gibt es noch viel zu tun, viel nachzuholen. Im Rückblick hat die Serie extrem zur Sichtbarkeit von schwulen Männern, lesbischen Frauen, bisexuellen und trans Menschen in Deutschland beigetragen. Die "Lindenstraße" hatte im Lauf der Jahre 15 queere Hauptcharaktere und noch mehr in Neben- oder Gastrollen. Im letzten Jahr hatten wir einen trans Mann, eine polysexuelle lesbische Frau und drei schwule Männer gleichzeitig als Hauptrollen. Das ist schon schön.


Aktion Standesamt in der "Lindenstraße": 1997 gaben sich Carsten Flöter (Georg Uecker) und Theo Klage (David Wilms) nach einer symbolischen Trauung im "Akropolis" einen Kuss (Bild: ARD)

Das letzte Coming-out iin der "Lindenstraße" ist ein bisschen mehr als ein Jahr her: Das war Pauls, der von Ole Dahl gespielt wird. Hast du den Kollegen mal gefragt, wie es 30 Jahre nach dir so ist, 2019 sein Rollen-Coming-out im deutschen Fernsehen zu haben?

Habe ich. Es gab keinerlei negative Reaktionen. Und das ist doch super. Allerdings ist Oles Figur auch eine, um die es mir echt leid tut. Denn wir hatten gerade erst begonnen, dieses junge, schwule Leben, das in der Schule stattfindet, zu erzählen. Würde die "Lindenstraße" weitergehen, hätten wir die Chance gehabt, einem schwulen Teenager beim Erwachsenwerden und einem erwachsenen schwulen Mann, meiner Figur, bei Altwerden zuzusehen. Es ist schade, dass das nun nicht passiert. Denn: Die älteren Schwulen sind im Fernsehen ja doch unsichtbar. Junge, hübsche gibt es inzwischen reichlich. Aber alte schwule Männer scheint niemand zeigen zu wollen. Das wäre ein interessantes Projekt gewesen.


Carsten Flöter (Georg Uecker) mit Ehemann Georg "Käthe" Eschweiler (Claus Vinçon) in der "Lindenstraße" (Bild: ARD)

Wirst du dir die letzte Folge denn ansehen?

Aber selbstverständlich! Aber, den Umständen geschuldet, leider allein zu Hause auf meinem Sofa. Wir hatten eine riesige Abschlussparty geplant, mit vielen Überraschungen, alle Ehemaligen sollten kommen, Reden, Champagner, viel Spaß. Das ist wegen Covid-19 jetzt natürlich alles abgesagt. Die "Lindenstraße" geht also im Stillen. Wenn ich in den letzten Tagen mit Kollegen telefoniert habe, waren wir deswegen schon ein bisschen wehmütig. Aber, die letzte Folge so zu gucken wie alle anderen Zuschauer, macht nach 35 Jahren auch irgendwie Sinn.

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#1 FredericAnonym
  • 28.03.2020, 19:15h
  • Es ist tatsächlich erschreckend, wie stark Georg Uecker abgebaut hat. Ich wünsche ihm alles Gute und viel Gesundheit.
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#2 Alles hat ein EndeAnonym
  • 29.03.2020, 07:29h
  • Ich habe die Lindenstraße spätestens seit dem Weggang Georg Uecker nicht mehr wirklich verfolgt. Der sympathische Normalo Karsten Flöter war interessant und habe seine Geschichten mit Spannung verfolgt. Einer der wenigen schwulen Vorbilder im TV.
    An den schwulen Geschichten der Lindenstrasse konnte man immer den Entwicklungsstand von Gesellschaft und dem eigenen Umfeld sehen.
    Uecker und Kollegen haben die Messlatte für schwule Rollen hoch gelegt.
    Dann mal Viel Spaß beim gucken.
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#3 VicvonderElbeProfil
  • 29.03.2020, 17:10hHamburg
  • Ich bin ja schon ein ziemlicher Hardcore Fan der Lindenstraße, aber ich kann mich überhaupt nicht an einen trans* Mann in der Lindenstraße erinnern. Da wäre ich doch froh, nochmals zu erfahren, welche Folge das ist damit ich mir das nochmal angucken kann. Oder wird Sunny hier gerade als Mann bezeichnet?

    Die Rolle der Tanja Schildknecht war ja auch eigentlich die erste lesbische Serien Figur im deutschen Fernsehen, oder erinnere ich mich an irgendetwas nicht? Aber die war ja verführt von dieser Bösen, deren Namen ich nicht mehr erinnere und die Böse hat dann versucht Tanja zu einem gemeinsamen Mord an Dr Dressler zu überreden ( erinnert schon ein bisschen an den Roman die beiden Freundinnen und ihr Giftmord von Alfred Döblin). Keine Geschichte, mit der man jetzt noch großartig Lorbeeren einheimsen kann. Wäre trotzdem ein interessantes Thema, wie lesbische Charaktere in der Lindenstraße im Laufe der Jahrzehnte dargestellt wurden.
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#4 Aramis
  • 30.03.2020, 10:29h
  • Um Himmels Willen... ich habe mir gestern die letzte Folge angeschaut und Georg Uecket sieht ja fürchterlich aus...

    Alle Gute für ihn...
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#5 niccinicciAnonym
  • 30.03.2020, 15:38h
  • wie wenig fürchterlich darf man denn heute aussehen, um fernsehtauglich zu sein? zigmal geliftet wie dieter bohlen oder darfs auch etwas natürlicher sein? wie dumm hier einige schreiben, unglaublich. solariumgebräunte sehen ja sooo gesund aus, gelle?
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