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Literatur

Schwule Liebe wie ein Ding der Unmöglichkeit

Hochpolitisch, spannend und sehr berührend: In Lutz van Dijks neuem Roman "Kampala – Hamburg" lernen sich zwei Jugendliche aus Deutschland und Uganda über PlanetRomeo kennen.


Ausschnitt aus dem Cover: "Kampala – Hamburg" zeigt queeren Alltag in komplett unterschiedlichen Welten (Bild: Querverlag)
  • Von Stefan Hölscher
    29. März 2020, 07:31h, noch kein Kommentar

Wenn schwule, lesbische, bisexuelle oder trans Jugendliche in einem Land wie Deutschland aufwachsen, stellen sie sich Fragen wie etwa: Wie werden wohl meine Eltern reagieren, wenn ich es ihnen sage? Welchen meiner Freund*innen vertraue ich mich an? Wie kann und möchte ich andere LGBTI treffen? Wie sehen meine Datingideen aus? Wenn solche Jugendlichen in einem Land wie Uganda groß werden, geht es allerdings auch noch um eine ganz andere Frage: Wie kann ich so sein, wie ich bin, ohne mich in Lebensgefahr zu bringen?

Eine Welt, in der sexuelles oder geschlechtliches Anderssein ein akutes und geradezu allgegenwärtiges Risiko für Leib und Leben bedeutet, ist gefühlt für uns ewig weit weg. Vor allem für die jungen Menschen in unserem Land, die in einer Gesellschaft mit einem doch nun schon ziemlich ausgeprägten Maß an Akzeptanz für LGBTI aufgewachsen sind.

David lernt David auf PlanetRomeo kennen

Die für queere Menschen so gegensätzlichen Welten Uganda und Deutschland bringt Lutz van Dijk in seinem neuen, im Berliner Querverlag erschienenen Roman "Kampala – Hamburg" in direkte Verbindung zueinander. David, 18 Jahre alt, Oberstufenschüler in Hamburg. ist just bei seinen streitsüchtigen Eltern, mit denen auch sein beiläufiges Coming-out zu einer eher explosiven Erfahrung zu werden drohte, ausgezogen. Er wohnt jetzt in der Wohnung seiner etwas älteren Schwester Michelle, die als alleinerziehende Mutter des kleinen Marco für die Mitwohngesellschaft ihres Bruders sehr empfänglich ist.

Inspiriert durch Gespräche mit seinen queeren Peers im Safe Space des Magnus-Hirschfeld-Centrums will David auf dem schwulen Datinportal PlanetRomeo unter dem hübschen Profilnamen "Work for Love" in Kontakt kommen mit Gleichaltrigen in Ländern, in denen Schwule verfolgt werden. Und so lernt David aus Hamburg zumindest im Chat David aus Kampala in Uganda kennen, der den Profilnamen "Freedom Fighter 4" hat und dessen wahren Namen David aus Hamburg erst sehr spät in der Geschichte erfährt.

Flucht vor Polizei und Lynchjustiz

Der 16-jährige David aus Kampala lebt bei seiner Mutter, einer Krankenschwester, die keinerlei Problem mit seinem Schwulsein hat. Umso größere Probleme ergeben sich aber durch den katholischen Gemeindepfarrer, der Homosexualität für eine Sache des Teufels hält und durch den Vater von Julian, der, als er David und seinen Sohn beim Sex erwischt, seinem Sohn mit einem Spaten die Knochen bricht und David als vermeintlichen Verführer der Justiz überantworten will, die auch Minderjährige mit drakonischen Strafen bedroht; abgesehen von der unweigerlich erfolgenden Ächtung im sozialen Umfeld. So bleibt David aus Kampala , wenn er nicht wie sein erster Freund Isaac, der von seiner eigenen Familie als Krimineller verstoßen wurde, als Lynchopfer enden möchte, nur die Flucht aus seiner Heimat.

Seine Flucht führt David dabei zunächst in ein Versteck bei einer alten Bekannten in Kabale, einer Stadt im Grenzgebiet zu Ruanda, und dann mit einem durch seine Mutter organisierten gefälschten Pass nach Kigali in Ruanda, von wo aus er nach Lagos in Nigeria weiterfliegt mit dem Plan, von dort durch einen guten Vertrauten nach Istanbul weiterreisen zu können als Stop Over zum Fernziel Hamburg, wo der andere David lebt, der, wie sehr schnell zwischen den beiden klar ist, alles in seiner Macht stehende tun wird, um David aus Kampala zu retten und nach Deutschland zu holen.

Spannende Geschichte mit hochpolitischer Thematik


Der Roman "Kampala – Hamburg" ist im Berliner Querverlag erschienen

Lutz van Dijk schreibt keine "große Literatur". Seine Sprache ist weder besonders metaphernstark noch tiefsinnig noch poetisch noch irgendwie originell. Sie hat keine unverwechselbare Handschrift. Auch die inneren Dynamiken der handelnden Personen bleiben eher linear und durchaus schlicht. Nichtsdestotrotz ist der wie in Tagebuchform aus der jeweils wechselnden Ich-Perspektive der beiden Protagonisten geschriebene Roman "Kampala – Hamburg" nicht nur sehr flüssig lesbar und so spannend geschrieben, dass man als Lesender mühelos dranbleibt und weiterliest, sondern dieser Roman bringt uns als komfortzonenverwöhnte Mitteleuropäer auch mit einer Welt in Berührung, die scheinbar unendlich weit entfernt von uns ist, die uns das Buch aber doch so nahe bringt, dass deutlich wird, wie sehr es kleine Kontingenzen und Zufälle sind, die darüber entscheiden, ob man in dieser oder jener Welt geboren wird, und ob man als schwuler Junge und Mann in einem Umfeld lebt, in dem man sich frei entfalten kann oder in dem man von Glück sagen kann, wenn einem wegen seines Andersseins nur ein paar Knochen und nicht das Genick gebrochen wird.

Der Verdienst von van Dijks Roman ist es, diese hochpolitische Thematik in eine spannende Geschichte einzubetten. Eine Geschichte, die sicher ein paar Unwahrscheinlichkeiten in sich birgt: Dazu zählt nicht nur das wirklich gar zu schöne Happy End, sondern schon der dramaturgische Schachzug des unmittelbaren Beziehungstreffers über eine Internetdatingplattform, bei der dies, selbst wenn sich ihre User dort jahrelang abmühen, ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. Als Leser verzeihe ich dem Autor diese "kleinen" Übertreibungen, denn ich erkenne: Im Kern wird hier eine gute und sehr wohl realitätsbezogene Geschichte erzählt.

Ein spannender, berührender und sensibilisierender Roman

Und auch wenn Lutz van Dijk wohl weniger über eine ganz eigene Sprachhandschrift verfügt: vielleicht ist dies doch seine Handschrift, queere Beziehungs- und Liebeskonstellationen, die wie ein Ding der Unmöglichkeit in ihrem gesellschaftlichen Umfeld erscheinen, vor uns lebendig werden zu lassen. Dies jedenfalls war mein Eindruck, als ich van Dijks auf einer wahren Geschichte basierenden Roman "Verdammt starke Liebe" über die Liebesbeziehung des deutschen Wehrmachtsoldaten Willi zu dem 16-jährigen Polen Stefan während des Überfalls von Nazi-Deutschlands auf Polen gelesen habe. Und ganz ähnlich habe ich nun auch seinen neuen Roman erlebt, der zwar nicht auf wahren, sehr wohl aber auf möglichen persönlich-gesellschaftlichen Gegebenheiten beruht: keine "große Literatur", aber ein spannender, berührender und politisch sensibilisierender queerer Roman.

Das Einzige, was mich an dem insgesamt empfehlenswerten Buch wirklich gestört hat, ist das Coverbild, das zwar einen weißen und einen dunkelhäutigen Mann in dem Anschein nach lebendiger Gesprächssituation zueinander zeigt. Die beiden Typen auf dem Bild wirken aber nicht nur locker zehn Jahre älter als die Oberstufenschüler David und David in dem Buch, sondern sie hocken da auch so künstlich, steril und B-Movie-mäßig auf den Buchdeckel platziert, dass man die Lust verlieren könnte, ihn überhaupt aufzuschlagen. Das aber wäre sehr schade!

Infos zum Buch

Lutz van Dijk: Kampala – Hamburg.Roman. 176 Seiten. Querverlag. Berlin 2020. Taschenbuch: 12 € (ISBN: 978-3-89656-283-8). E-Book: 9,99 €