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Literatur

Ein Roman, der einem die Kehle zuschnürt

Vom Aids-Chicago zum Terror-Paris: In "Die Optimisten" verwebt Rebecca Makkai virtuos zwei Geschichten über Traumata und die Rettung durch Liebe. Extrem emotional, ohne melodramatisch zu werden.


Die Autorin Rebecca Makkai lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in der Nähe von Chicago. Ihr dritter Roman "Die Optimisten" (Originaltitel: The Great Believers) schaffte es sowohl auf die Shortlist des Pulitzer Prize als auch des National Book Award (Bild: Whitten Sabbatini)
  • Von Fabian Schäfer
    4. April 2020, 08:19h, noch kein Kommentar

Eine Trauerparty. "Meint ihr, ich will mir euer Geschluchze ansehen, falls ich nachher als Geist rumhänge?", hatte Nico gesagt, und seine Freunde halten sich dran. Den 25-jährigen Grafikdesigner hatte es als einen der Ersten getroffen. 1985, das Virus hat Chicago erreicht wie "Tsunamis, die in Zeitlupe von beiden Küsten aus heranrollten". Er wird nicht der einzige bleiben, das weiß Yale, der in einer Galerie arbeitet. So wie er die Listen der Förderer der Galerie in Listen dokumentiert, so hält er auch seine Freunde, die an Aids sterben, auf Listen fest. Sie wird länger und länger.

30 Jahre später sucht Fiona nach ihrer Tochter. Sie hat ein Video gesehen, das sie zeigt, zeigen könnte, und das in Paris aufgenommen wurde. Seit sie Mitglied einer Sekte war, hat sie nichts mehr von Claire gehört. Fiona ist die Schwester von Nico. Sie ist jetzt 51, könnte Großmutter sein, weil auf dem Video auch ein kleines Kind zu sehen ist. Sie hat die Aids-Krise hautnah miterlebt, nicht nur ihren Bruder aufopferungsvoll beim Sterben begleitet.

Es sind diese zwei Geschichten, die eigentlich eine ist, die Rebecca Makkai in ihrem Roman "Die Optimisten" parallel erzählt. Solche Entwürfe bergen immer die Gefahr, zu konstruiert und gewollt zu erscheinen. Rebecca Makkai dagegen schafft es, die zwei Handlungen äußerst geschickt und erstaunlich unaufdringlich miteinander zu verweben. Nach und nach fügen sich die Personen und Konstellationen zu einem großen Ganzen.

Liebe wird zur Rettung – und Bedrohung


Makkais Roman "Die Optimisten" ist Ende März im Eisele Verlag erschienen

Dabei skizziert sie Situationen, Personen und Orte, ohne sie zum Zerbersten auszumalen oder zu beschreiben. Sie beweist zwar einen großen Sinn für Details, aber nur, wo sie ihr nötig erscheinen. So gibt Rebecca Makkai uns ein gut ausgefülltes Gerüst, das wir mit unseren Vorstellungen, Erfahrungen und Farben füllen können. Dazu verzichtet sie auf allzu bemühte Metaphern und quält uns nicht mit schiefen Vergleichen. Ein sprachlich angenehm zurückgenommener Stil.

Emotionen erschafft sie dennoch. Wie der Freundeskreis rund um Yale und Charlie mit der Infektion umgeht, wie sie auf die Fortschritte der Medizin hoffen und gleichzeitig eine ungeheure Wut auf die Regierung Reagan spüren – das lässt uns eintauchen in eine Welt, in der es schlicht ums Überleben ging. "Kannst du dir die Party vorstellen, wenn es ein Heilmittel gibt?", fragt Yale Christian. "Ja."

Solange es das nicht gibt, müssen sie ins Krankenhaus, wo Menschen liegen, Freunde, die jetzt aussehen wie "ein Außerirdischer, ein Auschwitz-Gerippe, ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby". Unvorstellbar weit weg fühlt sich das an, doch was sind schon 35 Jahre. Liebe wird in dieser Zeit zur Rettung, aber genauso zur Bedrohung. Das muss Yale erleben, als seine Beziehung zu Charlie, der ein queeres Magazin herausgibt, schneller als erwartet zu bröckeln beginnt.

Ergreifend, aber nicht rührselig

"Die Optimisten" ist mit seinen über 600 Seiten ein Roman voller kleiner und großer Geschichten, voller Abwechslung und Gefühlen, die im starken Kontrast zueinanderstehen. Etwa Nora, über 90, die aus ihrer Zeit im Paris der Zwanzigerjahre, wo sie später namhaften Künstlern wie Modigliani Modell stand, einige wertvolle Werke der Galerie von Yale vermachen will. Weil sie besessen war von einem mittelmäßigen, vergessenen Künstler – und dem sie so posthum zu Ruhm verhelfen möchte, wenn dessen Gemälde neben Modigliani und Co hängen. Die Zwanziger, Paris nach dem Ersten Weltkrieg, wie ausgestorben, weil die jungen Männer alle gefallen waren, so erinnert sich Nora. Die Parallelen sind offenkundig.

Oder Richard Campo, weltbekannter Fotograf, den Fiona damals schon in Chicago kennengelernt hat, und bei dem sie jetzt in Paris unterkommen kann, während sie nach ihrer Tochter sucht, und während sich die Terroranschläge auf Charlie Hebdo ereignen. Der sie nach all den Jahren aufnimmt, als wäre es gestern gewesen. Das ist Zusammenhalt.

Die Geschichten, die zunächst so aus dem Alltag gegriffen wirken und einen doch so mitnehmen. Emotional, aber nicht melodramatisch, ergreifend, aber nicht rührselig. Ein Roman, der einem die Kehle zuschnürt. Und zugleich eine Kraft ausstrahlt, die von der unermesslichen Freundschaft und Solidarität untereinander ausgeht.

Infos zum Buch

Rebecca Makkai: Die Optimisten. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. 624 Seiten. Eisele Verlag. München 2020. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-96161-077-8). E-Book: 19,99 €