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Gedichtsammlung

Ein queerer Osterspaziergang in den eigenen vier Wänden

In "So gerade / nicht – Queere Lyrik 2020" hat Herausgeber Stefan Hölscher auf 120 Seiten schöne, spannende, erotische und witzige Gedichte queerer Autor*innen aus dem deutschsprachigen Raum versammelt.


Kein Osterspaziergang in der Horde dieses Jahr, schon wegen Corona, Goethe hat also Pause. (Bild: Daniel Baezol / flickr)
  • Von Paul Schulz
    4. April 2020, 14:31h, noch kein Kommentar

Kann man poetisch über Gedichte schreiben? Muss man? Sollte man lyrisch über Lyriker schreiben? Will man? Dieser Text hier möchte es versuchen. Denn das Schwächste an der von Stefan Hölscher herausgegebenen Gedichtsammlung "So gerade / nicht – Queere Lyrik 2020" sind die Einleitungsworte des Herausgebers, in denen er sein Thema gleichmal als randständig und voraussichtlich wenig erfolgreich abqualifiziert.

Was, so viel Prosa sei gestattet, Blödsinn ist. Schließlich hat der Lyriker (jawohl!) Bob Dylan vor wenigen Jahren den Literaturnobelpreis gewonnen, jeder Rock-, Folk-, Rap- oder Popsong ist mehr oder weniger ein Gedicht, und Menschen werden so auf allen möglichen ihrer Wege ständig mit Lyrik konfrontiert. Der schmale Rand der Welt, an dem Hölscher seine Autor*innen immer nah am interesselosen Abgrund der Öffentlichkeit wähnt, ist also eigentlich groß und breit, bestens bestellt und die Heimat solcher hervorragenden Queerlinge wie David Bowie, Kate Bush oder Frank Ocean. Oder?

Götter, Sperma und die einsame Lesbe im Innenhof


"So gerade / nicht" ist im Geest-Verlag erschienen

Ein Gedicht ist kein Lied, werden jetzt einige schimpfen. Wo keine Stromgitarre, da kein Riff, wo kein Gesang, da keine Melodie. Nochmal: Blödsinn. Der Inhalt von "So gerade / nicht" beweist auf wunderbare Weise das Gegenteil. Ein gut gefülltes Wunderhorn der Möglichkeiten, voller Melodik, Rhythmus und aneinandergereihter Töne, deren Summe dann viel mehr ist als ihre einzelnen Teile. Und deren zweite Ebene, ihr Aussehen auf dem weißen Hintergrund formschön gefüllten Papiers, das alles nur zusätzlich bereichert. So wie es sein soll.

Es sei schon deswegen gleich gesagt: Bis auf den unnötig bierernsten Rahmen für den freudetrunkenden Haufen poetischer Perspektiven hier, ist "So gerade / nicht" eine ganz herrliche Angelegenheit. Was daran liegt, dass das Buch ganz Verschiedenes von ganz verschiedenen Leuten mit völlig verschiedenen Arten, ein Gedicht zu schreiben, versammelt und nebeneinander existieren und dabei in Ruhe lässt.

Was sich da befruchtet, liegt im Auge und Ohr des Publikums. Und das bekommt Gereimtes und Ungereimtes, Langform und Fast-Aphorismen, Gedichte von (und über) alte/n Männer/n, jede Menge moderne Anspielungen auf uralte Götter, Texte über Sexwork & Sperma genauso mitgegeben wie Zartes über die alleingelassene Lesbe im Innenhof.

Texte, die das Leben schöner oder interessanter macht

Das kann mensch in einem fröhlichen, stimmungsschwankenden Rutsch wegziehen oder Stück für Stück genießen und nachwirken lassen, wieder herausholen und dann liegenbleiben, zitieren, aufsagen, vorlesen. Kein Osterspaziergang in der Horde dieses Jahr, schon wegen Corona, Goethe hat also Pause.

"So gerade / nicht" ist ein schöner Ersatz. Denn dieser schmale Band enthält lauter Ideen, die das Publikum in seine queeren Innenlandschaften stellen und dort herumlaufen lassen kann. Ein gedanklicher, vielleicht sogar spannenderer Osterspaziergang. Die Autor*innen richten sich in unseren Herzen ein wenig ein, suchen sich ein sonniges Plätzchen und sprechen einen Text, der einem das Leben schöner oder interessanter macht

Das Büchlein strotzt mit Beiträgen von Klaus Anders, Thomas Böhme, Crauss, Mátyás Dunajcsik, Alexander Graeff, Kevin Junk, Stefan Hölscher, Odile Kennel, Christoph Klimke, Elizaveta Kuryanovich, Zoltán Lesi, Thomas Luthardt, Steffen Marciniak, Peter Salomon und Tina Stroheker nur so vor Vielfalt. Eher klassische Lyrik der bekannten altvorderen schwulen Herrschaften, trifft auf die Ungezwungenheit von Junk und Crauss, Tina Strohekers irgendwie romantische Petitessen auf das seitenlange "Körperchor"-Frage-Antwort-Spiel von Dunajcsik und Lesi, zweifelsohne der Höhepunkt einer schönheitssatten Sammlung. Die Queerness, deren Definition Hölscher in der Einleitung auch nicht gerade leicht fällt, offenbart sich im glücklichen Nebeneinander all dieser Stile, Einflüsse, Alter, Geschlechter und Sichtweisen aufs Offensichtlichste und Klangvollste.

Alle Autor*innen des Bandes sind derzeit im vor wenigen Monaten gegründeten queeren Lyriker*innenverbund QueerL engagiert. Das ist gut. Denn es bleibt zu hoffen, dass sich "So gerade / nicht" zu einem zu mindestens jährlichen Projekt ausweitet, das den Stand der queeren, deutschsprachigen Lyrik überprüft und begutachtet. Wenn die Qualität dabei so hoch bleibt wie 2020, wird das eine Freude fürs Publikum.

Infos zum Buch

Stefan Hölscher: So gerade / nicht. Queere Lyrik 2020. 126 Seiten. Geest-Verlag. Vechta 2020. Taschenbuch. 12 €. ISBN 978--3-86685-766-7