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Interview

"Ich fand Nacktszenen für diesen Film einfach wichtig"

Der mexikanische Regisseur Hari Sama über sein wildes Drama "This Is Not Berlin", mit dem er die LGBTI-Community, Künstler*innen und Rebell*innen feiert. Jetzt im Salzgeber Club als VoD!


"This Is Not Berlin" lässt die künstlerischen Experimente und sexuellen Ambivalenzen des mexikanischen Undergrounds der Achtzigerjahre furios neu aufleben. Der Film von Hari Sama wird noch bis 6. Mai 2020 exklusiv als Video-on-Demand im neuen "Salzgeber Club" auf salzgeber.de gezeigt (Bild: Salzgeber)
  • Von Dieter Oßwald
    11. April 2020, 07:18h, noch kein Kommentar

Der mexikanische Künstler Hari Sama, 53, studierte sowohl Filmregie als auch Komposition in Mexico City. Seine Filme haben oft autobiografische Bezüge. So auch sein jüngstes Werk "This Is Not Berlin", das zu wilden Punk-Zeiten anno 1986 kurz vor der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko spielt.

Erzählt wird vom Leben des 17-jährigen Carlos (Xabiani Ponce de León) und seinem besten Freund Gera (José Antonio Toledano), die in einer angesagten Underground-Disco die Welt von Sex, Drugs und Kunst entdecken. Der attraktive Lockenkopf Carlos, das Alter Ego des Regisseurs, wird von allen angeschwärmt. Bei provokativen Nackt-Demos malt er sich mit roter Farbe das Wort "gay" auf den Körper. Das Coming-out in dieser Coming-of-Age-Geschichte fällt freilich etwas anders aus als erwartet (queer.de rezensierte).

Der Regisseur des schwulen Dramas sagt von sich selbst: "I am not gay. But I am queer!". Unser Mitarbeiter Dieter Oßwald hat mit Sama anlässlich des deutschen VoD-Starts gesprochen.

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Regisseur Hari Sama (Bild: Sundance)

Señor Sama, mit welchen Gefühlen haben Sie die Achtzigerjahre in diesem autobiografischen Film auferstehen lassen?

Diese Zeitreise war für mich schon sehr aufregend, zugleich war es emotional ziemlich fordernd. Es kamen doch so manche Gefühle bei mir auf, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Der Film handelt von einer Zeit meines Lebens, über die ich viel nachgedacht habe und die in meiner Therapie auch große Rolle spielte.

Waren die wilden Achtziger die guten alten Zeiten? Oder wäre der nostalgische Blick verklärt?

Ein Teil von mir blickt auf die Achtzigerjahre ganz gewiss mit dieser nostalgischen Verklärung. Ich mochte die Musik damals sehr, und es passierten sehr aufregende Dinge. Andererseits war ich zu dieser Zeit ein Teenager, und das war oft sehr schmerzhaft für mich. Ich glaube, Erinnerung kann trügerisch sein und einem Streiche spielen. Wir sehen diesen wunderbaren Strauß von Blumen vor uns und vergessen dabei all jene unangenehmen Seiten, die es gleichzeitig gegeben hat.

Sie haben damals in Frankreich gelebt. Haben Sie auch Erinnerungen an Deutschland und Berlin?

Nach Berlin kam ich zum ersten Mal 1991 und lebte einen Monat lang dort. Rückblickend habe ich ziemlich bereut, die meiste Zeit von Europa in Paris verbracht zu haben, statt in Berlin oder London zu leben. Schließlich fanden dort jene kulturellen Bewegungen statt, die mich faszinierten. Immerhin bekam ich einen kleinen Geschmack von Berlin mit. Ich besuchte besetzte Häuser und Underground-Bars und war völlig begeistert von dieser wunderbaren Punk-Szene. Sehr aufregend fand ich Ostberlin, das zwei Jahre nach dem Mauerfall so surreal wirkte. Vor zwei Jahren kam ich nochmals nach Berlin, welches mir mittlerweile jedoch völlig verändert vorkam.

"This Is Not Berlin" handelt von schwulem Lebensgefühl, da mag es überraschen, dass der Regisseur sich als heterosexuell outet.

Das ist eine seltsame Sache, und viele Leute fanden das sehr lustig. Zum ersten Mal passierte das auf der Premiere beim Filmfestival von Sundance, wo mich die Medien alle als schwul wahrgenommen hatten. Mittlerweile sage ich: "I am not gay, but I am queer!". Mein Zugang zum Leben und zur Männlichkeit entspricht nicht dem konventionellen Weg. Als Teenager in den Achtzigerjahren stieß ich auf diese Gemeinschaft aus Künstlern und Schwulen, und ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wohl – so wohl wie es später nie wieder der Fall gewesen war. Für manche ist es ein großes Ding, sich zum Schwulsein zu bekennen. Bei mir war es umgekehrt. Ich musste sagen: Ich bin nicht schwul. Zumindest sexuell finde ich Männer nicht anziehend.


Poster zum Film: "This Is Not Berlin" gibt es vom 9. April bis 6. Mai 2020 exklusiv auf salzgeber.de als Video-on-Demand

Im Film bleibt auch bei den Freunden Carlos und Gera lange unklar, wie die sexuelle Orientierung aussieht..

Für mich sind Carlos und Gera wie Spiegel zueinander. Als ich die Figur von Carlos geschrieben habe, war mir schnell klar, wie wichtig es sein würde, dass wir auch einen schwulen Helden haben. Gera wird das seinem Freund und dem Publikum erst gegen Ende der Handlung offenbaren. Während Carlos auf meinen eigenen Erfahrungen beruht, waren für Gera verschiedene Freunde von mir das Vorbild.

Mit Xabiani Ponce de León haben Sie sich einen recht attraktiven Hauptdarsteller für Ihr Alter Ego ausgesucht…

Ich hoffe, ich sah damals mit 17 auch recht gut aus! (lacht) Aber natürlich war ich nie so attraktiv wie Xabiani, der außergewöhnlich hübsch ist. Die Schönheit allein hätte mir aber nicht gereicht für die Besetzung. Beim Casting entdeckte ich zum einen eine sehr große Unschuldigkeit in ihm. Zugleich spürte man, dass Xabiani schon viele schmerzhafte Erfahrungen in seinem Leben gemacht haben musste. Diese Mischung aus Reife, Schmerz und Unschuld fand ich begeisternd – das findet man bei Schauspielern nur selten.

Nicht ganz so unschuldig geraten Ihre Nacktszenen, von wütenden Straßenprotesten bis zu wilden Orgien…

Ich fand Nacktszenen für diesen Film einfach wichtig. Und dabei wollte ich auch nicht schüchtern sein, schließlich erzählen wir von einer Underground-Bewegung der Achtzigerjahre. Bei der Straßendemo hatten wir den Behörden vorab gar nicht gesagt, dass die Teilnehmer dabei nackt sein würden. Auch deshalb haben sich diese Szenen dann sehr real angefühlt.

Man könnte meinen, Ihre Teenager wären der Familie aus "Roma" von Alfonso Cuarón entsprungen. Nicht zuletzt spielt Marina de Tavira in beiden Filmen die Mutter – ist das nur Zufall?

Seltsam ist es allemal. Als ich Marina für meinen Film besetzte, war "Roma" bereits abgedreht – aber niemand wusste so recht, worum es dort gehen würde. Wie üblich machte Cuarón ein großes Geheimnis um sein Projekt. Dass Marina nun zweimal die Mutter spielt, hier die von mir und in "Roma" jene von Alfonso, ist ein völliger Zufall. Als ich "Roma" sah, war ich völlig von den Socken und konnte es nicht glauben.

Wie wurde "Berlin" in Ihrer Heimat Mexiko aufgenommen?

Ich war mir zunächst nicht sicher, wie man in Mexiko auf den Film reagieren würde. In den USA war das Echo begeistert, "This Is Not Berlin" gilt als wichtiger Beitrag für die LGBTI-Community und ebenso für Künstler und Rebellen. Zum Glück waren die Reaktionen in Mexiko dann ähnlich begeistert. Der Film geriet zu einem wichtigen Beitrag der mexikanischen Filmindustrie – was mich besonders für unsere Schauspieler freut, denen nun ganz neue Wege offen stehen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

This Is Not Berlin. Spielfilm. Mexiko 2019. Regie: Hari Sama. Darsteller*innen: Xabiani Ponce de León, José Antonio Toledano, Ximena Romo. Laufzeit: 109 Minuten. Sprache: spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, FSK 16. Verleih: Salzgeber. Vom 9. April bis 6. Mai 2020 als VoD auf salzgeber.de
Galerie:
This Is Not Berlin
10 Bilder