Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?35880

Kunstfreiheit

CDU zweifelt an Denkmal für LGBTI in Düsseldorf

Der Bau eines Denkmals für den Kampf um queere Rechte war schon fast beschlossene Sache. Die CDU findet den siegreichen Entwurf des schwulen Künstlers Claus Richter nun allerdings "zweifelhaft". Er ist ihr ästhetisch zu rechts – oder zu links.


Konnte sich in einem Kunstwettbewerb durchsetzen: Claus Richters Entwurf für das LGBTI-Denkmal, das am Düsseldorfer Rheinufer errichtet werden soll (Bild: Claus Richter)

Claus Richter bleibt ruhig. Ob er Grund dazu hat, wird sich zeigen. Aber eigentlich ist die Geschichte auch nicht so kompliziert: Die Stadt Düsseldorf und das LSBTIQ+ Forum, in dem sich die queeren Initiativen der Stadt zusammen geschlossen haben, beschlossen im März 2018, irgendwo am Rheinufer ein Denkmal für verfolgte queere Menschen zu errichten. Macht Sinn, schließlich war Düsseldorf im Nationalsozialismus ein Zentrum der Homosexuellenverfolgung in Deutschland.

Die Kunstkommission der Landeshauptstadt lud 14 Künstler*innen ein, Entwürfe für das Denkmal einzureichen. Richter, der selbst schwul ist, erzählt: "Wir alle unternahmen einen langen Spaziergang durch die Stadt, um uns anzusehen, was es schon gab und was vielleicht noch fehlt. Dabei fiel mir auf, dass die meisten Monumente in Düsseldorf sehr kraftvolle Bronzestatuen sind, kämpferisch und mächtig. Und so etwas wollte ich auch für uns. Etwas, dass auf den ersten Blick vielleicht martialisch wirkt, aber seine Bedeutung verändert, wenn man näher rangeht."

- Werbung -
Video - BEAUTIFUL DESTINATION MALTA

Vier queere Kämpfer*innen mit gereckten Fäusten


Der Künstler Claus Richter (Bild: privat)

Richters Entwurf zeigt nun vier Personen, die wie Held*innen aussehen, die Fäuste kämpferisch gen Himmel gereckt, in Bewegung, offensichtlich bereit, in den Kampf zu ziehen, oder schon mitten im Getümmel. Mutig, selbstbewusst, keine Bittsteller, sondern Figuren, die etwas einfordern, das ihnen zusteht.

"Ja, das Vorbild waren schon die Kriegerdenkmäler in der Stadt", so der Künstler gegenüber queer.de. "Es ging und geht mir darum zu zeigen, dass da für etwas gekämpft wird, es eine Schlacht ist, an die da erinnert werden soll." Und es gehe auch um die Wehrhaftigkeit des Denkmals selbst. Das Berliner Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen wird regelmäßig beschmiert oder beschädigt (queer.de berichtete). Richter wollte etwas schaffen, das schon von sich aus wehrhaft aussieht und sich in seiner Ästhetik Vandalismus widersetzt.

Außerdem sind seine Held*innen nicht eindeutig, wenn man ihnen näher kommt. Die männlichen Figuren haben feminine Züge, es wird mit Eindrücken und Rollen gespielt, das Rohe wird ironisch und gewollt gebrochen. Diese Vielschichtigkeit sah auch die Kunstkommission. Der Entwurf mit dem Titel "Ein seltsam klassisches Denkmal" war ein Erfolg, und Richter gewann den Wettbewerb.

"Auf der Abbildung sieht das Kunstwerk zweifelhaft aus"

Seine 1,70 Meter hohen Held*innen der Bewegung sollen nun bald auf einem Sockel, der sie zusätzlich erhöht, an einem noch zu findenden Ort am Rheinufer stehen. Allerdings nicht, wenn es nach der CDU geht. Denn die hat den Entschluss, das Denkmal zu bauen, fürs Erste verhindert. Richters Entwurf wurde im Kulturausschuss in Abwesenheit des Künstlers vorgestellt. CDU-Ratsherr Alexander Fils gab dabei zu Protokoll: "Auf der Abbildung sieht das Kunstwerk zweifelhaft aus." Was ihn zweifeln lässt: Die nach oben gestreckten und geballten Fäuste erinnerten ihn an die Bildsprache der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Und die sei damals unter anderem von links- und rechtsextremistischen Gruppierungen genutzt worden. Er müsse sich das Modell noch einmal näher ansehen, so Fils.

Das LSBTIQ+ Forum Düsseldorf kann diese Argumentation nicht nachvollziehen. Und wandte sich deswegen in einem offenen Brief an die Kulturpolitiker*innen. In dem es auch den Künstler in Schutz nimmt. Sprecherin Gabriele Bischoff: "Wir haben uns in einem Workshop mit 60 Teilnehmern intensiv Gedanken dazu gemacht, was eine solche Skulptur ausdrücken soll, und Claus Richter hat unsere Anregungen berücksichtigt."

Richter wurde inspiriert von Käthe Kollwitz

Richter erklärt im Interview mit queer.de seine Absichten auch noch einmal klar und deutlich: "Ich lebe in Köln, mein Atelier ist auch hier. Und das Käthe-Kollwitz-Museum. Ich liebe ihre Arbeiten und bin sehr oft da. Sie waren auch mit das, was ich bei der Arbeit an dem Entwurf im Kopf hatte." Macht ja Sinn: Das Werk einer der bekanntesten selbstbewusst bisexuellen Künstlerinnen der Welt als Grundlage für ein LGBTI-Denkmal zu benutzen: "Es geht mir um das Spielen mit Eindrücken. Darum, dass das Denkmal erst mal klassisch aussieht, aber sich beim Näherkommen für andere Sichtweisen öffnet."

Dass die CDU nun offenbar versucht ein Denkmal, das an politisch motivierte Verfolgung erinnern soll, wegen seiner impliziert politischen Botschaft in Zweifel zu ziehen, ist, wenn man näher rangeht, auch sehr vieldeutig – und seltsam klassisch. Denn zu der Tradition, auf die Richter sich in seinem Entwurf bezieht, gehören neben Kollwitz auch Menschen wie Ernst Barlach. Was ihnen gemein ist: Ihre Kunst war oft auch Ausdruck einer politischen Haltung. Einer humanistischen politischen Haltung. Diese anzuzweifeln, ist ein Statement in sich selbst. Die CDU will schon an die Verfolgung von LGBTI erinnern. Allerdings sollen die dabei wohl nicht zu kämpferisch, politisch und selbstbewusst auftreten. Wo käme man da hin…

Aber, wie gesagt, Claus Richter bleibt ruhig: "Das ist einfach Demokratie. Die Diskussion gehört für mich dazu und ist Teil eines Prozesses und der Arbeit. Ich würde mich freuen, den Entwurf noch einmal persönlich erklären zu können. Vielleicht haben ihn einige einfach noch nicht richtig verstanden. Dieser fortgesetzte Diskurs wird derzeit durch Corona verhindert. Was schade ist. Aber, das kann man ja nachholen."

Sorge darum, dass das Denkmal nicht gebaut werden könnte, macht er sich nicht. "Ich gehe im Moment davon aus, dass es passiert, aber es eben noch Gesprächsbedarf gibt. Das ist schon alles." Wollen wir hoffen, dass er Recht behält.

Ein Wort in eigener Sache
Hinter gutem Journalismus stecken viel Zeit und harte Arbeit – doch allein aus den Werbeeinnahmen lässt sich ein Onlineportal wie queer.de nicht finanzieren. Mit einer Spende, u.a. per Paypal oder Überweisung, kannst Du unsere wichtige Arbeit für die LGBTI-Community sichern und stärken. Abonnent*innen bieten wir ein werbefreies Angebot. Jetzt queer.de unterstützen!


#1 Ralph
  • 11.04.2020, 11:48h
  • Die Idee eines solchen Denkmals halte ich für gut. Das konkrete Projekt erscheint mir indes fragwürdig. Erst mal ist Düsseldorf nicht der passende Ort. Zwei deutsche Städte hingegen drängen sich geradezu auf: Berlin, von wo aus der § 175 das Land vergiftete und wo dann die nationalsozialistische Verfolgungswelle der Jahre 1933 bis 1969 initiiert wurde; München im Gedenken an die große Rede von Karl Heinrich Ulrichs 1867. Aber der falsche Ort ist nicht mein einziger Kritikpunkt. Ich glaube nicht, dass es angemessen ist, ein solches Monument in der Ästhetik des Stalinismus zu gestalten, einerseits wegen der Aggressivität und Gigantomanie dieses Stils, andererseits wegen der stalinistischen Homosexuellenverfolgung, die ihre Schatten noch heute über Russland wirft. Dass der Künstler ganz unverblümt davon spricht, er sei von Kriegerdenkmälern der ersten Hälfte des 20. Jh.s zu seinem Entwurf inspiriert worden, verrät eine bedenkliche Nähe zu Geisteshaltungen, gegen die sich ein solches Denkmal doch wohl richten soll.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Leon 4Anonym
  • 11.04.2020, 11:57h
  • Ist es unüblich dass Statuen/Denkmäler erstmal "näher angeschaut" werden bevor man sie in Auftrag gibt bzw. Platziert?
  • Antworten » | Direktlink »
#3 MarcAnonym
  • 11.04.2020, 12:32h
  • Wenn man weiß, wie lange es gedauert hat, bis in Düsseldorf ein Denkmal an den dort geborenen linken, jüdischen Dichter Heinrich Heine erinnern durfte, überrascht das nicht. (Und besagtes Denkmal wurde auch nicht von der Stadt in Auftrag gegeben und bezahlt, sondern von einer Bürgerinitiative.)
  • Antworten » | Direktlink »
#4 StrottesAnonym
  • 11.04.2020, 12:37h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Es handelt sich um ein Denkmal der Stadt Düsseldorf, und das sollte selbstverständlich in Düsseldorf und nicht in Berlin oder München aufgestellt werden. Oder umgekehrt gefragt: Darf nur Berlin und München der Verfolgung queerer Menschen gedacht werden?
  • Antworten » | Direktlink »
#5 BePrideAnonym
  • 11.04.2020, 12:47h
  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas Schlechtes bei dem Denkmal herausgekommen ist. Bei den vielen Vorgaben hätte eher die Gefahr bestanden, dass es etwas Langweiliges geworden wäre. Dem ist schon mal nicht so, weil es mit seiner Martialität in der Tat etwas Provokatives hat. Diese musste aber anscheinend ihren Platz finden in der Umgebung ebensolcher Denkmäler, um eben den zumindest geschichtlichen Geist dieser Stadt aufzugreifen und gegenüber diesem kontrastieren zu können. An dem Kontrast habe ich keinen Zweifel wegen Klaus Richter selbst und seiner Interpretationen von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Und natürlich ist Stonewall auch ein Kampf mit gestreckten Fäusten, Pfastersteinen und mehr gewesen und weiter einer mit viel Leid, aber auch Humor, was sich in der Differenziertheit vielleicht ebenso in den Gesichtern der Denkmalstatuen widerspiegelt. Weil dieses Denkmal von unsereins für gut befunden wurde, kann es da in der Tradition von Stonewall gegenüber der CDU hinsichtlich einer Unkenntlichmachung
    queeren Lebens auch keinen Kompomiss geben.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 FliegenAnonym
  • 11.04.2020, 13:04h
  • Ist Deutschland nicht schon voll genug mit Denkmähler??? In den Zeiten wie gerade wo so viele nach spenden zum überleben schreien wären Geldscheine für LGBT Szene Bars SIEGESSÄULE USW besser angebracht!!! LG FROHE OSTERN TROTZALLEM:-)
  • Antworten » | Direktlink »
#7 FliegenAnonym
#8 qwertzuiopüAnonym
#9 56James35Anonym
  • 11.04.2020, 14:52h
  • Kein Wunder, dass der Dichter Heinrich Heine diese Stadt verlassen wollte/musste !
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Ich HierAnonym
  • 11.04.2020, 15:15h
  • Eine solche Ästhetik ist bei zeitgenössichen Denkmälern heute wohl nur noch in Nordkorea zu sehen.
  • Antworten » | Direktlink »