Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?35886

Debatte

KONTRA: Der gestörte Schwule als mörderische Witzfigur

Die Netflix-Serie "Großkatzen und ihre Raubtiere" wirft die angebliche Tierschutzmessage und queere Sichtbarkeit den Zuschauer*innen zum Fraß vor. Das ist alles andere als lustig!


Kein schwuler Held: Joe Exotic, die Hauptfigur aus "Großkatzen und ihre Raubtiere", ist ein psychisch schwer gestörter und – glaubt man der Regisseurin – rassistischer Waffennarr (Bild: Netflix)

Um eines gleich mal klarzustellen: Joe Exotic ist kein Held. Und schon gar kein schwuler Held. Was er allerdings ist: eine Möglichkeit für Heteros, Schwule mal wieder als "schillernd", "crazy" und "völlig durch geknallt" wahrzunehmen.

Und das kommt so: Die Netflix-Serie "Großkatzen und ihre Raubtiere", im Original "Tiger King: Murder, Mayhem and Madness", deren Hauptfigur eben jener Joe Exotic ist, zeigt in sieben Teilen Joes jahrelange Streitigkeiten mit der Tierrechtsaktivistin Carole Baskin. Die eskalieren, bis Joe wohl ihren Mord in Auftrag gibt. Dafür, und für eine Reihe anderer Vergehen gegen Tierrechte, wurde Joseph Maldonado-Passage – wie Joe Exotic mit bürgerlichem Namen heißt – letztes Jahr jedenfalls rechtskräftig verurteilt. Zu 22 Jahren hinter Gittern.

Man glaubt Rebecca Chaiklin und Eric Goode, den Produzent*innen und Regisseur*innen der Serie, sofort, dass sie die Geschichte erzählen wollten. Denn was auf dem Papier wie die Vorlage für einen mittelmäßigen Tierschutz-Krimi daherkommt, lebt vor allem von den unglaublichen Charakteren. Hätte sich Joe, Carole und die anderen Mitwirkenden jemand ausgedacht, jeder Sender hätte gesagt: Das glaubt kein Mensch. Mach mal halblang!

- Werbung - Video - Abheben und Frankreich und die Welt entdecken

Das Schlimme ist: Es ist alles wahr


Joe Exotic am Tag seiner Verhaftung (Bild: Tampa Bay Police Department)

Das Problem: Es ist alles wahr. Ja, Joe Exotic ist ein schwuler Mann Mitte 50, der nach seinem jugendlichen Coming-out in selbstmörderischer Absicht von einer Brücke fuhr, sich dabei das Rückgrat brach und seitdem an einer Krücke geht. Ja, Joe Exotic hatte fast zwei Jahrzehnte einen Privatzoo, in dem er Hunderte Tiger, Löwen und andere Wildtiere hielt. Ja, Joe Exotic hat einen Hang zu deutlich jüngeren Männern, von denen er gleich mehrere heiratete, auch mal zwei gleichzeitig. Ja, Joe Exotic trägt gern Fransen-Jacken, hat einen teilweise blondierten Vokuhila, benutzt zu viel Selbstbräuner und hat ein Prinz Albert-Piercing. Ja, Joe Exotic besitzt ein ganzes Arsenal an Feuerwaffen, mit dem er gerne und ausgiebig herumballert. Ja, Joe Exotic hat Freunde, Ehemänner, Intimfeinde und Geschäftspartner, die wie aus einem schlechten Roman geklaut daherkommen: Drogendealer, Crystal-Meth-Abhängige, Männer, die auf Elefanten zu Meetings einreiten, eine Frau die nur Klamotten mit Tierfellmustern trägt. Und ja, Joe Exotic wollte erst Präsident der USA, dann Gouverneur von Oklahoma werden und hat zwischendurch Countryalben aufgenommen. Es ist alles wahr.

Zusammengefasst: "Großkatzen und ihre Raubtiere" erzählt von einem psychisch schwer gestörten, schwulen, und – glaubt man der Regisseurin – rassistischen Waffennarr, der mit ausgewachsenen Tigern kuschelt, bevor er sie erschießt, wenn sie zu alt werden, um mit ihnen Geld zu verdienen. Wie könnte man diese Geschichte nicht erzählen wollen? Oder ansehen.

Indem man sich zusammenreißt und kurz mal über die Folgen nachdenkt. Ja, ich weiß, wir leben in Zeiten, in denen es als Unterhaltung gilt, wenn D-Promis sich unter Palmen anschreien, in denen es "doch lustig" ist, wenn Menschen in Camps gesperrt und mit Kakerlaken überschüttet werden, in denen Twitter als Nachrichtenkanal gehandelt wird und Kim Kardashian den Präsidenten der USA in Fragen des Waffenrechts berät. Die Frage ist ja nicht, ob das alles so ist, sondern ob es gut ist, dass es so ist. Ist es nicht.

Sieben Stunden lange Lawine aus Klamauk und Voyeurismus

Die Macher*innen von "Großkatzen und ihre Raubtiere" hatten zu Beginn der Dreharbeiten eigentlich vor, einen Film darüber zu drehen, dass es in den Privatzoos und -haushalten der USA inzwischen mehr Tiger gibt als in freier Wildbahn. Und warum das keine gute Sache ist. Die Hauptfiguren sind eine Tierschützerin und der Mann, dessen Privatzoo sie verbieten lassen will. Allerdings passiert Chaiklin und Goode beim Erzählen ihrer unglaublichen Geschichte innerhalb weniger Minuten das Gleiche, was auch ihrer Hauptfigur und dem sie betrachtenden Publikum passiert: Die positive Message versinkt in einer riesigen, sieben Stunden langen Lawine aus Klamauk und Voyeurismus. Und Joes Privat- und Liebesleben wird davon einfach mitgerissen.

Wäre es super gewesen, sich damit auseinanderzusetzen, wie schwierig ein Coming-out im tiefsten Süden der USA vor 30 Jahren war? Wäre es. Hätte es spannend werden können, sich damit zu beschäftigen, wie fließend die Identität von Männern sein kann, die Sex mit anderen Männern haben und wie der aussieht? Sehr. Könnte es eine tolle Fernsehserie abgeben, sich über erfolgreiche Polyamorie unter Schwulen zu unterhalten? Yup. Sollte man sich Gedanken darüber machen, warum Männer sich mit Tigern, Löwen und fetten Autos ihr Ego aufblasen müssen, um "echte Männer" zu sein? Sollte man.

"Großkatzen und ihre Raubtiere" streift diese Themen auch alle. Allerdings nur, um daraus komödiantischen Gewinn zu schlagen und nicht nur ihre schwulen Hauptfiguren, sondern auch die Tierschutzmessage den Zuschauer*innen zum Fraß vorzuwerfen. Das alles führt dazu, dass die Serie das derzeit erfolgreichste Format auf Netflix ist.

Mit uns lachen, nicht über uns

Resultat: Der derzeit bekannteste schwule Mann des Planeten ist eine mörderische Witzfigur. Heterosexuelle Hollywood-Stars können es gar nicht abwarten, ihn als komplette Karikatur zu spielen, Trump überlegt, ihn zu begnadigen. Und das heterosexuelle Publikum – und wahrscheinlich auch viele LGBTI – lechzen nach einer eventuellen Zusatzfolge von dem "crazy shit".

Dabei gäbe es für Dokumentarfilmer*innen spannende, berührende und lustige Geschichten aus der queeren Community zu entdecken und zu erzählen. In denen man nicht über, sondern mit uns lacht. Aber, wer würde sowas schon sehen wollen, richtig?

PRO: Unfassbar unterhaltsame Ablenkung in Corona-Zeiten

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Wöchentliche Umfrage

» Wie findest du die Netflix-Serie "Großkatzen und ihre Raubtiere"?
    Ergebnis der Umfrage vom 13.04.2020 bis 20.04.2020


#1 IrrtumAnonym
  • 13.04.2020, 13:54h
  • " Joe Exotic ist kein Held. Und schon gar kein schwuler Held."

    Behauptet auch niemand.

    "in denen es "doch lustig" ist, wenn Menschen in Camps gesperrt und mit Kakerlaken überschüttet werden"

    Was haben Menschen, die sich daran ergötzen, andere Menschen leiden und vorgeführt zu sehen, zu tun mit Menschen, die eine spannende, skurille Geschichte feiern? Nichts.

    "in denen Twitter als Nachrichtenkanal gehandelt wird und Kim Kardashian den Präsidenten der USA in Fragen des Waffenrechts berät."

    Hat alles nichts mit der Doku zu tun.

    "Wäre es super gewesen, sich damit auseinanderzusetzen, wie schwierig ein Coming-out im tiefsten Süden der USA vor 30 Jahren war? Wäre es. Hätte es spannend werden können, sich damit zu beschäftigen, wie fließend die Identität von Männern sein kann, die Sex mit anderen Männern haben und wie der aussieht? Sehr. Könnte es eine tolle Fernsehserie abgeben, sich über erfolgreiche Polyamorie unter Schwulen zu unterhalten? Yup. Sollte man sich Gedanken darüber machen, warum Männer sich mit Tigern, Löwen und fetten Autos ihr Ego aufblasen müssen, um "echte Männer" zu sein? Sollte man."

    Eine Serie muss nicht zwingend moralisch belehren, sie kann auch einfach nur der Unterhaltung dienen, solange sie zumindest keine falschen Morallehren vermittelt und ich sehe nicht, wo die Doku dies tun würde. Abgesehen davon ist es aus meiner Sicht Unsinn, zu behaupten, dass Joe sich die Großkatzen zugelegt hat, um irgendwelche Männlichkeitsideale zu erfüllen. Er wirkt, als könnten Männlichkeitsideale ihn gar nicht weniger interessieren.
    Und was ist bitte gemeint damit, wie "fließend die Identität von Männern sein kann, die Sex mit anderen Männern haben"? Ist das eine Anspielung auf Joes nicht-schwule Ehemänner, die er mit Drogen und Tieren gefügig gemacht hat? Diese Männer hatten keine fließende Sexualität/Identität, sie waren stockhetero und wurden einfach nur ausgenutzt.

    "In denen man nicht über, sondern mit uns lacht."

    Niemand, der die Doku schaut lacht über "uns". Man lacht über die groteske Geschichte und evetl. über Joe als Person. Steckt der Autor dieses Text wirklich schon so tief in Identitätspolitik drin, dass er denkt, über einen Schwulen zu lachen wäre gleichbedeutend mit über die Community zu lachen?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 jochenProfil
  • 13.04.2020, 14:14hmünchen
  • hab mir jetzt eine Folge angeschaut, - das reicht mir jetzt aber auch.
    wenn man gerade so gar nichts mehr mit seiner freien Lebenszeit anfangen kann, dann ist das vielleicht was zur Berieselung.. aber mehr nicht. Wie so vieles an "Unterhaltung" im Internet und Tv.
    Ich fands relativ uninteressant . Ist aber auch Geschmackssache

    Außerdem finde ich sollten Tiger nicht in Gefangenschaft leben - höchstens zur Arterhaltung in ein paar Zoos.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Girlygirl
  • 13.04.2020, 15:27h
  • Grundsätzlich ist es ja gar kein Problem, dass der "Bösewicht" einer Minderheit angehört. Es ist aber problematisch, wenn Minderheiten fast immer in solch skurillen Verkörperungen dargestellt werden. Hier bei dieser Netflix Produktion handelt es sich ja wohl um eine wahre Begebenheit. Aber ganz Allgemein: Diverse Studien ergeben, dass wenn es um LGBT Repräsentation in den Medien geht, wir so gut wie unsichtbar sind, auch wenn uns durch Filterblasen etwas anderes suggeriert wird. Ich lebe in einem "stinknormalen" Umfeld, also weder homophob, noch linksliberale LGBT-Experten und es ist erschreckend wie wenig die mit LGBT in Berührung kommen. Ich möchte jetzt Netflix nicht verurteilen, aber gerade für junge Frauen wie mich ist LGBT Repräsentation wichtig. Es ist einfach nicht schön, dass ein Großteil der LGBT Repräsentation aus Männern besteht, die dann auch noch schlecht gemacht ist. Wir Schwulen, Lesben, Bisexuelle, Transgender etc. verdienen mehr Sichtbarkeit!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 David JacobAnonym
#5 MittelhesseAnonym
  • 13.04.2020, 22:04h
  • Antwort auf #3 von Girlygirl
  • Ganz allgemein würde ich dir ja recht geben, aber willst du ernsthaft behaupten, das in aktuellen Netflix Produktionen LGBT-Charaktere, vor allem positiv dargestellte, unsichtbar seien? Das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Ehrlich gesagt waren wir weniger Netflix Produktionen ein, die ohne auskommen.

    Ansonsten gebe ich Kommentar 1 völlig recht. Weder meine Freundin noch ich sind beim Schauen von Tiger King jemals in eine Situation gelangt, wo Joe Exotics Sexualität Grund für Klamauk oder Gelächter gewesen wäre. Wer die Doku-Serie fertig geschaut hat, der würde das Sexualverhalten einiger heterosexueller Charaktere wahrscheinlich als mindestens genauso fragwürdig erachten. Wenn Tiger King uns eines lehrt, dann, dass es eben völlig egal ist, ob homo-, bi- oder heterosexuell, kauzige Leute gibt es überall. Wenn es jetzt schon problematisch sein soll, dass auch mal ein Schwuler seltsame Dinge macht, dann hat das auch nichts mehr mit einer ordentlichen Dokumentation zu tun - und hilft niemandem dabei, LGBT-Rechte zu unterstützen. Diesem Contra-Kommentar kann ich echt nichts abgewinnen.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Homonklin_NZAnonym
  • 13.04.2020, 23:33h
  • ""Ja, ich weiß, wir leben in Zeiten, in denen es als Unterhaltung gilt, wenn D-Promis sich unter Palmen anschreien, in denen es "doch lustig" ist, wenn Menschen in Camps gesperrt und mit Kakerlaken überschüttet werden, in denen Twitter als Nachrichtenkanal gehandelt wird und Kim Kardashian den Präsidenten der USA in Fragen des Waffenrechts berät.""

    Danke, eben sowas hätte ich mir schon zusammen gereimt, das sich Leute heute reinziehen, denn über so einen Unsinn schwatzen sie dann drüber.
    Hat mich wieder dran erinnert, warum ich lange schon nicht mehr fernsehe, und gar bei Kumpanen drum bitte, sie möchten erst diese Kiste aus stellen, bevor ich über die Türschwelle gehe.

    Kein Plan wer dieser VokuHila-Pimp ist, aber warum die alle diese Farbphase heller Tiger mit den Gendefekten weiter züchten, anstatt die Wildformen zu vermehren, wäre eine gute Frage gewesen. Es iost ja schön wenn sich Enthusiasten an der Erhaltung bedroter Arten beteiligen wollen. Dann sollte das Zuchtprogramm aber in Übereinstimmung mit den zoologischen Fachvereinigungen geplant werden, damit die Variantenfülle erhalten wird.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 WindheimerAnonym
#8 Leon 4Anonym
  • 14.04.2020, 15:03h
  • Yeah... Wer sich von so was beleidigt/angegriffen fühlt ist in der selbst gewählten Opferrolle schon längst zu Hause und möchte sich beleidigt/angegriffen fühlen....
  • Antworten » | Direktlink »
#9 qwertzuiopüAnonym
  • 14.04.2020, 16:25h
  • Ich fand es unheimlich fesselnd als Unterhaltung :)
    Es ist eine Genremischung aus Doku, Krimi und Soap und gleichzeitig weiß man, dass das nicht gescriptet ist und trotzdem bizarrer als alles, was man sich hätte ausdenken können.
    Ich glaub, wer das mit der queer-community verbindet, ist auf dem falschen Dampfer, Joe macht nicht grade den Eindruck als würde er sich damit identifizieren. Er wirkt in jeder Hinsicht als Einzelfigur, die dabei entweder genial, irre oder beides ist.
    Natürlich sind Privatzoos problematisch, aber ein reifer Zuschauer wird da ja wohl etwas Distanz beim Sehen aufbringen können. Ich fand es überhaupt auch interessant davon zu hören, da ich gar nicht wusste, dass es soetwas gibt/gab.

    Und noch ein Gedanke an den Artikelautoren:
    Menschen vor sich selbst schützen und sie deshalb vor der Gesellschaft verbergen zu wollen, ist zutiefst autoritär. Joe Exotic scheint sich nicht der Lächerlichkeit preisgegeben zu fühlen.
  • Antworten » | Direktlink »