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Heimkino

Zwischen spießig und polymorph pervers

Der Salzgeber Club zeigt mit "Taxi zum Klo" einen großen Klassiker des schwulen Kinos in digital restaurierter Fassung. 1980 löste der Film über einen West-Berliner Lehrer und dessen Sexabenteuer einen Skandal aus.


"Taxi zum Klo" gilt heute zurecht als Meilenstein des nicht-heterosexuellen Kinos aus Deutschland. Der Film von Frank Ripploh wird noch bis 13. Mai 2020 exklusiv als Video-on-Demand im neuen "Salzgeber Club" auf salzgeber.de gezeigt (Bild: Salzgeber)

"Sie wollen mich auf meinen Streifzügen begleiten?", neckt die süffisante Stimme aus dem Off. "Keine Angst, wenn ich Sie auf öffentliche Toiletten mitnehme oder in die Herrensauna. Ich mag Männer, bin 30 Jahre alt, von Beruf Lehrer." Und dann, im gleichen Tonfall: "Ansonsten bin ich genauso normal, alltagsmüde, polymorph pervers wie meine Kollegen. Ich gehe regelmäßig zum Lehrerkegelabend und fiebere, wie alle anderen, der Freizeit entgegen."

"Taxi zum Klo", Frank Ripplohs Kultfilm von 1980, der anlässlich seines 40. Jubiläums in einer restaurierten Fassung erscheint, versteckt von Anfang an nicht seine wunderbare Zweideutigkeit. Ripploh, gespielt von Ripploh in einem Film von Ripploh, lebt Ende der Siebzigerjahre in Westberlin und ist schwul. Und an diesem Leben als schwuler Mann wird er die Zuschauer*innen teilhaben lassen: Er zeigt und er kommentiert. Aber er macht keinen Hehl daraus, dass für ihn damit nicht besonders viel gesagt ist. Erwartet man einen Film über die Besonderheiten und Befindlichkeiten schwulen Lebens in der Vor-Aids-Ära aus der Feder eines Pädagogen (wie im Film war Ripploh Lehrer), mit dem Ziel, ein heterosexuelles Normalo-Publikum aufzuklären, läuft man ins Leere.

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Den Arsch mit dem Gäste-Handtuch abgewischt


Poster zum Film: "Taxi zum Klo" gibt es vom 16. April bis 13. Mai 2020 exklusiv auf salzgeber.de als Video-on-Demand

Wenn wir ihn das erste Mal sehen, kehrt uns Ripploh seinen Rücken zu, genauer: seinen Arsch. Denn er wird hier niemand anderem sein Gesicht leihen als sich selbst. Er ist kein soziologischer Typ, kein Repräsentant einer marginalisierten Gruppe, mit anderen Worten: niemand, der auch nur im Entferntesten als "anormal" im Gegensatz zu einer "sozialen Norm" wahrgenommen werden möchte.

Dann wischt er sich bei der Morgentoilette den Arsch mit einem Handtuch ab, das er ans "Gäste"-Häkchen hängt. Ihr, liebe Zuschauer*innen = Gäste in meinem Leben, wollt, dass ich "die Schwulen" repräsentiere? Ihr könnt mich mal! Das Einzige, was ihr hier zu sehen kriegt, ist Frank Ripploh und wie er lebt. Kommt klar damit!

Apropos Film und Pädagogik: Später wird tatsächlich in Ripplohs Wohnung ein Aufklärungsfilm gezeigt, in dem ein Sexualtäter ein Kind belästigt, Pädophilie und Homosexualität in eins gekehrt werden. Während Ripplohs Freunde den Film im Nebenzimmer anschauen, und dabei wechselweise amüsiert, angeturnt und angewidert sind, gibt ein gelangweilter Ripploh in der Küche einem Jungen Nachhilfeunterricht. Jeder hat zur Pädagogik seine eigene, singuläre Distanz, ist von ihr abgelenkt, mit anderem beschäftigt. Zum Beispiel mit Leben.

Ein Leben zwischen Schule, Beziehung und Klappe

Und Ripploh lebt. Er fährt mit dem Auto umher, flirtet mit einem Mann an der Tankstelle, dessen Telefonnummer er aus Versehen ins Diktatheft einer Schülerin schreibt. Er lernt im Kino den sanften und anhänglichen Bernd (Bernd Broaderup) kennen und geht mit ihm eine Beziehung ein, schläft mit einem Typen im Leder-Look, der ihm auf der Straße nachstellt, wirft sich Acid ein und frequentiert Berliner Klappen, die er im Winter mit dem Taxi abfährt; daher der Titel.

"Taxi zum Klo" schlug 1980 ein wie eine Bombe. Ripploh hatte schon davor für Rosa von Praunheim und für Ulrike Ottinger vor der Kamera gestanden und sich öffentlich geoutet (1978 auf dem Cover des "Stern"), woraufhin dem Lehrer die Beförderung in den Beamtenstatus verwehrt wurde (angeblich wegen erhöhter Leberwerte). "Taxi zum Klo" dreht Ripploh, nach eigenem Bekunden, dann weniger aus politischen denn aus persönlichen Gründen – um sich zu rächen. Der Film entstand, ohne Förderung, mit einem Budget von hunderttausend Mark und wurde auf den Hofer Filmtagen uraufgeführt. 1981 gewann Ripploh den Max Ophüls Preis in Saarbrücken.


"Taxi zum Klo" war in seiner Darstellung einer souveränen schwulen Hauptfigur der Zeit weit voraus war (Bild: Salzgeber)

Der Film wurde zum enormen Publikumserfolg in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. In New York wurde er von über zweihunderttausend Menschen gesehen, in Boston 1982 mit einem Filmkritiker-Preis ausgezeichnet – und in Österreich wegen gleichgeschlechtlicher Pornographie beschlagnahmt.

Ständer im Glory Hole, Ejakulieren im Mund

Denn Ripploh wird in der Schilderung seines Alltags stellenweise durchaus auch explizit pornografisch. Das Hinterteil, das den Film eröffnet, lässt er sich später von einem Arzt auf Analfisteln hin untersuchen, der ihm ein Spekulum in den Darmtrakt einführt. In einer der Klappen, die er frequentiert, schiebt sich ein erregierter Penis durch ein Glory Hole, während er in einer Kabine sitzt und Schulhefte korrigiert. Außerdem zeigt er eine explizite Fellatio, und dabei seinen eigenen Penis beim Ejakulieren im Mund eines Liebhabers; einen anderen verwöhnt er später mit einer Golden Shower.

Aber diese Szenen haben nichts Spektakuläres an sich. Ihr Sinn besteht nicht darin, schwules Leben und Lieben in einem (pseudo)skandalträchtigen Modus darzustellen. Sie sind, im Gegenteil, hochgradig trivial. Ripplohs bevorzugtes Mittel, um diese Trivialität herzustellen, ist die Parallelmontage. Er lässt sich von seiner Tankstellenbekanntschaft mit einem Gürtel den Arsch versohlen und zieht eine dicke Line Koks; gleichzeitig zeigt er sich bei "Irmchen", seiner besten Freundin, im spießig eingerichteten Wohnzimmer und diskutiert über Liebeskummer. Und während Bernd im Reisebüro einen gemeinsamen Urlaub buchen will (Caprivi, Capri oder doch lieber irgendwo in unserem schönen Deutschland?), macht Frank seine Taxiodyssee.

Frank bleibt einfach nur Frank

So wird der Film bestimmt vom Grenzgang zwischen einem extrovertiertem Sexleben und dem Bedürfnis nach bürgerlicher Heimeligkeit. Bernd träumt von einem ruhigen Leben auf dem Lande, einem Bauernhof, dem friedlichen Lebensabend eines alten Schwulenpaars. Franks Promiskuität macht er diesem zunehmend zum Vorwurf. Der wiederum wirft Bernd vor, den "(Hetero)Ottonormalverbraucher" kopieren zu wollen und ein Treuekonzept aus dem Mittelalter zu haben. Und wenn er ihn das nächste Mal mit einem anderen Typen im Bett erwische, solle er einfach mitmachen, kapiert?

Zwischen diesen Extremen – und "Sackgassen", wie Ripploh selbst einmal über seinen Film gesagt hat – bleibt Frank einfach nur Frank. Ein individueller Körper. Der mit Intimität und Identität nicht zurückhält und sie wie nebenher einfließen lässt – lakonisch, anti-dramatisch, und höchst vergnügt.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Direktlink | Trailer zum Film

Infos zum Film

Taxi zum Klo. Spielfilm. BRD 1980. Restaurierter Fassung zum 40. Jubikäum Regie: Frank Ripploh. Darsteller: Frank Ripploh, Bernd Broaderup, Gitte Lederer, Hans-Gerd Mertens, Irmgard Lademacher. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Vom 16. April bis 13. Mai 2020 exklusiv im salzgeber.de als Video-on-Demand


#1 Pink FlamingoAnonym
#2 StaffelbergblickAnonym
  • 16.04.2020, 12:41h
  • "Das Hinterteil, das den Film eröffnet, lässt er sich später von einem Arzt auf Analfisteln hin untersuchen, der ihm ein Spekulum in den Darmtrakt einführt." Das ist falsch, ergibt sich auch aus dem Kontext. Der liebe Frank lag auf dem Untersuchungsstuhl in einer Hautarztpraxis, die damals DIE Praxis war, wenn MANN sich mal wieder was geholt hatte. Es ging in diesem Fall um Feigwarzen ... und so manche wurden damals öfters "Kunde", denn die Dinger sind im Arsch aufgrund anatomischer Gegebenheiten einfach vermehrungsfreudig. Und "Jürgen Möller" ( ;-) ) erklärt seinem "Patienten", dass diese Infektion beim Sexualverkehr übertragen werden kann.
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#3 TheDadProfil
  • 16.04.2020, 13:05hHannover
  • Antwort auf #2 von Staffelbergblick
  • ""Der liebe Frank lag auf dem Untersuchungsstuhl in einer Hautarztpraxis, die damals DIE Praxis war, wenn MANN sich mal wieder was geholt hatte.""..

    Das ist auch Heute noch so, denn der "Hautarzt" ist ein "Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten", auch dann, wenn inzwischen viele Schilder an den Praxen darauf nicht mehr explizit hinweisen, was ich ja für einen Ausdruck der angestiegenen "verschämtheit" der Gesellschaft" halte..
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#4 Pink FlamingoAnonym
  • 16.04.2020, 17:37h
  • Antwort auf #2 von Staffelbergblick
  • Nur so nebenbei. Dieser Supertolle Haut und Geschlechtsarzt hieß Dr. Zöller ( Praxis Bln. Wilmersdorf) und war der BESTE seines Berufsstandes. Die Praxis wurde dermaßen von uns aufgesucht, das sich der gute Dr. nicht anders zu helfen wußte, als nur noch Privatpatienten anzunehmen. Die Community nahm ihm das sehr übel. Ich erinnere mich noch gut, als ich wegen Hämorrhoiden bei ihm war. Als er sagte: so nun muß ich kurz pieksen. Ich konzentrierte mich auf dieses unangenehme Gefühl. Doch er lächelte mich an und sagte: schon geschehen. Ich blieb weiterhin sein Patient, bis zu seiner Pension. Herrlich im Film die Szene im Wartezimmer. Frank Ripploh war wie ich gebürtiger Münsteraner. War schon eine besondere Type. Das waren noch Zeiten, wo auch ich so manchen Tag i. WestBerlin damit zugebracht hatte, von Klappe zu Klappe mit der U-Bahn zu fahren um Sex zu haben. Lang ists her.
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#5 StaffelbergblickAnonym
  • 16.04.2020, 23:25h
  • Antwort auf #4 von Pink Flamingo
  • Danke, danke ... Jürgen Zöller war ja auch Mitherausgeber des ersten schwulen medizinischen Ratgebers. Und was Frank Ripploh anbelangt ... ich war damals in einem Programmkino und guckte mir "Sunday, bloody Sunday" an. Kino Spätvorstellung dünn besucht. Irgendwann hatte ich eine Hand auf meinem Oberschenkel ... neben mir saß ein Mann mit Bart ;-) .. danach kannte ich das "Filmfahrzeug" auch von innen.
    Der in dem Film gezeigte sw "Christian und sein Briefmarkenfreund" war ein 16 mm für den Schulunterricht. Ich hatte den damals auch mehrfach gesehen. Schwule Lehrer erreichten, dass dieser Film, zumindest in Berlin, nicht mehr für den regulären Schulverleih zugelassen wurde.
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#6 Pink FlamingoAnonym
  • 17.04.2020, 09:29h
  • Antwort auf #5 von Staffelbergblick
  • Sehr interessant. Das mit den Schwulen Lehrern habe ich nicht gewusst. Very Strange. Weiß aber nur zu gut, Frank Ripploh hat gerne provoziert wo er nur konnte. Hatte ein ziemlich großes Mundwerk in zweierlei Hinsicht. Vielleicht hatte ja auch ich mal Glory Hole Sex mit ihm. Wer weiß:-) LG.
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#7 RezensentAnonym
  • 22.04.2020, 06:23h
  • Weiß jemand, was aus bernd broaderup geworden ist?

    von ihm ist nichts im Internet zu finden.....
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