Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?35925

Kinderbuch

"Nicht jeder mit Penis ist ein Bub"

Das neue Kinderbuch "Der Katze ist es ganz egal" von Franz Orghandl erzählt vom selbstbewussten Coming-out eines trans Mädchens und den Reaktionen ihres Umfelds. Wir haben eine Leseprobe!


Jennifer betrachtet Papas beachtlichen Busen – will aber später lieber so einen wie die Mama hat

Es gibt nicht viele Kinderbücher, die vom Coming-out eines trans Mädchens oder Jungen erzählen, und nur ganz wenige, die sowohl emanzipatorisch und aufklärerisch als auch humorvoll und ironisch sind. "Der Katze ist es ganz egal" aus der Feder der österreichischen Autorin Franz Orghandl gehört auf jeden Fall dazu.

"Einer Verwechslung auf die Spur gekommen"


"Der Katze ist es ganz egal" ist im Klett Kinderbuch Verlag erschienen

Im Mittelpunkt der von Theresa Strozyk sympathisch illustrierten Geschichte steht Jennifer, die eines Tages mit diesem neuen Vornamen aufgewacht, endlich kann man sagen, und nun allen von ihrer Transition erzählt: "Ich bin nicht anders als früher, außer, dass ich einer Verwechslung auf die Spur gekommen bin."

Die Reaktionen sind unterschiedlich: Während die eigenen Eltern, auch Oma und Opa und sogar die Lehrerin ausrasten oder zumindest besorgt sind, kann sich Jennifer nur auf ihre besten Freund*innen Gabriel, Anne und Stella verlassen. Und auf ihre Katze: Denn die ist weder froh noch traurig über ihren neuen Namen, ihr ist er ganz egal.

Herzhaft und in heiterem Ton, gar nicht als Problemgeschichte, erzählt Orghandl die mutmachende Geschichte, wie ein Kind seinem Herzen folgt und dabei alle mitnimmt. Jennifer und ihre Freund'innen sind die klugen Held*innen in diesem wunderbaren Buch, das für Kinder ab neun Jahren empfohlen wird: "Nicht jeder mit Penis ist ein Bub", sagt die selbstbewusste Protagonistin, und ihre Freundin Anne unterstützt sie: "Auf die Seele kommt es an!"

Neugierig geworden? Die ersten 17 Seiten gibt es als PDF-Leseprobe zum Download! (cw/pm)

Infos zum Buch

Franz Orghandl: Der Katze ist es ganz egal. Kinderbuch für Kinder ab 9 Jahren. Mit Bildern von Theresa Strozyk. 104 Seiten. Klett Kinderbuch Verlag. Leipzig 2020. Gebundene Ausgabe: 13 €. ISBN 978-3-95470-231-2


#1 FredericAnonym
  • 18.04.2020, 18:38h
  • Ich hab mir tatsächlich das Buch als PDF heruntergeladen. Ich finde die Zeichnungen ziemlich lieblos und die Herangehensweise an die Thematik eher unschön. Aber gut, muss jeder selbst wissen. Ich würde dieses Buch eher nicht kaufen / verschenken.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Still_Ith
  • 19.04.2020, 02:19h
  • Ich hab mir die Leseprobe angesehen, und mindestens jeder zweite Satz strotzt vor problematischen Subtilitäten, bei denen ich sehr, seehr stark bezweifle, dass auch nur eine trans*-Person zum Sensitivity-Reading herangezogen wurde, die in sowas wie Trans*-Emanzipation involviert wäre.

    Würd mich #1 also anschließen: Nicht wirklich schön.
    "Nicht problematisierend" find ich, muss ich sagen, auch eine Einschätzung bzw. nen Prädikat, das die Leseprobe absolut überhaupt nicht verdient. Alles daran schreit schon sehr nach ner voyeuristischen Betrachtungsweise.

    Tut mir ehrlich leid drum, klang in der Zusammenfassung vielversprechend. Aber würd ich so weder Erzieher*innen noch Eltern oder gar betroffenen Kindern empfehlen.

    Angefangen schon mit dem verallgemeinernden Maskulinum in "Nicht jedeR(!!!) mit Penis ist ein Bub" ist daran einfach so Vieles problematisch, dass es nen paar DinA4-Seiten bräuchte für bloß die ersten zwei Seiten. Da isses mir ehrlich gesagt gerade zu spät für. Und eigentlich hab ich da auch einfach keine Lust drauf.

    Zusammenfassen würde ich meinen Eindruck als: Eine Cis-Person eignet sich hier die Trans*-Perspektive an und ermächtigt sich sozusagen damit in die Marginalisiertenrolle hinein, um aus dieser heraus sehr viel Legitimierung zu verteilen für Ansichten, Ausdrücke und Formulierungen, die in sich zutiefst transfeindlich sind. Den Lesenden vermittelt das: Ah, da schreibt ja ein Transmädchen, und das hat so überhaupt kein Problem damit, als Bub/Junge bezeichnet zu werden, na das beruhigt mich jetzt aber, da hab ich ja ein schönes Vorbild dafür, dass ich das von realen Trans*-Personen wohl auch erwarten kann, oder? So viel Verständnis und Rücksichtnahme für Deadnaming, Misgendern, Rollenklischees - es ist wahrlich ein Traum!

    Ja, allerdings. Ein Traum für Cissen. Die so weitermachen und weiterdenken wollen wie immer - bloß eben mit dem bestätigenden Schulterklopfen, dass das wirklich voll und ganz okay ist.
    Nur ist es genau das im Real-Life leider gerade nicht.

    Das ist eben genau die Art von "nicht-problematisierender" Transsexualität, wie die "nicht-problematisierende" Homosexualität von Dumbledore, für die ich viel Lob dafür gesehen habe, dass sie so unglaublich selbstverständlich ist, dass man nirgendwo in den Filmen oder Büchern etwas davon erfährt oder sieht. Ja, solche Schwulen wollen die Leute - wo das Outing außerhalb der Leinwand stattfindet, und sich auf eine so subtile Andeutung beim Blick in einen Spiegel beschränkt, dass man hinters Schwulsein nichtmal kommt, wenn man davon vorher nichts wusste.
    Und solches Transsein, in dem das Trans*-Mädchen es vollkommen normal findet, dass die Mutter in der Jungenabteilung die Klamotten einkauft und das auch weiter tun möchte, und die vollkommene Ignoranz ihres Trans*-Seins so gar nicht antagonisiert, sondern als gottgegebene Selbstverständlichkeit brav hinnimmt, das wünschen sich eben Cis-Personen.
    Die Trans*-Person als ewig anleitende, einzig verantwortungsvolle und verantwort-tragende Person gegenüber dem stets naiven, uninformierten und unreflektierten Umfeld, stets in der Pflicht, psychologisch jeden nur erdenklichen Mist kompensieren zu müssen als Gegenleistung dafür, existieren zu dürfen - und das am besten schon im Alter von 5-7 Jahren. Weil man mehr von Cis-Personen schließlich nicht erwarten kann, nicht wahr? Wikipedia aufzurufen, um dort nachzulesen, was Transsexualität ist, und/oder danach gar noch selbstständig Energie in die eigene Bildung diesbezüglich zu investieren, bloß weil es einen Menschen in der eigenen Familie betrifft - das wär wirklich viel verlangt, eindeutig, ZU viel. Sowas kann man von einer Person, die nicht selbst trans* ist, einfach nicht erwarten.

    Wenn Trans*-Sein nur dann nicht problematisch ist, wenn es brav und still bleibt,
    dann sehe ich für meinen Teil gerade darin schon den Kern des Problems.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 JannesAnonym
  • 19.04.2020, 03:53h
  • Was für ein cooles Buch. Die kaltschnäuzige Geschichte überrascht angesichts ihres trockenen Humors und der vielschichtigen Ironie mit ihrem feinsinnigen Tiefgang. Und eines möchte ich als Transmann mal sagen: Kaum wo findet sich noch so viel an Schubladenklischee wie ausgerechnet in der Trans-Szene. Davon ist dieses Buch ganz weit weg. Ich würde sogar sagen, es kämpft auch dagegen an. Finde ich gut. Ein genialer Rundumschlag.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 zeldanaAnonym
  • 19.04.2020, 04:13h
  • Antwort auf #1 von Frederic
  • Verstehe ich gar nicht. Was ist unschön an der Herangehensweise? Eine Geschichte über ein Kind zu erzählen, das seine Identität selbst definieren möchte? Die Illustrationen müssen bestimmt nicht gefallen, aber sie sind nun mal im Skizzen-Stil, da finde ich die Bezeichnung lieblos seltsam. Vor allem, wo so viel Detail und Humor drin steckt, ob man die Zeichnungen nun schön findet oder nicht.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Still_Ith
  • 19.04.2020, 10:57h
  • Ich hab die Transfeindlichkeit mal in gewöhnliche Kindesmissshandlung umgeschrieben. Vielleicht wird's da für Menschen, die Transfeindlichkeit nicht als Gewalt betrachten, ein klein wenig deutlicher, was so die Probleme sind.

    Wobei, andererseits, in einer Zeit, in der Menschenhass und Glorifizierung von Gewalt zunehmend Normalität werden, verlass ich mich nicht mal darauf. Aber bitte sehr, für die interessierte Cis-Person, als satirisch zugespitzter Ausschnitt:

    -----

    Nicht jedes Kind mag Schläge.

    Jenny ist einem Irrtum auf die Spur gekommen. Mit der Erkenntnis, dass vielleicht einfach nicht jedes Kind Schläge nicht mag, wacht sie eines morgens auf. Weiter nachlesen könnt ihr das hier:

    >>Jenny hat eine neue Erkenntnis: Geschlagen werden ist doof.

    Aber blaue Flecken zu haben ist ganz normal, behauptet der Papa.
    Die Erziehung bestimmt man doch nicht als Kind, sagt die Mama.
    Bei mir haben sie früher den Kochlöffel genommen, du bekommst nur den Gürtel!, poltert der Opa.
    Aber keine blauen Flecken haben ist schöner, sagt Jenny. Geschlagen werden find ich nicht mehr gut.
    Wie lieb!, ruft die Oma.
    Das ist gar nicht lieb, sagt ihr der Papa. Du bist ja verwirrt!
    Schweig, herrscht der Opa. Dein Blag, DAS ist verwirrt!
    Ich bin kein Blag, sagt Jenny.

    Am nächsten Tag steht Mama mit der Zigarette in Jennys Zimmer.
    Jenny macht das Fenster auf, der Rauch gefällt ihr nicht.
    Was wird denn das hier?, fragt die Mama.
    Die Luft ist blöd so, sagt Jenny.
    Was ist daran blöd?, fragt die Mama.
    Das ist unangenehm, wie mit dem Schlagen!, ruft Jenny.
    Na, angenehmer hab ich es auch nicht, sagt die Mama.
    Aber du darfst das Fenster aufmachen, schimpft Jenny.
    Ich bin auch erwachsen, als Kind macht man das nicht, sagt die Mama.
    Warum nicht?
    Jennifer merkt, wie ganz viel Wut aus ihrem Herzen in ihren Kopf steigt.
    Du sagst doch immer, es muss gerecht sein, aber du kriegst nur die Zigarettenluft und darfst sogar das Fenster aufmachen, und ich krieg noch die Schläge.
    Weil das eben so ist, wenn man nicht erwachsen ist, Jenny!, ruft die Mama.
    Aber geschlagen werden ist doof!, ruft Jennifer zurück.
    Die Mama presst die Lippen aufeinander. Plötzlich schaut sie nicht mehr böse aus, sondern traurig. Jennifer weiß nicht, warum sie gar nichts mehr sagen will. Sie nimmt Mamas Gesicht in die Hände und legt ihre Stirn gegen ihre.
    Du kannst doch die Katze schlagen. Oder das Baby, das bald kommt.
    Aber das Kind im Haus bist eben gerade du.
    Jenny kann die Mama nicht traurig machen, es geht einfach nicht. So sitzt Jenny wieder ohne sich da. Sie streichelt Mamas Gesicht.<<

    -------------

    Vielleicht für einige deutlicher so? Ich kann's euch auch noch auf Homofeindlichkeit umschreiben, wenn die Empathie für ein Mädchen nicht reicht.

    Es ist halt eine Lektion in Transfeindlichkeit und der Erziehung zu Co-Abhängigkeit. Ganz einfach das. Aber ich bin sicher, das Kind wird sehr daran wachsen, dass die einzigen Verbündeten seine Mitschüler*innen sind, und keinesfalls z.B. die Lehrenden in der Schule ^^
    Und sicherlich werden wir ein Einsehen haben, mit wie viel Geduld und Nachsicht das Kind die Eltern dazu erziehen wird, mit der Gewalt aufzuhören - selbstverständlich nur in dem Rahmen, den sie zu ertragen bereit sind. Also wahrscheinlich eher ein bisschen als so richtig. Aber auch wenn es eher bei einem bisschen weniger bleibt: Wir werden alle dieses wohlige Gefühl davon behalten: Gut, dass es ein Kind ist. Und gar nicht mehr tun kann als lieb und nett bitten, und im Zweifelsfalle ohne sich da sitzen. Denn dass irgendjemand anders traurig ist als Jenny, das geht halt einfach gar nicht.
    Sollte an der Stelle, an der Jenny das einsieht, auch jeder einsehen.

    Besonders als LGBT*IQA wissen wir ja sowieso: Licht und Liebe mussten zur Emanzipation von jeher reichen. Die Polizei hat schließlich auch nicht aufgehört, Lesben ins Höllenloch zu werfen, weil irgendwer nen Stein geworfen hätte. Sondern, logisch, weil alle immer brav genickt haben, geduldet und "bitte" gesagt.
    Deswegen hat Frau Merkel die Homo-Ehe ja auch zugelassen, weil die LSU so nett darum gebeten hat. Und nicht etwa wegen einer so aggressiven Partei wie der Grünen, die vor der Wahl klargestellt hätte, dass ohne Ehe für alle Koalitionsverhandlungen gar nicht erst zur Debatte stehen.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Selber EindruckAnonym
  • 19.04.2020, 11:49h
  • Antwort auf #2 von Ith_
  • Den Eindruck hatte ich leider auch. Schade. Hatte mir nach der Beschreibung im Artikel mehr erhofft. Es bleibt zu hoffen, dass die Familie in der Geschichte irgendwann nach Ende der Leseprobe zumindest einsehen (und offen zugeben), wie mies sie sich verhalten haben, und sich entschuldigen.

    Auch wenn das der Fall ist, würde ich das Buch ganz besonders keinem trans Kind empfehlen. Ich (auch trans) fand die Leseprobe nur bedrückend.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 TheDadProfil
  • 19.04.2020, 12:16hHannover
  • Antwort auf #2 von Ith_
  • ""Zusammenfassen würde ich meinen Eindruck als: Eine Cis-Person eignet sich hier die Trans*-Perspektive an und ermächtigt sich sozusagen damit in die Marginalisiertenrolle hinein""..

    Sich eine Zusammenfassung zu "meinen" bevor man sich über die Person kundig gemacht hat, geht dann auch mal schief..

    Auf der Seite des Verlages heißt es dann dazu :

    ""Franz Orghandl wurde 1980 in Wien geboren und verbrachte ihre Kindheit zwischen dem 5. Bezirk, der grünen Steiermark und dem südlichsten Zipfel Italiens. Sie arbeitet als Autorin und Übersetzerin.at.""..

    Und offensichtlich fällt man hier einem beliebtem Irrtum anheim wenn man "Franz" als Kurzform ausschließlich als "Männernamen" assoziiert..

    Ich will hier jetzt gar nicht weiter auf das schmale Brett des MIssgendern hinaus, jedoch anmerken das der "Cis-Vorwurf" einfach ins Wanken gerät, wenn man anderen Menschen, zumal unbekannten Menschen, einfach unterstellt Cis zu sein, obwohl man gar nichts über sie weiß..

    Die dann ja als einzige sich einem Feld bewegen würden, welches sie mangels eigener Kompetenzen überhaupt nicht schreiten dürfen ?

    Ist "Franz" also eine Cis-Frau ?
    Ist sie eine Non-binäre Person ?
    Ist sie gar selbst Trans*, und hat in diesem Buch ihre eigenen Kindheitserlebnisse mit verarbeitet ?

    ""und mindestens jeder zweite Satz strotzt vor problematischen Subtilitäten, bei denen ich sehr, seehr stark bezweifle, dass auch nur eine trans*-Person zum Sensitivity-Reading herangezogen wurde,""..

    Würdest Du dann noch erklären um welche Sätze es dort ginge ?
    Um die des Kindes, oder die der es umgebenden Erwachsenen, die hier dann eine "sensitivierung" erfahren müßten, also eine Art "umschreiben in trans*-sprech" ?

    Und wenn es um die Erwachsenen geht, was sollte das ?
    Wie könnte man dort dann noch aufzeigen wie scheiße die Gesellschaft damit umgeht, wenn man sowas wie eine "konsequente sprache" verwendetete ?
  • Antworten » | Direktlink »
#8 TheDadProfil
  • 19.04.2020, 12:18hHannover
  • Antwort auf #6 von Selber Eindruck
  • ""Es bleibt zu hoffen, dass die Familie in der Geschichte irgendwann nach Ende der Leseprobe zumindest einsehen (und offen zugeben), wie mies sie sich verhalten haben, und sich entschuldigen.""..

    Anstatt sich ein Happyend herbei zu spekulieren könnte man das Buch dann auch lesen..

    Wie könnte man annehmen das eine Leseprobe schon den Ausgang der Geschichte verriete ?
  • Antworten » | Direktlink »
#9 Nk231Anonym
  • 19.04.2020, 13:20h
  • Humorvoll geschrieben :'-)
    Mir gefällt's. Es ist schon ne starke Sache, dieses Thema humorvoll als Buch zu schreiben, gerade weil damit so viele Gesellschaftsprobleme, Stigma, und Ausgrenzung verbunden sind - leider. Und das Thema mit Humor als Buch anzubieten gefällt mir, weil Lachen und Schmunzeln dafür sorgt, sich zu öffnen. Das Buch sorgt also ganz leicht dafür, sich dem Thema zu öffnen.
    Hoffentlich gerät dieses Buch in viele Hände und möge es ein Umdenken auslösen :-)
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Still_Ith
  • 19.04.2020, 13:40h
  • Ok, irgendwie fand ich es als Schreibübung gerade lustig, und dann hab ich versehentlich doch dran rumanalysiert, also... hier für euch noch die Version in homofeindlich. Viel Spaß damit ^^

    Absätze danach könnt ihr auch gern ignorieren, muss ich nochmal überarbeiten, gibt's dann als Artikel aufm Blog.

    --------------
    Nicht jeder Junge liebt Mädchen.
    Leo ist einer Verwechslung auf die Spur gekommen. Mit der Erkenntnis, dass er auf Jungs steht, wacht er eines morgens auf. Weiter nachlesen könnt ihr das hier:

    >>Leo hat eine neue Vorliebe: Er steht jetzt auf Jungs.

    Aber das tut man doch nicht!, behauptet der Papa.
    In wen man sich verliebt, verändert man nicht!, sagt die Mama.
    Das wäre ja schwul!, poltert der Opa.
    Das macht nichts, sagt Leo. Dann bin ich eben jetzt schwul.
    Wie lieb!, ruft die Oma.
    Das ist gar nicht lieb, sagt ihr der Papa. Du bist ja verwirrt!
    Schweig!, herrscht der Opa. Dein Bub, der ist verwirrt!
    Ich stehe eben auf Jungs, sagt Leo.

    Am nächsten Tag steht Leo in seinem Zimmer. All die Poster von Sängerinnen und Schauspielerinnen hat er von den Wänden genommen und auf dem Boden ausgebreitet, und keine dieser Frauen gefällt ihm.

    Die Mama kommt, um zum Frühstück zu rufen.
    Wie siehts denn hier aus?, fragt sie.

    Ihr habt mir blöde Poster geschenkt, sagt Leo.
    Was ist daran blöd?, fragt die Mama.
    Das sind alles Frauen!, ruft Leo. Keine Skiläufer, keine Gewichtheber, kein einziger Junge! Ich hab kein einziges Bild von einem Schauspieler!
    Na, ich auch nicht, sagt die Mama.
    Aber du darfst Männer gut finden, schimpft Leo.
    Bei Jungs geht das eben nicht, sagt die Mama.
    Warum nicht?
    Leo merkt, wie ganz viel Wut aus seinem Herzen in seinen Kopf steigt.
    Du sagst doch immer, es muss gerecht sein, aber du darfst den Papa lieben, und das ist ein Mann.
    Weil Jungs sich eben in Mädchen verlieben, Leo, und nicht in andere Jungs!, ruft die Mama.
    Aber ich stehe nicht auf Mädchen!, ruft Leo zurück.
    Die Mama presst die Lippen aufeinander. Plötzlich schaut sie nicht mehr böse aus, sondern traurig. Leo weiß nicht, warum er gar nichts mehr sagen will. Er nimmt Mamas Gesicht in die Hände, und legt seine Stirn gegen ihre.
    Du kannst doch der Katze sagen, dass sie sich in Mädchen verlieben soll, oder dem Baby, das bald kommt.
    Aber du bist ein Junge, und deswegen ist das bei dir so, Leo.
    Leo kann die Mama nicht traurig machen, es geht einfach nicht. So sitzt Leo wieder ohne sich da. Er beschließt, er liebt jetzt wieder Mädchen. Er streichelt Mamas Gesicht.<<

    -----------------

    Na, ok, ich weiß nicht. Am Abschnittsende angekommen, find ich es gar nicht so lustig. Möchte aber nochmal betonen, dass an der Stelle, an der ich hier "er liebt jetzt wieder Mädchen" gesetzt habe, zu Jenny im Original auch wieder männliche Pronomina verwendet werden, und danach in der Folge der fremd zugewiesene, männliche Name. Konversion erfolgreich, demnach, zumindest vorläufig, unter Beibehaltung der Eigenwahrnehmungs-Perspektive. Und für die folgende Szene wäre Leo dann halt auch erstmal wieder hetero, denn Jenny verliert ihren anfangs selbstgewählten Namen auch erstmal wieder, ebenso wie ihre durch weibliche Pronomina ausgedrückte weibliche Selbstwahrnehmung.

    Falls irgendetwas daran stärker aufstoßen sollte als das Original, könnte das möglicherweise daran liegen, dass unsere Gesellschaft bzgl. der Nicht-Akzeptanz von Homofeindlichkeit ein Stück weiter sein könnte als bei Transfeindlichkeit. Ich persönlich dachte mir das zwar schon vorher, aber der "geht gar nicht"-Faktor kommt selbst mir beim Homo-Beispiel nen Ticken krasser vor.
    Eigentlich ist er das aber nicht, vom inneren Wert her kommt sich das ziemlich gleich.

    Weiß ja nicht, wie's euch geht. Bei den letzten übernommenen Sätzen tut's mir weh, es zu lesen.
    Dass Homosexualität hier nicht problematisiert würde - ich weiß nicht. Ich würd eher sagen, Homofeindlichkeit wird nicht problematisiert.
    Besser so ein Vorbild als gar keins?

    --------------

    Um das an der Stelle klarzustellen, ich schreib nichts davon, weil ich irgendwen hassen würde, der*die da involviert ist, und auch meine Kritik am Gütesiegel "nicht-problematisierend" ist nicht so gehässig gemeint, wie sie vielleicht ankommt. Andererseits tue ich mich schon schwer, nachzuvollziehen, wie man über solche temporären Konversionserfolge, die da auf den ersten Seiten schon komplett un-problematisiert daherkommen, nicht zumindest irgendwie stolpern kann, auch als Cis-Ally und nicht bloß als selbst betroffener Mensch.
    Ich tu mich auch schwer, über dieses Buch bzw. das, was ich bislang davon gesehen habe, wütend zu sein, aber nicht, weil es keine Wut verdient, sondern eher aus Resignation heraus, weil's halt leider normal ist. Kunst findet in schöner Regelmäßigkeit auf diese voyeuristische Weise ÜBER uns statt, und wenn überhaupt mal eine Ownvoice-Stimme eingeholt wird, um Problematisches abzuklären, bzw. eher FALLS das passiert, denn selbstverständlich ist es nicht, dann nimmt man für solches Feedback vorzugsweise Leute, die wenig zu kritisieren finden und ziemlich viel nicken, ergo möglichst bequem sind.
    Jetzt ist das veröffentlicht, da können ich und andere sich die Finger wund schreiben, das kommt jetzt so erstmal auf den Markt, bekommt Werbung. Wird besonders bei Leuten, die's mit der Akzeptanz nicht so haben, wahrscheinlich auch sehr viel besser ankommen als wenn weniger verständnisvoll und nachsichtig damit umgegangen würde, dass trans*-Sein erstmal grundsätzlich alles andere als okay ist. Wenn Jenny doch mal wieder dazu zurückkehrt, sich Jenny zu nennen, das lernen wir hier schon auf den ersten Seiten, wird das eigentlich Sturheit sein, und nicht in dem Sinne etwas, was man nicht prinzipiell auch ändern könnte.

    Das Bild, das entsteht, ist also in erster Linie das: Dass es eben KEINESWEGS selbstverständlich ist, dass Jennys Trans*-Sein in Ordnung sein könnte, unabänderlich sein könnte, geschweige denn, dass sie ein Recht darauf haben könnte, dass Erwachsene anständig mit diesem Trans*-Sein umgehen. Diese Selbstverständlichkeit von Nicht-Anerkennung als Standard bekommt nicht nur Jenny im Buch um die Ohren gehauen, zwischen den Zeilen ist das auch die Message bei dem Tonfall, in dem auf Jennys Wut herabgeblickt wird als etwas, das irgendwie kindlich-niedlich ist, flüchtig, tendentiell nicht ernstzunehmen und mit Köpfchentätscheln zu erledigen. Rücksichtnahme dagegen ist selbstverständlich etwas, das Jenny den Eltern entgegenzubringen hat, nicht etwa umgekehrt. Und das ist eine derartige, parteische Einflussnahme, dass mir an der Stelle kein anderer Schluss bleibt als der: Das wird wohl ein erwachsener Mensch geschrieben haben, und wahrscheinlich einer, der kindliches Leid ganz extrem in Ordnung findet.

    Lob gibt es auf der Meta-Ebene für Jennys Ertragen, aka, je mehr du als gewalt-erlebendes Kind mit gerade den Menschen kuschelst, die dir wehtun, desto braver bist du, positiver bist du, desto mehr bist du in Ordnung... und in dieser Phantasiewelt werden sie dich genau dafür am Ende auch akzeptieren.
    Mal abgesehen davon, dass der letzte Punkt in der Realität so nicht funktioniert: Wessen Leid hier wichtig und schlimm ist, ist sehr klar vordefiniert, und das von Jenny ist es nicht. Jennys Gefühl wandert mal vom Kopf ins Herz oder umgekehrt, ein Sturm im Wasserglas und dann isses eben auch einfach mal wieder weg, weil wichtig war's eh nicht.

    Gut, könnte man nun sagen, die Kritik an der Transfeindlichkeit liegt ja jetzt vielleicht auf der Meta-Ebene. Wenn wir Jenny am Ende genug mögen, werden wir ja Mitgefühl mit ihr entwickeln, nicht wahr? Also werden wir am Ende vielleicht zu dem Schluss gekommen sein, dass Jenny schon irgendwie ein Mensch ist, und es nicht schön ist, schlecht mit ihr umzugehen. Und rückblickend werden wir vielleicht sagen: Oooh, jetzt hat sie sich soo sehr angestrengt, jetzt ist sie sooo lieb gewesen und so geduldig geblieben, jetzt DARF sie das. Ob wir das der nächsten Trans*-Person auch erlauben, das werden wir dann entscheiden, wenn diese Person wenigstens genauso nett zu uns ist.

    Ich meine, von welchem Niveau der Akzeptanz reden wir hier? Soll es wirklich eine Revolution sein, dass wir als erwachsene Lesende am Ende des Buchs gelernt haben, dass auch ein Trans*-Kind ein menschliches Wesen ist, statt, sagen wir, Abfall? Sind wir echt so tief unten, dass wir ein Buch lang ein charakterliches Vorzeigestück brauchen, um zu beweisen, dass Jenny trotz ihres Trans*-Seins kein Monstrum ist? Und wenn DAS die Moral sein soll, wieso dann bitte ein Kinderbuch? Weil die Trans*-Person da so schön abhängig ist, wie wir sie im RL gern hätten, statt laut, psychisch angeknackst und unangenehm, weil unpassend in unsere Normalität? Um die Vorbildfunktion für lesende Kinder kann's ja dann wohl nicht gehen, oder? Wenn wir eigentlich hier nur ein Stück weit üben wollen, als Erwachsene, dass wir Jenny nicht unter allen Umständen eklig finden brauchen. Wobei, wir könnten natürlich schon, denn glücklicherweise ist Jenny so erschaffen, dass sie uns das nicht übelnehmen würde.

    Ob so ein Umgang mit der eigenen Ausgrenzung unbedingt "gesund" ist, psychisch betrachtet, wage ich für meinen Teil ernsthaft in Frage zu stellen. Aber als Kinderbuch gewinnt gerade das Vorbildcharakter. Ein Vorbild, das für ein Trans*-Kind, meiner Einschätzung nach, an der Stelle einfach nur desaströs wäre.

    Allein schon, weil es um Jennys Gefühle gar nicht geht (ja, siehe oben, wieso sollte es auch, sind ja Kindergefühle, also eigentlich per se schon gar nicht richtig ernstzunehmen, ne?).
    Einblicke in Gefühle gibt es grundsätzlich allerdings schon: Bezüglich der Mutter bekommen wir die. Für die Traurigkeit der Mutter wird Empathie erzeugt. Klar, Jenny wird zur Heldin, weil diese Sympathie von ihr ausgeht, und wir die miterleben dürfen, live und direkt aus ihrer Perspektive. Von Jennys Seite her fühlen wir mit der traurigen Mutter mit. Wir beobachten aus Jennys Augen und haben gerade gelernt: Mein Trans*-Sein macht Mama traurig. Sehr schöne Moral an der Stelle.
    Die Meta-Ebene dazu wäre: Wir sollen anfangen, Jenny zu mögen, weil sie Gefühle hat (oh, sie ist trans*, aber immer noch menschlich genug, um Mitgefühl zu haben! Lasst die Sektkorken knallen!) und sich so schön aufopfert (wow, sie ist nicht bloß ein Mensch, sie ist übermenschlich, eine Heilige regelrecht!! Wenn das mal keine Trans*-Emanzipation ist!).
    In dem Sinne: Schon die Meta-Ebene ist problematisch. Ohne sie ist's nicht besser: Die einzigen Gefühle, die sich dem Lesenden erschließen, und die nach-empfunden werden, sind die der traurigen Mutter. Wie es Jenny geht, dass es Jenny schlecht gehen könnte, bleibt uns glücklicherweise erspart. Praktisch, nicht wahr? Da sehen wir die Welt also aus den Augen einer Trans*-Person und werden gerade diskriminiert, aber negative Gefühle, das lässt der Autor uns darüber wissen, entwickeln wir hier erstmal nicht. Ein Sturm im Wasserglas mit mal kurz aufkochender Wut von Kopf zu Herz oder umgekehrt, aber das haben wir auch sofort wieder vergessen.

    Folgerichtig wird Jenny nun auch nicht etwa traurig, wenn die Mama aus dem Raum ist. Stattdessen erleben wir Pseudo-Trans*-Mitlesende aus ihrer Perspektive, wie sich das Thema viel leichter lösen lässt: Gut, dann lassen wir das mit dem neuen Namen jetzt halt wieder - soo wichtig war's eigentlich ja eh nicht. Geht in Ordnung! Und wenn wir dabei schon sind, verwenden wir aus Jennys Perspektive heraus für uns selbst jetzt auch einfach mal wieder männliche Pronomina.

    Leute: That's not how it works!

    Das ist spätestens der Punkt, an dem ich mir denke, dass da überhaupt keine entscheidunggebende Trans*-Person beteiligt gewesen sein KANN.
    Auf sowas würdest du als betroffener Mensch gar nicht erst kommen, geschweige denn, dass du das als Vorbild für deine jungen Fellows setzen würdest. Sowas ist einfach nur gefährlich.
    Und aus solchen Gründen wär es echt nett, wenn's irgendnen moralischen Anspruch gäbe, von Verlagsseite aus, solche "Vorbild"-Bücher, gerade für Kinder, gar nicht erst zu entwickeln ohne jemanden, der*die sensibilisiert ist für solche potentiell schädlichen Dinge.

    Ja, wie im ersten Beitrag schon erwähnt, da könnte man Seiten drüber schreiben. Aber glaubt mal nicht, dass das witzig wäre, auch für mich, sich bis ins letzte Detail reinzuziehen, wie selbstverständlich es ist, dass sowas wie echte Akzeptanz so vollkommen undenkbar ist, und das bis zu einer ziemlich tiefen Bewusstseinsebene. Oder gar ein Recht drauf, so zu sein, bei dem es sehr wohl ein Problem sein sollte, wenn das nicht anerkannt wird. Es sollte erlaubt sein, wütend zu werden, wenn dieses Recht verwehrt wird, und nicht als Sturm im Wasserglas, der mal kurz vom Herz in den Kopf steigt und dann wieder weg ist, weil so richtig schlimm war's ja eigentlich nicht. Auf einer gewissen Ebene ist vieles, was da passiert, dem ganzen Thema gegenüber einfach nur respektlos.
    Leider ist es gerade dadurch ganz extrem normal, alles. Mich enttäuscht es. Und wer kann Enttäuschung als Normalität schon toll finden. Deswegen mach ich meistens auch von vornherein eher einen ziemlich großen Bogen um sowas. Wirklich positive Überraschungen gibt's selten.

    PS: Nach dem Überfliegen einiger Kommentare vermute ich mal, dass das direkte Übertragen auf die Homofeindlichkeit vielleicht echt etwas ist, das einige hier dringend brauchen, um Trans*-Konversion irgendwie zu begreifen. Traurig.
  • Antworten » | Direktlink »