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Wie gay ist "Dorian Gray"?

Schwuler Narzissmus, der zur Weltliteratur wurde

Heute vor genau 50 Jahren – am 24. April 1970 – feierte der Film "Das Bildnis des Dorian Gray" seine Premiere. Im Juli wird Oscar Wildes Roman 130 Jahre alt. Zwei gute Gründe für einen Rückblick.


Szene aus dem Film "Das Bildnis des Dorian Gray" von 1970 mit Helmut Berger in der Hauptrolle (Bild: Constantin Film)
  • Von Erwin In het Panhuis
    24. April 2020, 04:54h, 5 Kommentare

Der Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde gehört heute zur Weltliteratur und ist neben seinem Drama "Salome" wohl Wildes bekanntestes Werk. Die sehr unvollständige Liste in Wikipedia verweist unter anderem auf 14 Ballettfassungen, neun Opernfassungen, elf Musicalfassungen, 29 Theaterfassungen und 17 Verfilmungen, die auf diesem Roman basieren.

Die Geschichte von "Dorian Gray" ist aber nicht nur kommerziell erfolgreich und spannend zu lesen, sondern – wie noch zu zeigen sein wird – als wichtiger Teil der schwulen Kulturgeschichte anzusehen. Wer als Schwuler diesen Roman nicht kennt, sollte sich schon ein wenig schämen.

Die Story


Oscar Wilde auf einem Foto von 1889 (Bild: wikipedia)

In Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" lernt der gutaussehende und noch unerfahrene Dorian Gray den erfolgreichen Maler Basil Hallward kennen, der von seiner Schönheit fasziniert ist und ein Ölgemälde von ihm anfertigt. Von diesem Gemälde ist Dorian so begeistert, dass er sich wünscht, das Porträt möge an seiner Stelle altern und er selbst für immer jung und schön bleiben.

In der darauffolgenden Zeit beginnt sich das Gemälde zu verändern. Es scheint nicht nur zu altern, sondern auch eine Schuld zum Ausdruck zu bringen. Das findet seine Entsprechung im Leben von Dorian Gray, der unter dem negativen Einfluss von Lord Henry Wotton, den er über Basil Hallward kennen gelernt hat, immer maßloser und grausamer wird. Das sich äußerlich verändernde Gemälde versteckt Dorian in einem Dachzimmer und vergleicht regelmäßig die sich zum Schlechten verändernden Züge des Gemäldes mit seinem eigenen unveränderlichen Spiegelbild.

Als er von Basil Hallward für seinen Lebenswandel kritisiert wird, ersticht er ihn. Nach diesem Mord beginnt Dorian wahnsinnig zu werden und sticht auch auf das Gemälde ein. Als Dorians Leiche gefunden wird, ist sie kaum zu erkennen, weil er nun ein verlebtes und abstoßendes Gesicht hat, während das Gemälde wieder einen schönen und jugendlichen Dorian Gray zeigt.

Drei unterschiedlich homoerotische Romanfassungen

Die erste und noch recht kurze Fassung von Wildes Roman wurde im Juli 1890 in "Lippincott's Monthly Magazine" veröffentlicht (98 Seiten in 13 Kapiteln). Für die erste Buchfassung, die 1891 erschien, hatte Wilde seinen Text nicht nur erweitert (auf 337 Seiten in 20 Kapiteln), sondern auch stark verändert und dabei die homoerotischen Textpassagen "entschärft". Die Fassung von 1891 ist die, die bis heute meistens unverändert nachgedruckt wird.


Erstdruck des Romans von 1890

Im Jahr 2000 erschien erstmals eine "Urfassung" des Romans, die aus dem Typoskript rekonstruiert wurde. Sie belegt, dass bereits die Fassung von 1890 mit Bezug auf die homoerotischen Passagen "entschärft" wurde.

Die deutschen Übersetzungen

Schon an den ersten deutschen Übersetzungen ist ein besonderes Interesse schwuler Männer an dem Roman erkennbar. Die erste Übersetzung unter dem Titel "Dorian Gray" erschien 1901 im Leipziger Verlag Max Spohr, dem Haus- und Hofverlag der frühen Schwulenbewegung. Die Übersetzung stammte von dem Homosexuellenaktivisten Johannes Gaulke und bot die homoerotischere Kurzfassung.

Später erschien eine Übersetzung der Langfassung, ebenfalls von Gaulke, unter dem Titel "Das Bildnis des Dorian Gray" im Ullstein-Verlag (ca. 1912 und 1921). Das Vorwort zu dieser Fassung schrieb der Schriftsteller Hanns Heinz Ewers, ein Freund Gaulkes mit engen Kontakten zur Homosexuellenbewegung. Es bleibt irritierend, dass der ansonsten so mutige und provokative Ewers in seinem Vorwort Wildes Homosexualität nicht nur verschleiert, sondern auch abwertet, indem er von "perversen Neigungen" und von "Vergehen" schreibt, "die bei uns mit Gefängnis, in England gar mit Zuchthaus bestraft werden" (S. 7). Er schreibt auch, dass "wohl noch ein Jahrhundert vergehen" wird, bis England Oscar Wilde "den Platz einräumen wird, der ihm gebührt" (S. 5).

Als Weltliteratur ist "Das Bildnis des Dorian Gray" in deutscher Sprache in der Langfassung online in den unterschiedlichsten deutschen Übersetzungen verfügbar: In der von Johannes Gaulke (archive.org), Richard Zoozmann (archive.org und Projekt Gutenberg), Bernhard Oelschlägel (archive.org) und in der weit verbreiteten von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer (Zeno und Projekt Gutenberg). Auch die (homoerotischere) Urfassung von "Das Bildnis des Dorian Gray" (2000) ist in deutscher Sprache verfügbar, wenn auch nur in Buchform und nicht online.

Die Rezeption als schwuler Roman

Der Roman war schon früh moralisch umstritten und wurde – vermutlich erst nach Wildes Verurteilung – unterschiedlich deutlich mit Homosexualität in Verbindung gebracht. Der Anglist Gregor Sarrazin sah den Roman erfüllt vom Gift eines "perversen Schönheitskultus" (zitiert nach der Wiener Zeitung "Die Zeit", 11. September 1908). Ein anderer zeitgenössischer Autor meinte, den Roman umgebe ein "schwüler Hauch perverser Sinnlichkeit", der nicht den Beifall "aller Gesunden" finden könne ("Pilsner Tagblatt", 17. Januar 1908). Der Mathematiker Heinrich Emil Timerding weist in seinem Buch "Sexualethik" (1919, S. 52) darauf hin, dass der Roman "in bedenklicher Vermischung mit homosexuellen Momenten" einen "Verführertypus" zeige.

Die Parallelen zwischen Wildes Leben und diesem Roman waren zu offensichtlich, um sie übersehen zu können. Dementsprechend wurde mit Bezug auf Wildes Verurteilung wegen Homosexualität auch im Roman nach homoerotischen Anspielungen gesucht. Der britische Literaturwissenschaftler und Publizist Robert Mighall sieht in Dorians Namen einen Verweis auf den griechischen Stamm der Dorer (engl. Dorians) und somit auf den Euphemismus "griechische Liebe" für Homosexualität. Die Romanbezüge zur griechischen Mythologie, speziell zu den Gestalten Narziss und Adonis, unterstützen diese These. Weniger verschlüsselt ist Basil Hallwards und Henry Wottons homoerotisch wirkende Zuneigung zu Dorian Gray (Wikipedia).

Eine Verbindung zwischen Wildes Homosexualität und diesem Roman wurde schon frühgezogen. Für die "Kölnische Volkszeitung" (6. Dezember 1906) wurde die Freude an Werken wie "Das Bildnis des Dorian Gray" "durch das wenn auch nur verschleierte Hineinspielen jenes Umstandes, der seinem Verfasser das Leben vergiftet hat, […] erheblich beeinträchtigt". Für Carl Hagemann ("Oscar Wilde. Studien zur modernen Weltliteratur", 1910) wurde eine leidenschaftliche Liebe wie die von Basil Hallward zu Dorian Gray auch für Wilde "verhängnisvoll" (S. 138). Nach Zitaten von Basil Hallward über seine Liebe zu Dorian Gray betont Hagemann: "Das alles gilt für Oscar Wilde, das alles ist Oscar Wilde" (S. 142).

Bis heute lassen sich vereinzelt warnende Hinweise auf diesen Roman finden. Die beiden Altphilologen Michael von Albrecht und Hans-Joachim Glücklich weisen in ihren Buch "Interpretationen und Unterrichtsvorschläge zu Ovids 'Metamorphosen'" (2011, S. 58) darauf hin, dass die Auswahl der Filme im Kontext des Motivs Narzissmus "vorsichtig erfolgen" müsse: "Zu rasch ist man bei 'Dorian Gray' […] beim Thema Homosexualität."

Der Roman vor Gericht – als Indiz für Wildes Homosexualität

Wegen homosexueller Handlungen wurde Oscar Wilde 1895 vor Gericht gestellt. Als Indiz für seine Homosexualität wurde dabei auch aus "Dorian Gray" zitiert. Zwei Ausschnitte aus Filmen über Oscar Wildes Leben, die online verfügbar sind, können – auch wenn Biopics mal mehr und weniger phantasievolle Ausgestaltungen darstellen – einen groben Eindruck seiner Gerichtsverhandlung vermitteln. Beide britischen Filme ähneln sich, weil sie auf demselben historischen Hintergrund basieren.

In "Oscar Wilde" (1960, R: Gregory Ratoff) ist die Verhandlung wegen Homosexualität und die Thematisierung von "Dorian Gray" (hier online, 37:35-53:40, insbesondere 49:05-50:30) ähnlich aufgebaut wie die entsprechende Szene in "The Trials of Oscar Wilde" (1960, R: Peter Finch) (hier online, 59:10-1:24:55, insbesondere 1:11:30-1:14:00).


Die Gerichtsverhandlung – hier aus dem Film von Gregory Ratoff, 1960 – mit dem Roman als Indiz für Wildes Homosexualität

In einer dritten Verfilmung von Wildes Leben unter dem Titel "Wilde" (1997, R: Brian Gilbert) wurde die Gerichtsszene zwar ohne Zitate aus dem Roman inszeniert, dafür jedoch geschildert, wie zu einem früheren Zeitpunkt die Romanidee aufkam, und dies mit einem der bekannten Bonmots Wildes verbunden: "Geben Sie ihm eine Maske und der Mensch sagt die Wahrheit" (hier online, 19:40-22:15).

Die Einbindung des Romans im Gerichtsverfahren lässt sich auch gut in Richard Ellmanns fulminanter Biografie "Oscar Wilde" (Piper, 1991, S. 598-606) nachlesen. In dem Kunstband "L'amour bleu. Die homosexuelle Liebe in Kunst und Literatur des Abendlandes" (1994, S. 183-184) wurden die Textzeilen des Romans abgedruckt, die auch in der Gerichtsverhandlung gegen Wilde vorgelesen wurden (nachzulesen auch in "Das Bildnis des Dorian Gray", Passage von "Erzähle mir mehr von Herrn Dorian Gray" auf S. 14 bis zu "Ich muss Dorian Gray sehen" auf S. 15). Nach "L'amour bleu" wurde Oscar Wilde gefragt, ob er diese Beschreibung der Gefühle eines Mannes für einen Jüngling für anständig oder unanständig halte, worauf Wilde antwortete, dass es für ihn die vollendetste Beschreibung dessen ist, was ein Künstler empfindet, wenn er eine schöne Persönlichkeit trifft.

Wilde wurde juristisch angegriffen, verteidigte sich aber im Kreuzverhör mit Hinweisen auf Shakespeare und Michelangelo sowie mit allgemeineren Erörterungen über Kunst. Am Ende des Prozesses wurde Oscar Wilde wegen homosexueller Handlungen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er starb im Jahr 1900 in Paris als gebrochener Mann.

Die frühe Homosexuellenbewegung und der Roman

Ein Jahr nach der Verurteilung Wildes publizierte Magnus Hirschfeld unter einem Pseudonym seine erste Schrift "Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?" (1896, S. 25-26), die gewissermaßen das Gründungsmanifest der sich danach konstituierenden Homosexuellenbewegung wurde und worin er sich bereits zu Wildes Verurteilung äußerte. Ein Jahr später gründete Hirschfeld 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt.

Ab 1899 wurde vom WhK das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ) herausgegeben, in dem unter anderem Johannes Gaulkes Aufsatz "Oscar Wildes Dorian Gray" (JfsZ, 3. Jg., S. 275-291) erschien. Der Autor – der im gleichen Jahr als erster den Roman ins Deutsche übersetzte (s. o.) – sieht eine direkte Linie von Wildes Verurteilung wegen Homosexualität bis zu dessen Roman, in dem Homosexualität "die tiefste und sachlichste Darstellung gefunden" habe. Er, Gaulke, habe den Roman erst verstanden, nachdem er sich "mit dem Wesen und der Grundursache" der Homosexualität beschäftigt habe. Für Gaulke sind sowohl der frivole Lord Henry Wotton als auch der feinfühlige Maler Basil Hallward homosexuelle Romanfiguren. Wilde habe in diesem Roman "das Beste gegeben, was in ihm war. Man hat bei der Lektüre die Empfindung, dass der unglückliche Dichter sich in Basil Hallward […] selbst gezeichnet hat."

Einige Jahre später kommt Magnus Hirschfeld in "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 1020-1021) zu einer etwas anderen Interpretation des Romans. Er betont, dass es Werke gebe, in denen "das Lebens- und Wertgefühl der Homosexuellen nach Ausdruck ringt. Selbst da, wo sie Gleichgeschlechtliches nicht darstellen, sind sie von einer bestimmten Stimmung erfüllt, die mit der Natur des Dichters im direkten Zusammenhang steht. Der Kenner fühlt den Pulsschlag des Abseitigen auch dort, wo er sich zu verbergen sucht, so ist das ganze Maskenspiel Oscar Wildes, wie es sich vor allem im 'Dorian Gray' widerspiegelt, nur aus seiner sexuellen Psyche verständlich."

Hirschfeld hat sich später noch ausführlicher zu Wilde geäußert (s. "Von einst bis jetzt", 1986, S. 64-74). Trotzdem wird aus den Publikationen der frühen Homosexuellenbewegung ein wichtiger Umstand nur zwischen den Zeilen deutlich: Das Verhältnis der frühen Homosexuellenbewegung zu Oscar Wilde war ambivalent, denn Wilde hatte zwar einen großen Namen und seine Verurteilung wurde als großes Unrecht empfunden, aber im Gegensatz zu anderen Prominenten war er wegen seines Hedonismus und seiner Kontakte zu männlichen Prostituierten kein Vorzeige-Homosexueller.

Der Film "Das Bildnis des Dorian Gray" (1970)

Aus dem Roman wurde schnell ein beliebter Stoff für Verfilmungen. Der italienische Regisseur Massimo Dallamano verlegte für seine Verfilmung von 1970 die Handlung in die zeitgenössische Gegenwart und ließ Dorian Gray von Helmut Berger, dem früheren Liebhaber von Luchino Visconti, verkörpern. Von diesem Film gibt es unterschiedlich lange Fassungen. Im Folgenden vergleiche ich eine online verfügbare italienische Fassung "El retrato de Dorian Gray" (82:24 Min.) mit der ebenfalls gekürzten DVD-Fassung von 2007 (90:38 Min.). Eine ungekürzte Fassung (nach der IMDB 101 Min.) ist leider nicht beschaffbar.

Zu Beginn der Geschichte ist Dorian Gray mit Freunden in einer Bar, in der ein Travestiekünstler auftritt, der sich nach dem Singen durch Ausziehen des Oberteils als Mann demaskiert. Dorian Gray betont, dass das nicht sein Geschmack sei, womit er als noch unschuldiger Jüngling dem Zuschauer bekannt gemacht wird (in italienischer Fassung ungekürzt 3:30-5:00 Min.). Mit zunehmender sittlicher Verrohung entwickelt sich Dorian Gray schnell zu einem promisken Frauenliebhaber. An Bord einer kleinen Yacht kommt es zu zahlreichen heterosexuellen Affären und zu dem, was mitunter als "Übersättigung" bezeichnet wird. In diesem Rahmen wird auch eine kurze lesbische Szene gezeigt.

Als Dorian duscht, lässt er die Seife fallen und bückt sich nach ihr – was (sprichwörtlich) Analverkehr zum Ausdruck bringt. Lord Henry betritt die Dusche und beginnt Dorian Gray einzuseifen (beide Szenen zensiert). Dorian Gray ist dadurch offenbar auf den Geschmack gekommen und sieht sich anschließend am Hafen nach interessanten Männern um. Mit einem schwarzen Matrosen hat er Sex auf einer öffentlichen Toilette. (In der zum Teil zensierten Fassung wird von 51:20-52:15 Min. nur ein lüsterner Blickkontakt deutlich.)


Zensierte Filmszene: Dorian Gray hat Sex mit einem Mann auf der Klappe (1970)

Eine Szene, in der Lord Henry und Dorian Gray fast nackt nebeneinander liegen, ist so geschnitten, dass sie wie eine Sexszene wirkt. Es kommt zu interessierten Blickkontakten und zu der Äußerung von Lord Henry, dass er nicht noch einmal eine Frau lieben würde (zum Teil zensiert 1:15:20-1:18:20). Wider Erwarten enthält die stark gekürzte italienische Fassung auch eine schwule Filmszene, die wiederum auf der leicht gekürzten DVD fehlt. Zwei Männer, die klischeehaft als Stricher wahrnehmbar sind, verschwinden nach einem kurzen Gespräch in einer Bar namens "The Black Cock", die mit dem Motiv eines Hahns wirbt, was vermutlich von dem sexuellen Wortspiel (cock = Penis) ablenken soll (1:09:00-1:09:50 Min.).

Für mehrere schwul-lesbische Film-Lexika – wie Raymond Murrays "Images in the Dark" (1996, S. 293) – ist dieser Film von 1970 die einzige schwule "Dorian Gray"-Verfilmung, obwohl auch diesen Rezensenten wohl nur zensierte Filmfassungen vorlagen. Für Hermann J. Huber in seinem Buch "Gewalt und Leidenschaft" (1989, S. 31-32) hat der Film unter der Verlegung in die Siebzigerjahre allerdings gelitten: "Klappen, Kellerkneipen können Wildes Ambiente nicht treffen. Dennoch: Helmut Berger reißt Dallamanos Schwachstellen souverän heraus. Er, der seine erste große Rolle spielt, brilliert. Sein Ego, seine Mimik, sein makelloser Körper machen Berger zur Idealbesetzung. […] Berger: 'Ich lebe mich zu Tode'. Als 'Dorian Gray' hat er den stilvollen Grundstein gelegt." Die Verfilmung von Massimo Dallamano ist nicht nur eine der bekanntesten, sondern die mit Bezug auf Homosexualität vermutlich deutlichste.

Filmvergleich: "Das Bildnis des Dorian Gray" (1976)


Szene aus dem Film von 1976

Diese britische Verfilmung der BBC von 1976 (R: John Gorrie) basiert nicht nur auf Wilde, sondern auch auf einer Theater-Bearbeitung von John Osborne. Nach Wikipedia betont dieser Film deutlicher "als die meisten früheren Verfilmungen […] die im Roman nur unterschwellig angedeuteten homosexuellen Aspekte der Beziehungen der Charaktere untereinander, besonders in Dorian Grays Verhältnis zu Basil Hallward und Alan Campbell".

Das stimmt, wenn die Darstellung auch bei weitem nicht die Deutlichkeit der Verfilmung von 1970 erreicht: So wirkt die Ermordung Basils durch Dorian Gray eher wie eine lange Umarmung (8. Teil, 5:30-6:00 Min.). Etwas deutlicher sind Dorian Grays Zärtlichkeiten mit dem jungen Alan Campbell. Dorian Gray sucht seine Nähe, knüpft sich sein Jackett auf, küsst und streichelt ihn (8. Teil, 9:30-10:04 Min.; 9. Teil, 00:00-2:10; 2:50; 4:00-4:20). Aber das ist kein Ausdruck von Liebe, denn dazu ist Dorian Gray gar nicht (mehr) fähig. Er möchte Alan Campbell nur gefügig machen, damit dieser ohne viele Fragen Basils Leiche entsorgt.

Lord Henry Wotton wird in dieser Verfilmung durch den Schauspieler John Gielgud verkörpert, dessen Homosexualität auch schon zu dieser Zeit bekannt war. Nach Wikipedia wurde Gielgud 1953 "anlässlich eines Klappenbesuchs strafrechtlich verurteilt. Die Öffentlichkeit hat ihn aber deswegen nicht abgelehnt, sondern er erhielt nach seinem nächsten Bühnenauftritt eine stehende Ovation. Dies half mit, die Entkriminalisierung der Homosexualität in England und Wales voranzutreiben."

Auch der Drehbuchautor Osborne verdient Aufmerksamkeit: Mit seinem Drama "A Patriot for Me" über den österreichischen Spion Alfred Redl hatte er bereits 1965 Homosexualität auf die Theaterbühne gebracht.

Filmvergleich: "Das Bildnis des Dorian Gray" (2009)


Dorian Gray und Basil kommen sich näher ("Das Bildnis des Dorian Gray", 2009)

Auch die Verfilmung von "Das Bildnis des Dorian Gray" des Regisseurs Oliver Parker von 2009 wird in der Originalfassung online angeboten. Der als Zyniker bekannte Lord Henry Wotton sagt in einer Szene zu Dorian, dass er wie eine "verprügelte Schwuchtel" gucke (37:30). Zu den zahlreichen heterosexuellen Affären Dorians werden einige Sekunden lang auch Sexszenen gezeigt, in denen Frauen untereinander zärtlich sind (50:15). Mit zunehmender sittlicher Verrohung lässt sich Dorian sexuell auch auf Männer ein. Aus Geilheit – und wohl weniger aus dem von ihm genannten Grund, sich bei Basil für das Gemälde zu "bedanken" – küsst er Basil, der ihm auch einen blasen darf (52:30-53:30, siehe auch 57:50-58:25). Auf einer Sexparty ist Dorian zärtlich zu einem Mann, bis dieser ihn auf seinen Schlüssel an der Halskette und damit indirekt auf das Geheimnis des Gemäldes anspricht (54:00-54:50).

Im Gegensatz zu der Verfilmung von 1970 verbleibt Regisseur Parker im historischen Ambiente des viktorianischen Englands und hält sich auch sonst recht genau an Oscar Wildes Romanvorlage. Für Parker war es nach "An Ideal Husband" (1999) und "The Importance of Being Earnest" (2002) bereits die dritte Wilde-Verfilmung. Der Schauspieler Colin Firth – hier als Lord Henry Wotton – hatte sein Filmdebüt übrigens an der Seite von Rupert Everett in dem Schwulen-Klassiker "Another Country" (1984, queer.de berichtete). Auch dieser Film kommt bei der Darstellung von Homosexualität nicht an die Deutlichkeit der Verfilmung von 1970 heran – was bei dem zurückhaltenden Text auch vollkommen legitim bleibt.

Weitere Filmvergleiche


Ein Plakat für die Verfilmung von 1917 mit einem sehr femininen Dorian Gray

Der Youtuber Rantasmo betont in seinem Beitrag "The Picture of Dorian Gay" innerhalb seines Vlogs "Needs More Gay" (2016, 7 Min.) den großen Einfluss des Romans auf die moderne schwule Kultur, den er auch anhand von Ausschnitten aus sieben unterschiedlichen Verfilmungen aufzeigt. Von den mittlerweile rund 20 Filmen, die seit 1916 recht unterschiedliche Versionen von "Dorian Gray" wiedergeben, möchte ich nur auf einige weitere verweisen.

Vom Regisseur Richard Oswald stammt eine leider nicht verfügbare Verfilmung von 1917 (D), die als Mischung aus Fantasy und Thriller angelegt ist. Dorian Gray wird hier von Bernd Aldor verkörpert, der auf Plakaten mit betont schmaler Taille, breiten Hüften und femininer Körperhaltung dargestellt wird. Als "Symbol weiblicher Sinnlichkeit evozieren [diese Motive] 'Schwules', das so im Film nicht thematisiert wird" ("Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950", 1984, S. 102-103). Der Regisseur Richard Oswald ist auch deshalb von Interesse, weil er zwei Jahre später mit "Anders als die Andern" (1919) den ersten deutlichen Homosexuellenfilm der Filmgeschichte drehte.

Bei der Verfilmung von 1945 (USA) hat queer.de zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Film "die angeblichen Ausschweifungen der Titelfigur bestenfalls in Andeutungen streift" (queer.de von 2006). Nach Vito Russo konnte diese Verfilmung nur "auf die Leinwand kommen, indem man die bizarren sexuellen Hinweise wegschnitt" ("Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 81).

Duncan Roy hat sich bei seiner Verfilmung "Das Bildnis des Dorian Gray" (USA, 2007) für eine moderne Adaption entschieden, in der sich der junge Dorian Gray wünscht, dass eine Video-Installation an seiner Stelle altert. Leider ist auch dieser Film nicht verfügbar, was eine Beurteilung erschwert bzw. unmöglich macht. Der Trailer (hier in 1:42 Min.), die Interviews mit Regisseur und Hauptdarsteller (hier in 4:50 Min.) und einzelne Filmszenen (hier in 5:30 Min.) geben nur vage Vorstellungen von der Bedeutung von Homosexualität in diesem Film.

Vom Regisseur Duncan Roy ist bekannt, dass er sich in seinem Blog intensiv mit schwulen Themen auseinandersetzt und für seinen autobiografisch gefärbten schwulen Film "Aka" (2002) schon viele schwule Preise bekommen hat. Bei dem Versuch, Duncan Roys "Das Bildnis des Dorian Gray" inhaltlich zu erfassen, wurden in der IMDB unter anderem die Schlagwörter "homosexual", "male prostitute", "gay sex", "gay kiss", "gay relationship", "gay character" und "anal sex" verwendet. Es ist möglicherweise die einzige Verfilmung von "Dorian Gray", die noch deutlicher als die von 1970 auf Homosexualität Bezug nimmt.

Motivvariationen

Es gibt unzählige Filme, die einzelne Aspekte des Romans aufgreifen oder sich nur sehr frei auf die Romanvorlage beziehen. Von ihnen möchte ich drei Beispiele anführen.

Vom homosexuellen Autor Hanns Heinz Ewers stammt der Roman "Der Student von Prag" (1913), der unter diesem Titel mehrfach verfilmt wurde (1913, 1926, 1935). Im Roman und in den Filmen verkauft der arme Student Balduin sein Spiegelbild an einen Zauberer, um mit dem eingenommenen Geld seinen sozialen Stand zu erhöhen. Sein Spiegelbild begleitet ihn jedoch ständig und wird für ihn auch zur Bedrohung. Als Balduin zu spät zu einem Duell erscheint, ist sein Gegner bereits tot – von seinem eigenen Spiegelbild getötet. Als Balduin seine gesellschaftliche Stellung verliert, schießt er auf sein "anderes Ich" und tötet sich damit selbst. Ewers, der sich intensiv mit Wilde auseinandersetzte und auch eine "Dorian Gray"-Ausgabe kommentierte (s. o.), hat sich offenbar von Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" (1890) und E. T. A. Hoffmanns Erzählung "Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde" (1815) inspirieren lassen.


"Der Student von Prag" (1935) – mit Balduin vor seinem Spiegelbild, das ein Eigenleben entwickelt

In dem für die frühe Homosexuellenbewegung so bedeutsamen Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) wird anhand einer Buchausgabe von "Das Bildnis des Dorian Gray" über schwule "Selbstliebe" reflektiert. Aus dem Off hört der Zuschauer einen kommentierenden Text: "Die meisten Schwulen merken nicht, dass sie in der Liebe zum anderen nur sich selbst lieben. Der Freund wird als Abgott der eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte gesehen" (hier online, 8:57-10:10 Min.). Dieser Kommentar über narzisstische Liebe ist – wie die anderen Kommentare in diesem Film – bewusst provokativ angelegt, lässt aber an der emanzipatorischen Absicht keinen Zweifel aufkommen.

Von Ulrike Ottinger, die zu den wichtigsten lesbischen Regisseurinnen in Deutschland zählt, stammt der Film "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse" (1984). Er ist Teil ihrer "Berlin-Trilogie", die sie "in der lesbischen Szene endgültig bekannt machte" (queer.de berichtete).

In dem schwulen Mystery-Film "Seeing Heaven" (2010, R: Ian Powell) lässt der Stricher Paul seine Freier beim Sex tief in seine Seele blicken. Ein diabolisch dargestellter Pornoproduzent versucht Paul zu einem Pornodreh zu überreden. Paul hat zwar Angst, dass er damit – wie auch bei seinen Freiern – seine Seele verkauft, ist von der Idee aber auch fasziniert: "Ich werde älter, aber die Aufnahmen bleiben gleich. Es wird mich daran erinnern, dass ich jung und schön war." Am Ende des Films will Paul ein Gemälde von sich malen lassen. In dem Film werden die Anleihen an den Narziss-Mythos, an "Das Bildnis des Dorian Gray" und "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" deutlich benannt und es wird auf die naheliegenden Motive wie Spiegel, Maske, Engel und Teufel zurückgegriffen.

Was bis heute bleibt

Der Roman "Dorian Gray" ist historisch bedeutsam und bis heute ein wichtiger Teil der schwulen Literaturgeschichte. Axel Schock macht ihn in "Die Bibliothek von Sodom. Das Buch der schwulen Bücher" (1997, S. 234-236) zum Mittelpunkt von Wildes literarischem Werk, skizziert den Roman mit seinen homoerotischen Untertönen und erläutert seine Bedeutung in der zeitgenössischen Literaturwissenschaft.

Nach Axel Schock betonten die Literaturwissenschaftler Gerhard Härle und Wolfgang Popp 1993, dass der Roman in Bezug auf die Darstellung von Homosexualität in der Literatur "geradezu exemplarisch die Leistungsfähigkeit und die Grenzen einer ikonographischen Bildsprache in der Literatur entwirft, die das verbotene oder diffamierte erotische Begehren – Selbstliebe als Chiffre der Homosexualität – zu gestalten versucht". Nach Richard Ellmann (Oscar Wilde, 1991. S. 441) stellte Dorian Gray "einen der ersten Versuche dar, die Homoerotik in den englischen Roman einzuführen. Die – entsprechend verhüllte – Präsentation dieses Tabuthemas machte das Werk berühmt und gab ihm zugleich seine Originalität".

Der Roman "Dorian Gray" ist auch modern und seine Erfolgsgeschichte wohl am ehesten zu verstehen, wenn man Alter und Tod als zeitlose Themen versteht. Die zahlreichen Neuinterpretationen beweisen die Wandlungsfähigkeit einer alten Geschichte in der heutigen Gesellschaft. Dazu gehört nicht nur, dass in einer Adaption statt eines Gemäldes ein Video von Dorian Gray altert. Der britische Autor Will Self verlegte die Handlung seines Romans "Dorian" in "das Jahr 1981, kurz vor dem Ausbruch der Aids-Epidemie: Ein Reigen aus schwulen britischen Snobs, Avantgarde-Künstlern, Strichern und Dealern versammelt sich zu einem Totentanz" (queer.de berichtete)-

Man kann auch einen persönlichen Bezug finden, um sich die Geschichte von Dorian Gray anzueignen. Helmut Berger, der "Dorian Gray" in der Verfilmung von 1970, personifizierte im europäischen Kino der Sechziger- und Siebzigerjahre den sexuellen Tabubruch und spielte unter der Regie von Luchino Visconti, seinem früheren Liebhaber, eindrucksvoll die Hauptrollen in "Die Verdammten" (1969) und "Ludwig II." (1972). Eine Verbindung zwischen dem Leben eines Schauspielers und seiner Filmrolle sollte man zwar nicht überstrapazieren, sie ist aber bei Helmut Berger / Dorian Gray durchaus naheliegend.


Vermutlich hat sich auch Helmut Berger oft gewünscht, wieder wie mit 25 Jahren auszusehen (Bild: Constantin Film)

Helmut Berger ist mittlerweile 75 Jahre alt und auch queer.de hat über den skandalumwitterten Schauspieler in den letzten Jahren mehrfach berichtet. "Luchino Visconti machte ihn zum Filmstar, vom Ruf als einst schönster Mann der Welt zehrte er lange. Danach folgten Skandale, der Absturz und das Dschungelcamp." Nach Viscontis Tod folgte für Berger ein "dekadenter Lebensstil" – große Filmrollen blieben zunächst weitgehend aus (29. Mai 2019, siehe auch 5. März 2019; 12. Mai 2019). Vermutlich hat sich auch Helmut Berger oft gewünscht, wieder wie mit 25 Jahren auszusehen. Der Roman "Dorian Gray" und die Lebensgeschichte Helmut Bergers sind gute Anlässe, um sich über sein persönliches Verhältnis zum Alter und zum Altwerden Gedanken zu machen.

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#1 Ralph
  • 24.04.2020, 10:26h
  • Vielen Dank für diesen interessanten Text. Trotzdem: Ich kann in dem Roman beim besten Willen nichts Schwules finden. Aus meiner Sicht handelt es sich um ein Werk eines selbstverliebten Autors über einen selbstverliebten jungen (später nicht mehr ganz so jungen) Mann. Lediglich das Motiv des Jugend- und Schönheitswahns weist einen Berührungspunkt zur Homoerotik auf, ohne aber den Sprung dorthin zu wagen.
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#2 Girlygirl
  • 24.04.2020, 11:42h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Ich stimme vollkommen zu! Ich habe Dorian Grey als junges Mädchen gelesen und ich habe es nie mit Homosexualität, wie wir es heute kennen assoziiert. Zumal Dorian Grey ganz klar autosexuell war. Jedoch wurde Homosexualität in der Literatur früher anders dargestellt als heutzutage- viel subtiler. Dorian Grey ist ein Meisterwerk; es behandelt nicht nur Selbstbild- und -liebe, sondern auch die Abgründe menschlicher Psyche. Dorian Greys Anbandlungen mit Männern erinnerte mich stark an die Geschichten der alten Römer/Griechen, die ja auch oft von Beziehungen zu SEHR jungen Männern schrieben. Ganz gleich, ob man Dorian Grey jetzt als ein homosexuelles oder päderastisches Werk sieht, lohnenswert ist es allemal.
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#3 PfennigfuchserAnonym
#4 PetterAnonym
  • 24.04.2020, 12:50h
  • Kleine Korrektur:
    Der Film "The Trials of Oscar Wilde" ist laut IMDb nicht von Peter Finch, sondern von Ken Hughes.
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#5 Erwin In het PanhuisAnonym
  • 24.04.2020, 22:12h
  • Antwort auf #4 von Petter
  • Lieber Petter,
    es freut mich, wie aufmerksam Du meinen Text gelesen hast. Beim Schreiben habe ich tatsächlich den Regisseur mit dem Hauptdarsteller verwechselt. Sorry und liebe Grüße. Erwin
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