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Interview

"Ich wurde heterosexuell formatiert"

Der Schweizer Regisseur Stéphane Riethauser über seinen tragikomischen Coming-out-Film "Madame", in dem es um seine selbstbewusste Oma Caroline und sein homophobes Elternhaus geht. Jetzt im Salzgeber Club als Video on Demand!


Stéphane Riethauser als Junge in "Madame". Sein Essayfilm ist noch bis 20. Mai 2020 exklusiv als Video on Demand auf salzgeber.de zu sehen (Bild: Salzgeber)
  • Von Dieter Oßwald
    25. April 2020, 03:45h, noch kein Kommentar

Mit seinem Kurzfilm "Prora" war er auf 120 Festivals rund um die Welt eingeladen und bekam über ein Dutzend Preise. Sein Langfilm-Debüt "Madame" bescherte dem Schweizer Regisseur Stéphane Riethauser, 47, eine Einladung zum Festival von Locarno sowie in seiner Heimat die Nominierung für die Beste Dokumentation.

Der schwule Filmemacher erzählt von seiner selbstbewussten Großmutter, die gegen die gesellschaftlichen Konventionen rebellierte und es zur erfolgreichen Geschäftsfrau brachte. Und er erzählt von seiner eigenen Rebellion gegen Zwänge und den Schwierigkeiten, zu seiner sexuellen Identität zu stehen: Ein intimes Coming-out-Drama als amüsante Familien-Saga. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

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Stéphane Riethauser heute (Bild: Instagram)

Herr Riethauser, was würde Ihre Großmutter zu dieser Hommage sagen?

Ich glaube, der Film hätte meiner Oma gefallen und ihrem Ego gut getan. Sie wollte immer gerne im Mittelpunkt stehen und ein Star sein. Bei aller Freude hätte sie aber sicher darüber gemeckert, dass wir sie im Film im Bademantel zeigen mit einer Frisur, die nicht die beste ist.

Wie hat Ihr Vater auf "Madame" reagiert? Er kommentierte im Film Ihr Coming-out als "Bajonett-Stoß ins Herz"…

"Madame" ist ein Essay, eine Zusammenfassung über die Beziehung zu meiner Oma. Meinem Vater wird der Film nicht ganz gerecht. Denn die Wirklichkeit ist komplexer als wir sie zeigen und das Thema wurde auch dramaturgisch aufgebaut. Allerdings habe ich nichts erfunden, die Reaktionen hat es so gegeben. Mein Vater reagierte dennoch erstaunlich positiv auf den Film. Ich glaube, innerlich ist er ziemlich stolz auf den Erfolg. Bei der Premiere in Nyon gab es sogar Standig Ovations für meinen Vater – mit dem ich mich heute sehr gut verstehe.

War die filmische Auseinandersetzung mit dem Coming-out und der Familie auch von therapeutischem Wert für Sie?

Meine Therapie, wenn man es so nennen möchte, habe ich bereits vor diesem Film hinter mich gebracht! (lacht) Ich wollte auf alle Fälle vermeiden, so ein narzisstisches, selbstverliebtes Porträt von einem Typen zu zeichnen, der sowieso keine richtigen Probleme hat. Als ich das Projekt dem Fernsehen präsentierte, war ich erleichtert von der Reaktion des Redakteurs, der meinte: "Das funktioniert. Weil es genau kein therapeutischer Film ist!".

Welche Gefühle haben Sie begleitet bei dieser langen Arbeit mit den Bildern von Ihrer Jugend?

Ich habe mich manchmal verloren im Archivmaterial, was mich ärgerte. Bisweilen konnte ich meine Fresse auf dem Bildschirm nicht mehr ertragen. Ich mag mich ziemlich gern, aber eben auch nicht zuviel. Es ist relativ schwierig, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die große Herausforderung lag darin, die richtige Distanz zu finden. Zum Glück hatte ich dabei die Hilfe von meinem Team. Wenn es nötig war, sagte meine Cutterin: 'Das interessiert uns überhaupt nicht, Stéphane. Das ist jetzt nur noch Masturbation!'. (lacht)


Stéphane Riethauser drehte "Madame" für seine vor 15 Jahren verstorbene Großmutter (Bild: Edition Salzgeber)

Wie findet man diese richtige Distanz?

Wir haben im Schneideraum immer versucht, die Figuren als Filmfiguren zu betrachten. Wir sagten deshalb immer "Caroline und Stéphane" oder "Großmutter und Enkel" – aber es hieß nie: "Ich! Ich! Ich!". Zudem war mir wichtig, über meine eigene Geschichte hinaus eine ganz universelle Geschichte zu erzählen.

Wie reagierten die Objekte Ihrer schwärmerischen Begierden von einst auf Ihr aktuelles Filmprojekt? Brauchten Sie für die Verwendung von deren Fotos die Zustimmung? Was wurde aus dem Sandkastenfreund Etienne, dem Klassen-Playboy Gregoire oder dem ersten Lover Tim?

Ich musste alle Protagonisten um die Genehmigung bitten, ihr Foto im Film verwenden zu dürfen. Bis auf eine Person haben alle zugestimmt. Etienne ist auch 45 Jahre später noch immer ein sehr enger Freund von mir. Der Film hat uns nochmals näher zusammengebracht. Gregoire ist leider jung verstorben. Tim hatte ich 20 Jahre lang nicht gesehen, wir hatten damals auch politisch unsere Differenzen. Jetzt hat uns "Madame" wieder zusammengebracht, da ihm der Film sehr gefiel.

Was hat es mit dem Titel auf sich?

Der Titel bezieht sich auf meine Oma, die eine echte grande dame gewesen ist. Im Französischen steckt in Madame auch noch stark diese Bedeutung "Meine Dame". Zudem klingt Madame in jeder Sprache gut verständlich – und es bleibt ein bisschen rätselhaft, weil der Titel nicht gleich preisgibt, worum es hier geht. Last not least ist der Titel eine Hommage an meine Beziehung zu den Frauen sowie eine Versöhnung mit meiner femininen Seite. Tuntig kann schließlich auch männlich sein!


Poster zum Film: "Madame" gibt es noch bis 20. Mai 2020 exklusiv auf salzgeber.de als Video on Demand

Nicht umsonst sieht man gleich zu Beginn des Filmes ein Buch von Simone de Beauvoir. Welche Bedeutung hat das für Sie?

"Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird es." Es hat lange gedauert, bis ich dieses Zitat von Simone de Beauvoir verstanden habe und den Kampf erkennen konnte, den meine Großmutter kämpfen musste, um zu existieren. Es hat lange gedauert, bis ich erkannt habe, dass das Gleiche für die Männer gilt: Ich bin nicht als Mann geboren, ich wurde einer. Nach den Regeln unserer Gesetze und Bräuche wurde ich, wie die überwiegende Mehrheit der Jungen, heterosexuell formatiert, integrierte die homophobe Rhetorik und das obligatorische Machoverhalten, um meine Rolle als Vertreter des "starken Geschlechts" spielen zu können. Bis ich erkannte, dass ich homosexuell bin und endlich damit leben konnte. Plötzlich verlor ich die Attribute meiner so genannten "Männlichkeit" und fiel in die Kategorie des schwachen Geschlechts und damit in die Kategorie der Schwuchteln. Und ich musste das Wertesystem hinterfragen, das uns, Jungen und Mädchen, prägt.

Der Soundtrack reicht von Charles Aznavour bis zu "La Boum – Die Fete". Wie teuer sind die Musikrechte von "Dreams are my reality"?

Die Musikrechte haben mehr als zehn Prozent von unserem Budget verschlungen! Aber mir war die Musik einfach absolut wichtig. In der ersten Fassung hatte ich noch Pink Floyd und die Stones auf meiner Wunschliste – die waren natürlich unbezahlbar. Auch Verdis "Nabucco" von Karajan war letztlich zu teuer und wir mussten auf eine günstigere Version des slowakischen Radioorchesters zurückgreifen. Der teuerste Song war tatsächlich "Reality" mit 9.000 Euro – aber "La Boum" kennt einfach jeder. Den liebt man oder hasst ihn eben!

Der passende Soundtrack für die Biografie der Oma wäre "Je ne regrette rien". Gälte der auch für Sie? Oder hätten Sie gerne einiges anders gemacht?

Vielleicht hätte ich ein bisschen mehr Mut gebraucht, früher zu mir selbst zu stehen. Und vermutlich hätte ich lieber eine Filmschule besuchen sollen als Jura zu studieren. Aber grundsätzlich bereue ich nichts. Das ist meine Laufbahn – und ich mache weiter.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

Madame. Dokumentarfilm. Schweiz 2019. Regie: Stéphane Riethauser. Laufzeit: 94 Minuten: Sprache: deutsche und französische Fassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Vom 23. April bis 20. Mai 2020 exklusiv im Salzgeber Club auf salzgeber.de als Video on Demand.