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Mama und Papa betrieben das schwule Pornoimperium

In "Circus of Books" erzählt Rachel Mason die ungewöhnliche Geschichte eines biederen jüdischen Ehepaares, ihrer Eltern, das in L.A. einen Gay-Sexshop übernahm und zeitweise selbst Hardcore-Filme mitproduzierte.


Das jüdische Ehepaar Karen und Barry Mason betrieb von 1982 bis 2019 mit dem Erotikladen "Circus of Books" eine schwule Institution am Santa Monica Boulevard in West Hollywood (Bild: Netflix)
  • Von Patrick Heidmann
    30. April 2020, 04:21h, noch kein Kommentar

Unsere Eltern betreiben einen Buchladen. In diesem Glauben wuchsen die drei Kinder der Masons im Los Angeles der Achtzigerjahre auf, und auch ansonsten war die Sache mit dem Buchladen die offizielle Sprachregelung im Bekanntenkreis und Umfeld der Familie. War ja auch nicht ganz falsch, die Aussage. Nur dass "Circus of Books" eben kein ganz normaler Buchladen war.

Eher zufällig übernahmen Karen und Barry Mason – sie eigentlich Journalistin, er Spezialeffekte-Techniker und Erfinder – das Geschäft auf dem Santa Monica Boulevard. Aus Geldknappheit fingen die beiden Anfang der Achtziger an, den "Hustler" und andere Magazine von Larry Flynt zu vertreiben. Das lief gut, nicht zuletzt die Hefte mit den nackten Männern, und als bei einem Abnehmer ein Besitzerwechsel anstand, fand sich das durchschnittlich-biedere Ehepaar plötzlich als Betreiber eines Buchladens wieder, der neben LBGTI-Literatur vor allem Schwulenpornos und Sex-Spielzeug verkaufte. Und das – zumindest für eine ganze Weile – wie warme Semmeln.


Dass sie einen schwulen Sexshop betrieben, hielten die Inhaber vor Freunden und Verwandten geheim (Bild: Netflix)

Die vielen Gay-Pornos nie selbst angeguckt

Rachel Mason, Künstlerin und Tochter der beiden, hat mit "Circus of Books" nun einen Dokumentarfilm über die ziemlich ungewöhnliche Geschichte ihrer Eltern gedreht (zu sehen bei Netflix), die zwischenzeitlich so erfolgreich mit ihrem Gay-Sex-Unternehmungen waren, dass nicht nur eine zweite Filiale eröffnet wurde, sondern die Masons sogar vorübergehend selbst Pornos mitproduzierten und vertrieben. Ohne übrigens je einen dieser Filme selbst gesehen zu haben.

Das Ergebnis ist vieles auf einmal. Ein historischer und mit vielen stimmungsvollen Archivaufnahmen bebilderter Abriss über die Geschichte der schwulen Szene von Los Angeles, vor, während und nach der Aids-Krise zum Beispiel. Oder auch ein Abgesang auf eine untergegangene Zeit, die keine Chance hatte gegen das Aufkommen des Internets mit all seinen kostenlosen Porno-Optionen und Dating-Apps. Auch bei der endgültigen Auflösung des Ladens, der stets auch ein Cruising-Ort war, im Februar 2019 ist Mason mit ihrer Kamera natürlich dabei.


Die aus "RuPaul's Drag Race" bekannte Dragqueen Alaska Thunderfuck ist eine ehemalige Mitarbeiterin von "Circus of Books" (Bild: Netflix)

Persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familie

Vor allem aber ist "Circus of Books" eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte. Rachel und ihre beiden Brüder nehmen dabei selbstverständlich einen gewissen Raum ein in diesem Film, nicht zuletzt der jüngere Bruder Josh, der lange mit der eigenen Homosexualität gerungen hat und mit dem Coming-out bis zum Studium wartete. Im Zentrum stehen aber Karen und Barry, die sich ihrer eigenen Bedeutung für die Community nur bedingt bewusst zu sein scheinen. Oder sich ganz bewusst damit nicht auseinandergesetzt haben, weil es ihnen eigentlich immer nur um den Lebensunterhalt, nicht um Aktivismus oder Ähnliches ging – und gerade Karen die längste Zeit weder Pornos noch Homosexualität mit ihrem strengen jüdischen Glauben unter einen Hut bringen konnte.

Das Problem des Films ist allerdings, dass die Regisseurin in keinen Aspekt ihres Films tief genug eintaucht. Dass in den Reagan-Jahren das FBI den Laden auseinandernahm und Barry um ein Haar im Gefängnis gelandet wäre? Darüber hätte man gerne noch mehr erfahren, genau wie über den Geschäftsalltag (ehemalige Angestellte wie Drag-Star Alaska Thunderfuck kommen kurz zu Wort, ebenso übrigens wie Larry Flynt persönlich oder Porno-Urgestein Jeff Stryker), den Niedergang oder Karens bis zuletzt anhaltenden Widerwillen, sich ihrer Tochter im Gespräch zu öffnen.

So bleibt "Circus of Books" ein Film, aus dem definitiv noch mehr herauszuholen gewesen wäre. Was aber nicht heißt, dass er nicht trotzdem sehr amüsant und anrührend eine faszinierende Geschichte erzählt, die übrigens auch das Zeug zum Spielfilm hätte.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Doku