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Heimkino

Ein queerer Traum der Traumfabrik

Ab heute auf Netflix: Ryan Murphys neue Serie "Hollywood" bietet ein spannendes Konzept, großes Aufregerpotenzial, viel fürs Auge sowie nicht zuletzt erfreuliche Diversität vor und hinter der Kamera.


Man wird ja mal träumen dürfen: Rock Hudson (Jake Picking, li.) und sein Lover Archie (Jeremy Pope) beim Händchenhalten auf dem roten Teppich (Bild: Netflix)

Als schwuler Schauspieler Hand in Hand mit dem Partner über den roten Teppich laufen. Als schwarze Schauspielerin die Hauptrolle in einem großen Mainstream-Film spielen, der weder von der Sklaverei noch von Hausangestellten handelt. Als Frau im Filmgeschäft wirklich etwas zu sagen zu haben und ernst genommen zu werden. All diese Dinge, die auch heute, im Jahr 2020, in Hollywood noch längst keine Selbstverständlichkeit sind, wären in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts vollkommen undenkbar gewesen. Aber man kann ja mal träumen, wie die Traumfabrik der Nachkriegsjahre ausgesehen hätte, wenn dem nicht so gewesen wäre!

So ähnlich werden es sich der schwule Serien-Guru Ryan Murphy und sein Ko-Autor und -Produzent Ian Brennan gedacht haben, die gemeinsam bereits für "Glee", "Scream Queens" und "The Politician" verantwortlich zeichneten. Ihre neue Serie, schlicht "Hollywood" betitelt, ist entsprechend in einer fiktiven Version jener goldenen Ära des US-Film-Mekkas angesiedelt, in der sich eine Gruppe junger Filmemacher*innen mit Hilfe einiger progressiver alter Hasen daran macht, eine Revolution zu starten, die in Wirklichkeit nie stattgefunden hat. Als da wären: der junge, noch am Anfang seiner Karriere stehende Rock Hudson (Jake Picking), sein als Drehbuchautor und Sexarbeiter gleichzeitig tätiger schwarzer Boyfriend Archie (Jeremy Pope), ein aufstrebende Regisseur philippinischer Abstammung (Darren Criss), die schwarze Schauspielerin Camille (Laura Harrier) oder die unerwartet in die Verantwortung kommende Studioboss-Gattin Avis Amberg (Patti Lupone).

Vermischung realer und fiktiver Elemente


Poster zur Serie: "Hollywood" läuft seit 1. Mai 2020 exklusiv auf Netflix

Die Geschichte einfach nach eigenen Wünschen umschreiben? Wenn wir das Quentin Tarantino in Filmen wie "Inglourious Basterds" oder "Once Upon a Time… in Hollywood" durchgehen lassen, warum dann nicht auch Ryan Murphy! Der Ansatz hat auf jeden Fall seinen Reiz, gerade in der Vermischung realer und fiktiver Elemente: das im Zentrum stehende Filmstudio ist ausgedacht, doch viele Filme, die erwähnt werden, gab es wirklich ("Song of the South", "The Good Earth"). Und während die meisten der Protagonist*innen reine Produkte der Phantasie sind, kommen neben Rock Hudson auch noch weitere echte Personen der Filmgeschichte vor, von seinem Agenten Henry Willson (wunderbar durchtrieben-schmierig gespielt von Jim Parsons) bis zu den Schauspielerinnen Anna May Wong (Michelle Krusiec) und Hattie MacDaniel (Queen Latifah). Sogar die First Lady Eleanor Roosevelt (Harrier Harris) gibt sich die Ehre.

Die Bezüge, die "Hollywood" zur Gegenwart herstellt, sind unübersehbar (sogar in der Besetzung: Mira Sorvino, eines der Opfer von Harvey Weinstein, spielt eine alternde Schauspielerin, die aus Angst vor dem Karriereende mit dem Studioboss schläft). Wirklich etwas zu sagen hat die Serie über die Filmbranche, in der viele systematische Ungerechtigkeiten bis heute Bestand haben, allerdings nicht. Aber auch an der Vergangenheit Kritik zu üben, trauen sich Murphy und Brennan nur bis zu einem gewissen Grad, schließlich soll die Serie trotz allem jener glamourösen Zeit auch Tribut zollen.


Patti LuPone als Studioboss-Gattin Avis Amberg (Bild: Netflix)

In jeder Hinsicht etwas zu dick aufgetragen

Daran müsste man sich nicht zwingend stören, schließlich hat "Hollywood" vieles zu bieten, was Freude macht, seien es die prächtigen Kostüme und Kulissen oder das kurzweilig-hohe Erzähltempo. Dass Murphy in wirklich jeder Hinsicht zu dick aufträgt, ist dabei ja nichts Neues. Deutlich schwerer wiegt dagegen, wie naiv und vollkommen unsubtil die Themen Homophobie, Rassismus und Misogynie verhandelt werden. Wie wirklich jeder noch so flache Gedanke in Dialogform ausbuchstabiert wird. Wie schlicht und eindimensional viele der Figuren gezeichnet sind (von Criss' Figur etwa erfahren wir kaum je mehr, als dass sie Halb-Filippino ist). Und wie gerne die Serie sexy, um nicht zu sagen frivol wäre, aber dabei letztlich meist doch kreuzbrav daherkommt. Selbst wenn zwischendurch ein paar knackige Jungs splitterfasernackt durch die Pools hüpfen und ständig von Blowjobs die Rede ist.

Sogar schauspielerisch geht es drunter und drüber. Während LuPone, Holland Taylor als Casterin, der wunderbare Joe Mantello als Produzent oder Dylan McDermott als Betreiber einer Tankstelle, die vor allem als Wunscherfüllungsort für die pansexuellen Sexträume der Reichen und Schönen dient (inspiriert von der wahren Geschichte Scotty Bowers') ausgesprochen viel Spaß machen, sind gerade einige der attraktiven Jungdarsteller immer wieder sichtlich überfordert. Immerhin: Mit dem charismatischen (und übrigens offen schwulen) Jeremy Pope ist ohne Frage ein Star geboren.

Alles in allem also ist "Hollywood" eine Serie, die tolle Schauwerte und großes Aufregerpotenzial, ein spannendes Konzept und viele Peinlichkeiten sowie nicht zuletzt erfreuliche Diversität vor und hinter der Kamera (mit dabei in Sachen Produktion & Regie: Janet Mock) in sich vereint. Nicht komplett geglückt, nicht vollkommen misslungen, aber gerade auch in dieser chaotischen Uneinheitlichkeit reizvoll. So wie man es von Ryan Murphy eben nicht anders kennt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zur Serie

Galerie:
Netflix-Serie "Hollywood"
14 Bilder


#1 Carsten ACAnonym
  • 01.05.2020, 12:03h
  • Leider wie so vieles, was von Netflix kommt:
    seichter Hochglanz ohne viel Inhalt.

    Das ist generell eine Entwicklung in den USA, dass die Schauwerte der Bilder zwar immer schöner werden, weil man mit modernen Farbkorrekturen, selektiv steuerbaren Weichzeichnern, etc. viel an gefälligen Aufnahmen schaffen kann. Aber inhaltlich ist es dann doch sehr dünn...
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#2 Carsten ACAnonym
  • 01.05.2020, 12:28h
  • Antwort auf #1 von Carsten AC
  • PS:
    Und übrigens nicht nur von Netflix, sondern auch von Amazon, Apple TV+, Disney+, etc.

    Deren Eigenproduktionen sind alles Sachen, die bei den Schauwerten glänzen, aber inhaltlich sehr dünn sind.

    Bei Apple ist man ja sogar so dreist, in den Eigenproduktionen massig Apple-Produkte in Szene zu setzen. Z.B. in deren Serie "The Morning Show" mit Reese Witherspoon und Jennifer Anniston, wo in jeder zweiten Szene ein Mac rumsteht, ein iPhone genutzt wird, jemand AirPods in den Ohren stecken hat oder eine Apple Watch am Handgelenk trägt, etc. etc. etc.
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#3 AnonymAnonym
#4 DamienAnonym
  • 02.05.2020, 00:11h
  • Antwort auf #3 von Anonym
  • am anfang jeder folge wird immer der hinweis eingeblendet, dass es wegen der sicherheit der synchronsprecher ( covid 19) derzeit noch keine synchronisation gibt. finde ich nachvollziehbar.
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#5 lunarAnonym
  • 02.05.2020, 07:10h
  • Ich hab die Serie fast durch und bin positiv angetan. Es gibt eine Menge starke Schauspieler im Cast und so flach finde ich die Geschichte jetzt auch nicht. Natürlich kein Vergleich mit POSE, was Representation und diversity angeht, aber trotzdem eine gelungene Mini-Serie.
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#6 AntigemütlichkeitAnonym
  • 04.05.2020, 00:24h
  • Antwort auf #1 von Carsten AC
  • "seichter Hochglanz ohne viel Inhalt"?
    Da ist alles drin: Rassendiskriminierung, Schwulendiskriminierung, Altersdiskriminierung, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit ...
    Das erkennen zu können, erfordert allerdings, seine saturierte und minderinformierte kleindeutsche Wahrnehmung beiseitelegen zu können.
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