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Klug, hedonistisch, giftig

Tagebuch einer bisexuellen Teufelssehnsüchtigen

Mary MacLanes autobiografisch geprägtes Tagebuch "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" von 1902 ist auch nach heutigen Maßstäben sensationell, stilistisch extravagant und inhaltlich waghalsig. Jetzt gibt es erstmals eine deutsche Ausgabe.


Mary MacLane (1881-1929) war bekannt als "The Wild Woman of Butte". Ihre autobiografisch geprägte Literatur gilt als Vorläufer der Confessional Poetry (Bild: Herbert S. Stone and Company / wikipedia)

Die Erwartungen sind immens. Schuld daran ist die Autorin selbst. "Ich bin ausgesprochen originell, von Geburt an und in meiner Entwicklung", lautet der dritte Satz, "ich bin ein Genie" schreibt Mary MacLane nur wenig später. Mit 19 Jahren wohlgemerkt. Vor 120 Jahren, mitten in der Bergbau-Provinz von Montana.

"Ich erwarte die Ankunft des Teufels" lautet der so provokante wie vorausdeutende Titel ihres Werks. Ein Tagebuch, aufgezeichnet vom 13. Januar 1901 bis zum 13. April. Drei Monate, in denen ihr Leben der einzige rote Faden ist, sie ansonsten aber äußerst abwechslungsreich beschreibt, was in ihr vorgeht. Und das hat es in sich.

Mary MacLane ist klug, hedonistisch, giftig

Die Familie bedeute ihr nichts, das Schreiben sei eine Notwendigkeit wie das Essen, die Landschaft eine "Annäherung an die vollkommene Scheußlichkeit". Ihr Ziel mit ihrer Darstellung: Ruhm. Was sonst.

Mary MacLane, die aus dem schottischen Hochadel stammt und über Kanada nach Butte, Montana, gelangt, beweist sich als außerordentlich reife Schriftstellerin, findet eine poetische Sprache, die noch heute sensationell wirkt. Sie ist ungemein klug, aber auch hochtrabend, hedonistisch, giftig, meinungsstark und mit einer selten sympathischen Hybris ausgestattet.
Sie vertritt moderne Ideen, die schon damals Anhänger*innen begeisterten und Kritiker*innen (wenn auch wahrscheinlich die maskuline Form reichen würde) empörte.

Bereits im ersten Monat verkaufte sich ihr Debüt über 100.000 Mal. Mary MacLane vertritt einen aufgeklärten, emanzipatorischen Nihilismus einerseits, betont aber immer wieder ihre auf Aristoteles fußende peripatetische Schule. In ihrer Einsamkeit und schier unbändigen Todessehnsucht gleicht sie dagegen der rund 100 Jahre älteren deutschen Romantikerin Karoline von Günderrode.

Die reine Liebe einer Frau für eine andere Frau


"Ich erwarte die Ankunft des Teufels" ist Mitte März 2020 im Reclam Verlag erstmals auf Deutsch erschienen

Mary MacLane kritisiert Eherituale und schreibt offen über ihr bisexuelles Leben, über die Freundschaft zur "Anemonendame": "Gibt es denn viele Dinge in dieser kaltherzigen Welt, die so aufs Äußerste entzückend sind wie die reine Liebe einer Frau für eine andere Frau?", fragt sie sich am 20. Januar. Wie Mary von ihr schwärmt, ist hinreißend. Warum bin ich nicht ein Mann, sagt sie später zum Sand, "sodass ich dieser herrlichen, lieben, köstlichen Frau eine absolut perfekte Liebe schenken könnte!".

Ihre Faszination und Liebe zum Teufel dagegen ist fast obszön und geht bis zur aufopfernden Selbstaufgabe. Sie betet ganze Litaneien zu ihm, und kurze Zeit später zeigt sie sich verliebt in Napoleon.

Wenn sie "eine alte, weltgesäuerte, runzelgesichtige Frau" beschreibt, zeugt das nicht nur von ihrem erzählerischen Talent, sondern ebenso von der starken Übersetzung von Ann Cotten. Dazu kommen Zitate aus der Bibel oder von Shakespeare, und sie versorgt uns mit einer Vielzahl an klugen Sentenzen – solche, die man sich gerne merken möchte, um sie bei der richtigen Gelegenheit zu zitieren oder auf eine Karte zu schreiben: "Ich bin meiner selbst müde. Immer ich, ich, ich. Aber es geht nicht anders. Mein Leben ist voll mit selbst."

Eine Schriftstellerin wie ein Feuerwerk

Diese Ausnahme-Schriftstellerin, die danach nur noch zwei weitere, weniger erfolgreiche Werke und einen Stummfilm veröffentlicht hat, ist 48-jährig verstorben und konnte dann den so sehr herbeigesehnten Ruhm nicht lange behalten. Erst im 21. Jahrhundert wurde sie wiederentdeckt, und in diesem Frühjahr ist "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" erstmals auf Deutsche erschienen.

Diese erneute Aufmerksamkeit hat sie mehr als verdient, denn Mary MacLane als Person wie ihr Werk erweitern die Perspektive auf weibliche Intellektualität und Frauenliebe, und das inmitten des Bergbau-Milieus Anfang des 20. Jahrhunderts. So vereint sie viele Gegensätze und fügt sie zu einem stimmigen Ganzen, zu einem Extrem zusammen. Eine Frau, die immer noch Vorbild sein kann. Mary MacLane ist eine Schriftstellerin wie ein Feuerwerk. Explosiv und atemberaubend.

Infos zum Buch

Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels. Tagebuch. Deutsche Erstausgabe. Übersetzung und Nachwort: Ann Cotten. Mit einem Essay von Juliane Liebert. 206 Seiten, Reclam Verlag, Stuttgart 2020. Gebundene Ausgabe: 18 € (ISBN: 978-3-15-011256-4). E-Book: 15,99 €


#1 trans naysayerAnonym
  • 02.05.2020, 02:30h
  • Ein literarisches Statement von unglaublicher Intensität, verbunden mit einem einzigartigen sprachlichen Rhythmus und einer unbändigen Kraft, die lange in Erinnerung bleibt. Die Brillanz ihres Umgangs mit Sprache und ihre unbeeindruckte Konsequenz im Feiern des eigenen Selbst-Seins werfen einen um. Ein Statement von weiblichem Begehren, das seelenruhig alle Konventionen ignoriert und nur sich selbst folgt.
    Lesenswert - aber nur wenn man keine Angst vor anschliessend schlaflosen Nächten hat.
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