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Roman

Ina sucht ihren Vater und verliebt sich in Paula

"Die Überflüssigkeit der Dinge" von Janna Steenfatt ist ein stilistisch großer, inhaltlich manchmal zu soapiger Erstlingsroman über die gar nicht so überflüssigen Dinge des Lebens.


Janna Steenfatt, geboren 1982 in Hamburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und arbeitet als freie Autorin und Moderatorin für verschiedene Filmfestivals (Bild: Janna Steenfatt / facebook)
  • Von Fabian Schäfer
    2. Mai 2020, 13:00h, noch kein Kommentar

Der Titel ist irreführend. "Die Überflüssigkeit der Dinge", obwohl es eigentlich gar nicht um Überflüssiges geht. Eher um Flüssiges, um eine Seebestattung, Gin Tonic und Kantinenfett, aber dazu später mehr. Das klingt zu sehr nach Generation Y, nach in allem steckender Sinnlosigkeit, nach fehlender Perspektive und mangelnden Gründen, sie überhaupt zu suchen – nach urbaner Hipster-Gelangweiltheit.

Denn Janna Steenfatts erster Roman, der diesen Titel trägt, ist das nicht, oder zumindest nicht ganz. Es geht um Ina, eine junge Akademikerin, die nur weiß, dass sie etwas wollen sollte. Sie wohnt in einer WG auf St. Pauli mit Falk, der als Person etwas kauzig, als Mensch aber treu ist. Und sie hat ihre Mutter verloren, ein Autounfall, gegen einen Baum geprallt. Selbstmord, hofft Ina irgendwie. Denn das würde sie weniger traurig machen, als wenn es ein Unfall gewesen wäre. Falk hilft ihr bei der Seebestattung.

Aus der Begegnung mit Paula wird schnell eine Affäre


"Die Überflüssigkeit der Dinge ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen

Ina hat ihren Vater nie kennengelernt. Ihre Mutter, eine Theaterschauspielerin, die zuletzt ihr Einkommen jedoch mit Telefonsex bestritten hat, hatte eine Affäre mit dem Regisseur Wolfgang Eschenbach. Der war dann in der Schweiz und in den USA. Doch jetzt kommt er zurück nach Hamburg, um Shakespeares "Sommernachtstraum" zu inszenieren.

Und Ina, die Pläne meist nicht ganz durchdenkt, sucht sich deshalb einen Job am Schauspielhaus. Aushilfe in der Kantine. Eine gute Position, um die Lage zu beobachten, mittendrin, und doch nicht ganz dabei. So lernt sie auch die Gastschauspielerin Paula nennen, die den Puck spielt, den Hofnarr des Elfenkönigs Oberon. Eine Begegnung, die relativ schnell zu einer Affäre führt.

Einfache, starke Sätze, die man mehrmals lesen will

Das alles erzählt Janna Steenfatt sehr genau und unmittelbar vorstellbar und auf eine trocken-sympathische Weise sehr witzig. Sie beweist ein Talent für ganz präzise Beschreibungen, etwa wenn in einem griechischen Restaurant die "laminierten Seiten sich mit einem klebrigen Schmatzen voneinander lösten" oder wenn Ina "den Klingelkopf drückte, neben dem Paulas improvisiertes Namensschild im Begriff war, sich zu lösen", sie verbindet die Sinne, wenn sie die Spülmaschine ausräumt und "das Porzellan den beruhigenden Geruch warmer Sauberkeit verströmte". Wenn Paulas Haut jedoch "nach Ökokosmetik und Lagerfeuer, zwischen den Beinen jedoch nach Kuchenteig roch", übertreten die Geruchsmetaphern jedoch schnell die Linie zum Weithergeholten.

Immer wieder schreibt Janna Steenfatt dafür unfassbar einfache, starke Sätze, die man mehrmals lesen will, weil sie in dieser Einfachheit so prägnant, fast wie ein Bonmot daherkommen. Das klingt dann so: "Ich war nie besonders gut darin gewesen, neben jemandem aufzuwachen" oder so: "Wie absurd das eigentlich war, dachte ich: zu leben, während andere tot waren".

Ein Debüt, das Lust auf mehr macht

"Die Überflüssigkeit der Dinge" ist ein wunderbarer, nicht überladener Roman, der schnell zum Pageturner wird. Ina wächst uns schnell ans Herz, weil sie sympathisch und charmant und ehrlich ist. Der Weg zu ihrem Vater und zu Paula ist einer, auf dem wir sie gerne begleiten.

Doch da sind einige fast unverzeihliche Plot-Twists, die einem beim Lesen die Augen rollen lassen, weil man eigentlich gehofft hatte, darauf verzichten zu können. Da wird der Roman dann schnell zu soapig, und überhaupt ist die Konstruktion "Tochter sucht Vater" etwas abgefrühstückt, auch wenn Janna Steenfatt ihr doch noch etwas Neues hinzufügt.

Das ist schade, weil der Roman sonst noch mehr von seinem sprachlich-erzählerischen Potential hätte herausholen können. Und dennoch ist "Die Überflüssigkeit der Dinge" ein vielversprechendes Erstlingswerk, das Lust auf mehr macht. Das uns mitnimmt auf Inas Weg zu ihrem Vater, einer lesbischen Liebe, und irgendwie auch zu sich selbst. Und das sind alles andere als überflüssige Dinge.

Infos zum Buch

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge. Roman. 240 Seiten. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2020. Gedruckte Ausgabe mit Schutzumschlag: 22 € (ISBN 978-3-455-00831-9). E-Book: 16,99 €