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Kommentar

Welcher Teufel reitet Benedikt XVI.?

Joseph Ratzinger hat gläubige Schwule und Lesben sowie deren Angehörige in schwere religiöse Konflikte bis hin zum Suizid getrieben. Nun stilisiert er sich als Opfer, dessen "Stimme man ausschalten" wolle.


Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. war vom 19. April 2005 bis zu seinem Amtsverzicht am 28. Februar 2013 Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche (Bild: Lene / wikipedia)
  • Von Thomas Pöschl
    6. Mai 2020, 03:16h 41 3 Min.

Auch wenn es inzwischen eher wie eine frustrierte Resignation klingt, so haben katholische Lesben und Schwule die unentwegte Demütigung durch den "Alt-Papst", wie Radio Vatikan ihn nennt, satt. Er wird in der soeben erschienenen Benedikt-Biografie von Peter Seewald so zitiert: "Vor hundert Jahren hätte es noch jedermann für absurd gehalten, von homosexueller Ehe zu sprechen. Heute ist gesellschaftlich exkommuniziert, wer sich dem entgegenstellt" (queer.de berichtete).

Seit Jahrzehnten ist Joseph Ratzinger, erst als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, dann als Papst Benedikt XVI. von dem Thema besessen, lesbischen Christinnen und schwulen Christen, ihre von Gott geschenkte homosexuelle Begabung madig und verachtenswürdig zu machen. Damit hat er viele gläubige Schwule und Lesben sowie deren Angehörige in schwere religiöse Konflikte bis hin zum Suizid getrieben.

Er verdammte und verbot die Benutzung von Kondomen, die die Ansteckung mit HIV eindämmen könnten und förderte dadurch die Ausbreitung von Aids-Erkrankungen weltweit. Er ist somit mitschuldig an Millionen von Aids-Toten, die inzwischen vor allem in Afrika südlich der Sahara zu beklagen sind.

Jahrzehnte lang Andersdenkende unterdrückt


Thomas Pöschl ist Vorstandsmitglied der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V. (Bild: HuK)

Das ist die tatsächliche Bilanz des Lebens des Joseph Ratzinger. Sich heute larmoyant als Opfer von "bösartiger Verzerrung der Wirklichkeit" zu stilisieren, dessen "Stimme man ausschalten" wolle, wo er doch selbst Jahrzehnte lang Andersdenkende, u.a. (Moral-) Theologinnen und -Theologen und die Befreiungstheologie in Südamerika unterdrückt hat, ist erbärmlich. Joseph Ratzinger war Jahrzehnte lang die Speerspritze des homophoben Systems römisch-katholische Kirche. Wieder einmal vertauscht er Täter und Opfer statt Einsicht und Reue zu zeigen.

Ratzinger/Benedikt hat sich viele Jahrzehnte der ehrlichen inhaltlichen Diskussion mit der Moderne verweigert. Wer "die geistige Macht des Antichrists" an die Wand malt, wenn es um die gesellschaftliche und staatliche Anerkennung der Liebe zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts geht, kann sich nicht ernsthaft darüber wundern, wenn die ihm so verhasste "moderne Gesellschaft" ihn nicht mehr ernst nimmt.

Kein Grund zum Klagen, sondern zum Feiern!

Und er sieht dadurch gleich "die Kirche" von einer "weltweiten Diktatur von scheinbar humanistischen Ideologien bedroht" – das Gegenteil ist der Fall: Seine Hardliner-Tradition ist es, die eher noch mehr Katholikinnen und Katholiken in Deutschland über einen Kirchenaustritt nachdenken lassen. Ratzinger schädigt in seinem Tun die römisch-katholische Kirche nachhaltig und befeuert deren Spaltung.

Der französische Journalist Frédéric Martel hat 2019 in seinem Buch "Sodom" Macht, homo­sexuelle Kultur und Doppelmoral innerhalb des Vatikans beschrieben (queer.de berichtete). Er sieht auch die bekannte psychologische Erkenntnis bestätigt, dass Homophobie häufig in verdrängter eigener Homosexualität wurzelt. Wenn diese homophobe katholische Kultur in der modernen Gesellschaft nicht mehr gehört wird, ist dies kein Grund zum Klagen, sondern zum Feiern!

-w-

#1 Kritiker
  • 06.05.2020, 07:07hFrankfurt
  • Benedikt wird mit diesem Trauma einfach ist Grab gehen. Hoffentlich kann er dann im Jenseits seine Neigungen ausleben und endlich glücklich und erfüllt sein.

    Dennoch finde ich etwas affig von von Gott geschenkte[r] homosexuelle[r] Begabung zu sprechen! Diese Ausdrucksweise ist nämlich das andere - unnötige - Extrem.
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#2 stephan
  • 06.05.2020, 08:05h
  • Eine sehr treffende Überschrift und eine kurze Zusammenfassung von Ratzingers verfehlten Leben und Streben! Wenn ausgerechnet er sich nun als von der modernen Gesellschaft marginalisiert und als Opfer einer Diktatur sieht, ist das lächerlich und larmoyant!
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#3 zundermxeAnonym
  • 06.05.2020, 09:17h
  • Der Glaube und die Lehre stehen über dem Menschen, über das Leben und natürlich vor allem über die Liebe und die Freiheit.
    So einfach ist das für die christlichen Ideolog*innen. Wertfrei betrachtet unterscheiden sich religiöse Ideologien in keinem Punkt signifikant von anderen Ideologien.
    Selbstlos ist dies dabei an keiner Stelle, sondern stets zielgerichtet und mit eigennützigen Absichten.

    Was Ihr dem Niedrigsten unter Euch tut, das tut Ihr mir oder wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein sind dabei die unverschämtesten Nebelkerzen, die immer wieder gerne postuliert werden.
    Seit Jahrtausenden bieten die Religionen (zumindest) die geistige Grundlage für Verfolgung, Folter und Mord. Nicht nur, aber vor allem auch, auf Queers bezogen.
    Kein Aufschrei oder öffentlich laut vernehmbarer Ruf nach Konsequenzen, wenn der faschistoide Ober-Katholike dies in 2020 genüsslich wiederholt, zelebriert um sich anschließend quasi die Rolle des verfolgten Christen gibt (das mit der Opfer-Täter-Umkehr kennen wir ja bestens).
    Wo sind nur all die demokratischen Gut-Menschen?

    Wenn die Populisten von heute, die Erfinder der fake news, je ein erfolgreiches Vorbild oder eine Inspiration gebraucht haben, dann waren die Religionen mit Sicherheit ihre Blaupause.
    Jeder Fakt, jede Wahrheit, selbst wenn es die eigenen Aussagen sind, werden so ins Gegenteil verkehrt oder dementiert, dass es wieder das eigene Verhalten und somit die eigene Lehre rechtfertigt. Und das funktioniert seit Jahrtausenden.

    In diesem Sinne ist der heilige Donald (Trump) ein Vorzeige-Christ unserer Zeit.
    Amen.
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