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#MeToo-Debatte

Vorwürfe gegen Berliner Arzt: Die Stille nach dem Sturm

Die Staatsanwaltschaft wirft einem Mediziner vor, Patienten sexuell missbraucht zu haben. Diverse Berichte über den bevorstehenden Strafprozess hat er verbieten lassen. Wegen der Coronakrise droht Verjährung. Eine Spurensuche zwischen Fakten, Anschuldigungen, Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht.


Gegen einen Berliner Arzt gibt es außerordentlich schwerwiegende Vorwürfe (Bild: Darko Stojanovic / Pixabay)

Es war wie ein Gewitter, was da im September 2019 durch die schwule Szene und die breite Öffentlichkeit ging. Am 6. und am 7. September erschienen auf den Onlinemagazinen Buzzfeed.com und Vice.com zwei gemeinsame Artikel über einen Berliner Arzt, der auch aktuell praktiziert. Es ging darin um erhebliche Vorwürfe gegen die Szene-Prominenz und um einen Strafprozess. Dutzende größere und kleinere Medien berichteten im Anschluss über die Vorwürfe. Seitdem ist es still geworden, und die Artikel sind aus dem Netz verschwunden. Was ist aus dem Thema geworden?

Die Buzzfeed- und Vice-Artikel

Ausgedruckt wären die beiden Artikel etwa 15 Textseiten lang gewesen. Hinter der Mammut-Arbeit steckten wochenlange Recherchen von Juliane Löffler, Buzzfeed-Redakteurin für queere Themen, und dem Vice-Politikredakteur Thomas Vorreyer. Die Texte thematisierten Vorwürfe unangemessenen Verhaltens durch einen Arzt gegenüber jungen männlichen Patienten. Es hieß, man wisse von mehr als 30 Personen, die von sexuellen Übergriffen berichten. Buzzfeed/Vice nannten nicht den vollen Namen des Arztes, sondern nur seinen Vornamen und den ersten Buchstaben des Nachnamens. Die Presseagentur dpa griff die Berichterstattung unter Verweis auf einen anstehenden Gerichtsprozess auf, infolgedessen berichteten viele andere Medien auch darüber.

Einer der beiden Texte ("Der Nächste bitte") widmete sich einem Strafverfahren gegen den Arzt, das ursprünglich im April beginnen sollte, sowie internen Ermittlungen der Berliner Ärztekammer. Der Artikel ließ Mitarbeiter*innen queerer Organisationen zu Wort kommen, die schilderten, dass sie schon länger von ähnlich gelagerten Vorwürfen wüssten. Offen äußerte sich der Berliner Verein HILFE-FÜR-JUNGS sowie die Deutsche Aidshilfe. Anonym kamen drei Mitarbeiter der Berliner Schwulenberatung zu Wort, darunter "eine hochrangige Leitungsperson". Einer der drei Mitarbeiter gab zu Protokoll, in seiner Abteilung wisse man von "mindestens 100 Beschwerden" aufgrund "sexueller Grenzverletzungen" durch den Arzt.

Der andere Artikel ("Hinter verschlossener Tür") porträtierte fünf anonym bleibende Männer und nannte sie Adam, Ricardo, Mark, Christopher und Tom. Sie sollen für eine Untersuchung in der Praxis gewesen sein oder um die Ergebnisse eines vorherigen HIV-Tests zu besprechen. Die porträtierten Patienten behaupten ungeheuerliche Erlebnisse: dass der Arzt ihnen, ohne für sie erkennbare medizinische Notwendigkeit oder viel zu lange, den Finger in den Anus gesteckt und ihre Prostata stimuliert habe, dass er teilweise gleichzeitig ihren Penis gerieben oder sie gar masturbiert habe. Dass er anzügliche Bemerkungen über ihre Genitalien und sonstige intime Körperteile gemacht habe. Einer der fünf erzählte, der Arzt habe ihn überraschend geküsst, ein anderer, der Arzt habe plötzlich vor ihm gekniet und versucht, seinen Penis in den Mund zu nehmen. Der Arzt bestreitet die Vorwürfe oder führt an, die Untersuchungen seien medizinisch erforderlich gewesen.


Die Berichte auf den Onlineportalen Buzzfeed und Vice waren nur für kurze Zeit online

Die Schilderungen unterscheiden sich im Detail, haben aber eines gemeinsam: die Patienten beschreiben darin sexuelle Übergriffe, die sie als beschämend, traumatisierend und lähmend empfanden. Einige Fälle schaute sich die Berliner Staatsanwaltschaft an, stellte ihre Ermittlungen aber ein, weil sie die Vorwürfe für zu unspezifisch oder für verjährt hielt.

Die Texte von Buzzfeed und Vice enthielten außerordentlich schwerwiegende Vorwürfe. Wie verantwortungsvoll sind die Redaktionen bei ihrer Arbeit vorgegangen? Im Rahmen der Recherche habe man die Vorwürfe nach den geltenden journalistischen Standards und mit der nötigen Sorgfaltspflicht auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft, versichert die Buzzfeed-Redakteurin Juliane Löffler im Gespräch mit queer.de. Zusätzlich zu den Schilderungen der Personen habe man etliche Dokumente wie Laborberichte, Tagebucheinträge oder Emails der Patienten im Austausch mit der Praxis gesichtet sowie Gespräche mit Vertrauenspersonen der Quellen geführt: "Ehemalige Partner und Freund*innen haben uns bestätigt, dass die mutmaßlich Betroffenen ihnen von den Vorwürfen erzählt hatten. Teilweise fanden diese Gespräche in Chats statt, welche uns in vielzähligen Screenshots vorliegen. Ein wichtiger Aspekt war auch, ob die Quellen die Vorwürfe logisch und konsistent, das heißt auch über längere Zeiträume gleichlautend, wiederholen."

Untersagte Berichterstattung

Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung waren die Buzzfeed/Vice-Artikel aus dem Netz verschwunden. Dort, wo sie ursprünglich zu finden waren, steht seitdem: "Diese Recherche aus der Gesundheitsversorgung ist derzeit Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung. Das Landgericht Berlin hat am 18. September 2019 angeordnet, dass wir diesen Text bis zur Klärung nicht auf unserer Seite verbreiten dürfen. Wir gehen gegen diese Entscheidung vor und hoffen, euch unsere Recherche bald wieder zur Verfügung stellen zu können. Bis dahin bitten wir um Geduld und bedanken uns für euer Verständnis."

Bei den Texten von Buzzfeed/Vice handelt es sich um sogenannte Verdachtsberichterstattung: Medien berichten über Vorwürfe von öffentlichem Interesse gegen eine Person, ohne dass ein Gericht die Vorwürfe bestätigt hat. Wie damit umzugehen ist, ist ein Streit-Thema.

Das Rechtsstaatsprinzip sieht vor, dass Menschen nur dann als schuldig gelten, wenn Gerichte das in einem Prozess rechtskräftig festgestellt haben. Das soll Beschuldigte vor einer Vorverurteilung und Zerstörung ihres Rufs schützen. Beim Thema sexueller Missbrauch kann allein ein Verdacht großen Schaden anrichten, selbst dann, wenn sich am Ende herausstellt, dass am Verdacht nichts dran war.

Auf der anderen Seite ist Verdachtsberichterstattung in bestimmten Grenzen prinzipiell erlaubt. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, über gesellschaftlich relevante Vorgänge zu erfahren, und Medien haben somit das Recht, darüber zu berichten. Prominente mit dem nötigen Kleingeld für Presserechtsprozesse sollten nicht in der Lage sein, jegliche öffentliche Diskussion zu verhindern.

Es gibt verschiedene Voraussetzungen für Verdachtsberichterstattung. Es muss ein öffentliches Interesse für das Thema geben, die Medien müssen besonders sorgfältig recherchieren und gleichermaßen Belastendes und Entlastendes berücksichtigen. Dann muss der Betroffene des Verdachts die Möglichkeit bekommen, zu der geplanten Berichterstattung im Vorfeld Stellung zu nehmen. Die Verdachtsberichterstattung muss neutral erfolgen und Vorverurteilung vermeiden. Ob dies bei konkreten Artikeln der Fall ist, entscheiden Gerichte im Streitfall in ihrem Ermessensspielraum.

Nach der Veröffentlichung der Buzzfeed/Vice-Artikel hatte der Arzt eine einstweilige Verfügung beantragt. Das Landgericht Berlin stimmte dem Antrag zu und erließ die Eil-Verfügung, die Berichte mussten offline gehen. Die Medien widersprachen, doch bei einer späteren Gerichtsverhandlung im Oktober blieb das Landgericht Berlin bei seiner Entscheidung.

Offenlegung

Auch einen zusammenfassenden Bericht auf queer.de über die Vorwürfe gegen ihn ließ der Berliner Arzt über eine einstweilige Verfügung verbieten, gegen die wir uns wehren. Ein am 21. April angesetzter Verhandlungstermin wurde wegen der Corona-Krise abgesagt. Der Prozess wird nun im schriftlichen Verfahren fortgeführt. Eine Entscheidung soll am 16. Juni fallen. Der freie Journalist Stefan Mey hat uns diesen Artikel angeboten, ohne zu wissen, das sich auch queer.de in einen Rechtsstreit mit dem angeklagten Mediziner befindet. Er hat diesen Text eigenständig und ohne Anweisungen von Seiten der Redaktion verfasst.

Wie es in einer Mitteilung auf der Buzzfeed-Webseite heißt, habe das Gericht durchaus bestätigt, dass ein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung bestehe und dass die erhobenen Vorwürfe für eine Verdachtsberichterstattung ausreichend belegt seien. Es sei jedoch der Meinung gewesen, dass die Texte den Arzt anprangern und vorverurteilen. Leser*innen kämen zwangsläufig zur Erkenntnis, dass die geschilderten Vorwürfe stimmen, was aber nicht erwiesen sei. Dass die Texte den Konjunktiv und Worte wie "mutmaßlich" und "offenbar" verwenden, sei reine Kosmetik. Hinzu komme, dass die Artikel ausschließlich Material enthielten, das den Arzt belaste.

Der Argumentation des Gerichts hält der Buzzfeed-Anwalt Jan Hegemann laut Redaktionsmitteilung entgegen, es liege nicht an Formulierungen im Text, wenn Leser*innen zum Schluss kämen, dass der Arzt die vorgeworfenen Taten begangen habe, sondern schlicht an den vielen Belegen, die die Redaktionen präsentiert hätten.

Gegen die Entscheidung sind Buzzfeed und Vice vor dem Berliner Kammergericht in Berufung gegangen. Ursprünglich rechneten sie mit einem Urteil in den Monaten Februar oder März, wegen der Corona-Pandemie ist das Verfahrungen aber auf unbestimmte Zeit vertagt. Bis zu einer möglicherweise anderslautenden Entscheidung bleiben die Buzzfeed/Vice-Artikel verboten.

Der Arzt, der nicht benannt werden darf

Den Namen des Arztes darf queer.de aus rechtlichen Gründen derzeit nicht nennen und muss auch Details verschweigen, die ihn identifizieren könnten. Um den Arzt nicht vorzuverurteilen, wird in diesem Text durchgehend der Konjunktiv bei der Beschreibung von Vorwürfen verwendet. Die Leser*innen werden ausdrücklich ermuntert, sich ein eigenes Bild zu machen.

Über den Arzt gehen die Meinungen auseinander. Einige halten ihn schlicht für einen hoch kompetenten Mediziner, den sie stets weiterempfehlen würden, andere lassen kein gutes Haar an ihm. Einige finden seinen Charme anziehend und gewinnend, andere fühlen sich davon eher abgestoßen.

Ein Blick in Online-Bewertungsportale wie Jameda oder die Bewertungsrubrik auf Google Maps zeigt: Es überwiegen positive Kommentare. Eine überwiegende Mehrheit der Patienten hat dem Arzt die Maximalzahl der möglichen Punkte gegeben. Es gibt aber auch negative und vernichtende Kommentare, allerdings ist von Vorwürfen sexueller Übergriffe auf den Portalen nichts zu lesen.

Der Autor dieses Artikels würde dem Arzt gern Raum geben, seine eigene Sichtweise darzulegen und sich zu den Vorwürfen zu äußern, dass er sich unangemessen gegenüber Patienten verhalten hat. Er hat ihm verschiedene Fragen geschickt, unter anderem, wieso er die Buzzfeed/Vice-Artikel hat verbieten lassen, wie er das Vorgehen der Ärztekammer kommentiert und was er sich vom Ausgang des Strafverfahrens gegen ihn erhofft. Der Autor hat ihm auch die Möglichkeit gegeben, die Vorwürfe sexueller Übergriffe und ihr Zustandekommen zu kommentieren, wenn er sie für nicht zutreffend hält.

Für die Berichterstattung wäre es interessant zu wissen: Wie erklärt sich der Arzt die Vorwürfe, die von der Berliner Ärztekammer, der Staatsanwaltschaft und anerkannten queeren Organisationen ernstgenommen werden? Sieht er sich als Opfer einer Verschwörung und von gezielter Diskreditierung? Hält er das Ganze für ein Missverständnis, weil er die als übergriffig empfundenen Situationen anders wahrgenommen hat?

Auf die Fragen hat der Arzt nicht geantwortet. Stattdessen hat sein Anwalt Johannes Eisenberg ein Schreiben in temperamentvollem Ton geschickt, mit dem Zusatz, dass daraus nicht zitiert werden dürfe. In dem Schreiben lässt er wissen, dass der Arzt die Vorwürfe bekanntermaßen bestreite und dass dieser wegen der ärztliche Schweigepflicht einzelne Fälle nicht kommentieren könne. Er gibt zu erkennen, dass er keine Berichterstattung wünsche, dass er sie für unzulässig halte und dass er vom Arzt beauftragt sei, unter Umständen juristisch gegen erneute Berichterstattung vorzugehen.

Der Autor dieses Artikels war bereit, alle den Arzt entlastenden Informationen in den Bericht aufzunehmen. Der Arzt lehnte jedoch jede Stellungnahme ab. Aus den Einlassungen seines Anwalts aus den Verfahren darf nicht zitiert werden.

Die Vorgeschichte

Vorwürfe gegen den Arzt wabern schon seit Jahren durch die Berliner Szene. Wie Buzzfeed/Vice schilderten, befasste sich die Berliner Ärztekammer seit 2002 sehr konkret unter dem Radar der Öffentlichkeit mit dem Arzt. Auslöser waren Vorwürfe von ehemaligen Patienten, die ihm sexuell übergriffiges Verhalten vorwarfen. Im Sommer 2013 leitete die Ärztekammer ein Untersuchungsverfahren gegen den Arzt ein. Es gab Gespräche mit fünf Patienten und Gegenüberstellungen mit dem Arzt bzw. seiner Rechtsvertretung. Das bestätigt gegenüber queer.de auch die Berliner Anwältin Barbara Petersen, die im anstehenden Strafprozess gegen den Arzt zwei Mandanten vertritt.

Die Ärztekammer wollte sich zu der Sache nicht äußern und bittet um Verständnis: "Informationen über ein konkretes durch die Ärztekammer Berlin durchgeführtes berufsaufsichtsrechtliches Verfahren, die diesem zugrunde liegenden Vorwürfe, unsere Ermittlungsergebnisse und eine (etwaige) Einleitung berufsrechtlicher Maßnahmen beinhalten personenbezogene Daten des betroffenen Kammermitglieds." Für eine Auskunft gebe keine Rechtsgrundlage.

Im Herbst 2013 gab der Arzt eine Selbstverpflichtungserklärung ab, dass in Zukunft proktologische (d.h. den Anus betreffende) Untersuchungen in der Praxis des Arztes nur noch stattfinden, wenn eine weitere Person neben dem Arzt anwesend ist. Fragen des Autors zu den Hintergründen einer solchen ungewöhnlichen Erklärung ließ der Arzt unbeantwortet.

Im Jahr 2014 ermittelte laut Buzzfeed/Vice die Polizei in der Sache, die Akten der Ärztekammer gingen dann an die Berliner Staatsanwaltschaft. Da die ehemaligen Patienten mit der Intransparenz des Ärztekammer-Verfahrens unzufrieden waren, hätten diese auch selbst Strafanträge gestellt, erzählt Petersen: "Die Patienten müssen in den internen Anhörungen ihr Innerstes nach Außen kehren und über sehr intime Dinge reden. Im Anschluss wird ihnen beispielsweise nicht gesagt, wie sich der beschuldigte Arzt auf die Vorwürfe im Einzelnen geäußert und welche berufsrechtlichen Folgen er zu tragen hat."

Im August 2016 erstellte die Berliner Staatsanwaltschaft die Klageschrift, auch ab da an ging es nur langsam voran. Im August 2019 sollte der Strafprozess gegen den Arzt beginnen und wurde dann aber auf dieses Jahr verschoben. Ursprünglich sollte es am 2. April losgehen, elf Verhandlungstage zwischen April und Juni waren vorgesehen. Wegen der Corona-Pandemie ist der Start auf bisher unbestimmte Zeit verschoben.

Ebenfalls denkwürdig: Wie Buzzfeed/Vice schrieb, hatte das queere Berliner Stadtmagazin "Siegessäule", nachdem es im Jahr 2018 Schilderungen von Patienten des Arztes erhalten habe, keine Werbeanzeigen der Praxis mehr gedruckt. Zum Ende des Jahres druckte das Magazin einen auf Deutsch und Englisch verfassten anonymen Werbeaufruf, dass Betroffene sexueller Übergriffe "durch einen in Berlin praktizierenden Arzt" gesucht werden, die sich an eine anonyme Email-Adresse wenden könnten.

Im Buzzfeed/Vice-Artikel hieß es auch, wenige Monate nach Veröffentlichung der Anzeige habe das Berliner Landeskriminalamt vor der Tür des Verlags gestanden, versehen mit einem richterlichen Untersuchungsbeschluss. Das habe Gudrun Fertig, eine der beiden Geschäftsführerinnen des Verlags, Buzzfeed mitgeteilt. Auf Nachfrage von queer.de schreibt Fertig, dass sie zu der Sache aktuell keine Interviews gebe.

Die Reaktion der Szene

Während der Arbeit an diesem Text hat sich gezeigt: Es ist leicht, Gesprächspartner*innen zu finden, die über das Thema reden wollen, seien es Vertreter*innen queerer Organisationen oder Einzelpersönlichkeiten aus der schwulen Szene. Sie begrüßen eine Berichterstattung, nur wenige jedoch wollen sich öffentlich positionieren.

Das sagt die Deutsche Aidshilfe: Das Thema sei für die Deutsche Aidshilfe nicht neu, meint Pressesprecher Holger Wicht auf die Frage, inwiefern die Organisation Beschwerden über sexuelle Übergriffe durch den betreffenden Arzt kenne: "Die Vorwürfe kursierten in Berlin seit vielen Jahren und waren auch uns bekannt." Ins Detail gehen wolle man nicht, da es sich um Gerüchte handele. Als Dachverband sei die Deutsche Aidshilfe allerdings nie mit offiziellen Beschwerden oder Berichten von Klienten konfrontiert gewesen. Deswegen habe es auch keine Möglichkeit gegeben, offizielle Schritte einzuleiten. "Für solche Angelegenheiten sind zudem unsere autonomen Mitgliedsorganisationen vor Ort zuständig. Wir wissen, dass die Berliner Aidshilfe und die Schwulenberatung in dieser Sache engagiert tätig waren."

Das sagt die Berliner Aids-Hilfe: Die Berliner Aids-Hilfe äußert sich zu dem Arzt nicht und verweist auf datenschutzrechtliche Vorgaben. Allgemein gehe man Beschwerden jedoch nach und begleite die Ratsuchenden auf Wunsch, bis eine für sie zufriedenstellende Lösung gefunden ist.

Das sagt die Schwulenberatung: Die Schwulenberatung Berlin, ein Schwergewicht der queeren Szene mit mehr als 100 Mitarbeiter*innen, spielte eine Schlüsselrolle in den Buzzfeed/Vice-Artikeln. Sie äußerte sich allerdings nicht offiziell, stattdessen kamen drei anonym bleibende Mitarbeiter*innen zu Wort. Ein Mitarbeiter erzählte, fast seit Gründung der Praxis vor 25 Jahren habe man von Vorwürfen sexueller Übergriffe gehört, und in seiner Abteilung seien insgesamt mindestens 100 Beschwerden aufgeschlagen. Es hieß, dass die Schwulenberatung den Arzt schon 2014 mit den Vorwürfen konfrontiert habe. Ein Mitarbeiter der Schwulenberatung, der in den Ermittlungen der Berliner Ärztekammer zuungunsten des Arztes ausgesagt hatte, sei von diesem wegen übler Nachrede angezeigt worden (wobei die Staatsanwaltschaft die Anzeige nicht weiterverfolgt habe).

Queer.de hat die Schwulenberatung um ein offizielles Statement gebeten. Die Antwort des Geschäftsführers Marcel de Groot ist zurückhaltend, erweckt aber nicht den Eindruck, dass er sich von den Darstellungen distanziert. Auf die Fragen, inwiefern die Schwulenberatung aus eigener Beratungspraxis von Beschwerden über sexuelle Übergriffe durch den Arzt wisse, in welcher Größenordnung sich diese bewegten und inwiefern die Schwulenberatung Maßnahmen ergriffen habe, verweist er auf die Buzzfeed/Vice-Artikel und ergänzt: "Die haben aus unser Sicht gut und fundiert recherchiert und viele Aussagen von uns und von Klienten überprüft. Die Beschwerden haben wir von Klienten aus erster Hand gehört, wir waren bei den Arztbesuchen allerdings nie selber anwesend. Buzzfeed hat direkt mit Betroffenen gesprochen und deren Aussagen für ihren Artikel verwendet."

Das sagt HILFE-FÜR-JUNGS: Ausführlicher äußert sich HILFE-FÜR-JUNGS. Der Berliner Verein berät in dem Projekt "MUT – Traumahilfe für Männer" Männer, die von sexueller Gewalt betroffen sind, und betreibt die Beratungsstelle "subway" für Jungs, Männer und trans Personen, die anschaffen. Oft befinden diese sich in einer besonders verletzlichen Position, sie gehen aus ökonomischer Not heraus anschaffen und arbeiten unter prekären Bedingungen. Ralf Rötten, Sozialpädagoge und Geschäftsführer des Vereins, ist mit den Vorwürfen gegen den betreffenden Arzt vertraut, verrät er queer.de: "In den letzten fünfzehn Jahren gab es immer wieder einzelne Beschwerden von Klienten über erlebte sexuelle Übergriffe. Die Beschwerden drehten sich um Situationen, wie sie in den Buzzfeed/Vice-Artikeln beschrieben wurden, und gingen in der Heftigkeit teilweise noch darüber hinaus". Er könne sich innerhalb der letzten 15 Jahre an mindestens ein halbes Dutzend Fälle erinnern, ausnahmslos habe es sich um besonders verletzliche Personen gehandelt, junge Männer aus dem Ausland und ohne deutsche Krankenversicherung. Seit etwa zehn Jahren habe der Verein die Praxis des Arztes nicht mehr empfohlen. "Gegenüber unseren Klienten benennen wir vertrauenswürdige Praxen mit HIV- und STI-Schwerpunkt. Die Praxis des betreffenden Arztes gehört nicht mehr dazu – aufgrund der Beschwerden, die wir erhalten haben."

Einer der Männer habe sich damals an die Berliner Ärztekammer gewandt. Laut Aussage des Klienten habe diese die Beschwerde aber als unglaubwürdig zurückgewiesen. Die anderen, vermutet Rötten, seien nicht gegen den Arzt vorgegangen, wohl aufgrund der Scham und des Ohnmachtsgefühls, wie man es nach sexuellen Übergriffen oft empfinde.

Insgesamt beobachtet Ralf Rötten in der schwulen Szene einen schwierigen Umgang mit sexuellen Übergriffen: "Da wird viel verharmlost. Es gibt die Wahrnehmung, dass Männer nicht Opfer von sexuellen Übergriffen werden können. Dass Männer sexuell aktiv und potent sein müssen und es gut ist, wenn man als begehrenswert gilt." Er hofft, dass es endlich einmal eine offene Diskussion über sexuelle Gewalt in der schwulen Szene geben werde.

Ihn wundere, wie einige in der Berliner Szene auf die Berichterstattung von Buzzfeed/Vice reagiert haben. Wenn Rötten privat in der Nähe der betreffenden Praxis unterwegs sei, sehe er immer wieder, wie viel Anerkennung der Arzt weiterhin bekomme, wie dieser hofiert und wie ihm begeistert zugewunken werde.

Ihn ärgere, dass so lange nicht passiert sei: "Auf breiter Front gab es ein strukturelles Organisationsversagen. Aufsichtsbehörden beim Senat, die Ärztekammer, medizinische Fachverbände und sonstige Institutionen haben geahnt, dass da etwas Schlimmes passiert, aber nicht reagiert."

Das sagen Kolleg*innen des Arztes

Der Arzt, um den es in diesem Text geht, war und ist auch gut in medizinischen Kreisen vernetzt, unter anderem war er im Arbeitskreis Aids der niedergelassenen Ärzte Berlins e.V. (AK Aids) aktiv. Nach der Veröffentlichung der Buzzfeed/Vice-Artikel verfassten die Vorstandsmitglieder Heiko Karcher und Marcel Berger eine gemeinsame Erklärung und teilten unter anderem mit: "Die im Raum stehenden Vorwürfe haben uns bestürzt, und wir halten jegliche Form des sexuellen Missbrauchs, insbesondere auch in der Arzt-Patientenbeziehung, für inakzeptabel. Im Hinblick auf den Beschuldigten möchten wir auf den Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung hinweisen."

War man auch da schon länger über Vorwürfe gegen den Kollegen informiert? Heiko Karcher und Marcel Berger, die auch aktuell im Vorstand sitzen, schreiben: Der amtierende Vorstand habe vor der Veröffentlichung durch Buzzfeed/Vice nichts von einem laufenden Verfahren gegen den Mediziner-Kollegen wegen sexueller Übergriffe gewusst. "Ferner hat sich bei uns als Vorstände auch niemand persönlich oder schriftlich seitens der Vereinsmitglieder beschwert. Auch die Ärztekammer oder Patienten haben uns nie involviert, sodass wir auch hier hinsichtlich eines ehemaligen oder neuen Ermittlungsverfahrens keine Kenntnisse besitzen." "Mangels Kenntnissen" sei "eine Stellungnahme oder Positionierung derzeit nicht möglich". Außerdem verweisen sie auf ihre gesetzliche Schweigepflicht.

Ahnungsloses Internet?

Verschwiegen gibt sich auch das Internet, das eigentlich im Ruf steht, jeder Position Raum zu geben. Haben die Schilderungen der oft jungen Patienten wundersamerweise den Weg ins Internet nicht gefunden? Blenden Onlineportale besonders drastische Kritiken aus oder werden sie – aufgrund einer Beschwerde des Arztes oder aus Selbstzensur heraus – gelöscht, nachdem sie erschienen sind?

Queer.de weiß zumindest von einem solchen Fall. Ein schwuler Mann aus der Berliner Dragqueen-Community hatte sich in einem Beitrag auf Facebook in drastischen Worten über angebliche Übergriffe durch den Arzt beschwert. Irgendwann war der Beitrag wieder verschwunden.

Auch in spezialisierten Bewertungsportalen für Ärzt*innen findet man nichts zu Vorwürfen gegen den Berliner Mediziner.

Entsprechende Portale werben damit, dass sie Patient*innen Transparenz bei der Suche nach einer medizinischen Versorgung bieten. Allerdings können Ärzt*innen beantragen, dass einzelne Kommentare gelöscht werden, wenn sie darlegen, dass ihre Rechte verletzt werden.

Der Autor dieses Artikels hat den Arzt gefragt, ob er Kommentare von Patient*innen, die über sexuelle Übergriffe berichteten, auf Bewertungsportalen löschen ließ. Der Arzt ließ die Frage unbeantwortet.

Wir haben auch bei Jameda, dem größten deutschsprachigen Bewertungsportal für Ärzt*innen, angefragt: Gab es auf dem Portal Schilderungen sexueller Übergriffe durch den Arzt, die gelöscht wurden, wieso wurden diese gelöscht und kann man als Journalist diese einsehen? Zum konkreten Fall äußere Jameda sich nicht, schreibt eine Jameda-Pressesprecherin: "Wir geben aus Datenschutzgründen generell keine Informationen über nicht veröffentlichte Bewertungen."

Sie antwortet aber auf die Frage, wie man allgemein mit dem Thema Löschen oder Nicht-Löschen umgehe: Wenn Ärzt*innen der Meinung sind, dass ein Kommentar "unwahre Elemente" enthalte oder wenn sich beleidigt oder diffamiert führen, können sie um eine Prüfung bitten. Sie müssten das begründen, dann bitte man auch die Patient*innen um eine Stellungnahme. Wenn man die beanstandeten Punkte klären könne, gehe die Bewertung wieder online.

Und unter welchen Bedingungen schafft es ein kritischer Kommentar auf die Plattform, auch wenn er vom Arzt gemeldet wird? "Haben wir ausreichend Beweise oder Indizien, dass ein in Bewertungen geäußerter schwerer bzw. justitiabler Vorwurf stimmt, veröffentlichen wir die entsprechenden Bewertungen. Solange solche Vorwürfe aber nicht bewiesen sind, halten wir es nicht für richtig, diese zu veröffentlichen."

Es ist verständlich, dass Bewertungsportale nicht alles ungeprüft auf ihrer Plattform lassen können, besonders wenn Kommentare Vorwürfe von strafrechtlich relevanten Verhalten enthalten. Das Vorgehen von Jameda zeigt aber auch die Grenzen solcher Bewertungsplattformen auf. Bei sexuellen Übergriffen steht oft Aussage gegen Aussage, sie lassen sich selten objektiv beweisen. Hinzu kommt, dass sich die betroffenen Patienten aus der schützenden Anonymität herausbegeben müssen, wenn es zu einer Gegenüberstellung kommt. Sucht ein junger schwuler Mann, der in der Berliner Szene noch nicht gut vernetzt ist, nach einer vertrauenswürdigen, schwulen Praxis für einen HIV-Test, findet er keinerlei Hinweis darauf, dass vorherige Patienten über Probleme berichtet haben. Und wenn er in der Praxis Erfahrungen machen sollten, die er als verstörend empfindet, hat er keine Chance herauszufinden, dass andere eine ähnliche Wahrnehmung hatten.

Der Anwalt

Den Erfolg gegen Buzzfeed/Vice hat der Arzt seinem Medienanwalt zu verdanken: dem Berliner Juristen Johannes Eisenberg. Der ist seinerseits eine Prominenz. Dass er den Arzt vertritt, ist ein Kuriosum.

Eisenberg hat viel Gerichtserfahrung und ein breites Portfolio an ehemaligen Mandant*innen. Er war Anwalt des Schauspielers Til Schweiger, des Wikileaks-Gründers Julian Assange sowie der schwulen Politik-Ikone Volker Beck und hat vor dem NSA-Untersuchungsausschuss Mitarbeiter*innen des Bundesnachrichtendiensts vertreten. Bekannt ist er allerdings vor allem dafür, dass er die linke Tageszeitung "taz" vertritt, eine der medialen Vorkämpferinnen des queeren Journalismus in Deutschland und eine Verfechterin von Berichterstattungsfreiheit auch in heiklen Fällen. Immer wieder hat er die "taz" gegen Versuche verteidigt, Berichterstattung zu unterbinden, unter anderem als der "Bild"-Chef Kai Diekmann der "taz" eine Satire über eine angebliche Penisvergrößerungs-Operation verbieten wollte. Auf der Webseite seiner Kanzlei listet Eisenberg die "ständige anwaltliche Vertretung der tageszeitung (taz) seit 1984" als einen seiner Tätigkeitsschwerpunkte auf, Eisenberg ist quasi externer Haus-Anwalt der "taz".

Eisenberg gilt als gefürchteter Gegner vor Gericht mit vorzeigbarer Erfolgsbilanz. Er gilt als leidenschaftlich und mitunter lautstark, als respektlos und cholerisch. Ein Porträt im "neuen deutschland" über Eisenberg schreibt: "Es gibt Leute, die möchte man keinesfalls zum Gegner haben." In einem Interview mit der "taz" sagt Eisenberg über sich, er führe seine Verfahren "ohnehin mit einer ungesunden Härte für die Gegner". In einer Mitteilung infolge der Niederlage in erster Instanz schreibt Buzzfeed über Eisenberg, der den Arzt verteidigte, der Anwalt habe die Journalist*innen mehrfach beschimpft und ihnen unterstellt zu lügen.

Nach Informationen von queer.de verteidigt Eisenberg den Arzt nicht nur in Medienfragen. Der Jurist mit seiner "ungesunden Härte für die Gegner" wird ihn auch im anstehenden Strafprozess vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin vertreten, zusammen mit seinem Kanzleipartner Stefan König. Der gilt anders als Eisenberg als eher zurückhaltender und diplomatischer Typ. Als Dritte mit im Bunde ist die Anwältin Gilda Schönberg.

Die Staatsanwaltschaft hat die fünf Fälle, die ursprünglich bei der Ärztekammer lagen, zu einem Verfahren zusammengezogen. Verhandelt wird nach Strafrechtsparagraf 174c, der einen Strafrahmen von drei Monaten bis zu fünf Jahren vorsieht und auch den versuchten Missbrauch für strafbar erklärt. "Dem Angeklagten werden insgesamt fünf sexuelle Übergriffe auf (männliche) Patienten vorgeworfen", schreibt Lisa Jani, Pressesprecherin der Berliner Strafgerichte auf Anfrage von queer.de. "Der juristisch korrekte Begriff lautet 'sexueller Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses'. Tatzeitraum: August 2011 bis Mai 2013."

Anklagebehörde ist die Staatsanwaltschaft Berlin, vier der fünf ehemaligen Patienten haben Nebenklage eingereicht. Die Patienten lassen sich von den drei Berliner Anwältinnen Barbara Petersen, Undine Weyers und Änne Ollmann vertreten.

Sexualstraftaten vor Gericht

In der Debatte um sexuelle Übergriffe taucht oft die Frage auf, inwiefern der Rechtsstaat überhaupt sinnvoll reagieren kann. Sexuelle Übergriffe spielen sich in der Regel in geschlossenen Räume ab, sodass es keine Zeug*innen gibt. Manche Betroffene gehen deswegen davon aus, dass sie vor Gericht eh keine Chance hätten.

Es sei typisch für Sexualstraftaten, dass sich die Situation nur zwischen Verletztem und Angeklagtem abspielte, ohne dass Außenstehende die Tat beobachten konnten, sagt die Wissenschaftlerin Dr. Cornelia Spörl vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht. Kämen keine weiteren Beweismittel wie etwa Dokumentation von Verletzungen, Tonbandaufnahmen etc., hinzu, gebe es für das Gericht oft nur zwei sich widersprechende Beweismittel: die Aussage des Opfers und die des Angeklagten – eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation.

Das allerdings heiße mitnichten, dass der Angeklagte automatisch freigesprochen werde, meint Spörl, die zum Sexualstrafrecht forscht: "Auch bei einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation kommt es selbstverständlich zu einer Verurteilung, wenn das Gericht von der Schuld des Angeklagten überzeugt ist. Dafür ist keine absolute Gewissheit erforderlich, kein zwingender Ausschluss aller anderen Möglichkeiten des Geschehensablaufs." Am Ende müsse die richterliche Überzeugung stehen, dass die Tat nach der Lebenserfahrung der urteilenden Personen "mit einem ausreichenden Maß an Sicherheit stattgefunden hat und keine vernünftigen Zweifel daran bestehen."

Verschiedene queere Organisationen und Beratungsstellen sowie Persönlichkeiten der schwulen Berliner Szene wissen schon länger von Beschwerden über sexuelle Grenzverletzungen und Übergriffe durch den Arzt. Welche Rolle können solche Quellen vor Gericht spielen? Solche "Zeugen von Hörensagen", wie es in der Rechtswissenschaft heißt, seien anders als etwa in den USA im deutschen Strafrecht nicht prinzipiell als Beweismittel ausgeschlossen. "Der Grundsatz lautet, dass Zeug*innen dann zu hören sind, wenn sie von eigenen tatsächlichen Wahrnehmungen berichten können. Wird mir von einer Tat erzählt, dann gehört dieser Bericht zu meinen Wahrnehmungen. Ich kann das Tatgeschehen also mittelbar bezeugen. Ein solcher Zeugenbeweis ist zulässig, allerdings ist der Beweiswert natürlich niedriger als bei einem unmittelbaren Zeugen."

Das Gericht verhandle jedoch nur diejenigen Fälle, die in der Anklageschrift benannt sind. Es dürfe zur Urteilsfindung nur das heranziehen, was auch in der Hauptverhandlung besprochen wurde. Es könnte aber durchaus sein, dass sich aus Wortmeldungen von außerhalb des Gerichtssaals neue Beweismittel generierten. Wenn Zeug*innen vom Hörensagen, etwa Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen, vor Gericht geladen werden, müssten sie aussagen, wenn sie kein Zeugnisverweigerungsrecht haben.

Im anstehenden Verfahren wird nicht nur einmal, sondern mehrfach Aussage gegen Aussage stehen. Macht das einen Unterschied? Nicht prinzipiell, sagt Spörl: "Es ist schon so, dass jede Tat für sich bewiesen werden muss. Allerdings kann das Gericht durchaus Rückschlüsse auf die Plausibilität der Vorwürfe ziehen, wenn sich ein bestimmtes Tat-Muster zeigt."

Dass es einen Strafprozess geben wird, bedeute: man befinde sich bereits in einem Verfahrensabschnitt, in dem sich der Verdacht verdichtet hat, erläutert Spörl. Das erste Ziel jeder Strafverteidigung sei es, dass es gar nicht erst zur Anklage kommt, und das wurde nicht erreicht. Bevor ein Fall vor dem Strafgericht lande, gebe es zwei Hürden: "Die Staatsanwaltschaft hätte, wie zuweilen in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen, den hinreichenden Tatverdacht verneinen können. Die Staatsanwaltschaft erhebt nämlich nur Anklage, wenn sie eine spätere Verurteilung des Beschuldigten erwartet. Das heißt: Für die Staatsanwaltschaft ist eine Verurteilung wahrscheinlicher als ein Freispruch."

Die Anklage werde dann dem Gericht vorgelegt und das prüfe auf Grundlage der vorgelegten Akten, ob es zur gleichen Einschätzung wie die Staatsanwaltschaft kommt. Wenn es vor Gericht geht, sei die Justiz bereits der Meinung, dass ein Beschuldigter eher verurteilt als freigesprochen wird. Allerdings sei das keine Vorverurteilung: "Jetzt gilt dennoch der Grundsatz 'im Zweifel für den Angeklagten'. Das Gericht bildet seine Überzeugung aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung und der Beschuldigte gilt solange als unschuldig, bis das Gericht seine Schuld für erwiesen hält."

Ausblick

Der Beginn des Verfahrens ist längst überfällig. 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage, im August 2019 sollte der Prozess beginnen, wurde dann auf April 2020 verschoben. Wieso das so lange dauert, kann keiner so genau erklären. Gegenüber Buzzfeed/Vice bedauerte die Pressestelle der Berliner Strafgerichte die Umstände. Es liege daran, dass der Fall so kontrovers und umfangreich ist, deswegen sei die Verhandlung nur schwer zu terminieren gewesen. Auch der Anwalt des Arztes signalisiert, dass man mit der Situation unzufrieden sei und die Verzögerung nicht zu verschulden habe.

Ursprünglich sollte der Strafprozess am 2. April losgehen, es waren elf Verhandlungstage zwischen April und Juni 2020 vorgesehen. Wegen der Corona-Pandemie ist der Start auf bisher unbestimmte Zeit verschoben.

Barbara Petersen, die zwei der Nebenkläger vertritt, ist sehr unzufrieden mit der Situation: "Ich verstehe nicht, wieso alle Prozesstermine gekippt wurden und man nicht zumindest die zweite Hälfte der Termine belassen hat. Meine Mandanten haben sich innerlich darauf vorbereitet, dass der Prozess endlich losgeht, und jetzt dauert es noch länger, bis das Verfahren beginnt." Sie mache sich auch Sorgen um das Thema Verjährung. Die Fälle, um die es geht, lagen zwischen 2011 und 2013. Wenn sich das Strafverfahren zu lange hinzieht, könnte es sein, dass sie irgendwann gar nicht mehr bestraft werden können.

Queer.de hat die Organisationen, die für diesen Artikel angefragt wurden, um einen Kommentar zum Strafprozess gebeten. Heiko Karcher und Marcel Berger vom AK Aids lassen wissen, dass für sie der Grundsatz der Unschuldsvermutung gelte. Die Aidshilfe Berlin schreibt, dass sie das laufende Verfahren nicht kommentiere, und eine Feststellung von Unschuld oder Schuld als alleinige Aufgabe des Gerichts ansehe.

Die anderen drei Organisationen begrüßen das anstehende Verfahren ausdrücklich. Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, schreibt: "Der vorgesehene Weg für eine Klärung solcher Vorwürfe führt über die Ärztekammer und Gerichte. Wir hoffen sehr, dass die Vorwürfe nun mit den Mitteln des Rechtsstaates endlich aufgeklärt werden können." Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin, antwortet: "Es ist natürlich zu begrüßen, dass ein Prozess stattfindet und die Vorwürfe juristisch geprüft und geklärt werden können." Und Ralf Rötten von HILFE-FÜR-JUNGS e. V. schreibt: "Es ist wichtig, dass endlich ein Strafverfahren eröffnet wird, um den Vorwürfen nachzugehen – und sei es nur, um Schuld oder auch Unschuld festzustellen."

Barbara Petersen, die zwei der Mandanten vertreten wird, meint, für die ehemaligen Patienten wird der Prozess sehr anstrengend werden: "Ein solches Gerichtsverfahren, bei dem private und intime Dinge öffentlich verhandelt werden, ist für meine Mandanten ein Albtraum." Es wäre ihnen lieber gewesen, wenn es nicht zu einem Prozess hätte kommen müssen: "Hätte ihnen die Ärztekammer signalisiert, dass der Arzt bereut, was er getan hat, dass er sich in Zukunft gegenüber Patienten anders verhalten wird und dies in der Praxis organisatorisch abgesichert ist, wäre das für sie okay gewesen. Es ging und geht meinen Mandanten nicht um eine Bestrafung des Arztes, sondern darum zu verhindern, dass anderen das passiert, was sie erleben mussten."

Der Autor des Textes hat auch den Arzt um eine Stellungnahme gebeten, was er sich vom anstehenden Prozess erhofft. Er hat nicht geantwortet. In dem Schreiben des Anwalts, aus dem nicht zitiert werden soll, schreibt dieser, der Arzt habe die Vorwürfe immer umfangreich bestritten.

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#1 Still_IthProfil
  • 06.05.2020, 13:47hGießen
  • Ein Anwalt mit "ungesunder Härte", dem als "Gegner" traumatisierte Opfer entgegengesetzt werden, die genau deswegen Opfer geworden sind, weil sie schon zuvor in exponierter Lage waren.
    Ja lol.

    Es bleibt einfach bei dem, was auch Frauen immer wieder begreifen müssen, wenn sie die mindestens 10-fache Rufschädigung in Kauf nehmen, die Überlebende sexueller Gewalt erleben, gegenüber der vergleichweise wirklich geringen Rufschädigung für Verdächtigte:
    Sexuelle Übergriffe allein sind in Deutschland de facto einfach nicht strafbar.

    Selbst bei so prominenten Fällen wie den Übergriffen zu Silvester gab's die einzigen paar (extrem wenigen) Verurteilungen wegen Diebstahls, weil "wir haben das Handy bei Ihnen gefunden" eine Straftat ist, die sich gegen objektiven Besitz richtet. Und Geld hat in unserem Rechtssystem nunmal wert, das Wohlergehen von Menschen nicht.

    Aus psychopathischer Sicht kann man dem betreffenden Arzt bloß ebenso gratulieren wie seinem Anwalt. Sie haben einfach beide sehr gut begriffen, wie unsere Gesellschaft und unser Rechtssystem funktionieren.
    Und wer darin so weit unten steht, dass Menschen auf ihrer Stufe mit den Leuten machen können, was sie wollen.
    Corona reißt dem Krieg der Reichen gegen die Armen das letzte Stück Maske an Zivilisation herunter. Was es an Justiz momentan überhaupt noch gibt, geht immer zugunsten derselben Seite. Und was leider nicht bearbeitet werden kann und deswegen nicht bloß verjährt, sondern wo dann einfach mal der Prozess beendet wird, geht immer zulasten derselben.

    Aber klar, einige Teile der schwulen Community stehen eben durchaus auch auf der Seite der Gewinner. Muss man mal klar so sagen. Und da ist Hofieren und Grüßen und das Abwinken über ein paar gesellschaftlich weniger wertige Leute dann halt auch kein Verstoß gegen den Anstand. Sondern einfach die Erfüllung des Anstands innerhalb der eigenen Klasse.

    Wenn eure Bars und sonstigen Szene-Locations mal wieder geöffnet haben, und ihr dabei irgendwen beobachtet, könntet ihr ja der Schande Ausdruck verleihen, indem die Leute dann z.B. mal Hausverbot bekommen oder so, ne? Um ihre Werte zu überdenken. Szene-Erziehung, wo es einen Rechtsstaat für Minderheiten noch nie gab, das wäre das.
    Das wär was, das man tun könnte, wenn die Gesellschaft für sowas schon nicht taugt - und das tut sie eben nicht, wenn du HIV-positiv, schwul, PoC und arm oder sonstwie "unten" bist. Auch eine queere Community tut das nicht. Weil sie auf solche Angriffsziele genauso herabblickt wie alle anderen auch.

    Da weiß man eben auch,
    auf welche Seite man sich zu schlagen hat.

    Und das seh ich für meinen Teil als den Aspekt der ganzen Sache, der mit nix anderem als "Schande" einigermaßen passend beschrieben ist.

    Als ob man so jemandem nicht die Einnahmegrundlage und damit die Übergriffsgelegenheit entziehen könnte, indem man sich in der Szene drauf einigt, dass da einfach keiner mehr hingeht.
    Kann man ihm aber bestimmt nicht antun, bloß wegen so einem bisschen...

    Aus der Reihe: Deutschlands bedauernswerte Täter. Einfach nur zum Kotzen.
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#2 DankeAnonym
  • 06.05.2020, 16:52h
  • Vielen Dank für die nochmalige Aufarbeitung der Sache.
    Leider ist das Interesse hierzu nicht so hoch wie man es sich wünschen würde, vor allem innerhalb der Community aber auch von Seiten der Justiz und Ärztekammer.

    Das Vorgehen des Arztes ist beschämend, nicht gerade wenige Bekannte haben mir ähnliches erzählt was ihnen dort passiert ist.
    Auch schade, dass von den anderen Ärzten der Praxis hierzu keine Stellung genommen wird oder sich davon distanziert wird.

    Ich hoffe der Prozess wird Klarheit und Frieden für die Opfer bringen.
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#3 mariAnonym
  • 06.05.2020, 23:19h
  • Ich gehe selber seit 3 Jahren durch die Hölle wegen den Machenschaften vier perverser Gynäkologen einer Uniklinik. Ich habe rechtlich kaum Chancen durchzukommen, sie können alle Handlungen medizinisch begründen und ich habe keine Beweise und keine eigenen Zeugen für die Tat. Der sexuelle Missbrauch an Patienten durch Mediziner ist sehr weit verbreitet, viele Patienten realisieren aus medizinischem Unwissen gar nicht dass sie sexuell missbraucht werden oder sie bekommen unter Narkose, in Aufwachräumen oder im Koma gar nichts davon mit. Und wenn doch, hat man rechtlich keine Chancen es zu beweisen.
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#4 UnverhaeltnisAnonym
  • 07.05.2020, 00:48h
  • Zu dieser Geschichte äußern sich nach vielen Stunden zwei (!) Kommentatoren. Zu einem Artikel über die junge Union, die angeblich gegen Intersexuellen-Toiletten hetzt: über 20! Der Artikel hier ist allerdings um einiges wichtiger als die feuchten Fantasien junger CDU-Anhänger...

    Nur weil der besagte Arzt selber homosexuell ist, bedeutet das nicht dass er deswegen schützenswerter ist als wenn er es nicht wäre. Hier wie bei auch den beiden erwähnten Artikeln, die inzwischen nicht mehr online verfügbar sind, hielten sich die Kommentare in Grenzen, es herrschte insgesamt eher Schweigen.

    Und dieses Schweigen, dieses Schweigen ist ein Problem, und zwar ein großes, denn es zeugt von der Unfähigkeit, sich innerhalb einer Gruppe übereinander kritisch zu äußern.
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#5 Homonklin_NZAnonym
  • 07.05.2020, 05:57h
  • Hatte mich auch gewundert, warum da nie so ricjhtig was nachfolgte, denn diese Unverhältnismäßigkeit ist bei ähnlichen Vorwürfen anderer Berichte, wo es meist um Frauen oder Behinderte geht, schon eigentümlich.

    Einerseits gut zu erfahren, dass da überhaupt ein Verfahren angestrengt wird, wenn auch mit arger Verspätung.
    Man sollte, wenn man schon die Verjährung bei Missbrauch partout nicht anzuschaffen imstande ist (das fordern etwa diverse Opferzusammenschlüsse schon lange ) zumindest über ein Einfrieren dieses Strafverfahren ausbremsenden Aspekts nachdenken.

    Merkwürdig erscheint da doch auch, wie viel Aufwand wohl betrieben wird, um jegliche solchen Vorwürfe praktisch abzuwimmeln, bevor sich jemand je damit auseinandersetzen soll.

    Die Frage bleibt dann bestehen, ob sich hier zig Beschwerden über diesen Arzt aus heiterem Himmel ansammeln, und dessen Untersuchungsmethoden kontinuierlich nicht oder falsch aufgefasst werden (in welcher Untersuchung spielen Kussversuche oder versuchte Masturbation / Blasen eine notwendige Rolle?? ), oder ob sich hier ein gewandter Täuscher mit geschickt genutzter Hilfe ein hinter fachlicher Fassade verborgenes Lüstlingsdasein genehmigt.

    Choleriker dürfen als Rechtsbeistand arbeiten? Wahrscheinlich unter regulärer Medikamentierung, ist anzunehmen.
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#6 zundermxeAnonym
  • 07.05.2020, 10:44h
  • Glaube nicht, dass hier ein generelles Desinteresse von uns Queers gegenüber den Vorwürfen oder gar Opfern besteht - zumindest nicht bei den meisten von uns.

    Vielmehr spiegelt dieser Fall fast zu viel wirkliches Leben.

    Ein intelligenter Täter kann sein Umfeld so perfekt täuschen und von seiner Unschuld überzeugen, dass sogar Opfer zweifeln oder einen Missbrauch als solchen nicht wahrnehmen (wollen).
    Wenn dann noch ein so beträchtliches Machtgefälle und das immer noch extrem weit verbreitete Bild, dass es männliche Opfer gar nicht geben kann, hinzukommt, fällt nicht wenigen eine klare Meinungsbildung schwer.
    Mit eigener Betroffenheit würde zwangsläufig auch die eigene(n) Opfersituationen zugelassen werden müssen.
    Viele von uns haben sich aber entschieden kein Opfer mehr zu sein... zumindest der Wahrnehmung nach.

    Klar ist aber auch, dass nicht kann, was nicht sein darf.
    Ein eigentlich prominenter Vorzeige-Schwuler, der sexuell übergrifflich ist und seine Machposition ausnutzt um deutlich Schwächere zu missbrauchen - und das seit vielen, vielen Jahren?!
    Wer das als Möglichkeit in Erwägung zieht, müsste ja auch die strukturelle Ohnmacht zugeben, der wir uns mit Vermeidungs- und Relativierungsverhalten gewöhnt haben zu versuchen zu entziehen.
    Gleich ist halt nicht gleich - das gilt auch für uns Queers.

    Natürlich halte ich persönlich diesen Arzt klar für schuldig.
    Aber auch alle, die ihn decken oder bei der Massivität der Vorwürfe nicht in Frage stellen wollen.
    Ein Masse an Fällen über viele Jahre und dann dieses rechtlich hoch professionelle Vorgehen.
    Wer sollte das mit welcher Absicht und so umfangreichen Mitteln bewerkstelligen können falls es nicht wahr wäre?
    Sein persönliches Schweigen und die Unterbindung quasi jeder Berichterstattung ist auch nicht das Verhalten eines Menschen, der vor der Wahrheit keine Angst haben müsste.
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#7 ExBerlinerAnonym
  • 07.05.2020, 19:21h
  • Seit ich von diesem Fall hörte steh ich irgendwie "neben mir".

    Ich war in den späten 90ern bei diesem Arzt in Behandlung. Es fällt mir ehrlich gesagt unheimlich schwer die Vorwürfe gegen ihn zu glauben . Es war mal ein Assistenzarzt dort dessen "Aufforderung" ich etwas merkwürdig empfand aber dieser eine besagte Arzt - das kann ich einfach nicht glauben.
    Gut sechs Jahre war ich bei ihm und nie kam es auch nur im entferntesten zu solchen Handlungen.
    Sollte das nicht "nur" eine Rufmordkampagne sein - aus welchen Gründen auch immer - dann wünsche ich allen Opfern alles erdenklich gute und Gerechtigkeit.
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#8 anonickAnonym
  • 08.05.2020, 12:36h
  • Nun, was soll man auch kommentieren? Die Unschuldsvermutung gilt. Strafrechtlich.
    Wer sich erhoffte, dass etwa weitere Betroffene sich zu Wort, sogar gegebenenfalls bei den Strafverfolgungsbehörden sich melden, mag enttäuscht werden. Herr Dr. gibt ja auch. Zuwendung, Aufmerksamkeit, Interesse jenseits von bloßen Laborwerten. Das schmeichelt erstmal und tut wohl, gerade wenn es von einer beinahe prominenten, gut vernetzten, wirtschaftlich erfolgreichen und mit alldem auch über das bloße Arzt/Patientenverhältnis hinaus mächtigen Person stammt.
    Es gab eine Zeit, da war es geradezu schwierig, abends in B. -gesittet- schwul auszugehen, ohne auf ihn zu treffen. Drumherum oft jüngere, gerne wohlproportionierte, Boys. Menschen, die man gerne kennen lernte kannte er, und wurde von Ihnen erkannt.
    Diese "Nahbarkeit" war kein Geschenk. Er wollte genau dasselbe zurück. Ein Mensch, dessen Ego durch nichts mehr verletzt wurde als durch vermeintlich fehlende Wertschätzung und das Beharren auf Distanz.
    Um das klarzustellen, ich selbst habe nie einen explizit sexuellen Übergriff erleiden müssen. Da war das höchste der Gefühle eine von mir als völlig unpassend und übergriffig erlebte Frage zu meinem Workout, bzw eine "erstaunte" Bemerkung zu meinen "herrlichen Muskelansätzen" als ich mich als no-sports Anhänger outete. Ich fand einfach, dass sich das nicht gehört, wenn mein Arzt während der von ihm so geliebten Ganzkörperuntersuchung gerade an mir rumtatscht. Allerdings sind mir reichlich als Anektoden empfundene Erlebnisse berichtet worden, bei denen es nicht bei verbalen Entgleisungen blieb.
    Nicht eine der Personen, mit denen ich sprach, hat das als Angriff empfunden, eher als komisches oder pikantes Sexabenteuer.
    Übrigens finden sich ähnliche Erzählungen durchaus auch bezüglich eines anderen Arztes gleichen Namens aus dieser Praxis (damals, jedenfalls, und nochmals zur Klarstellung: das spielte sich um die Jahrtausendwende ab).
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