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Interview

Was heißt Schwuchtel auf Arabisch?

Jungfilmer Kai Kreuser über seinen preisgekrönten Debütfilm "Label Me", in dem ein syrischer Flüchtling von einem reichen schwulen Freier umworben wird. Jetzt exklusiv im Salzgeber Club als Video on Demand!


Steht im Mittelpunkt von "Label Me": Waseem (Renato Schuch) ist aus Syrien nach Deutschland geflohen und lebt in einem Heim. Er ist hetero, lässt sich aber von anderen Männern für Sex bezahlen (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Dieter Oßwald
    8. Mai 2020, 03:24h, noch kein Kommentar

Kai Kreuser, Jahrgang 1993, studierte Regie an der internationalen filmschule köln (ifs) und war Leistungsstipendiat der MMC Movies GmbH. Für seine bekannte schwule Webserie "Kuntergrau" bekam er 2018 den Webvideopreis.

Mit seinem Abschlussfilm "Label Me" gewann Kreuser im vergangenen Jahr beim Filmfestival Max Ophüls in Saarbrücken und bekam auf internationalen Festivals ein halbes Dutzend weiterer Preise. Erzählt wird die Geschichte eines syrischen Geflüchteten, der als Sexarbeiter auf einen wohlhabenden Freier trifft.

Zum VoD-Start von "Label Me" im Salzgeber Club sprach unser Mitarbeiter Dieter Oßwald mit dem jungen Regisseur.


Kai Kreuser wurde 2019 für "Label Me" mit dem Max Ophüls Preis für den besten mittelangen Filme ausgezeichnet (Bild: Yannic Kötter)

Herr Kreuser, beim Filmportal "Rotten Tomatoes" kommen Sie mit "Label Me" auf die sensationelle Bewertung von 100 Prozent. Kein schlechter Coup für einen Abschlussfilm…

Bisher konnten ja nur Kritiker und Festivalbesucher den Film sehen. Spannend wird es jetzt, wenn der Film für ein breites Publikum zugänglich ist. Dafür wurde der Film ja eigentlich gemacht. Die positive Bewertung schmeichelt aber natürlich. Und wenn dann auch die Zuschauer am Ende berührt sind, hat der Film alles erreicht.

Was hat es mit Titel des Films auf sich?

Ursprünglich war "Label Me" nur der Arbeitstitel, aber der hat sich dann so eingeschlichen, dass wir ihn nicht mehr ändern wollten. Die Idee dahinter war, dass wir alle dazu neigen, zu kategorisieren und Label aufzudrücken. Wir wollten einen Film erzählen, bei dem das eben nicht immer funktioniert, wo die Grenzen zwischen diesen Kategorien ständig verschwimmen und der Zuschauer herausgefordert wird, sich eigene Gedanken über die Figuren zu machen.

Wäre "Liebesfilm" das richtige Label für "Label Me"?

Für mich ist "Label Me" kein Liebesfilm, aber das kann jeder gerne so sehen, wie er möchte. Man kann das auch als Geschichte einer Freundschaft verstehen oder als Story von zwei Männern, die sich als Brüder begegnen. Mir gefällt, dass diese Beziehung von Lars und Waseem so vielschichtig ist und alle Interpretationen zulässt. Die finale Entscheidung bleibt dem Zuschauer überlassen.


Lars (Nikolaus Benda, re.) findet Waseem nicht nur optisch attraktiv, mindestens ebenso sehr reizt ihn dessen Selbstbewusstsein und intellektuelle Gewandtheit (Bild: Edition Salzgeber)

Wie wäre es mit "Geschichte über die Einsamkeit"?

Das stimmt auf jeden Fall. Es ist eine Geschichte über zwei Männer, die sich in ihrer Einsamkeit begegnen. Und die im anderen Nähe und Geborgenheit finden, unabhängig von Labeln wie Religion, Herkunft oder Sexualität. Wobei die emotionale Nähe deutlich größer ist als die körperliche Nähe. In den Momenten, wo die beiden Sex haben, sind sie sich nie so nahe wie in den Momenten, wo sie keinen Sex haben.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen vom syrischen Flüchtling, der auf den Strich geht?

Ein Freund, der aus Afghanistan geflohen ist, hat mir vor vier Jahren davon erzählt, dass es diese Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Geflüchteten und oft älteren homosexuellen Männern gibt. Da werden sexuelle Gefälligkeiten gekauft oder einfach nur menschliche Nähe. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen, und in einem anderthalbjährigen Schreibprozess ist dann langsam die Geschichte von Lars und Waseem entstanden. Beim Schreiben ist mir immer wichtiger geworden, dass die beiden sich trotz ihrer Ungleichheiten stets auf Augenhöhe begegnen. Ich wollte unbedingt vermeiden, die Klischeegeschichte eines armen, abhängigen Geflüchteten zu erzählen, der zum Opfer stilisiert wird.


Poster zum Film: "Label Me" gibt es noch bis zum 3. Juni 2020 exklusiv als VoD auf salzgeber.de

Wie sahen die Recherchen aus?

Ich hatte das Glück, einige queere Geflüchtete kennenzulernen, die sich sehr geduldig jede Fassung des Drehbuchs über ein Jahr lang angesehen und kommentiert haben. Das Risiko bei solchen Themen ist natürlich immer der Vorwurf, dass ich mir als weißer Mann eine Geschichte aneigne, die nicht meine eigene ist. Deswegen war mir sehr wichtig, dass der Film nicht nur aus meiner Perspektive erzählt ist, sondern aus dem Blickwinkel jener Menschen, in deren Lebensrealität er spielt.

Wie sahen die Kommentare aus?

Bei den ersten Fassungen kam durchaus ab und an der Hinweis, dass der eine oder andere Aspekt "weißer Müll" gewesen ist. So ein Feedback ist natürlich unglaublich wertvoll, um eine authentische Darstellung zu finden. Beispielsweise ging es um die Frage, wie Beleidigungen auf Arabisch aussehen? Was bei uns der Begriff "Schwuchtel" ist, ist dort die Bezeichnung als "Frau" für einen Mann, was als sehr beleidigend empfunden wird.

Wie haben Ihre Komparsen auf das Projekt reagiert?

Die Dreharbeiten fanden in einer leer stehenden Erstaufnahmeeinrichtung statt, deswegen gab es keine direkten Begegnungen mit Bewohnern vor Ort. Wir hatten Geflüchtete am Set, aber für die war der Dreh als solcher viel spannender als die Geschichte, um die es ging. Es war immer eine gelockerte und angenehme Stimmung zwischen der Crew und den Komparsen. Anfeindungen oder so haben wir nie erlebt.

Welche Bedeutung hat die Online-Verfügbarkeit für queere Filme, die sonst in vielen Ländern gar nicht zu sehen wären?

Mit unserer Webserie "Kuntergrau" machen wir die Erfahrung, dass es viele Reaktionen gerade aus den Ländern gibt, in denen queeres Leben nicht selbstverständlich gelebt werden kann und queere Inhalte nicht selbstverständlich gezeigt werden können. Filme mit solchen Themen sind dort extrem wichtig und können sehr viel bewirken. Für "Kuntergrau" gab es weltweit auf Youtube über vier Millionen Aufrufe. Viele Zuschauer stammen aus Südamerika, Saudi-Arabien und China, wo es ganze Fan-Foren zu der Serie gibt. Dementsprechend wird einem anhand der Reaktionen bewusst, wie privilegiert wir leben und wie wertvoll es ist, dass wir solche Inhalte produzieren und teilen können.

Vimeo / Salzgeber Club | Offizieller Trailer zu "Label Me" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Infos zum Film

Label Me. Spielfilm. Deutschland 2019. Regie: Kai Kreuser. Darsteller: Renato Schuch, Nikolaus Benda. Laufzeit: 60 Minuten. Sprache: englisch-deutsch-arabische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Edition Salzgeber. Vom 7. Mai bis 3. Juni 2020 exklusiv im Salzgeber Club als Video on Demand.