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Vorreiter der schwulen Kunst

Tom of Finland – der demokratische Perverse

Heute wäre Touko Laaksonen 100 Jahre alt geworden. Der weltberühmteste Finne ist wie kein anderer dafür verantwortlich, wie schwule Männer heute gesehen werden – und sich selbst sehen. Ein Grund zu feiern!


In Coronazeiten kann man sich mit einer Tom-of-Finland-Maske schützen, erhältlich für 18 US-Dollar im offiziellen Tom of Finland Store
  • Von Paul Schulz
    8. Mai 2020, 11:26h, noch kein Kommentar

Als Touko Valio Laaksonen am 8. Mai 1920, vor genau 100 Jahren, in der finnischen Kleinstadt Kaarina geboren wurde, war nicht abzusehen, dass er einmal die Welt verändern würde. Aber so war es. Heute ist Touko so berühmt, dass man beim finnischen Tourismusbüro einen Erlebnisspaziergang buchen kann, der sein Leben in Helsinki nachvollzieht. Eine ihm gewidmete Briefmarke ist die meistverkaufte in der Geschichte Finnlands. Ein Film über sein Leben war vor drei Jahren der finnische Oscarkandidat und ein weltweiter Erfolg. Es gibt ein Musical über ihn. Jeder schwule Mann kennt ihn. Millionen heterosexueller und lesbischer Frauen lieben ihn. Noch nie von ihm gehört? Verständlich. Toukos Pseudonym ist Tom of Finland. Na, jetzt? Gut.

Das hätte ihn sicher sehr gefreut, denn er selbst kam nur in seinen letzten beiden Lebensjahren in den Genuss seines Weltruhms. Schaffte es kurz vor seinem Tod 1991 aber noch, dort ausgestellt zu werden, wo die Ikonen der modernen Kunst hingehören: im New Yorker Whitney Museum. Die Kurator*innen hatten 3.500 Zeichnungen zur Auswahl, die Tom of Finland im Lauf seines Lebens angefertigt hatte. Die zeigen zu 99,9 Prozent muskulöse, sehr maskuline Männer, die entweder miteinander vögeln – oder so aussehen, dass mensch mit ihnen vögeln will. Das ist Absicht.

Zeichnen zur eigenen erotischen Ablenkung


Touko Laaksonen im Jahr 1957. Der Künstler starb 1991 im Alter von 71 Jahren in Helsinki (Bild: Wikipedia)

Denn als Tom of Finland ein Teenager war und seine sexuelle Orientierung entdeckte, gab es weder das Internet noch breit zugängliche schwule Pornografie. Im Gegenteil: Homosexualität und ihre Darstellung waren verboten. Was den jungen Touko nicht davon abhielt, sein beachtliches zeichnerisches Talent zur eigenen Unterhaltung einzusetzen und auf leeren Blättern die Männer zu erschaffen, die er sehen wollte. Die sahen, laut seiner späteren Beschreibung, alle so aus: "Kurze Haare, breitschultrig, ein fast zu freundliches Gesicht und gut gebaut, überall." Auf seinen ersten Zeichnungen tanzten diese Männer noch miteinander und waren relativ durchschnittlich gekleidet.

Das änderte sich im Zweiten Weltkrieg. Touko entdeckte in seinen Kameraden in Uniform seine ersten erotischen Ideale und bildete sie ab. Was er in den nächsten fünf Jahrzehnten mit unzähligen anderen Männern in "Uniform" tat. Heute ist kein wie auch immer geartetes Fetisch-Lokal weltweit ohne seine Epigonen denkbar. Viele Männer in der Lederszene sehen aus als wären sie einem Tom-of-Finland-Comic entsprungen. Und sind stolz darauf. Jeder der 2020 eine Lederjacke trägt, egal welches Geschlecht oder sexuelle Orientierung er hat, hat dabei bewusst oder unbewusst zwei Vorbilder: Marlon Brando und Toms Männer. Die es in der Corona-Krise auch längst als Gesichtsmaske gibt und die dabei als Signifikant für queeres Leben so gut funktionieren wie die Regenbogenfahne selbst.

Tom ideale, geile Welt

Niemand in den letzten 100 Jahren hat so dazu beigetragen, wie schwule Männer sich selbst sehen und sehen wollen wie Tom of Finland. Wie das kommt? Nun, der Trick ist einfach, aber schwer zu machen: Tom liebte die Männer, die er zeichnete, er liebte sich selbst und die Männer auf seinen Bildern liebten einander. Sie haben nichts dagegen, betrachtet und begehrt zu werden, im Gegenteil, ihre Inszenierung ist genau darauf ausgerichtet, dass das passiert. Etwas was bis dahin Frauen vorbehalten war. Tom demokratisierte den "male gaze". Und: Keine Homophobie, nirgends, in Toms idealer, geiler Welt. Das war brandneu und so noch nie dagewesen.

Wurde aber von denen, die es sahen und die es betraf, sofort als revolutionär wahrgenommen. 1956 entdeckte Touko ein Männer-Magazin namens "Physique Pictorial", das ein Freund aus den USA mit nach Finnland geschmuggelt hatte und schickte einige seiner bis dahin nur unter privaten Sammlern bekannten Zeichnungen an den Herausgeber. Ein Jahr später zierte einer von Toms Männern den Titel. Jeder Bodybuilder, der sich 2020 im Fitnessstudio schindet, will auch heute noch genau den Körper, den Tom of Finland, wie er ab jetzt hieß, damals gezeichnet hat. "Physique Pictorial" wurde Toms künstlerische Heimat für die nächsten 30 Jahre. Als er starb, hatte er fast 200 Illustrationen für das Magazin gefertigt.


Muskelkerle im vielen Variationen: Tom of Finland hat im Laufe seines Lebens rund 3.500 Zeichnungen angefertigt (Bild: Tom of Finland Foundation)

Und als Anfang der Siezigerjahre die Pornografie-Verbote in den skandinavischen Ländern abgeschafft wurden, begann Tom of Finland nicht nur Männer in erotischen Einzelposen, sondern auch in sexueller Aktion zu zeichnen. 1973 hatte er seine erste Einzelausstellung. In den Hinterzimmern eines Hamburger Sexshops. An deren Ende alle bis auf zwei der ausgestellten Zeichnungen gestohlen worden waren. Auch eine Art Gütesiegel.

In den Siebzigern wurde er – parallel zur nach sexuellen Ikonen suchenden Schwulenbewegung – blitzartig berühmt. Wenn auch für den Moment nur unter seines gleichen. Robert Mapplethorpe gilt als derjenige, der dem Finnen letzten Endes zum Durchbruch in den Mainstream verhalf. Denn der weltberühmte schwule Fotograf präsentierte Journalisten, die Porträts über ihn schrieben, stolz seine kleine Sammlung von Toms Zeichnungen.

Die sahen etwas, was heute alle sehen können: Ja, Toms Zeichnungen sind pornografisch. Aber auch von einer seltenen technischen Meisterschaft und über ihren einzigartigen Stil sofort als seine identifizierbar. Wie das so ist, bei künstlerischen Genies.

Das perverse Markenprodukt

Diese Identifikation ist längst ein Markenprodukt: Es gibt Tom of Finlands Männer auf Bettwäsche, Handtüchern, T-Shirts und jeder anderen Form von Bekleidung. Es gibt Tom-Parfüm und Tom-Wodka. Man kann ihn essen, trinken und – siehe oben – atmen, wenn man das will. Die Botschaft dahinter ist eine einfache: Liebt euch, begehrt euch, habt es schön. Toms Publikum inkludiert Frauen genau wie Männer, Homos wie Heteros. Perversion für alle, demokratisch verteilt, überall und immer verfügbar. Super, oder?

Die Tom of Finland Foundation möchte seinen 100. Geburtstag besonders feiern: Und zwar mit euch. "Am 8. Mai rufen wir alle dazu auf, etwas Schönes zu tun oder zu produzieren und es mit uns zu teilen. Backt euch einen Geburtstagskuchen, macht euch einen Wein auf und trinkt auf Tom und all das Schöne, das er uns hinterlassen hat", fordert sie auf ihrer Webseite. "Jeder ist eingeladen, Tom an seinem Geburtstag zu feiern, und die Feste unter dem Hashtag #TOMs100 zu teilen, wie auch immer sie aussehen."

Eine weltweite Geburtstagsparty, mit Tausenden Bildern garniert. Wie könnte man ihn schöner feiern? Happy Birthday, Tom of Finland!