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"Die andere Liebe"

Schwule Männer und die "Beichte ihres Lebens"

Vor 50 Jahren erschien die Schallplatte "Die andere Liebe". Was man hier von Schwulen hört, sind keine träumerischen Lieder, sondern reale Interviews. Hört euch das einmalige Zeitdokument bei uns an!


Ausschnitt aus dem Cover der Schallplatte (Bild: Bestand Centrum Schwule Geschichte)

"Die andere Liebe" ist eine Schallplatte von 1970 mit Interviewaufnahmen von Schwulen, die aus ihrem Leben erzählen. Das war zu dieser Zeit ein Novum und hat es auch später nie wieder gegeben.

Diese Schallplatte gehört zu den vielen seltenen Schätzen, die das Centrum Schwule Geschichte in Köln aufbewahrt, bei dem ich mich für die digitalisierte Aufnahme recht herzlich bedanke. Weil man diese Originalstimmen nicht nur dokumentieren, sondern auch hören sollte, habe ich die Schallplatte nicht nur nachfolgend beschrieben, sondern die digitalisierte Version auf meinem Youtube-Kanal auch online gestellt.

Die Interviews auf der Schallplatte

Zu Beginn der Schallplatte (1:25 Min) verweist ein Moderator darauf, dass Schwule in den Sechzigerjahren ein geringeres soziales Ansehen als weibliche Prostituierte hatten. Hans M. ist einer der Interviewten, er musste wegen einer auch sexuellen Beziehung zu einem 20-Jährigen in der Zeit vor 1969 wegen "Verführung Minderjähriger" zwei Jahre im Gefängnis verbringen. Selbst die bedeutende Reform von 1969 – mit dem neu eingeführten "Schutzalter" von 21 Jahren – hätte ihn nicht vor einer Verurteilung geschützt.

Der 40-jährige Werner S. gibt an (ab 4:44 Min.), dass er sich schon früh gegenüber seiner Mutter geoutet hatte. Sie war verständnisvoll, meinte jedoch auch, dass er sich nicht an "kleinen Buben" vergreifen solle. Für Werner S. war dies "tolerant". Ähnliche Lebensgeschichten – von Vermietern und Freunden, Drogen und Prostitution – erzählen Peter K., Kurt B., Harry S. und Franz P., die abwechselnd und zu unterschiedlichen Themen zu Wort kommen.

Wer die schwulen Sechzigerjahre kennt, kennt auch die hier aufgeworfenen Fragen: Warum bin ich so, wie ich bin? Wem kann ich erzählen, dass ich anders bin? Kann man zur Homosexualität auch "verführt" werden? Das Spannende an diesen Audio-Aufnahmen sind aber nicht nur die Themenbereiche, sondern es ist auch der lebendige und unterschiedliche Tonfall. Man hört Schwule, die fast zu weinen anfangen, den Tonfall, wenn sie von der großen Liebe berichten und auch die Wut auf diesen Staat, die aus ihren Stimmen spricht.

Eher befremdlich ist das homophobe Bibelzitat oben rechts auf der Schallplatte ("Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Greuel getan und sollen beide des Todes sterben"). Ähnlich befremdlich ist auch der Umstand, dass der erste O-Ton der Schallplatte von einem Homo-Hasser kommt. Damit wird aber letztendlich gut dokumentiert, wie Schwule gezwungen waren, sich über das negative Fremdbild der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft zu definieren.

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Hintergründe zu den Machern Wolfgang Korruhn und Erwin Lang


Die Schallplatte in der Werbung (1970)

Ralf Jörg Raber hat in seinem Buch '"Wir sind wie wir sind'. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD" (Männerschwarm, 2010, S. 101-103) die Geschichte und die Hintergründe zu dieser Schallplatte mustergültig untersucht. Dabei stellt er nicht nur die Schallplatte mit ihrem Inhalt vor, sondern porträtiert auch die beiden Männer, die dafür verantwortlich waren.

Hinter "Wolf Glück", der die Redaktion und die Moderation übernahm, verbarg sich der später bekannte WDR-Journalist Wolfgang Korruhn (1937-2003). "Korruhn selber war schwul, was vielleicht der Grund war, warum er es vorzog, auf der Platte ein Pseudonym zu wählen. Auch später trug er seine Homosexualität kaum nach außen." Dass Wolfgang Korruhn, der geistige Vater des WDR-Politmagazins "ZAK", hinsichtlich schwuler Mediengeschichte eine spannende Persönlichkeit ist, lässt sich auch gut in Wikipedia nachlesen: Für "ZAK" interviewte er den damaligen Bischof von Fulda, Johannes Dyba, wobei Korruhn "diesen in eine Diskussion über Homosexualität verwickelte" (s. hierzu das sehr sehenswerte und bloßstellende Interview auf Youtube). Korruhn interviewte für "ZAK" über 100 Prominente. "Golo Mann bekannte sich gegenüber Korruhn wenige Tage vor seinem Tod zu seiner Homosexualität" (Wikipedia).

Der zweite Macher war Erwin Lang (*1946), über den die Schallplatte auch zu bestellen war. Durch Auskünfte von Lang ist bekannt, wie es zur Idee dieser Schallplatte kam: Sie entstand in der schwulen Baseler Diskothek "Roter Kater", wo Lang auf Korruhn traf, den er bereits vorher kennengelernt hatte. Erwin Lang "schaffte dann über die Arbeit an der Platte sein eigenes Coming Out". Für Korruhn und Lang war es "wichtig, dass die Platte auch für konservative, heterosexuelle Ohren tauglich war, über Sex wurde nicht gesprochen" (Raber, S. 103). Zumindest nicht in allen Einzelheiten.

Die Rolle von "Du & Ich"


Eine Illustration zur Besprechung ("Du & Ich", September 1970)

Auf dem Schallplattencover stand deutlich zu lesen: "du + ich 69 präsentiert". Die Geschichte der Schwulenzeitschrift "Du & Ich" (1969-2014) habe ich vor einem halben Jahr hier auf queer.de vorgestellt. In der Zeitschrift erschienen zwei Beiträge zur Schallplatte. Im April 1970 (Heft 4, 1970, S. 32) verkündete sie stolz: "Unsere Langspielplatte ist da", die ab sofort für 15 Deutsche Mark bestellt werden konnte.

Merkwürdigerweise wurde die Schallplatte erst fünf Monate später im gleichen Heft auf zwei Seiten ausführlich vorgestellt (Heft 9, 1970, S. 24-25): Unter den beiden Überschriften "'Hab' ich das nötig, mich zu verstecken?'. Männer, die um ihr wahres Ich kämpften, legen die Beichte ihres Lebens ab". Mit Selbstbewusstsein und Schuldgefühlen – wie sie die beiden Überschriften zum Ausdruck bringen – sind die Emotionen auf dieser Platte gut umrissen.

Der Artikel fängt – genauso wie die Schallplatte (00:40 Min.) – mit einem pragmatischen Satz an, der bis heute seine Gültigkeit hat und von zeitloser Bedeutung ist: "Wie frei eine Gesellschaft in Wahrheit ist, erweist sich an der Freiheit, die sie den anderen einräumt, und zu diesen anderen gehören die Homosexuellen." Es ist schade, dass danach nur der Inhalt der Interviews wiedergegeben wird, ohne diese zu kommentieren.

Illustriert wurde der Beitrag mit sechs Fotos von jeweils denselben drei Männern, die nackt diskutieren. Vermutlich war man sich nicht sicher, ob der Beitrag ohne diese Fotos genügend Interesse finden werde. Inwieweit die Zeitschrift "Du & Ich" auch an der Produktion beteiligt war, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Was bleibt

Was bleibt, ist eine Schallplatte, die nicht nur zeitgenössisch, sondern auch heute ein wichtiges schwules Zeitdokument ist und die nun – ein halbes Jahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung – erstmals wieder öffentlich verfügbar ist. Das Medium Schallplatte hat sich – im Gegensatz zu Büchern und Filmen – für Interviews von Schwulen nie als geeignet durchsetzen können.

Diese Schallplatte stellt mit ihren Interviews – so Ralf Jörg Raber in seinem oben genannten Buch – ein starkes Gegengewicht zu den vielen "zeitgenössischen Humor-Platten (dar), die Schwule hemmungslos durch den Kakao ziehen!" Raber betont die Bedeutung von "Die andere Liebe", wenn er treffend schreibt: "Die Interviews mit Homosexuellen sind ein bis heute einmaliges Zeitzeugnis geblieben, denn eine vergleichbare Veröffentlichung hat es (bis heute) nicht mehr gegeben".

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#1 schwulenaktivist
  • 09.05.2020, 09:40h
  • Die Bezeichnung des Bibelzitates als "befremdlich" zeugt von der Tatsache, dass die heutige Zeit die Situation von Schwulen nicht mehr verstehen kann. Die Schwulen haben auch schon "vergessen" weswegen sie diskriminiert werden. Heute geht es öffentlich und vordergründig "nur noch um die Liebe". Während hintergründig drauflosgefickt wird, dass Gott erbarm. Die Erfahrungen der HIV-AIDS-Zeit sind auch schon vergessen.
    Heutzutage haben Schwule "Anrecht" auf Ehe und den "freien Sex", auch bezahlt mit teuren Medikamenten.
    Wir sind in der Sexualität schon lange Heteros geworden und nehmen uns den Macker (Tom of Finland) als Vorbild für unser Leben...
    Wir wissen nicht, welche Viren uns noch behelligen werden in der Zukunft. HIV war nicht das letzte...
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#2 RuferInDerWuesteEhemaliges Profil
#3 Miguel53deProfil
  • 09.05.2020, 19:34hOttawa
  • Ausgesprochen interessant und berührend. Ich gehöre ja zu der Generation, die noch von Gefängnisstrafen bedroht war.

    An manchen Stellen musste ich schon sehr schlucken, weil da Finger in Wunden gesteckt wurden, die bis heute nicht geschlossen sind.

    Das, was mich an manchen Stellen der Interviews am stärksten belastet, ist die Erkenntnis, dass sich so manches bis heute nicht wirklich verändert hat. Das so manche Diskussion bis heute auf dem selben Niveau geführt wird, wie damals. Dass Religion und Politik immer wieder als die selbe, alte Bedrohung wahrgenommen wird.

    So alt diese Aussagen sein mögen. Sie machen deutlich, auf welch dünnem Eis wir uns mit unseren Rechten, bewegen, die inzwischen erkämpft sind.

    Alles ist Schein. Alles kann sich jederzeit drehen. Siehe Russland. Siehe Polen. Siehe Ungarn. Siehe Anwachsen der Rechten in Deutschland und den USA.
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#4 MoKiAnonym
#5 Homonklin_NZAnonym
  • 10.05.2020, 10:39h
  • Antwort auf #1 von schwulenaktivist
  • Befremdlich ist da wohl mehr, dass es auf Pädophile gemünzt ist.

    Auch wenn man um die Geschichte weiß, warum die Verdummbibelten das ewig zusammen mischen und damit einen Teil ihrer behüteten, homophoben Essenz bestellen, braucht man sich dem als Schwuler doch nicht um Gleichklang mühen.

    Leider kann ich das zeitlich hier nicht unterkriegen. Musste ...räusper...schon den Zugang, äh, modifizieren, um überhaupt hier drauf zu können. F*ing Schiff.

    Gesprächspartner für heutige solche Produktionen gäbe es vermutlich genug, nur interessiert es heute kaum noch, wer wie verborgen über Liebe nachdenken muss. Damals schien Lioebe noch Sehnsüchte und Hoffnung zu bewegen, heute lachen viele darüber, oder sie haben Angst davor. Es könnte immerhin den nächstbesten Fick vermasseln, falls da einer klammert.
    Was dann wiederum zu anderen Formen von Vereinsamung oder Verlorenheit, Ausschluss führt, aber da schließt sich dann der Kreis.

    Für jedes Schuldgefühl darum, so zu sein, $1 von der Christensekte als Verursacher. Etliche wären heut Millionäre, und die Knilche gingen als Bettelmönche.
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