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"Zu wenig"

EU-Umfrage: Seit 2012 kaum Fortschritte für queere Menschen

LGBTI werden in großen Ausmaß diskriminiert oder attackiert, ergab eine Studie mit 140.000 Teilnehmenden. Die EU-Grundrechteagentur fordert die Kommission und die Mitgliedsstaaten zum Handeln auf.


In der Europäischen Union hat sich in den letzten Tagen bei Gesetzen der Nationalstaaten zur Gleichbehandlung von LGBTI zwar viel getan. Allerdings sind Diskriminierung und Gewalt kaum rückläufig (Bild: BISS)

Viele queere Menschen fühlen sich in den 27 EU-Mitgliedsstaaten noch genauso diskriminiert wie vor acht Jahren. Das ist eines der Ergebnisse einer Umfrage der im Wien ansässigen Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), die am Donnerstagmorgen veröffentlicht wurde. Mit 140.000 Befragten aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie dem aus Europa ausgetretenen Großbritannien und den Beitrittskandidaten Nordmazedonien und Serbien handelt es sich um die bisher größte Erhebung, die sich mit Hasskriminalität und Diskriminierung gegen LGBTI beschäftigt.

In manchen Bereichen hat sich laut den neuen Zahlen die Situation sogar verschlechtert: So berichteten mehr queere Menschen von Diskriminierung am Arbeitsplatz: 2012 beklagten etwa 19 Prozent der LGBTI, dass sie wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität in den letzten zwölf Monaten im Job schlechter behandelt worden seien. Dieselbe Frage beantworteten vergangenes Jahr 21 Prozent mit Ja. Besonders stark war der Anstieg unter trans Menschen – in dieser Gruppe erhöhte sich der Anteil von 22 auf 36 Prozent.


Mehr LGBTI beklagen Diskriminierung am Arbeitsplatz

Deutschland ist in dieser Liste übrigens keineswegs eine Insel der Glückseligen: In der Bundesrepublik beklagen 23 Prozent Job-Diskriminierung in den vergangenen zwölf Monaten – und damit mehr als im EU-Schnitt. Am besten schnitten Finnland, die Niederlande und Tschechien ab (je 13 Prozent), am schlimmsten ist die Situation in Zypern (30 Prozent), Griechenland (31 Prozent) und Lettland (32 Prozent).

Queere Jobbewerber*innen melden dagegen weit weniger Diskriminierungen als noch vor acht Jahren – allerdings mit Ausnahme von trans Personen. Insgesamt gaben in der EU und Großbritannien elf Prozent an, wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität schlechter behandelt worden zu sein – 2012 waren es noch 13 Prozent.

Gleichstellungskommissarin: "beunruhigende" Ergebnisse

"Aus Angst, verspottet, diskriminiert oder sogar angegriffen zu werden, verheimlichen nach wie vor sehr viele LGBTI-Personen ihre sexuelle Identität", beklagte FRA-Direktor Michael O'Flaherty. Es seien "insgesamt zu wenig wirkliche Fortschritte" gemacht worden. "Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und bei der medizinischen Versorgung könnten sich aufgrund von Covid-19 noch verschärfen. Politische Entscheidungsträger sollten dies ernst nehmen und sich aktiver dafür einsetzen, dass die Rechte von LGBTI-Personen in vollem Umfang respektiert werden", forderte der Menschenrechtsexperte aus Irland.


EU-Grundrechtechef Michael O'Flaherty fordert die Entscheidungsträger in Brüssel und den Nationalstaaten auf, den Kampf gegen Homo- und Transphobie ernster zu nehmen (Bild: EU2017 EE Estonian Presidency)

Gleichstellungskommissarin Helena Dalli nannte die Ergebnisse "beunruhigend". Noch beunruhigender seien aber "Anti-LGBT-Vorfälle" in den Nationalstaaten – als Beispiel nannte die Sozialdemokratin aus Malta die Proklamierung "LGBTI-freier Zonen" in Teilen Polens. Die Kommissarin forderte: "Alle in der Europäischen Union sollten sich sicher fühlen und die Freiheit besitzen, sie selbst zu sein."

Die Grundrechteagentur fordert als Reaktion auf die Umfrage von der EU-Kommission von Präsidentin Ursula von der Leyen, in der für dieses Jahr geplante LGBTI-Gleichstellungsstrategie starke Maßnahmen zu verankern. So soll unter anderem die "Schaffung einer Nulltoleranzkultur" in Bezug auf Gewalt und Mobbin gegen LGBTI eingeschlossen werden. Außerdem müsse die Meldung von LGBTI-feindlichen Straftaten erleichtert werden. Schulen müssten mehr für Akzeptanz queerer Menschen tun. Dazu sei auch es wichtig, die EU-Gleichbehandlungsrichtlinie zur Ausweitung des Diskriminierungsverbots zu beschließen. Diese wird seit Jahren unter anderem von der deutschen Bundesregierung blockiert (queer.de berichtete).

Weitere Zahlen aus der EU-Umfrage

Die Diskriminierung hat reale Auswirkungen auf das Leben vieler LGBTI. Dies wird etwa in der Frage deutlich, ob man sich mit dem Partner oder der Partnerin Hand in Hand in der Öffentlichkeit zeige. Im EU-Durchschnitt gab rund jeder Dritte an, dass Händchenhalten aus Angst vor Diskriminierung oder Gewalt zu jeder Zeit vermieden werde. Deutschland gehört in dieser Frage mit 16 Prozent zu den fortschrittlichsten Ländern.

Am wenigsten Angst vor Übergriffen beim Händchenhalten haben LGBTI in Luxemburg, Finnland und Schweden, am meisten in Rumänien, Kroatien und Polen. Allerdings sind die Zahlen der Beitrittskandidaten Serbien und Nordmazedonien noch weit schlimmer.


Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist alles andere als selbstverständlich

Die Grundrechteagentur wollte auch herausfinden, ob LGBTI wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität aus Angst vor Übergriffen bestimmte Orte meiden. Das Ergebnis ist ein Armutszeugnis: Nur in einem Land, in Malta, gab die Mehrheit an, dies "nie" zu tun. Im EU-Schnitt sagten dies nur 31 Prozent, Deutschland liegt mit 37 Prozent über dem EU-Schnitt. Am schlimmsten ist die Situation in Kroatien, Frankreich und Polen.


Viele LGBTI meiden bestimmte Orte

Elf Prozent der queeren EU-Bürger*innen geben zudem an, in den letzten fünf Jahren wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität körperlich oder sexuell angegriffen worden zu sein. Auch hier liegt Deutschland mit 13 Prozent über dem EU-Schnitt. Am besten ist die Lage in Malta (sechs Prozent) und Portugal (fünf Prozent), am schlimmsten in Polen und Rumänien (je 15 Prozent). Erschreckend ist, dass es bei den Beitrittskandidaten Serbien (17 Prozent) und Nordmazedonien (19 Prozent) mehr antiqueere Gewalt gibt als in jedem der 27 aktuellen EU-Mitgliedsstaaten.


Elf Prozent der Befragten wurden Opfer von LGBTI-feindlicher Gewalt

-w-

#1 lunarAnonym
  • 14.05.2020, 07:08h
  • Die Studie bestätigt leider meinen Eindruck, dass es in den letzten Jahren einen Backlash gegen LGBTI+ Personen gab.

    Wir können uns nicht auf den bisher erzielten Erfolgen ausruhen solange es immer noch viele Menschen gibt, die unsere Rechte abschafffen, begrenzen wollen oder im schlimmsten Fall sogar unseren Tod wünschen.

    Ich bin froh, dass ich in einer deutschen Großstadt gößtenteils frei und ohne Anfeindungen offen leben kann, aber mir ist bewusst, dass dies keine Lebensrealität für viele Menschen ist.

    Um so tragischer ist es, dass dieses Jahr vermutlich keine Prides stattfinden können, denn obwohl man sicherlich streiten kann über die jeweilige Umsetzung und Kommerzialisierung, sind sie nach wie vor Tage der Sichtbarkeit, der Demonstration für gleiche Rechte und auch des Feierns der eigenen, unterschiedlichen Identitäten.
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#2 IndigoAnonym
  • 14.05.2020, 09:57h
  • Überrascht mich leider nicht, sondern deckt sich mit dem, was ich beobachte und zuletzt noch mal explizit recherchiert hatte, um der Frage nachzugehen, wie viel sich in den letzten 20 Jahren geändert hat. Zwar wurde in der Zeit in einigen Ländern die Ehe für alle durchgesetzt, aber ansonsten hat sich nicht soooo wahnsinnig viel getan. Ein paar Rechte hier und da, aber es mangelt weiterhin an flächendeckender Toleranz.
    Gab irgendwo eine Statistik zu Umfragen über die Toleranz in der Bevölkerung. Die Zahlen waren erschreckend. Da muss man schon Glück haben und in einem der wenigen LGBTI* freundlichen Ländern wohnen. Deutschland liegt in der Statistik leider nicht so weit oben wie es sollte.
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#3 FliegenAnonym