Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?36135

Interview

"Wenn ich glücklich bin, kann ich keine Songs schreiben"

Per Zoom haben wir Scott Matthew in Brooklyn besucht und mit ihm über sein neues Album "Adorned", das Leben als glücklicher Single, die Abwahl von Trump und das Wichsen in der Heimquarantäne gesprochen.


Scott Matthew macht Leid zu Lied. Seit zwei Jahrzehnten lebt der in Australien geborene Sänger in New York City (Bild: Promo)
  • Von Paul Schulz
    16. Mai 2020, 06:05h, noch kein Kommentar

Du wohnst in New York, in Brooklyn, dem Epizentrum der US-Corona-Epidemie. Wie geht es dir?

Mir persönlich geht es gut. Um mich muss sich niemand Sorgen machen. Ich sitze einfach seit vielen Wochen allein in meiner Wohnung, sehe eine Menge gutes Fernsehen, bestelle mir Essen und Dinge, die ich brauche, online und versuche mir jeden Tag zu vergegenwärtigen, dass ich mich damit in einer sehr, sehr privilegierten Position befinde und dafür sehr dankbar sein kann. Was ganz gut klappt, weil ich nicht unglücklich dabei bin, im Gegenteil. Ich bin ohnehin ein sehr introvertierter Mensch und mag meine eigene Gesellschaft und die Ruhe, die ich gerade habe.

Bist du nicht einsam?

Nein. Ich bin einfach sehr bewusst allein. Was vielleicht das Gegenteil von einsam ist. Natürlich fehlen mir meine Freunde, aber es gibt Skype und das Telefon. Und meine Liebsten im Moment nicht einfach spontan in den Arm nehmen zu können, ist nichts, worüber ich mich in dem Moment beschweren werde, wo an anderen Orten in New York, den USA und der Welt so viele Menschen sehr krank sind, viele sterben und so viele Menschen riesige Probleme haben. Das wäre unglaublich egoistisch.

Du hast gerade sicher viel Zeit dazu, Songs zu schreiben.

Hätte ich, wenn ich denn Songs schreiben würde Aber, ich habe schon lange keinen Song mehr geschrieben, über zwei Jahre jetzt.

Warum das denn nicht?

Die meisten Songs, die ich früher geschrieben habe, haben sich damit auseinandergesetzt, wie unglücklich ich damit war, gerade verliebt zu sein oder gerade nicht verliebt zu sein, mit dem Kerl, mit dem ich gerade zusammen war, zusammen zu sein, weil er der Falsche war, oder mit jemandem nicht zusammen sein zu können, mit dem ich zusammen sein wollte, weil ich dachte, er wäre der Richtige. Die üblichen Themen, die Songwriter so haben: Liebe und ihre Fallstricke. Gewürzt mit Melancholie, Sehnsucht und jeder Menge Angst.

Das Problem, das ich beim Songschreiben gerade habe, ist, dass ich nicht mehr unglücklich darüber bin, Single zu sein, und mich für Kerle nicht mehr krumm mache. Ich bin in den letzten Jahren abschließend erwachsen geworden, und dabei ist mir aufgefallen, dass mein Lebensglück nicht davon abhängt, ob mich der richtige Kerl liebt. Oder vielleicht doch. Nur dass ich dieser Kerl bin. Ich bin inzwischen eine mir selbstgenügende Größe, und wenn ich mich liebhabe, ist das viel besser, als wenn ich mir meine Selbstbestätigung ständig im Außen suchen muss. Ich bin in den letzten Jahren sehr im Reinen mit mir, sehr zufrieden und ziemlich glücklich. Und habe einfach noch nicht herausgefunden, wie man darüber Songs schreibt.


Das Album "Adorned" ist seit Freitag im Handel erhältlich

Ist das der Grund dafür, dass du mit "Adorned" jetzt ein Coveralbum deiner Greatest Hits aufgenommen hast?

Genau. Obwohl selbst diese Idee nicht von mir kam, sondern von meiner Plattenfirma. Die haben mir Jens Gad vorgestellt, ich mochte seine Arbeiten und dachte, es könnte interessant sein, jemandem mein Material zu geben und es durch seine Augen nochmal ganz neu zu betrachten. Ist es auch.

Jens ist also der Grund, warum "Adorned" dein erstes Dance-Album ist?

(lacht) Naja, man kann dazu auch tanzen. Aber es ist keine Techno-Platte. Es ist fröhlicher und vielleicht abwechslungsreicher als meine früheren Alben, das ist wahr.

Mochtest du Jens auf den ersten Blick?

Wir haben uns ja noch nie getroffen.

Bitte?

(lacht) Ich sage dir, "Adorned" hätten wir, wenn wir gemusst hätten, auch jetzt machen können. Jens lebt in Los Angeles, ich in New York. Die gesamte Produktion des Albums lief über das Internet, wir waren nie zusammen in einem Raum. Und das ging super. Genau wie dieses Interview. Ich sollte eigentlich im März in Deutschland Interviews zum Album geben. Das fiel wegen Corona aus. Und jetzt zoomen wir miteinander, ich seh deine Wohnung, du siehst meine, und es ist eigentlich fast besser und intimer. Das ist doch auch etwas, was wir gerade lernen: Man kann die allermeisten Dinge, bei denen keine Gegenstände hergestellt oder Menschen betreut oder versorgt werden müssen, ganz gut von Zuhause machen. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Erkenntnis mitnehmen, wenn das hier alles vorbei ist.

Das wird noch eine Weile dauern. Gerade in den USA. Wie siehst du als Australier, der in New York wohnt, die politische Situation um dich herum?

Ich bin ja vor einiger Zeit US-Staatsbürger geworden. Die USA sind also auch mein Land. Und natürlich werden wir gerade von Menschen regiert, die viele, viele Fehler machen und nicht die schlauesten sind, um es mal freundlich auszudrücken. Aber ich sehe und spüre, dass sich das im November, wenn Wahlen sind, mit großer Wahrscheinlichkeit ändern wird.

Bist du dir da sicher?

Natürlich nicht, Trump könnte wiedergewählt werden. Was schrecklich wäre. Aber die Stimmung selbst in New York ist schon eine ganz andere, als sie das vor vier Jahren war, als er ins Weiße Haus einzog. Viele Menschen sind fest dazu entschlossen, dafür zu sorgen, dass das nicht wieder passiert. Es haben sich viele Menschen zur Wahl registrieren lassen, die das vor vier Jahren nicht getan hatten, und es gibt selbst jetzt, wo alles so schwierig ist, eine allgemeine Aufbruchsstimmung. Ich bin da schon sehr hoffnungsvoll. Bei der Wahl im Bundesstaat Wisconsin vor einigen Wochen standen Menschen mitten in der Corona-Krise viele Stunden in kilometerlangen Schlangen, um ihre Stimme abzugeben. Und die Demokraten haben gewonnen.

Würdest du in New York bleiben, wenn Trump wiedergewählt würde?

Das weiß ich nicht. Ich spiele immer mal wieder mit dem Gedanken, irgendwo anders hinzuziehen, aber meine Arbeit und mein Leben haben ihre Basis hier. Ich wohne jetzt seit zwei Jahrzehnten in New York. Es ist auch mein Zuhause.

Die erste Single aus "Adorned" ist eine Neubearbeitung deines Songs "The Wish", den du am Tag nach dem Attentat in Orlando geschrieben hast. Wie war es, dem Thema neu zu begegnen?

Der Song ist mir immer noch extrem wichtig. Ich habe ihn sehr schnell geschrieben, innerhalb weniger Stunden, in einem Zustand großer Wut und Trauer, und war dabei, ähnlich wie jetzt, ganz allein. Aber es ist kein wütendes oder trauriges Lied, glaube ich. Das neue Video zu "The Wish" ist nicht nur eine Hommage an diejenigen, die beim Pulse-Nachtclub-Massaker ihr Leben verloren haben, sondern auch eine Bestätigung der Plage sinnloser Waffengewalt in den USA.

Direktlink | Offizielles Video zur Neubearbeitung von "The Wish"

Wir haben im Video aber keine Gewalt gezeigt, um dies zu demonstrieren, sondern vielmehr Tanz und leere Stühle als Symbol für das Entsetzen und die Trauer, die dieses Ereignis der LGBTQ-Gemeinschaft gebracht hat. Gefilmt wurde das Ganze in der eindringlichen Schönheit des Metropolitan Buildings in Long Island, das den Raum symbolisiert, der nach der Tragödie zurückgelassen wurde, und wie wir versuchen, zu verstehen und zu begreifen.

Du setzt dich mit der Organisation "Gays against guns" auch ganz aktiv gegen Waffengewalt ein.

Ja, das ist mir ein Anliegen. Und vielleicht kann man auch nur so die Welt wirklich besser machen: Wählen gehen und sich dann einige Sachen suchen, an denen man konkret arbeitet und die man beeinflussen will. Alle Probleme der Welt gleichzeitig lösen zu wollen, führt dazu, dass man keins davon löst, denke ich.

Du willst im Herbst mit "Adorned" auch in Deutschland auf Tour gehen. Meinst du, das klappt?

Ich hoffe es. Ihr Deutschen habt im Umgang mit Covid-19 ja viel richtig und viel besser gemacht als die USA zum Beispiel. Was dazu führt, dass die Lage in Deutschland jetzt auch besser ist in Amerika. Ob die geplante Tour stattfindet und wie sie dann genau aussieht, kann ich dir noch nicht sagen. Was ich sagen kann: Ich habe eine große Sehnsucht danach, meine deutschen Fans wiederzusehen und die neue Musik mit ihnen zu teilen. Ihr seid ein so aufmerksames, tolles Publikum.

Letzte Frage, von schwulem Mann zu schwulem Mann: Was machst du gerade, statt Sex zu haben?

Masturbation ist Sex, Baby. (lacht) Und eine schöne Art, sich selbst besser kennenzulernen. Und sehr entspannend. Ich kann das nur empfehlen.

Direktlink | Video zu "Abandoned", der zweiten Single aus dem neuen Album