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Debütroman

Vom Absturz in Berlin zum Glück in Griechenland

In seinem Roman "Boxerherz" erzählt Frank Jaspermöller von einem schwulen Mann, der vor der eigenen Geschichte flüchtet, tief fällt, immer wieder aufsteht und sich am Ende findet.


Autor Frank Jaspermöller und ein Coverentwurf seines Romans, den es bislang nur als E-Book gibt

Stoffel, die Hauptfigur und der indirekte Erzähler von Frank Jaspermöllers erstem Roman "Boxerherz", ist für schwule Männer kein Unbekannter: Seine Suche nach sich selbst, immer schön ins Außen verlagert, führt ihn von seiner Familie nach Hamburg, zu künstlerischem Ausdruck, zu einer ersten Selbsterkenntnis in Griechenland, durchs Berliner Nachtleben und direkt in den Zusammenbruch. Und dann zum Glück.

Geradlinig ist das nicht, aber es gibt einen vielen von uns relativ vertrauten Lebensbogen ab. Einige werden sich selbst wiedererkennen, andere jemanden, den sie kennen oder kannten. Vielleicht auch den Autor. Denn "Boxerherz" hat als Roman zumindest autobiografische Anteile. Was ihn nur sympathischer macht, weil Stoffel an einigen Stellen zwar eine komplette menschliche Katastrophe ist, sich aber dabei nur ganz selten leid tut und er nie um einen flotten Spruch verlegen ist.

Was gut ist, denn der Roman ist deswegen keine melancholische Alleinseglerbetrachtung, sondern eine große, saftige Geschichte über einen, der – ungewollt – die Sünden seiner Familie erbt und an dem unsichtbaren Päckel lange schwer zu tragen hat, weil er gar nicht weiß, was er da alles mit sich rumschleppt.

Flucht vor der eigenen Geschichte

Jaspermöller steigt ganz klassisch ein und erklärt in einem schnellen, kraftvollen Zug erst einmal, in welche Sippe sein Stoffel nach ein paar Dutzend Seiten hineingeboren wird: Großeltern und Eltern leiden an den Folgen des Zweiten Weltkrieges, Papa ist einfach gestrickt und so gewöhnt daran, sich in Notwendigkeiten zu fügen, dass er sie nie in Frage stellt. Stoffels Mutter leidet stumm und für ihr Kind kryptisch an etwas, das sie in den Suizid treibt, woraufhin der Junge bei den Großeltern aufwächst. Und da schnell merkt, dass er anders ist als seine Freunde und Familie.

Also ab nach Hamburg, auf die Schauspielschule. Denn wenn man schon anders ist, kann man auch jeden Tag ein neuer Anderer sein, richtig? Nach seinem Coming-out und ersten Tappsern im schwulen Nachtleben der Großstadt merkt Stoffel: Das hier ist es nicht, was ich suche.

Also geht die Flucht vor der eigenen Geschichte weiter, nach Griechenland. Wo nicht nur die Sonne und ein Job als Animateur in einem Clubhotel, sondern auch das gleißende Kurzzeitglück in Form eines Kerls auf unseren Helden warten. Der Stoffel aber letztendlich stehenlässt, noch verwirrter als zuvor.

Gestrandet in Europas Metropole der Verwirrten

Und welche Großstadt ruft europaweit am lautesten nach den Verwirrten, die gerade nicht mehr wissen, wie das geht, mit dem Glück? Richtig, Berlin. Stoffel zieht da hin, wird, wie Jaspermöller, Journalist und schreibt über die Welt, in der er lebt: Eine Spaßmaschine, voll von oberflächlichen Genüssen, tiefen Nächten voller bunter Lichter und Sex, Sex, Sex. Das ist für eine Weile ganz unterhaltsam, bis Stoffel, wie so vielen vor ihm, beim Tanzen auf Messers Schneide die Balance abhandenkommt und er sich – und alles andere – verliert.

Im "Haus am See", einer Nervenheilanstalt mit romantischem Namen, findet er sich wieder, in dem er sich auf die Suche nach den Gründen für die blinden Flecke in seiner Familiengeschichte und für seine eigene Sprachlosigkeit macht.

Man sollte meinen, dass deutsche Verlage nach großen Familiengeschichten mit glaubwürdigen schwulen Helden, die in Griechenland und Berlin spielen, auf der Suche wären. Jaspermöllers Erfahrung ist eine andere. Sein Roman ist eigentlich schon 2016 entstanden, aber dann, weil er Hetero-Verlagen zu schwul und queeren Verlagen zu hetero war, in einer Schublade gelandet. Bis er sich vor zwei Jahren ein Bein brach und Zeit hatte, das Buch zu überarbeiten und nun im Selbstverlag herauszubringen. Was es ja nicht schlechter macht.

Ein Debütroman mit Schwächen

"Boxerherz" ist kein perfektes Buch, stellenweise sehr verplaudert, dafür an anderen Stellen fast lyrisch dicht. Seiner Hauptfigur baut Jaspermöller manchmal nicht genug Welt(en), um darin glaubwürdig zu agieren. Auch die Nebenfiguren sind oft Schemata, statt atmende, komplexe Wesen. Aber für schwule Männer ist Stoffel, wie gesagt, ein Vertrauter. Was dem Publikum gestattet, die handwerklichen und erzählerischen Lücken, die der Roman sehr wohl hat, mit ihren eigenen Erfahrungen anzufüllen. Was wahrscheinlich dazu führen wird, dass hier jeder ein anderes Buch liest. Nicht das Schlechteste, was man über einen literarischen Text sagen kann.

Wir alle sind gerade auf der Suche nach Büchern, die man, statt zu verreisen, im Sommer auf dem Balkon lesen oder in schlaflosen Nächten mit ins Bett nehmen kann. "Boxerherz" könnte für viele Menschen eins dieser Bücher sein, wenn sie sich darauf einlassen. Denn Stoffel ist ein Reisender, ein Suchender, der am Ende bei sich selbst angekommen ist. Wollen wir da nicht alle hin?

Infos zum Buch

Frank Jaspermöller: Boxerherz. Eine unerzählte Geschichte. Roman. 214 Seiten. Eigenverlag. Bislang nur als E-Book für 7,25 € erhältlich


#1 staffelbergblickAnonym
  • 17.05.2020, 10:36h
  • neugierig auf dies Buch geworden, stelle ich beim Klick auf Amazon fest, dass es nur als e-pub im Kindleformat verfügbar ist. Das ist etwas sehr suboptimal. Damit ist er auf Amazon fixiert und das zweite relevante e-pub-format über die Tolomino-Schiene fällt raus ...
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Frank JaspermöllerAnonym