Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?36155

Old Blue

Die unsterbliche Jeans – und was ihr über sie wissen solltet

Mode kommt und geht, eines blieb aber seit gut hundert Jahren gleich: Denim.


Die Jeans allein macht vielleicht nicht knackig – aber sie macht definitiv Knackiges noch knackiger! (Bild: Madeinitaly / pixabay)

  • 19. Mai 2020, 09:36h, noch kein Kommentar

Es ist ein Problem, mit dem wahrscheinlich jeder von euch schon konfrontiert wurde: Ihr steht vor dem Kleiderschrank, weil ein Date ansteht. Und natürlich soll nicht nur der Allerwerteste dabei gut aussehen. Hand aufs Herz: Höchstwahrscheinlich geht der Griff in neun von zehn Fällen Richtung Jeans. Warum? Weil es eine modische Universalwaffe ist. Passt zu wirklich jedem Look, ist bequem, unterstreicht immer den Body – und sie kommt einfach nicht aus der Mode.

Für diesen Artikel wollen wir dieses blaue Beinkleid ein wenig feiern und präsentieren euch einen Strauß knackiger Facts rings um Old Blue.

1. Woher das Denim stammt

Dass ein deutscher Auswanderer namens Levi Strauss die ersten Jeans den Goldwäschern rings um San Francisco verkaufte, damit die etwas robustes am Leibe trugen, um den großen Goldrausch anständig durchführen zu können, ist Folklore. Allerdings ist die Jeans deshalb doch kein Ur-Deutschamerikaner. Zumindest nicht der Stoff – aber warum heißt der Denim?

Ganz einfach: Es ist die anglisierte Kurzform von Serge de Nîmes, also Gewebe aus Nîmes. Die dortigen Weber hatten erstmalig en gros Baumwollstoff in sogenannter Köperbindung gewebt. Den hatte auch Mister Strauss im Repertoire.

2. Wo es noch klassische Jeans gibt

Ihr müsst sicher keine ausgesprochenen Modeexperten sein, um zu wissen, dass auch die Jeans nur deshalb so unsterblich ist, weil sie sich in Sachen Schnitt immer wieder anpassen konnte. Stellt sich die Frage, gibt es heute überhaupt noch solche Stücke, die klassisch geschnitten sind, so wie in den ersten Jeans-Jahrzehnten?

Ja – mit Einschränkung. Die 1890 lancierte Levis 501 hat zwar über die Jahrzehnte einige Schnittänderungen mitgemacht, kommt aber noch ans Original heran. Tommy Hilfiger für Herren hat ebenfalls einige moderne Interpretationen klassischer Jeans-Cuts im Repertoire. Insgesamt sind heutige Jeans aber wesentlich leichter und besser tragbar als die Originale – tatsächlich gut so, denn bis die nicht mehr unangenehm steif waren, vergingen oft Monate.

Großserienmäßig gibt es heute keine Jeans mehr, die ganz den Originalen entspricht. Denn mit der Globalisierung verkauften viele US-amerikanische Denim-Weber ihre Webmaschinen. So kommt es, dass der schwere Originalstoff seit einigen Jahrzehnten vornehmlich in Japan hergestellt wird. Dort gibt es sogar viele Jeans, die in Look und Feel den späten 1800ern entsprechen – allerdings sei gewarnt, dass die sich völlig anders tragen als ihre modernen Nachfolger.

3. Wozu die kleine fünfte Tasche dient

Vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass häufig von Five Pocket Jeans gesprochen wird. Also zwei Front-, zwei Gesäß- und diese kleine Tasche oberhalb der rechten Fronttasche.

Bloß: Was soll die da? Natürlich, sie ist megapraktisch für Feuerzeuge, Einkaufswagen-Chips, Kleingeld oder Gummis. Aber das kann doch nicht der ursprüngliche Sinn gewesen sein?!

Stimmt. Das ist eine Watch-Pocket. Als die Jeans ersonnen wurde, war die Welt noch Jahrzehnte von der Erfindung der Armbanduhr entfernt. Der Mann von Welt (Frauen nicht, denen war das Tragen von Hosen vielfach untersagt, Frauen-Popos in Jeans galten gar als geradezu teuflisch sexualisiert und waren deshalb doppelt-tabu) besaß dementsprechend eine Taschenuhr. Damit die nicht von den anderen Sachen in den normalen Taschen demoliert wurde, gabs die Mini-Pocket.

Fun Fact: Bei Denim-Latzhosen findet sich oben am Latz oft ein auf den ersten Blick überflüssiges Knopfloch. Dessen Zweck ist die Befestigung der zur Taschenuhr gehörigen Kette.

4. Warum die Jeans blau ist

Zugegeben, das Farbspektrum der Pride-Flag reicht nicht aus, um die Farbvielfalt heutiger Jeans widerzugeben. Aber die Basis ist natürlich nach wie vor Blau. Bloß: Wie kommts? Baumwolle im Urzustand hat ja einen schmutzig-weißen Farbton?!

Der Grund liegt wiederum in den Anfangstagen der Jeans. Also: Das verwendete Indigo legt sich, im Gegensatz zu vielen anderen Färbemitteln, nur um die Faser herum, anstatt sie zu durchdringen (daher bekommen Blue Jeans mit der Zeit auch diesen unique Look). Zudem war bekannt, dass sich bei Indigo deshalb bei jedem Waschgang Farbmoleküle lösten, wodurch wiederum Fäden abgezogen wurden.

Hier der Trick:
1. Strauss wollte, dass seine im Neuzustand supersteifen Hosen mit der Zeit bequemer wurden – klar, das war nicht nur damals ein ziemlich wirksames Werbeversprechen.
2. Indigo-gefärbtes Denim ist im Urzustand (als sogenanntes Raw Denim) nahezu schwarz.
3. Indigo hat antibakterielle und antifugale Eigenschaften. Was damit gefärbt wurde, müffelt also nicht so schnell durch Körperschweiß etc.

Wir haben es also mit einem selbst aus heutiger Sicht geradezu genialen Marketing-Hattrick zu tun. Strauss konnte Hosen verkaufen, die anfangs (und ohne moderne Waschmittel noch lange danach) fast schwarz waren. Wichtig für die hart arbeitenden Männer, denn Schwarz schmutzt nicht. Gleichzeitig rochen die Teile auch nach tagelanger Knochenarbeit ohne Waschmöglichkeit nicht dementsprechend. Und er konnte durch besagten Indigo-Effekt garantieren, dass seine Hosen mit der Zeit immer weicher und bequemer wurden. Heute, wo sämtliche Jeans mit künstlichen Farbstoffen gefärbt werden, mag das kein Kaufargument sein. In den 1800ern war es jedoch definitiv eines.

Fun Fact: Ungewaschenes Denim hat die Eigenschaft, durch die ersten Wäschen beträchtlich einzulaufen. Deshalb sind die meisten heute verkauften Stücke pre-washed bzw. pre-shrunk. Allerdings machte man aus der Not früher auch mal eine Tugend. Dazu passend möchten wir euch folgenden knackigen Typ natürlich nicht vorenthalten:

Warum die Jeans nach Deutschland kam

Wir stellen fest: Die Jeans ist vielleicht das kosmopolitischste Kleidungsstück überhaupt. Allerdings müssen wir ebenso feststellen, dass ihr globaler Siegeszug erst nach dem Zweiten Weltkrieg startete.

Das sind die Facts:
• In den ersten rund 50 Jahren waren Jeans ein rein (nord-)amerikanisches Ding. Und auch da ausschließlich als Arbeitsbekleidung angesehen. Wer in seiner Freizeit in Jeans herumlief, zeigte damit, dass er am unteren Ende der Einkommensskala angesiedelt war und sich schlicht keine anderen Hosen leisten konnte.
• Nach dem Krieg hatten so manche US-Soldaten Schwierigkeiten, sich wieder im Zivilleben zurechtzufinden. Daraus resultiert auch die Gründung der ersten Biker-Gangs. Diese Männer nutzten die Jeans als robuste Universalkleidung – und auch in gewissem Sinne als Abgrenzungs-Uniform zur Bürgerlichkeit.
• Dadurch hatten die "Texashosen", wie man sie hierzulande lange Zeit nannte, ganz schnell ein Badboy-Image.
• Das griff Hollywood wiederum auf und kleidete in vielen Filmen der späten 40er und frühen 50er die Bösewichter bzw. generell die Unangepassten in Jeans.

So kam es, dass Marlon Brando und James Dean Jeans trugen – und die Öffentlichkeit drehte frei. Alle Jugendlichen, die irgendwie unangepasst sein wollten, trugen Jeans – obwohl die nicht nur in Deutschland dementsprechend rasch auf Schulhöfen und anderswo verboten wurden.

Der Rest ist Geschichte. So, wie sich jeder Bürgerschreck irgendwann verliert, wurde auch die Jeans von der Rebellenhose zum normalen Kleidungsstück.

Jetzt aber schnell rein in die Jeans, euer Date wartet! (ak)