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Hohe Stimme, tiefer Bart

Scott Matthews Klassiker in neuem Gewand

Für sein neues Album "Adorned" hat der schwule Musiker zehn neue Versionen früherer Lieder aufgenommen.


Scott Matthew fühlt Musik, er singt seine Hörer an, bis es kein Entkommen gibt vor dem Empfinden (Bild: Glitterhouse Records)
  • 20. Mai 2020, 07:59h, noch kein Kommentar

Der in NYC lebende, australische Singer-Songwriter hat zehn neue Versionen seiner Klassiker erarbeitet. Er kleidet seine Lieder in ein neues Gewand, nimmt ihnen den schweren Samtmantel von den Schultern, zieht ihnen Seidenunterwäsche an und lässt sie – mit höchster Handwerkskunst auseinandergenommen und neu zusammengesetzt – voller Zuversicht und Vertrauen durch die Welt tänzeln.

Als Scott Matthew erste Interviews zum neuen Album gibt, ist er grad zu Besuch in seiner alten Heimat Australien. Und die steht in Flammen. "Das ist die Bestätigung des Klimawandels" sagt Scott und, dass Regierungen sich weigern würden, ihre Bürger zu schützen. Es wäre ein Grund für Verzweiflung. Aber Scott Matthew, der bekannt ist für eine gewisse Melancholie in seiner Musik, wählt diesen Moment, um den Ton zu verschärfen, den er in die Welt hinaus trägt: Nicht etwa ins Klagende, sondern ins noch Hoffnungsvollere. Und er macht das mit konsequenter Sturheit, die zu trösten vermag. Und in Verantwortung nimmt.

Sehr viel Gefühl im Bariton


"Adorned" ist am 15. Mai 2020 erschienen

Scott Matthew, das ist der mit der hohen Stimme und dem tiefen Bart. Und sehr viel Gefühl im Bariton. In New York wohnt der Songwriter, nannte eine Zeit Berlin seinen "safe place", verzauberte nicht nur dort die Clubs, mit seinem zu Liedern geflossenen Leid. Matthew fühlt Musik, er singt seine Hörer an, bis es kein Entkommen gibt vor dem Empfinden. Er singt von Liebe und Einsamkeit und rettet seine Hörer.

Aber was ist, wenn man von sich selbst aus singt und sich dabei verändert? In den letzten Jahren las Scott viele Geschichtsbücher, um die Welt zu verstehen. "Die Erkenntnis, dass etwa vorbei geht und Zeit alles ändert, hilft, die Hoffnung zu behalten." Was ist, wenn man mit dem Verständnis für Traurigkeit zu Ruhm gekommen ist, aber nach Vorne schauen will? Wenn die Welt zu durcheinander ist, um nur nach Innen zu blicken? "Ich bin schon auch ein Zweifler, aber ich versuche, dagegen anzukämpfen, indem ich in mir nach Hoffnung grabe." Also kleidet er seine Lieder in ein neues Gewand, nimmt ihnen den schweren Samtmantel von den Schultern, zieht ihnen Seidenunterwäsche an und lässt sie durch die Welt tänzeln, in der Hoffnung, dass auch sie zu tanzen beginnt.

Direktlink | Offizielles Video zu "The Wish" 2020

In Zusammenarbeit mit dem in Los Angeles lebenden, dänisch-deutschen Produzenten Jens Gad, der auch für Enigma raumgreifende Produktionen schrieb, hat Scott Matthew nun zehn neue Versionen seiner Klassiker erarbeitet. Hier geht der Blick auf. Und das Herz. Wie Gad mit traumwandlerischer Sicherheit die Ohrwürmer rausarbeitet, den Melodien an den richtigen Stellen Platz gibt, bleibt hängen.

"'Adorned' ist nicht, was die Leute von mir gewohnt sind. Ich dränge sie dazu, beim Hören, Spaß zu haben. Es ist ein Experiment, das vielleicht nicht die Probleme dieser Welt löst, aber sie für einen Moment lindern mag." Zu hören ist eine Zuversicht, ein Vertrauen, kein Verdrängen. Lieder, die verziert wurden. Verziert, so übersetzt man "adorned" ins Deutsche. Auseinandergenommen und neu zusammengesetzt mit höchster Handwerkskunst. Die beiden Musiker nutzen die originalen Gesangsspuren, variieren die Gitarren, und andere Teile der Kompositionen, reduzieren und erweitern mit Streichern und Beats, bis sie ihre Hörer auffordern: "Tanzt, weint. Verbindet euch mit der Vergangenheit während ihr in die Zukunft moonwalked. Versucht nur, dabei nicht umzufallen, das ist mir mal passiert. Wobei das auch am Rotwein gelegen haben könnte."

Scott Matthew hält sich am Alten fest, um an das Neue zu glauben. Dazu passt auch irgendwie, dass er sich gerade intensiv mit Antiquitäten beschäftigt. "Die Jagd nach alten Schätzen fühlt sich unglaublich aufregend und erfüllend an." Und so klingt auch dieses Album voll mit alten Schätzen: Entspannt aufgeregt. (cw/pm)