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Essay

Was ist eigentlich "queer"?

Wie ein kleines Ereignis eine große Frage aufwerfen kann. Stefan Hölscher, Herausgeber des Gedichtbands "So gerade / nicht – Queere Lyrik 2020", über Schlagabtausche zu seinem Buch und in der Community.


"Queer & Proud"-Regenbogenfähnchen bei der Genfer Pride-Parade: Ob wohl auch diese*r CSD-Teilnehmer*in in Diskussionen verwickelt wurde? (Bild: dels / unsplash)

Es hätte alles ganz einfach sein können. Zum Beispiel so:

Vor langer, langer Zeit in einem Land, dessen Einwohnern es gut ging, sie mussten nicht hungern, hatten große Freiheiten und die Idee im Kopf, dass alle von ihnen die gleichen Rechte hätten, waren es die Menschen gewohnt, ihrer Wege zu gehen und zu tun und zu sagen, was immer sie wollten. Während die Menschen in dem Land dachten, dies würde ewig so weitergehen, kam eines dunklen Tages aus dem fernen, großen Osten ein Dämon in das Land spaziert, der zwar fast unsichtbar, aber dafür umso gefährlicher war und den die Menschen mit Erschauern in den Stimmen den Sarscov nannten. Als der Sarscov das Land wie aus dem Nichts heraus überfiel und nicht wenige Menschen durch ihn zu Tode kamen, flüchteten die Menschen in ihre Häuser, um dem Dämon nicht zu begegnen, auch wenn sie ihn gar nicht gesehen hätten, wenn sie ihm begegnet wären. So kam es, dass die Menschen in dem Land kaum noch mitbekamen, was draußen vor ihrer Haustür geschah.

Zu der Zeit aber ereignete es sich, dass ein Wesen auf die Welt kam, zwar schon bei Geburt viel, viel größer als der grausame Dämon, aber doch auch sehr klein und unscheinbar. Dieses Wesen sah seltsam aus. Es bestand aus vielen weißen, übereinanderliegenden hauchdünnen Schichten, auf denen sich schwarze Linien, Punkte und Striche befanden. Um diese Schichten herum hatte es eine knallrote Außenhaut, auf der der Name des Wesens stand: "So gerade / nicht", was ein sehr seltsamer Name für ein Neugeborenes ist. Das Wesen hatte aber noch einen zweiten Namen, sogar einen doppelten, seinen Nachnamen, der ebenfalls auf seiner knallroten Außenhaut stand: "Queere Lyrik" hieß es und damit war in seinem Namen ein Wort enthalten, mit dem auch einige der Menschen in dem Land wie auch in allen anderen Ländern, die es auf der Welt gab, sich selbst bezeichneten und von anderen bezeichnet wurden.

So wussten denn die Menschen in dem Land, das neugeborene Wesen einzuordnen und wenn sie ihm, was wegen ihrer Flucht in ihre Häuser bei der Heimsuchung des grausamen Dämons Sarscov nicht geschah, begegnet wären, hätten sie gewusst, was zu tun ist: Die meisten wären einfach weitergegangen, ohne das Neugeborene irgendwie zu beachten, einige wären an seiner Wiege stehen geblieben und hätten gesagt "So etwas braucht man hier nicht", und einige sehr wenige hätten sich über die Geburt des Wesens gefreut.

Heftige Diskussionen wie aus dem Nichts

So einfach hätte alles laufen können – lief es aber nur beinah. Denn schon in der pränatalen Phase, aber auch mitten im Geburtsvorgang und postnatal löste das kleine, seltsame Wesen wie aus dem Nichts immer wieder kleine, aber heftige Diskussionen aus, die um Fragen kreisten wie etwa: Braucht man heutzutage überhaupt noch queere Lyrik, wenn doch Schwule und Lesben hierzulande sogar heiraten und Kinder kriegen dürfen? Ist nicht eigentlich jede (echte) Lyrik queer? Ist diese queere Lyrik eigentlich "richtig queer"; verfolgt sie einen queeren Feminismus, der sich durch alles, Denken, Sprechen, Handeln, den gesamten gesellschaftlich-politischen Bezug hindurchzieht? Steht hinter der zur Schau gestellten Existenz von queerer Lyrik nicht eigentlich nur eine Show, wie überhaupt bei dem meisten, was heute als queer bezeichnet wird, und steckt nicht hinter dieser vermeintlich bunten Show im Grunde die ganz große, lahme Biederkeit? Geht es hier vielleicht knapp kaschiert nur um ziemlich seltsamen Sex?

Zu Diskussionen, besser gesagt kleinen Schlagabtauschen, über derlei Fragen kam es wie gesagt vor, während und nach der Geburt des kleinen Wesens immer wieder, und so löste das kleine Wesen mit dem merkwürdigen Vornamen "So gerade / nicht" und dem Nachnamen "Queere Lyrik" bei mir als einem seiner Väter (es gab mehrere davon, wie auch mehrere Mütter) die große Frage aus: Was ist eigentlich queer? Und weiß ich eigentlich, ob ich queer bin? Bisher dachte ich nämlich immer, ich wäre das auch. Aber wenn ich das dachte, habe ich mich dann überhaupt richtig verstanden oder habe ich mich vielleicht fundamental geirrt? Wer bin ich?

Was ehemals ganz einfach schien, wurde nun plötzlich zu einer schwierigen Kiste.

Fünf Versuche einer Definition


Der von Stefan Hölscher herausgegebene Lyrikband "So gerade / nicht" ist im Geest-Verlag erschienen

Nachdem ich ein paar Mal tief Luft geholt hatte, versuchte ich mich zu sortieren. Eigentlich versuchte ich zu sortieren, welche verschiedenen, mit dem kleinen Wörtchen "queer" verbundenen Vorstellungen mir hier immer wieder begegneten bzw. mehr oder weniger charmant um die Ohren gehauen wurden. Ich kam auf mindestens fünf:

Queer 1: abartig. Ein Schimpfwort für Lesben, Schwule und andere, die nicht in das Bild traditioneller Geschlechterrollen und -identitäten passen. Findet sich auch heutzutage gar nicht so selten. Motto: "Ich habe ja nichts gegen Lesben, Schwule und diese anderen, aber sie tauchen jetzt einfach viel zu oft auf."

Queer 2: fundamental gegen den Strich gebürstet. Es geht um das, was den Anspruch erhebt, Konventionen in Denken, Sprechen und Tun grundsätzlich zu durchbrechen und die Dinge gänzlich anders wahrzunehmen, zu denken und zu fassen. Motto: "Das Normale ist das Eingeengte und Falsche."

Queer 3: radikal feministisch. In der Tradition des Kampfes gegen Ungleichbehandlung der Geschlechter stehend ist damit heute meist ein Queerfeminismus verbunden: die Forderung einer grundlegenden Veränderung einer nicht nur in ihren Geschlechtsrollen, sondern in ihren grundsätzlichen Wertausrichtungen als durch männlich-patriarchalische Prinzipien geprägten Welt hin zu einer solchen, in der weiblich-feministische Werte zählen. Queer 3 lässt sich als eine Art Spezialität von queer 2, mit dem es sich auch ganz gerne verbündet, betrachten. Motto: "An feministischen Wesen soll die Welt genesen."

Queer 4: nicht hetero oder cis.
Bezieht sich auf Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bi- oder asexuell, aber auch als inter- oder transgeschlechtlich verstehen, also nicht heterosexuell oder nicht cisgeschlechtlich. Der häufig als vereinfachendes Synonym für LSBTTIQ+ gebrauchte Begriff wird dabei meistens nicht bloß so deskriptiv verwendet wie er zunächst klingen mag. Motto: "Es ist schon ziemlich geil, nicht einfach hetero zu sein."

Queer 5: vermeintlich schräg. Die Vorstellung, dass es Queerness vielleicht früher bei einzelnen Menschen, die "wirklich queer" waren, mal gegeben hat, dass sich unter dem kecken Deckmantel dieses Worts heute aber vor allem oberflächliche und im Kern lahme Inszenierungen verbergen. Queer 5 paart sich bisweilen auch mit Queer 2, denn weil es das wirklich richtig Schräge nur in der guten alten Zeit ab und an mal gegeben hat, ist eben heute leider alles fad, was schräg zu sein vorgibt. Motto: "Das ist nur eine aufgesetzte Attitude hinter modernem Spießertum."

Die andere Meinung ist immer queerverkehrt

Puh, das ist nun wirklich insgesamt nicht zu unbunt und sicher noch nicht einmal vollständig, geschweige denn irgendwie korrekt wiedergegeben. Zwischendurch in den immer wieder hochkochenden Diskussionen über diese Dinge und Begriffe mit recht unterschiedlichen Zeitgenoss*innen habe ich öfter mal gedacht: Wie wäre es, liebe Leute, wenn es euch schon so unendlich schwerfällt, andere Auffassungen von queer leben zu lassen, wenn ihr einfach im Sinne guter Diskussionskultur zumindest mal sagt, von welchem Queer-Begriff ihr persönlich jetzt gerade ausgeht? Das aber war natürlich naiv gedacht, denn zwar lässt sich offenbar eine ganze Batterie von verschiedenen Bedeutungen dieses kleinen Wörtchens finden, aber jede*r, sagen wir mal, Diskursteilnehmer*in, hat für sich offenbar nur eine einzige Version. Und das ist die richtige, und zwar die wirklich einzig richtige. Alles andere ist queerverkehrt. Was es dann auch wieder einfacher macht, zumindest für jede*n einzelne*n. Nicht unbedingt aber, wenn man aufeinandertrifft.

Und an dieser Stelle zeigt sich ja vielleicht auch eine der segensreichen Seiten des Wütens des bösen Dämons Sarscov, der uns dazu bringt, dass wir, soweit irgend möglich (!), alle in unseren Wohnzimmern bleiben. Jede*r für sich mit den eigenen richtigen Vorstellungen. In ungestörter Ruhe und (Selbst-)Zufriedenheit.

Aber im Ernst: Ob ich mich nun durch das Auseinanderdröseln von Queer 1-5 wieder einigermaßen selbst sortiert bekommen habe, weiß ich gar nicht so genau. Ich würde immer noch sagen: Ich bin queer und meine damit gar nichts Böses. Ich meine, ich bin nicht hetero und möchte es auch nicht unbedingt sein. Ich mag es bunt: bei Menschen, Gedichten und Begriffen. Und finde, dass ganz vieles, so unterschiedlich, wie es/sie/er sein mag, seine*ihre Berechtigung haben kann.

Ein verdichteter Ausdruck von all dem, was ich fühle

Als queerer Mensch fühle ich mich in Deutschland, wo ich lebe, auch durchaus frei und zufrieden. Vieles kann sich noch verbessern, aber ich warte nicht auf die Revolution, verstecke mich aber auch nicht auf dem Sofa. Ich weiß, dass es Menschen wie mir hier wirklich nicht immer so gut ging (mir selbst auch nicht zu jeder Zeit), und dass sehr viele Menschen, die ich als queer bezeichnen würde, an vielen Orten dieser Welt unterdrückt und verfolgt werden. Die Verbundenheit, die ich zu diesen Menschen spüre, kann ich gar nicht abstreifen. Und will es auch nicht.

Deswegen mag ich persönlich auch Wesen, die sich "queere Lyrik" nennen. Denn sie sind für mich ein verdichteter Ausdruck von all dem, was auch ich fühle und worum es auch mir geht. Und bunt und unterschiedlich sind sie auch. Ich freue mich, wenn sie geboren werden und ein gutes Leben führen in einer Gesellschaft, in der sich auch andere freuen, dass es sie gibt.

Um die große Frage, was eigentlich wirklich richtig queer ist und ob ich das am Ende des Tages wohl auch bin oder nur ein bisschen oder ganz und gar nicht, drücke ich mich bei alledem ja vielleicht herum. Daher tut es dann sehr gut, immer mal wieder jemanden zu treffen, der einem das deutlich sagt.



#1 Ralph
#2 GirlygirlProfil
  • 21.05.2020, 15:24hKS
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Auf Deutschland bezogen stimmt das auch, aber im Englischsprachigen Raum wurde das Wort "Queer" als Beleidigung verwendet. In Amerika ist es ja nicht unüblich, dass Minderheiten beleidigende Ausdrücke für sich benutzten, es gibt da ja auch Schwarze, die sich als "N..." bezeichnen. Aber inzwischen hat sich "Queer" dort als Bezeichnung rehabilitiert.
    Meines Wissens gibt es allerdings keine allgemeingültige Definition für das Wort "queer". Ich konsumiere viele amerikanische und britische LGBT Medien und da gibt es auch verschiedene Definitionen. Manche (konservative/rechte) Schwule, Lesben und Bisexuelle lehnen das Wort bewusst ab. Oder es wird teilweise als Synonym für Identitäten benutzt, die nicht "klassisch" schwul, lesbisch, bi oder trans sind. Da gibt es teilweise richtige Streitereien um dieses Wort, wer gehört dazu, wer darf es benutzen, wer nicht und darf man es überhaupt benutzen? Ich find deine Definition aber am besten, also alles was nicht hetero/Cis ist, ist queer. Es auch viel kürzer als LSBT/LSBTQ/LSBTQI/LSBTQIA+ etc.
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#3 MedusaAnonym
#4 lindener1966Profil
  • 21.05.2020, 18:47hHannover
  • Ein Begriff, der so viele Definitionen zulässt über die man sich dann auch noch streiten muss, bedeutet am Ende....nichts.
    Es bleibt eine schillerndes Label, das sich, für deutsche Ohren zumindest, weniger "schmuddelig" dafür aber "harmlos" anhört.
    Ich habe "queer" noch nie benutzt, wenn ich mich im Alltag unterhalte.

    schönes Zitat aus der neuesten Staffel "Stadtgeschichten: "kann man queer sein, auch wenn man es nicht sieht (an seinem Äußeren/ Verhalten)?
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#5 OlliAnonym
  • 21.05.2020, 23:30h
  • Diese Diskussion ist nervig, beknackt und führt zu gar nichts. Was bin ich? LSBTIQ*?? Damit ja keiner vergessen wird und einen Zickenkrieg vom Zaun bricht? Diese Streitereien um die korrekte Bezeichnung für nicht cis Männern ist genauso bescheuert wie die Idee dem Regenbogen Schwarz und braun hinzuzufügen.

    Ich wette, dass es den meisten völlig egal ist, wie man sie bezeichnet. Hauptsache man kann leben wie man möchte.
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#6 Ralph
  • 22.05.2020, 10:35h
  • Antwort auf #2 von Girlygirl
  • Danke für Deine Ausführungen. - Na ja, "schwul" ist ja auch ursprünglich Schimpfwort und wird auch heute noch von Leuten so verwendet, für die auch "Jude" ein Schimpfwort ist. Ich selbst nenne mich schwul und benutze "queer" in der Regel nicht, sondern weiche auf die zugegebenermaßen etwas sperrige Aufzählung "Schwule, Lesben, transidentische und zwischengeschlechtliche Menschen" aus. Es fällt auf, dass manche aus dem Bauchladen LGBTTIQA* (hoffentlich hab ich nichts vergessen) für sich Selbstbezeichnungen verwenden, die andere mit gleicher Identität vehement ablehnen.
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#7 antosProfil
  • 22.05.2020, 12:23hBonn
  • Queer hin, queer her...aber apropos >>lahme Biederkeit<<: der Gedichtband ein, na klar, Kindchenschema works, >kleines Wesen<, der Mit-Herausgeber ein >Vater<?

    >Puh<, mir wird ganz schwummrig in diesem Metapherngestöber (und überhaupt: was dröhnt denn hier so?).
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#8 SystemneustartProfil
  • 23.05.2020, 00:26hHamburg
  • Mir gefällt die Vorstellung, dass alle fünf Definitionen von "queer" gleichzeitig richtig sind und die Menschen, welche das Wort als Beschreibung eines Teilaspekts ihres Selbst verwenden, in der Lage sind, einen eventuellen Widerspruch zu der Definition anderer Menschen auszuhalten.

    Der Regenbogen hat schließlich auch mehr als nur zwei Farben.
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#9 Still_IthProfil
  • 23.05.2020, 10:43hGießen
  • Ich würd ja einfach mal sagen: Es ist eigentlich ganz einfach. Wie queer dieses Buch ist, wirst du, wie überall, einschließlich CSD-Bühnen, 1. an der Zusammenstellung seiner Entscheidenden und MItwirkenden erkennen, und 2. an den behandelten Themen.

    EInfach mal prozentuales Vorkommen auflisten:
    Weiße
    Abled
    bzgl Mitwirkender, als Vorabcheck zum Thema Intersektionalität (selbst schuld, wer oben was von Feminismus angefangen hat, ne)

    Und dann als Queerness-Faktor (ebenfalls in Prozent):
    Cissen
    Heten
    Bisexuelle/Pansexuelle
    Schwule
    Lesben
    Inter
    Trans
    Asexuelle.

    Intersektionalitäten gern gesondert aufschlüsseln.
    Aufzulisten in Bezug auf
    => Ownvoice-Autor*innen
    => Vorkommende Themen, so offen kommuniziert, dass ein Seehofer nicht leugnen könnte, dass sie da sind.

    Meine persönliche Frage ist natürlich ganz simpel die: Wie viele schwule Trans*-Männer durften denn was beisteuern, wie viel Cissen-Kritik gibt's? Denn da das hier offenkundig ja Werbung ist, muss ich halt schon sagen: Bei weniger als 10% würd ich's eh nicht kaufen. Cissen-Literatur jeglicher Art gibt's bereits deutlich zu viel auf der Welt.
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