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Kindheit im Internierungslager

Wie George Takei den Horror seiner Kindheit in Mut verwandelte

In der Graphic Novel "They Called Us Enemy" erinnert der schwule Schauspieler an die Grausamkeit und den Rassismus, mit denen man Japano-Amerikanern wie ihm während des Zweiten Weltkriegs begegnete.


Ausschnitt aus dem Cover: In "They Called Us Enemy" erzählt George Takei von seiner Kindheit im Internierungslager

Eine wuselnde Masse von Ratten, gemeine schlitzäugige Winzlinge mit Überbiss, hinterlistig und feige – so werden japanische Soldaten im Kriegscartoon "Scrap The Japs" von 1942 dargestellt. Hollywood lässt Popeye den Seemann antreten, um die Welt vom Ungeziefer zu befreien.

Als George Takei 1966 die Rolle des Lieutenant Hikaru Sulu auf dem Raumschiff Enterprise antritt, muss er auf eine düstere Filmgeschichte zurückblicken. Fast immer wurden Japano-Amerikaner auf der Leinwand dazu benutzt, Stereotype zu reproduzieren. Dass er nun im landesweiten Fernsehen einen Charakter spielen soll, der der US-amerikanischen Öffentlichkeit das Bild eines gewissenhaften, hochintelligenten Asiaten vermittelt, macht ihn stolz. Takei glaubt ungebrochen an die Macht der Demokratie – und das, obwohl ihm sein Heimatland bereits als Kind großes Unrecht antat.

Nach der "Executive Order 9066" wurden 120.000 Menschen interniert

In der Graphic Novel "They Called Us Enemy", die zusammen mit den Co-Autoren Justin Eisinger und Steven Scott sowie der Zeichnerin Harmony Becker entstand, erinnert der "Star Trek"-Protagonist an die Grausamkeit und den Rassismus, mit denen man rechtschaffenen Staatsbürgern wie ihm während des Zweiten Weltkriegs begegnete.

Die Eltern des 1937 in Los Angeles geborenen Schauspielers sind Einwanderer der ersten Generation, sogenannte "Issei". Bereits sie wuchsen größtenteils in den USA auf, sprechen fließend die englische Sprache und betreiben eine kleine Wäscherei. Vom angesparten Geld kaufen sie sich ein Eigenheim, fest davon überzeugt, den sogenannten "American Dream" zu leben.

Dann fallen auf Hawaii Bomben, der Angriff auf Pearl Harbor lässt Uncle Sam in den Krieg ziehen und über Nacht wird die ehrenwerte Familie Takei zum Feind. Im Februar 1942 beschließt Franklin D. Roosevelt die "Executive Order 9066" – ein hysterisches, rassistisches Dokument, das die Internierung von 120.000 Menschen zur Folge hat. Alle Personen japanischer Abstammung stehen nun unter Generalverdacht der Kollaboration. Konten werden eingefroren, Grundbesitz wird enteignet, wenn es an der Tür klopft, hat man zehn Minuten, dann geht es ab ins Gefängnis.

Persönliche Siege im Rahmen von Recht, Gesetz und Aktivismus

Bilder von Verzweiflung gibt es daher in diesem Buch, das jetzt auf Deutsch im Verlag Cross Cult erschienen ist, zur Genüge. Während der kleine George und seine Geschwister munter im Zug zum Haftlager umhertollen, begreifen die Eltern, dass sie existenziell vor dem Nichts stehen, gedemütigt und noch einmal entwurzelt wurden. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben – Harmony Beckers Zeichenstil lehnt sich an die westliche Comictradition der Sechzigerjahre an, besticht durch einfache Strichführung und effektvolle Schattierungen in Schwarzweiß. Auch die Aufstände im Lager, die zunehmende Wut der Unschuldigen, Staub, Hass und Stacheldraht sind auf weitestgehend bedrückenden 204 Seiten empathisch in Szene gesetzt.


Auch mit 83 Jahren ist George Takei ein unermüdlicher – und äußerst unterhaltsamer – Aktivist für LGBTI-Rechte und gegen Rassismus (Bild: Gage Skidmore / flickr)

Dennoch endet das Buch nicht in Resignation. George Takei schildert zum Schluss seine persönlichen Siege im Rahmen von Recht, Gesetz und Aktivismus. Schließlich wurden die Japano-Amerikaner rehabiliert und entschädigt, es gibt ein Museum und offizielle Entschuldigungen von US-Präsidenten. 2005 outete sich Takei als schwul, 2008 heiratete er seinen Ehemann Brad in West Hollywood. Schon mindestens seit der Aids-Krise in den frühen 1980er-Jahren tritt er für die Rechte der LGBTI-Community ein.

Kraft und Mut dafür gaben ihm auch die Erlebnisse seiner Kindheit und der heldenhafte Einsatz seines Vaters während der Inhaftierung. Für das Mitglied der Democratic Party ist individuelles Engagement in der Gesellschaft der Schlüssel zu einem besseren Miteinander. Die letzen Seiten von "They Called Us Enemy" geraten deutlich pathetisch, schlagen den großen Bogen zu einer Dekaden umspannenden Empowerment-Erzählung. Noch mehr beweisen, dass man zweifellos ein waschechter Amerikaner ist, kann man kaum.

Infos zum Buch

George Takei, Harmony Becker, Justin Eisinger, Steven Scott: They Called Us Enemy – Eine Kindheit im Internierungslager. Graphic Novel. Hardcover. 208 Seiten. Cross Cult Verlag. Ludwigsburg 2020. Hardcover: 25 € (ISBN: 978-3-966580-39-7). E-Book: 12,99 € (ISBN: 978-3-966580-41-0).


#1 GerritAnonym
  • 24.05.2020, 14:22h
  • Schockierend.

    Umso bewundernswerter, welche Karriere er gemacht hat und wie sehr er sich heute für Minderheiten einsetzt.

    Selbst in seinem hohen Alter ist er noch aktiv um für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu kämpfen.

    Ein wahrer Held.
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#2 Julian SAnonym
  • 24.05.2020, 18:45h
  • Unbegreiflich, wie man seine eigenen Bürger nur aufgrund ihrer ethnischen Herkunft so behandeln kann.
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#3 Miguel53deProfil
  • 24.05.2020, 22:13hOttawa
  • Antwort auf #2 von Julian S
  • Unbegreiflich? Vielleicht. Aber Alltag zwischen Menschen, weil politisch immer weder gern genutzt. Und das bis heute.

    Frag mal deutsche Mitbürger mit asiatischem Äußeren, was heute los ist. Und das ist nur ein winziges Beispiel. Ich will gar nicht erst mit der großen, engstirnigen Welt anfangen...
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#4 DramaQueen24Profil
#5 SarkastikerAnonym
  • 25.05.2020, 09:42h
  • Antwort auf #4 von DramaQueen24
  • "Übrigens, man geht heute davon aus, dass etwa 20-25% der inhaftierten, Nationalsozialisten waren."

    Dann waren die restlichen 75 - 80 % bestimmt richtig happy über Ihre gerechte Einkerkerung.
    Viva America!
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#6 DramaQueen24Profil
  • 01.06.2020, 05:53hBerlin
  • Antwort auf #5 von Sarkastiker
  • Um zu verstehen, wie die Amerikaner damals tickten, und teilweise auch heute noch, hätten wir beide damals dort leben müssen.
    Sie sind aus lauter Angst zusammengesetzt. Teilweise aus berechtigter Angst, oft aber auch unbegründet.
    Damals hatte man, Dank der Erfahrungen des ersten Weltkrieges, Angst vor den "fünften Kolonnen von Japanern und Deutschen, Vor allem, da das FBI einige japanische und deutsche Aktionen im Vorfeld des 2. Weltkrieges verhindert und aufgedeckt haben (nachzulesen in dem Buch "Die FBI-Story" von Don Whitehead, verfilmt mit James Stewart).
    Maxcht es nicht besser, aber verständlicher, warum überreagiert wurde.
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