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Große Emotionen und soziales Engagement

Zum 75. Geburtstag: Ein Helles auf Fassbinder

Vor 75 Jahren wurde Rainer Werner Fassbinder geboren. Er starb jung. An den wichtigsten Vertreter des "Neuen Deutschen Films" erinnert sich der Filmnachwuchs heute kaum mehr. Ein Vorbild bleibt der bisexuelle Regisseur dennoch.


Rainer Werner Fassbinder im Jahr 1980 (Bild: Gorup de Besanez / wikipedia)

Rastlos, ruhelos, provokant – aber auch genial. Der deutsche Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler und Filmproduzent Rainer Werner Fassbinder prägte den "Neuen Deutschen Film" wie kein anderer. Am 31. Mai wäre Fassbinder 75 Jahre alt geworden.

Er starb mit nur 37 Jahren am 10. Juni 1982 in München. Sein künstlerisches Vermächtnis ist beeindruckend: Über 40 Spielfilme gehen auf sein Konto, außerdem Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. "Fassbinder hat in extremer Geschwindigkeit gedreht", sagt Medienwissenschaftlerin Michaela Krützen, Professorin an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), im Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur, "alles ging bei ihm schnell, schnell, schnell."

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Viele Filmstudent*innen kennen ihn gar nicht mehr


Fassbinders Grabstätte auf dem Bogenhausener Friedhof (Bild: Reinhardhauke / wikipedia)

Eine Arbeitsweise, die ihn auszeichnete – die aber im krassen Gegensatz zum heutigen Filmemachen steht. "Heute doktorn viele Studierende an zehnminütigen Filmen länger herum, als es Fassbinder mit einem ganzen Spielfilm gemacht hat", sagt sie. Mit seiner Arbeitsweise und Ästhetik wäre Fassbinder sicher kein Kandidat für heutige Streaming-Formate. Und auch in Hollywood würde sie den gealterten Film-Rebell nicht sehen, denn: "Er wäre sich wohl treu geblieben und hätte Underground-Filme gemacht."

Für ihre heutigen Student*innen sei Rainer Werner Fassbinder kein Vorbild, sagt Krützen. Die meisten kennen ihn nicht einmal mehr. "Das sind junge Menschen, die sind mit Tarantino aufgewachsen", sagt die Dozentin. Nur drei bis vier von 100 Studenten würden anfangs einen Film von Fassbinder kennen – was sich allerdings im Laufe des Studiums ändere. Pro Semester stellt Krützen einen Regisseur vor – und für die Siebzigerjahre steht stellvertretend Fassbinder. "Man muss ihn in die Herzen pflanzen", sagt sie. Das geschehe zum einen durch das Zeigen seiner Filme (besonders geeignet: "Angst essen Seele auf"), Vorlesungen und: durch ein gepflegtes Helles nach Unterrichtsschluss. "Nach der Vorlesung gehen wir alle immer in Fassbinders Münchner Stammlokal 'Die deutsche Eiche' und trinken ein Bier auf ihn."

Das wirkt. Auch in Bezug auf die Wahrnehmung des deutschen Regisseurs. Auf diese Weise fänden die angehenden Filmschaffenden einen persönlichen Zugang zu dessen Arbeitsweise – und könnten seine unvergleichliche Handschrift erkennen. Dass es Fassbinder gelang, große Emotionen mit sozialem Engagement zu verknüpfen, begeistere schließlich dann auch ihre Studenten, sagt die Professorin.

Erste Theaterstücke schrieb Fassbinder als Teenager

Rainer Werner Fassbinder wuchs nach der Scheidung seiner Eltern zunächst bei seiner Mutter auf. Mit 16 Jahren brach er die Schule in Augsburg ab und zog zu seinem Vater nach Köln. Zu dieser Zeit verfasste er erste Theaterstücke, Gedichte und Film-Ideen. Nach einer zweijährigen privaten Schauspielausbildung bewarb er sich vergeblich an der Münchner Schauspielschule und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Somit produzierte er als Autodidakt 1966 erste Kurzfilme, ein Jahr später trat er dem Action Theater bei, wo er bald auch Regie übernahm – und wo er mit seinem späteren Star Hanna Schygulla erstmals arbeitete.

Der Rest ist eines der umfangreichsten und erfolgreichsten Kapitel deutscher Film- und Fernsehgeschichte. Mit Filmen wie "Angst essen Seele auf", "Die Ehe der Maria Braun", "Die Sehnsucht der Veronika Voss" und "Lola" feierte er internationale Erfolge.


Rainer Werner Fassbinder und sein Star Hanny Schygulla (Bild: Gorup de Besanez / wikipedia)

Fassbinder lebte in einer häufig als "Clan" bezeichneten Gruppe, die ihm als Familienersatz diente. Die jeweiligen Partner*innen des bisexuellen Künstlers gehörten stets dazu: Von 1970 bis 1972 war er mit der Schauspielerin Ingrid Caven verheiratet. Zwischen 1971 und 1974 lebte er mit dem aus Algerien stammenden Schauspieler El Hedi ben Salem zusammen, den Fassbinder durch seine Filme bekannt machte. Es folgte 1974 bis 1978 eine Beziehung mit Armin Meier, der ebenfalls in einigen Filmen auftrat. Bis zu seinem Tod 1982 lebte Fassbinder mit seiner Filmeditorin Juliane Lorenz in einer gemeinsamen Wohnung in München.

"Provokant, gesellschaftskritisch und emotional"

Bis heute genießt Rainer Werner Fassbinder hohes Ansehen in der globalen Filmindustrie. Das sagt zumindest Fassbinder-Experte Manuel Zaefferer von der Münchner Volkshochschule: "Sein unermüdlicher Wille zur filmischen Innovation hat große Wellen in der internationalen Filmwelt geschlagen." Ein Einfluss, der bis heute spürbar sei. So würden die 360-Grad-Kamerafahrten, die Fassbinder gemeinsam mit seinem Kameramann Michael Ballhaus entwickelt hat, regelmäßig in Hollywood-Blockbustern imitiert, und andere, für ihn typische Kameraeinstellungen hießen an amerikanischen Filmschulen schlicht "Fassbinder-Shots". Dass darüber hinaus die Regie-Legende Martin Scorsese bekennender Fassbinder-Fan ist, festige dessen posthumen Ruf.

Umso bedauerlicher ist es da für Zaefferer, dass Fassbinders Einfluss auf heutige deutsche Filmemacher eher gering sei. "Fassbinder-Filme sind provokant, gesellschaftskritisch und emotional – diese Merkmale vermisse ich in vielen heutigen deutschen Filmen", sagt er und schickt die Gründe dafür hinterher: "Zum einen schrecken viele der heutigen deutschen Filmemacher vor großen, unironischen Gefühlen zurück. Zum anderen muss das deutsche Filmförderungssystem genannt werden, mit dessen Hilfe Fassbinder die meisten seiner Filme finanzieren konnte." Heute würden, so mutmaßt Zaefferer, vorwiegend Filme gefördert, die auch kommerziellen Erfolg versprächen.

Filme gegen Rassismus, Intoleranz und Homophobie

Fassbinder-Filme seien da schon ein anderes Kaliber: Filme, die nicht nur unterhalten wollen. "Sie stellen Fragen, sie provozieren, sie rütteln uns auf und – vielleicht am wichtigsten – sie berühren uns emotional", sagt Zaefferer. Die Fassbinder Foundation kümmert sich um das kreative Erbe des Künstlers. Außerdem würden seine Filme immer wieder im Rahmen von Retrospektiven auf großer Leinwand gezeigt, um dort ihre ganze Sogkraft zu entfalten, freut sich Zaefferer.

Wenn Fassbinder heute noch leben würde: Würde er dann immer noch Filme drehen? Zaefferer antwortet mit einer Gegenfrage: "Fassbinder hat in seinen Filmen angeprangert, was er als schädlich für die Gesellschaft empfand. Beispielsweise Rassismus, Intoleranz, Homophobie, Sadismus, das heuchelnde Bürgertum, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, ungebremsten Kapitalismus oder emotionale Grausamkeit. Was meinen Sie, würde er heute noch Stoff für seine Filme finden?"



#1 56James35Anonym
  • 25.05.2020, 13:13h
  • Natürlich würde er heute noch Stoff für seine Filme finden!
    RWFassbinder ist nicht vergessen und wird nie vergessen sein.
    Aber die junge Generation? Weiß sie, wer er war und was für ein Genie er war?
    Schade, dass er einen Film mit Romy Schneider nicht drehen konnte. Mit dem Gedanken haben beide gespielt. Im selben Jahr sind beide gestorben (1982).
    Die schönsten Menschen (innerlich meine ich) sterben zu früh...
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#2 jochenProfil
  • 25.05.2020, 18:15hmünchen
  • Fassbinders Film "Angst essen Seele auf" gehört wohl mit zu den besten deutschen Filmen , die je gedreht wurden.
    Dass aber heute fast kein Filmstudent ihn (Fassbinder) mehr kennt zeigt eine Kulturlosigkeit und Geschichtsvergessenheit, die ich so nicht vermutet hätte.

    Sein Film "Die Ehe der Maria Braun" wurde wochenlang in den New Yorker Kinos gespielt, - original mit Untertitel!!.
    Damals galt das deutsche (Autoren-) Kino als das beste der Welt, - bei den Filmkritikern... u. nicht so sehr beim Publikum.
    Heute spielt der deutsche Film - zu Recht - kaum eine Rolle, weder bei den Kritikern , noch beim PUblikum (von ein paar sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, wie z. B. Babylon Berlin....)

    Ich denke schon, dass Fassbinder, wenn er länger gelebt hätte, velleicht sogar in Hollywood gedreht hätte. Jedenfalls meinte er am Ende seines Lebens, dass er gerne in der Art "Hollywoodfilme" drehen würde,- ... nur nicht so verlogen.
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#3 Pink FlamingoAnonym
  • 26.05.2020, 07:46h
  • Antwort auf #2 von jochen
  • Die Ehe der Maria Braun hat mich derart fasziniert. Als ich bei meinen Freunden in San Francisco wieder mal zu Besuch war, gab es einen Tag, den wir ganz diesen wunderbaren Regisseur widmeten. Denn es lief im privaten TV Berlin Alexanderplatz . Ungekürzt und in Originalfassung mit englischen Untertitel. Mein Freund kannte Westberlin von einen seiner Besuche und saß ganz gespannt vor der Glotze um auch ja alles mitzukriegen. Bei seinen ersten und einzigen Besuch in der geteilten Stadt traute er sich nicht als Amerikaner einen Tagesausflug in den Ostteil v.Berlin zu wagen. Trotz gutem Zureden.
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#4 StaffelbergblickAnonym
  • 26.05.2020, 12:05h
  • Antwort auf #3 von Pink Flamingo
  • "Berlin Alexanderplatz" ... kann ich mich auch noch gut daran erinnern. Damals gab es einen kleinen Aufruhr, weil viele vermuteten es gäbe Probleme mit dem Fernseher ... aber RWF hatte dabei sparsames Licht als wesentliches Stilmittel eingesetzt.
    Und dann gibt es noch "In einem Jahr mit 13 Monden". Angeblich nach Überlieferung sein wichtigster Film. Für mich der ausdrucksstärkste Film. Ich hatte den Film damals ... es muß die Lupe am Ku-Damm gewesen sein, einem eher kleineren Kino gesehen. Aber diese extreme psychische Gewalt von Sprache und Bild dieses Filmes war für mich kaum zum Aushalten ... wollte das Kino verlassen und blieb doch bis zum Ende. Besonders in Erinnerung ist mir dabei die Szene als "Elvira" ein letztes durch ihre ehemalige Arbeitsumgebung läuft, vorbei an zum Ausbluten an Hacken hängenden Rinder.
    Allerdings war RWF auch nicht "ohne". So gibt es Berichte von Weggefährten, die sich über die teilweise rohe Sprache am Set beklagten, u.a. auch von Brigitte Mira. Seinem ehemaligen Kameramann Ballhaus ging es gewaltig auf den Sack, der er ihn immer schwul anmachte (nachzulesen in der Ballhaus Biographie). Das war auch ein Teil, weshalb er es ablehnte weiter mit Faßbinder zu drehen, obwohl er ihn künstlerisch lobt.
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#5 56James35Anonym
  • 26.05.2020, 13:04h
  • Der Film "Faustrecht der Freiheit" (Französisch : "Le droit du plus fort" = "das Recht des Stärkeren") ist auch ein Meisterwerk. Wer wissen wil, was in den 70er Jahren ein junger Schwuler vom Leben zu erwarten hatte, der soll/muss diesen Film sehen.
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