Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?36195

Historischer Richterspruch

Oscar Wilde vor 125 Jahren wegen Homosexualität verurteilt

Die Haft des irischen Schriftstellers kam einem Todesurteil gleich: Oscar Wilde erholte sich nie mehr von der Zwangsarbeit, die er hinter Gittern leisten musste.


Oscar Wilde in einem um 1882 aufgenommenen Foto von Napoleon Sarony

Am 25. Mai 1895, vor genau 125 Jahren, ist Oscar Wilde ("Das Bildnis des Dorian Gray") im auch heute noch genutzten Strafgerichtsgebäude Old Bailey in London wegen "Sodomy" (Unzucht) zu zwei Jahren Haft mit harter Zwangsarbeit verurteilt worden. Der Richter hätte den irischen Schriftsteller damals am liebsten noch härter bestraft. Die maximal erlaubte Strafe sei "völlig unzureichend für einen Fall wie diesen", zürnte der wegen der Homosexualität des Angeklagten angewiderte "Mister Justice". Er bezeichnete die Causa Wilde als "schlimmsten Fall, den ich je vor mir hatte".

Ausschlaggebend für die Verurteilung war nicht direkt sein Verhältnis zu Lord Douglas (Bosie), das etwa im Film "Oscar Wilde" mit Stephen Fry und Jude Law aus dem Jahr 1997 dargestellt wurde. Vielmehr wurde ihm sein allzu offener Umgang mit männlichen Prostituierten zum Verhängnis, von denen einige als Zeugen gehört worden waren.

Twitter / BNArchive | Die in Großbritannien traditionell wenig zimperlichen Medien hatten den Prozess gegen Oscar Wilde interessiert verfolgt

Die damals in England üblichen barbarischen Haftbedingungen und die Zwangsarbeit waren trotz der vom Richter beklagten Milde genug für Wilde: Nach seiner Freilassung 1897 war er gezeichnet und siedelte nach Paris um – dort starb er nach drei Jahren völlig verarmt an den Spätfolgen der Haft mit gerade einmal 46 Jahren.

- Werbung - Video - Abheben und Frankreich und die Welt entdecken

Oscar Wilde ist – neben dem in Ungnade gefallenen Kriegshelden Alan Turing – wohl das bekannteste schwule Opfer der britischen Justiz. Der Lyriker, Romanautor, Dramatiker und Kritiker galt schon zu Lebzeiten als einer der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten Schriftsteller im damals viktorianischen Königreich.

Twitter / gerrystone

Das Gesetz, nach dem Wilde verurteilt wurde, war praktisch seit 1533 in Kraft, sah bis 1861 auch die Todesstrafe vor und ist bis heute Grundlage anti-homosexueller Paragrafen in einigen ehemaligen Kolonien. Auch auf den britischen Inseln sind Schwule länger verfolgt worden als in den meisten anderen europäischen Ländern: In England und Wales wurde männliche Homosexualität 1967 legalisiert, in Schottland 1981, in Nordirland 1982 und in der Republik Irland 1993. Inzwischen gelten sowohl das Vereinigte Königreich als auch Irland als äußerst fortschrittlich bei LGBTI-Rechten – alle Landesteile haben etwa die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet. Letzte Bastion der Ehe-Gegner war Nordirland. Dort dürfen gleichgeschlechtliche Paare aber seit Februar 2020 auch heiraten (queer.de berichtete). (dk)



#1 GerritAnonym
  • 25.05.2020, 15:07h
  • Schlimm.

    Es wäre schön gewesen, zu sehen, was dieser kreative Freigeist noch alles an Theaterstücken, Romanen, Erzählungen, Gedichten, Märchen und Essays geschaffen hätte, wenn er nicht vernichtet worden wäre.

    Und was der Nachwelt noch alles an seinen berühmten Zitaten und Bonmots erhalten geblieben wäre.

    Bei weitem nicht der einzige Fall, aber sicher der bekannteste Fall, wie Homosexuelle früher auch in mittlerweile vorbildlichen Staaten verfolgt, interniert, gequält und vernichtet wurden.

    Dass er die Folgen der Haft nicht überstanden hat und dann drei Jahre später verarmt und mit erst 46 Jahres gestorben ist, ist eine Schuld, die immer auf der damaligen Gesellschaft lasten wird.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Carsten ACAnonym
  • 25.05.2020, 15:28h
  • Als Kind bin ich mit zwei Märchen von Oscar Wilde in Berührung gekommen: "Der glückliche Prinz" und "Das Sternenkind".

    Beide Märchen sind wunderschön. Und danach konnte ich mit den Märchen der Brüder Grimm (die diese ja auch nur gesammelt und nicht erfunden hatten) nicht mehr viel anfangen.

    Allenfalls die Märchen von Hans Christian Andersen fand ich zu denen von Wilde gleichwertig.

    Und noch heute gehören diese beiden Märchen zu meinen Lieblingstexten.

    Als wir dann später im Englischunterricht seinen Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" und seine Erzählung "Das Gespenst von Canterville" gelesen haben, wurde ich dann endgültig zum Fan.

    Bei seinen Theaterstücken mag ich vor allem "Lady Windermeres Fächer", "Ein idealer Gatte" und "Bunbury, Ernst sein ist alles". Die wurden ja auch schon mehrfach verfilmt.

    Aber auch seine Sachtexte, wo er sich immer wieder gegen Obrigkeiten auflehnt und z.B. fordert, dass sich die Menschheit nicht an ökonomischen Theorien, sondern an ästhetischen Idealen orientieren sollte, finde ich hochinteressant.

    Auf jeden Fall einer der ganz großen der Literaturgeschichte, der in den Untergang gezwungen wurde und viel zu früh starb.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 FilmfanAnonym
  • 25.05.2020, 16:07h
  • Neben mehreren guten Dokus gibt es auch mehrere gute Verfilmungen des Lebens von Oscar Wilde, die sehr sehenswert sind.

    Z.B. die britischen Filme "Oscar Wilde" und "Der Mann mit der grünen Nelke", beide aus dem Jahr 1960.

    Und natürlich den bekanntesten Film über Oscar Wilde: "Wilde" mit Stephen Fry und Jude Law aus dem Jahr 1997.

    Die sind alle sehr sehenswert.

    Es gibt auch noch einen aus dem Jahr 2018 mit Rupert Everett, der sich vor allem den letzten Jahren in seinem Exil in Paris widmet. Den kenne ich aber selbst noch nicht.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 FinnAnonym
  • 25.05.2020, 18:56h
  • Ich muss zugeben, dass ich noch nichts von Oscar Wilde gelesen habe.

    Aber ich mag seine zahlreichen Sprichwörter.

    Ich sollte auch mal was von ihm lesen...
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Peck_SProfil
  • 25.05.2020, 22:20hFrankenthal
  • Wenn man bedenkt, was er uns hätte noch alles schenken können, wenn er nicht von der englischen Justiz aus dem Leben gerissen worden wäre. So traurig und schade!

    Für mich literarische Feinkost und menschlich ein Leuchtfeuer. Habe mich über Dorian Gray in seine Prosa verliebt und mittlerweile alles gelesen, was ihm zugeschrieben wird. Alleine seine Aphorismen füllen ein halbes Notizbuch.

    Wen es juckt: Bei Anaconda (Verlag) gibt es sein Gesamtwerk, gebunden für knapp 10. You're welcome.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Ralph
  • 26.05.2020, 11:40h
  • Antwort auf #2 von Carsten AC
  • Auch ich habe im Englischunterricht das Gespenst und Dorian Gray gelesen. Heute erscheint es mir bemerkenswert, dass dabei kein Wort über das an Oscar Wilde verübte Justizverbrechen verloren wurde. Bemerkenswert für die gesellschaftliche Einstellung weit über Großbritannien und weit über die damalige Zeit hinaus ist auch die Einstufung von Wildes "Verbrechen" als schlimmstes, das dieser Richter je zu verurteilen hatte - nicht etwa dass ein Mord schlimmer gewesen wäre als einvernehmliche Homosexualität.

    Es gibt ja zahlreiche Ausgaben von Wildes Werken. Ich möchte bei der Gelegenheit mal auf etwas eher Abseitiges hinweisen, die graphic novel "Der reine Ernst" von Tom Bouden, die die Gesellschaftskomödie "Ernst sein ist alles" auf schwul umschreibt. Und Liebhabern sei im Verlag Blessing das Oscar-Wilde-Album von Merlin Holland empfohlen, dem Enkel des Dichters.
  • Antworten » | Direktlink »