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Studie

Mobbing treibt Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen nach oben

Mobbing spielt bei Suiziden unter queeren Teenagern eine viel größere Rolle als unter nicht-queeren jungen Menschen, die Selbstmord begehen. Die Lösung ist laut Forschern einfach: Schulen müssen etwas gegen Mobbing und für LGBTI-Akzeptanz tun.


Mobbing kann Kinder und Jugendliche in den Suizid treiben – und besonders häufig werden queere Teenager gemobbt (Bild: ankxt / flickr)

Homo-, bi- oder transsexuelle Kinder und Jugendliche haben ein weit höheres Risiko, sich das Leben zu nehmen als andere Teenager*innen. Das haben mehrere Studien bereits nachgewiesen – eine italienische Metastudie kam 2018 etwa zu dem Ergebnis, dass junge queere Menschen ein vier- bis sechsfaches Risiko haben, einen Selbstmordversuch zu verüben (queer.de berichtete).

Eine am Dienstag im Fachmagazin "JAMA Pediatrics" veröffentlichte US-Studie könnte nun Aufschluss darüber geben, warum sich queere Teenager*innen eher das Leben zu nehmen: Forscher*innen der Yale-Universität im Bundesstaat Connecticut fanden heraus, dass queere junge Menschen, die durch eigenen Hand gestorben sind, fünf Mal eher gemobbt worden seien als nicht-queere Kinder und Jugendliche.

Die Forschenden unter Führung von Hauptautorin Kirsty Clark hatten rund 10.000 Sterbeurkunden aus den Jahren 2003 bis 2017 untersucht, die für zehn- bis 19-jährige Jugendlichen ausgestellt worden waren, die sich das Leben genommen hatten. Laut Clark handelte es sich dabei um die erste Studie, die die unterschiedliche Rate von Mobbing, inklusive Cybermobbing, bei Suiziden unter queeren und nicht-queeren Jugendlichen untersuchte. Für die Untersuchung wurden neben Todesurkunden unter anderem auch Berichte von Gerichtsmediziner*innen, der Polizei oder sogar Einträge in sozialen Medien und Abschiedsbriefe ausgewertet.

Bei LGBTI lag der Anteil der durch eigene Hand gestorbenen Kindern und Jugendlichen, die vorher gemobbt worden waren, bei 20,7 Prozent – bei Nicht-LGBTI waren es "nur" 4,4 Prozent. Am höchsten war der Wert bei Zehn- bis 13-Jährigen: Hier waren bei suizidalen queeren Kindern 68 Prozent im Vorfeld gemobbt worden – bei nicht-queeren Kindern waren es 15 Prozent. Die meisten Suizide ereigneten sich sowohl bei LGBTI als auch bei Nicht-LGBTI in der Gruppe der 17- bis 19-Jährigen – dieser Gruppe stellte je mehr als die Hälfte der Toten.

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Mobbing verschärft Probleme mit psychischer Gesundheit

"Gemobbte Menschen haben eher Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit, was Depression oder Angstgefühle beinhaltet, die zu suizidalen Gedanken oder Verhaltensweisen beitragen können", erklärte Hauptautorin Kirsty Clark. "Für Heranwachsende, die LGBTQ sind und bereits mit ihrer LGBTQ-Identität zurechtkommen müssen, können Mobbing und soziale Ausgrenzung die psychische Gesundheit und die Suizidalität erheblich beeinflussen."

Sie verwies auch auf eine Studie der US-Gesundheitsbehörde CDC (PDF), wonach schwule, bisexuelle oder lesbische Highschool-Schüler*innen fast zwei Mal so häufig Opfer von Mobbing werden (33 Prozent gegenüber 17 Prozent). In dieser Gruppe gebe es daher auch vier Mal eher Versuche, sich das Leben zu nehmen (23 Prozent gegenüber fünf Prozent).

Clark fordert angesichts all dieser Daten eine Reaktion der Politik. Würde an Vorschulen und Schulen Mobbing besser bekämpft und die Akzeptanz von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten gesteigert, könne die Selbstmordrate unter queeren Kindern und Jugendlichen erheblich gesenkt werden. Außerdem müssten Kinderärzt*innen für die Belange queerer Patient*innen sensibilisiert werden.

Freilich gibt es bei derartigen Initiativen an Schulen erheblichen Widerstand von konservativen oder rechtspopulistischen Politiker*innen, die LGBTI-Akzeptanzunterricht an Schulen als "Frühsexualisierung" diskreditieren. Dieses Spiel mit dem Leben queerer Menschen findet in Deutschland meist in der AfD statt, aber auch Unions-Abgeordnete wie Hans-Jürgen Irmer, die Berliner CDU-Fraktion oder die bayerische CSU werben mit Hass auf sexuelle und geschlechtliche Minderheiten um Stimmen.

Hilfsangebote bei Suizidgedanken

Eine generelle Notfall-Seelsorge für Menschen mit Suizidgedanken ist unter der kostenlosen Nummer 0800 111 0 111 zu erreichen (für Kinder und Jugendliche gibt es auch die kostenlose "Nummer gegen Kummer" unter 116 111).

Für Kinder und Jugendliche, die in Deutschland Schwierigkeiten rund um ihr Coming-out haben, gibt es zahlreiche LGBT-Jugendgruppen und -zentren, die ebenso Beratung bieten wie Kontaktmöglichkeiten zu Gleichgesinnten. Auch mehrere Webseiten, etwa dbna (Du bist nicht allein) oder die des bundesweiten Jugendnetzwerks Lambda, richten sich gezielt an junge Schwule und Lesben.


#1 JasperAnonym
  • 27.05.2020, 17:21h
  • "Die Lösung ist laut Forschern einfach: Schulen müssen etwas gegen Mobbing und für LGBTI-Akzeptanz tun."

    Aber wie so oft:
    statt das Einfach zu tun, was viele Menschen schützen würde, sieht die Politik einfach weg.
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#2 Felix-baerlinAnonym
  • 27.05.2020, 17:50h
  • Antwort auf #1 von Jasper
  • Mit die Politik meinst du die Regierungspolitik? Denn es gibt ja zahlreiche Politiker*innen, die Maßnahmen unterstützen.

    Was jedoch nicht reicht ist Symbolpolitik. Die ist zwar nett, wenn z.B. in Baden-Württemberg einzelne Queere Gruppen unterstützt werden. Aber wenn eine Kultusministerin dort ein Bremsklotz für kompetente Antidiskriminierungsarbeit, insbesondere durch die Lehr*innen ist, bringt das so gut wie nichts. In BaWü können zwei Queere Initiativen in absoluten Zahlen nur verschwindet wenige Schüler*innen erreichen.
    Die nun wieder im Artikel aufgezeigten, aber längst bekannten Zahlen von Suiziden bewegen offenbar Wenige. Selbst da, wo eine grüne Partei mitregiert und den Ministerpräsidenten stellt. Schämt euch!
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#3 Yeoj_Profil
  • 27.05.2020, 18:02hFFM
  • Mir macht Sorge, dass der "einfache" Lösungsvorschlag gar keiner ist. Ja, das meiste Mobbing betrifft Teenager in Schulen. Aber WAS genau sollen Schulen tun? Die Bereitschaft einzugreifen ist sicher bei vielen Lehrern da, aber die meisten Jugendlichen beziehen die Erwachsenen ein. Die Täter sind darauf bedacht, ihre Mobbingstrategien ungesehen zu verwirklichen (Handy, Schulwege, Toilette... - überall, wo der Lehrer nicht heran kann) und die Opfer scheuen sich leider zumeist, Vertrauenslehrer oder andere Ansprechpartner in der Schule einzubeziehen. Dass was getan werden muss, dem stimmen gewiss viele (mich eingeschlossen) zu, aber wir brauchen konkrete Vorschläge und keine hohlen Dienstanweisungen.
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#4 Peck_SProfil
  • 27.05.2020, 18:03hFrankenthal
  • Dazu fällt mir ein Zitat aus Marvin, dem Film über Edouard Louis ein, dass die besondere Dramatik bei queeren Jugendlichen verdeutlicht:

    "Ein schwarzer Junge wird in der Schule als Neger beschimpft. Er geht nach Hause, er ist verletzt. Er ist traurig und aufgewühlt. Aber seine Eltern sind für ihn da. Sie unterstützen und trösten ihn. Er ist zuhause, beschützt und nicht länger allein.
    Nehmen sie stattdessen einen schwulen Jungen. Man nennt ihn Schwuchtel und wenn er nach Hause kommt, erfährt er oft keine Unterstützung. Niemand tröstet ihn. Er ist allein. So allein, dass er noch nicht mal darüber spricht. (ungeoutet) Warum? Weil in seinem eigenen Heim, in seiner eigenen Familie, Schwule und Lesben beleidigt werden. Er lebt in der radikelsten Form des Exils. ... Dieses Kind fühlt sich nirgendwo zuhause. Er ist ein Fremder in seinem eigenen Haus, in seiner eigenen Familie" [sic!]
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#5 SchleicheR74
  • 27.05.2020, 18:07h
  • Was muss man für ein Mensch sein, wenn man bei Selbstmorden von 10-19 jährigen jungen Menschen wegsehen kann? Unfassbar, wer hier kein Mitgefühl zeigen kann und wegsieht.
    Es sollten inzwischen genug Studien zur Verfügung stehen, die zum Handeln zwingen, um die junge Generation zu schützen.
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#6 GirlygirlProfil
  • 27.05.2020, 19:00hKS
  • Traurigerweise passt die Studie genau zu meinen Erfahrungen. Hab vor nicht allzu langer Zeit Abi gemacht und ich kannte ein paar Jungs und Mädchen, die wegen ihrer Sexualität und Transsexualität ausgegrenzt wurden. Ein Junge, der bisexuell war beging sogar Suizid. Ich hatte außerdem ein paar Lehrer, die selbst das Wort schwul im negativen Sinne benutzt haben. Wenn ein homophober Vorfall dann mal gemeldet wurde (was ich nur zweimal erlebt habe), wurde es heruntergespielt. Ich bin froh, dass ich mich zu Schulzeiten nur ganz wenigen anvertraut habe und auch nicht klischeehaft "lesbisch aussah", wer weiß, ob ich dann nicht auch so etwas erlebt hätte. Die Homophobie unter Jugendlichen hat zwar abgenommen, aber sie existiert definitiv noch. Gerade Jungs/Mädchen, die nicht dem Geschlechterbild entsprechen (da sind auch Heteros drunter) werden immer noch runtergemacht. Da gebe ich den Lehrern oder den Kultusminister auch eine Mitschuld. Ich hatte so glaube ich dreimal Sexualkunde, das letzte Mal 2015 und das einzige Mal, wo LGBT erwähnt wurde, war als wir das Thema Infektionskrankheiten hatten und es um HIV ging. Über verschiedene sexuelle Orientierungen wird viel zu wenig/gar nicht unterrichtet. Von Geschlechtsidentität/Transgender ganz zu schweigen. Mag sein, dass es an anderen Schulen anders ist, aber bei mir war es halt echt ungünstig.
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#7 Felix-baerlinAnonym
  • 27.05.2020, 21:25h
  • Antwort auf #3 von Yeoj_
  • Ich stimme dir absolut zu!
    Es gibt genügend Profis, die als Multiplikator*innen unglaublich viel Know-how haben, z. B. In dem Programm/Netzwerk Schule der Vielfalt.
    Nur bringt deren Wissen und Können als Trainer*innen den Schulen und Jugendlichen nichts, wenn eine Kultusministerin wie die in BaWü dies nicht fest und längerfristig in die Lehrerausbildung einbindet.
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#8 Homonklin_NZAnonym
  • 27.05.2020, 23:16h
  • Antwort auf #4 von Peck_S
  • Danke für diesen Beitrag!

    Das trifft den Nagel nämlich auf den Kopf. Ist das Mobbing an der Schule und oft auf dem Heimweg durch, geht es zuhause damit weiter. Auch wenn es die Familie nicht weiß oder was anderes vermutet wird, als Kind merkt man den Unterschied deutlich, und statt aufmunternder Wertung eine Abwertung täglich zu erhalten, kann die Selbstinstanz zermörsern. Irgendwann bricht die Psyche. Kein Rückhalt, keiner, mit dem man reden kann, keine Hoffnung.

    Jede Schule müsste eine*n Ansprechpartner*In für Mobbing und queere Identitäten, sich darum bewegende Fragen haben. Über Mobbing muss so gesprochen werden, wie über natürliche Vielfalt. Es sollte nicht nur in Workshops wenige Male im Jahr Umgang mit Vielfalt und mit einander angesprochen werden, sondern eine'n ständigen Ansprechpartner*In geben!
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#9 SperoAnonym
  • 21.06.2020, 14:41h
  • Verdammt Traurig was da abgeht... Kenne ich aus meiner Erfahrung. Wurde von der eigenen Familie in die Psychiatrie getrieben und verleumdet. Psychiater sagt ich sei krank da ich gay bin. Wurde immer wieder mit Zwangsmedikation und Spritzen bei Fixierung gefoltert und das in der BRD. Keiner hat geholfen und heute bin ich Obdachlos noch. 7 Jahre zu Unrecht dazu in geschlossenen gehockt. Ich wurde meiner Jugend beraubt und das im 21.Jahrhundert.
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