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Interview

Was macht Corona mit dem queeren Kino?

Das queere Medienhaus Salzgeber probiert in der Krise erfolgreich neue Online-Konzepte. Geschäftsführer Björn Koll erklärt, warum nicht jeder Film im Stream gezeigt wird, dass "Kopfplatzen" im Kino längst nicht so gut gelaufen wäre und wie teuer eine Synchronisation ist.


Frische queere Filme sind lecker und knackig: Plakatmotiv des Feast Film Festival 2014 im australischen Adelaide

Corona trifft die ganze Filmindustrie schwer. Salzgeber hat daher den Salzgeber Club ins Leben gerufen, ein Video-on-Demand-Angebot. Wie wurde das bislang angenommen?

Manchmal nerve ich meine Auszubildenden und erzähle von früher: Ende der Achtzigerjahre hatten wir eine mechanische Schreibmaschine und der Anrufbeantworter war ein sauteures High-Tech-Gerät, auf dem Manfred Salzgeber erzählte, dass er von dann und dann in New York in diesem Hotel und danach in San Francisco unter dieser oder jener Nummer erreichbar sei. Aber halt drei Stunden später. Filmkopien wurden gerne von diesen Reisen gleich (mehr oder weniger illegal) mitgebracht, denn Luftfracht war unbezahlbar und eine Filmkopie aus dem Zoll zu bekommen ein kleines Abenteuer.

Untertitel wurden in Holland erstellt, das heißt winzige Schablonen wurden in das Celluloid gestampft und irgendeine ekelhafte Chemie ätzte dann den Untertitel in die Emulsionsschicht und das dauerte Bild für Bild. 24 Bilder sind eine Filmsekunde und 90 Minuten Film sind 129.600 Bilder oder auch 2,5 Kilometer oder 25 Kilogramm. Und wenn wir mal wieder zu spät dran waren, dann setzten wir uns in die Bahn oder ins Auto und holten die Kopie in Holland ab, um rechtzeitig am Abend irgendwo in West-Deutschland – ja, die Mauer gab es auch noch – die Kopie zu einer Premiere zu wuchten.


Geschmuggelte Filmrollen: Manfred Salzgeber gründete 1985 die Edition Salzgeber in Berlin. 1995 starb er an den Folgen von Aids (Bild: James Steakley / wikipedia)

Diese Zeiten sind ja lange vorbei…

1993 haben wir dann den ersten Film auf VHS veröffentlicht – noch mit diesen superhässlichen Softboxen – und 2000 haben wir eine eigene technische Abteilung aufgebaut, um unsere Filme auch auf DVD veröffentlichen zu können. Die Programmierung einer DVD war damals noch so teuer, dass sich das für nicht so umsatzstarke Titel nie gerechnet hätte. Und unser VoD-Angebot auf Vimeo gibt es nun auch schon seit drei Jahren, aber jetzt hat das Kind mal endlich seinen Namen bekommen und heißt Salzgeber Club.

Ich erzähle das so ausführlich, um darauf hinzuweisen, dass sich die Herausbringung von Filmen in den letzten Jahrzehnten schon häufiger geändert hat und sich Salzgeber schon häufiger anpassen musste und sich immer wieder die Frage stellen musste, was unser Publikum möchte, beziehungsweise wie ein Film zu seinem Publikum findet.

Die Kinoauswertung steht dabei für uns selbstverständlich immer im Vordergrund. Das ist unser Credo, denn wir arbeiten für diesen magischen Moment im Kino, wenn man mit fremden Menschen einen Film gemeinsam schaut und irgendetwas ganz Großartiges passiert und ein ganzer Saal verzaubert wird. Unser VoD-Angebot soll und wird diese Kinomomente nicht ersetzen können, ist aber aktuell die beste Möglichkeit, unser Publikum zu erreichen. Darüber hinaus muss man natürlich auch bedenken, dass wir mit der queerfilmnacht (ab Juli geht es wieder los) zwar in über 30 Kinos unsere Filme zeigen, Perleberg oder Anklam aber natürlich nicht erreichen. Da gibt es viele weiße Flecken, und die Programmversorgung queerer Menschen darf sich nicht nur auf die Großstädte beschränken.

Wir sehen das auch immer wieder an der Auswertung von "rbb QUEER": da sind die Quoten in Brandenburg nicht unbedingt schlechter als in Berlin. Der Salzgeber Club ist da einfach ein zusätzliches Angebot und wird zukünftig die DVD-Veröffentlichung ergänzen.

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Was heißt das konkret?

Unsere Filme werden auch weiterhin zuerst im Kino gezeigt, gehen dann für vier Wochen exklusiv in den Salzgeber Club und sind danach auf DVD und den anderen Plattformen erhältlich. Und ganz aktuell wollen wir einfach auch zeigen, dass wir für unser Publikum, aber auch unsere Filmemacher*innen da sind und uns von einem blöden Virus nicht kleinkriegen lassen. Aktuell haben wir knapp 1.000 Follower auf Vimeo, und das können natürlich noch viel mehr werden.

Welche Filme kommen denn am besten an, welche sind digitale Ladenhüter?

Die Frage nach "digitalen Ladenhütern" mag ich nicht. Wer sich mit über 30 Jahren Salzgeber beschäftigt, der weiß, dass auch schwierigere Filme, die mehr als ein bisschen Ablenkung, Unterhaltung und ein paar süße Jungs bieten, bei uns ihre Heimat haben. Und unsere Programmauswahl war noch nie vom Erfolgspotential eines Films abhängig, sondern beruht eher auf einem, von mir aus auch ziemlich Subjektiven: Passt der Film zu Salzgeber, hat er etwas zu sagen, hat der Film seine Bedeutung? Und in diesem Zusammenhang ist es für mich dann auch völlig okay, wenn ein Film vielleicht nur 50 Mal abgerufen wird. Nur dass ich mir natürlich permanent die Frage stelle, wie wir den Film besser kommunizieren können oder besser für den Film begeistern können.

Diese Woche starten wir in restaurierter Fassung einen meiner Lieblingsfilme: "100 Tage, Genosse Soldat". Ein Film, der 1990 in der Sowjetunion gedreht wurde und dann ein sogenannter Regalfilm war. Das heißt: Der Film durfte nicht vorgeführt werden und lag im Regal. Durch einen Zufall hatte ich den Film 1993 entdeckt und unter großen Mühen das Negativ im Zug aus Moskau gebracht. Der Film lief dann 1994 und auch noch mal 2019 auf der Berlinale und ist für unsere Sehgewohnheiten einfach mal sehr ungewöhnlich und vielleicht auch ziemlich durchgeknallt und ein bisschen trippig. Da lässt man sich entweder drauf ein und sagt einfach nur "Wow, wow, wow!" oder es zündet halt nicht. Und selbst wenn dieser Film vielleicht ein "Ladenhüter" ist, so ist er doch für manche Menschen einfach ein großartiges Erlebnis und wird garantiert nie bei Netflix landen. Der Salzgeber Club ist halt eher ein Delikatessengeschäft.

Wie oft wurde denn der erfolgreichste Film gestreamt?

Da sind wir bei "Kopfplatzen" mit über 10.000 Ansichten ziemlich gut dabei.

Glauben Sie, im Kino hätten "Kopfplatzen" mehr gesehen?

Nein. Auf keinen Fall.


Der erste Film im Salzgeber Club war der bislang erfolgreichste: "Kopfplatzen" mit Max Riemelt als pädosexueller Mann wurde über 10.000 Mal gestreamt (Bild: Salzgeber)

Weil den Film über einen pädosexuellen Mann nur fünf Kinos zum Kinostart zeigen wollten? Ist für solche Filme Video-on-Demand vielleicht sogar die bessere Plattform?

Filme in Deutschland werden in der Regel mit Fördermitteln gemacht, und da greift dann das Filmförderungsgesetz, das dem Verleiher eine Sperrfrist vorschreibt. Also sechs Monate bis zur DVD und VoD und zwölf Monate bis zur Fernsehausstrahlung sind einfach mal Gesetz für deutsche Filme. Und weil es der Kinobranche nicht besonders gut geht, werden mögliche Ausnahmen vom Gesetz oder die Frage, was eigentlich für den jeweiligen Film sinnvoll wäre, nur sehr schwerfällig diskutiert.

Bei unseren nicht-deutschen Filmen kann man ganz gut sehen, wie wir mit den Sperrfristen flexibel umgehen und den Filmen schon eine exklusive Zeit im Kino gönnen, um dann mit dem Salzgeber Club, der DVD-Veröffentlichung und den anderen Streaming-Plattformen nachzuziehen. Ob jetzt ein Day-and-date Release, also alle Auswertungsformen am gleichen Tag, das bessere Konzept wäre, bezweifele ich. Grundsätzlich plädiere ich allerdings für eine eher entspannte Diskussion bei dem Thema und glaube daran, dass die Zukunft da bunter wird. Und ein Kinoabend mit Max Riemelt oder dem Regisseur zum Gespräch nach der Vorführung wird auch nach der VoD-Auswertung oder dem Erscheinen der DVD noch immer etwas ganz Besonderes sein und sein Publikum finden.

Und Du hast natürlich Recht: Ein Film über einen pädosexuellen Mann lässt sich ganz schwer an die Kinos vermieten und viele Kinobetreiber sagen da einfach: Lass mich mit dem Thema in Ruhe, damit möchte ich mich nicht beschäftigen.

Mit der queerfilmnacht kommt queeres Kino auch in die Provinz – das fällt aktuell weg. VoD kann diese Sichtbarkeit nicht ausgleichen, oder?

Kino, gerade auch die queerfilmnacht, wird immer etwas ganz Besonderes bleiben und das kann VoD nicht ersetzen. Und im Juli geht es mit der queerfilmnacht auch wieder los.

Das preisgekrönte Highlight "Futur Drei" zeigt Salzgeber aber nicht im Club…

"Futur Drei" haben wir jetzt über drei Jahre durch eine durchaus schwierige Produktionsgeschichte begleitet und sind also in Geduld geübt. Der Film wird auf dem queerfilmfesival im September gezeigt und bekommt dann im Herbst oder Winter seinen Kinostart. Da sich der Regisseur Faraz Shariat und das Kollektiv Jünglinge Film zum Kinostart mit Diskussionsveranstaltungen und vielen Kinobesuchen richtig ins Zeug legen werden, brauchen wir hier unbedingt die Öffentlichkeit und die Möglichkeit der persönlichen Begegnung. Auch Max Riemelt und der Regisseur Savaş Ceviz von "Kopfplatzen" wollten eigentlich auf Tour gehen, aber das war dann ja leider nicht möglich. Bei "Kopfplatzen" ist es nun aber so, dass der Film als Fernsehfilm vom SWR beauftragt wurde und hier eine Ausstrahlung im Oktober fest eingeplant ist. Da konnten wir also nicht einfach abwarten.


Der doppelte TEDDY-Gewinner "Futur Drei" von Regisseur Faraz Shariat soll im September beim queerfimfestival gezeigt werden (Bild: Salzgeber)

Von Kinobetreibern gibt es Kritik daran, die Kinoauswertung zu überspringen, teilweise werden Kinos auch an den VoD-Erlösen beteiligt, so etwa bei "Die Känguru Chroniken". Ist das das Modell der Zukunft?

Wenn ich richtig informiert bin, wandert ein Teil der VoD-Erlöse von den "Känguru Chroniken" in einen Topf der Filmförderungsanstalt (FFA) und wird dann von dort an Kinos für Corona-Notmaßnahmen verteilt. Vorher wurde der Film aber auch mit ein paar Millionen gefördert. Da stecken also viele Steuermillionen und auch Mittel der FFA drin. Die FFA wird aus der sogenannten Filmabgabe gespeist, die auf jedes Kinoticket, aber auch DVD-Umsätze erhoben wird. Da zahlt also jeder in der Branche ein. Und um es mal ein bisschen zuzuspitzen: Ganz wenige und vor allem die großen Filme profitieren davon. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann Salzgeber das letzte Mal Geld von der FFA bekommen hat. Also das Modell der Zukunft ist sicherlich, die Kinos an den Erlösen zu beteiligen, wenn sie sich denn für den Film ins Zeug gelegt haben. Wir machen das zum Beispiel durch simples Einbetten unseres VoD-Angebotes auf den Kinoseiten und beteiligen die Kinos mit 50 Prozent. Aber ich werde ganz bestimmt nicht auch nur einen Cent zusätzlich an die FFA überweisen, damit aus dem Geld dann "Känguru Chroniken 2" finanziert wird.

Reichen Ihrer Meinung nach die Hilfsprogramme der Bundesregierung aus, um die finanziellen Folgen auszugleichen? Haben wir nach Corona noch die Kinodichte, die wir heute kennen?

Das wird von der Dauer der Maßnahmen und den Eigentumsverhältnissen abhängig sein. Ein Kinobetreiber, dessen Immobilie vielleicht seit Jahrzehnten in Familienbesitz ist, wird das alles überstehen. Wer es mit Immobilien-Investoren mit Sitz in Luxemburg oder den Cayman-Inseln zu tun hat, wird es schwer haben. Gleichzeitig höre ich allerdings auch von wirklich ganz rührenden Aktionen, wo Kinogänger ihr Kino mit Gutscheinkauf in substanzieller Höhe unterstützen und ein deutliches Zeichen gegen die Arschloch-Gesellschaft setzen. Ich finde, dass die Bundesregierung, aber auch die Länder, für die Kinos eine ganze Menge tun und wir alle – also die Filmbranche und auch das Publikum – dann Schritt für Schritt schauen müssen, wo die Reise hin geht und wie wir aus dem Schlamassel wieder rauskommen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise konkret auf Salzgeber aus?

Die betriebswirtschaftliche Antwort ist: alles gut. Salzgeber sind ein Teil der Einnahmen weggebrochen, dafür sinken die Kosten, andere Einnahmen steigen. Emotional ist es viel schwieriger: Da haben Filmemacher*innen jahrelang an einem Film gearbeitet, den Film zum Beispiel auf der Berlinale vorgestellt und fallen jetzt in ein Riesenloch, weil die gesamte normale weitere Auswertung stockt und niemand weiß, wann es denn wieder richtig losgeht. Andere wollten drehen und müssen jetzt ebenfalls warten, was natürlich auch finanziell eine Herausforderung ist. Wir versuchen so gut es irgendwie geht zu helfen und für unsere Filmemacher*innen und auch die Kinos da zu sein.

Queeres Kino hat es auch ohne Corona schon schwer genug. Wie sehen Sie daher die Zukunft des queeren Kinos?

Queeres Kino ist für die Macher*innen und auch uns eine Herzensangelegenheit. Und allem, was mit dem Herzen und nicht nur auf betriebswirtschaftlichen Parametern gemacht wird, gehört die Zukunft.

Die Autoindustrie fordert – mal wieder – Kaufprämien. Abwrackprämie 2.0 also. Wäre eine Kulturprämie die bessere Idee?

Ich bin gegen Subventionen und würde sie auch in der Kultur nur sehr eng und für wirklich förderwürdige Inhalte einsetzen. De facto landen doch 80 bis 90 Prozent der Filmfördermittel in Projekten wie "Känguru Chroniken", und die sollten sich doch eigentlich über den Markt finanzieren. Dafür gibt es immer Geld. Aber ein Versuch, zum Beispiel mal einen Kanon an queeren Filmen für den Schuleinsatz zu finanzieren, scheitert in diesem Fördersystem.

Eine gute Nachricht in schwierigen Zeiten: "rbb QUEER" kehrt ab Mitte Juni zurück und zeigt zwei Monate lang queere Filme. Mit dabei sind auch viele Salzgeber-Titel. Leider aber erst um 23.30 Uhr, beklagen viele…

… die das Programmraster des rbb Fernsehen nicht kennen. Eigentlich ist dieser Programmplatz sogar noch später und die frühe Anfangszeit kommt nur durch die Sommerpause von "Thadeusz" zustande. Die Donnerstagnacht ist einer der beiden Programmplätze, die der Redakteur, mit dem wir bei "rbb QUEER" zusammenarbeiten, betreut. Und die Zeiten, in denen zum Beispiel ein kenianischer Film wie "Rafiki" mit deutschen Untertiteln irgendwo im deutschen Fernsehen um 20.15 Uhr lief, sind eher 30 Jahre her. Irgendwann wurde das dann halt mal 22.00 Uhr, und dann verschwanden solche Filme ganz aus dem Programm.


Monja Arts preisgekrönter Film "Siebzehn" über lesbisches Verliebtsein in der österreichischen Provinz bildet am 18. Juni den Auftakt der TV-Reihe "rbb QUEER" (Bild: Salzgeber)

Was der rbb da jetzt im dritten Jahr macht, ist ziemlich mutig und wenn sich jemand aufregen will, der sollte eher thematisieren, dass keine andere ARD-Anstalt mitmachen will und auch arte, die viel mehr Möglichkeiten in ihrem Programmschema haben, schon mal gar keine Lust auf queere Inhalt hat oder meint, schon genug zu tun. Die gute Nachricht ist doch aber auch, dass es einen Großteil der Filme auch in der Mediathek zu sehen gibt und daran haben wir mit dem Redakteur hart gearbeitet.

Regelmäßig kritisieren unsere Leser*innen außerdem, dass queere Filme nicht synchronisiert werden. Woran liegt das?

Die Kosten für eine gute Synchronisation hängen vom Aufwand ab: Wie viele Schauspieler*innen reden wie viel, gibt es Massenszenen, wie lang ist der Film, wie gut sind die Ausgangsmaterialien etc. Das hat bei einem Film wie "Als wir tanzten" zum Beispiel 38.000 Euro gekostet, bei anderen Filmen ein bisschen weniger, und bei "120 BPM", der ja nun sehr lang und mit sehr vielen Massenszenen war, hätte eine Synchro 68.000 Euro kosten sollen. Dieses Geld müssen wir dann neben den anderen Verleihvorkosten wie Werbematerialien, Anzeigen etc. zurückverdienen.

Von der Kinokarte erhalten wir irgendwelche 2,46 Euro, beim Verkauf einer DVD nach Abzug der Umsatzsteuer und der Verkäuferprovision vielleicht 7,10 Euro, beim Leih-VoD 2 Euro und beim Verkauf 4 Euro. So mal circa. Und wenn ich mich in einen Film verliebe, dann rechne ich das im Kopf zusammen und kenne natürlich die erreichbaren Besucher- beziehungsweise Umsatzzahlen, die die Synchronkosten einfach nicht bezahlen.

Und man könnte das mit den Untertiteln auch mal positiv betrachten: Der Film bleibt in seiner Ursprünglichkeit erhalten, man trainiert seine Lesefähigkeit und lernt fremde Sprachen. Es sind Italien und Deutschland, die immer nach Synchronfassungen schreien, und die Russen sprechen gerne alles mit sonorer Stimme drüber. In allen anderen Ländern sind Untertitel der Standard, und deshalb sehen die Schweden auch so gut aus und können besser Englisch.

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#1 CineastAnonym
  • 30.05.2020, 20:12h
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    Leider aber erst um 23.30 Uhr, beklagen viele

    die das Programmraster des rbb Fernsehen nicht kennen. Eigentlich ist dieser Programmplatz sogar noch später und die frühe Anfangszeit kommt nur durch die Sommerpause von "Thadeusz" zustande.
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    Es ist ja verständlich, dass man Kooperationspartner in Schutz nimmt. Aber genau das ist eben auch der Kritikpunkt: nicht nur, dass es keinen anderen Programmplatz im Programmschema gibt, sondern dass es überhaupt ein Programmschema gibt, dass keinen anderen Sendeplatz für LGBTI-Filme hat.

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    Und die Zeiten, in denen zum Beispiel ein kenianischer Film wie "Rafiki" mit deutschen Untertiteln irgendwo im deutschen Fernsehen um 20.15 Uhr lief, sind eher 30 Jahre her.
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    Sorry, aber das ist ja nun wirklich ein sonderbares Argument. Jetzt nimmt er als Beispiel ausgerechnet einen nicht-synchronisierten kenianischen Film.

    Auch bei anderen Spielfilmen ohne LGBTI-Thema gibt es genug Filme, die eher in die Rubrik Arthouse gehören und die man nicht um 20.15 Uhr zeigen würde (selbst wenn die Altersfreigabe das erlaubt).

    Es fordert ja auch niemand, dass alle LGBTI-Filme jetzt immer um 20.15 Uhr laufen sollen. Und es fordert auch niemand, dass mal nie ein LGBTI-Film erst um 23.30 Uhr starten darf.

    Aber es wäre halt schön, wenn nicht so viele LGBTI-Filme immer erst so spät gezeigt würden, sondern wenn auch mal frühere Programmplätze dafür frei wären. Das muss ja dann nicht gerade ein kenianischer Film mit Untertiteln sein.

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    [...] dass queere Filme nicht synchronisiert werden. Woran liegt das?

    Die Kosten für eine gute Synchronisation hängen vom Aufwand ab

    [...]

    Dieses Geld müssen wir dann neben den anderen Verleihvorkosten wie Werbematerialien, Anzeigen etc. zurückverdienen.
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    Das ist aber ein Henne-Ei-Problem:
    ohne Synchronisation erreicht man eben auch nie die Zuschauerzahlen wie es synchronisierten LGBTI-Filmen wie Philadelphia, Brokeback Mountain, Milk, Beautiful Thing, Pride etc. gelungen ist.

    Da wurde ja auch die Synchro wieder eingespielt.

    Und gerade bei französischen Filmen wie dem erwähnten Beispiel ist das besonders wichtig, weil eben andere Sprachen als englisch für viele unverständlich sind.

    Man kann nicht sagen: Der unsynchronisierte Film A hat nur X Zuschauer gehabt, deshalb lohnt sich eine Synchro nicht, sondern die Frage ist, wieviele Zuschauer er als Synchro-Fassung gehabt hätte.

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    Und man könnte das mit den Untertiteln auch mal positiv betrachten: Der Film bleibt in seiner Ursprünglichkeit erhalten, man trainiert seine Lesefähigkeit
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    Sorry, aber das ist nun wirklich albern.

    Die Leute, die auch ein Film mit Untertiteln nicht abschreckt, haben genug Lesefähigkeit. Und die anderen, die vielleich eh schon nicht gerne lesen oder gar schlecht lesen gehen nicht in so einen Film. Zumal dort jeder Text nur begrenzt stehen bleibt.

    Eigentlich geht man ja auch in einen Film, um den Film zu sehen und nicht um zu lesen. Denn es ist nun mal kognitionswissenschaftliches Faktum, dass man durch das Lesen weniger vom Film mitbekommt.

    Untertitel mögen manchmal notwendig sein, aber sie bleiben letztlich eine Krücke im Medium Film.

    Dann sollte man das auch offen so sagen und nicht irgendwie mit Pseudo-Argumenten schönreden, durch die man sich schon ein wenig für dumm verkauft vorkommt. Solche Beschönigungen hat doch ein Label wie Salzgeber mit seinem hervorragenden Programm gar nicht nötig.

    Der wahre Grund ist, dass denen das Risiko zu groß ist, weil sie eben auch "kleinere" Filme haben. Das ist ein gutes Argument, was jeder versteht. Dann kann man das auch so sagen und muss da nichts schönreden...
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#2 Carsten ACAnonym
  • 31.05.2020, 09:01h
  • "Es sind Italien und Deutschland, die immer nach Synchronfassungen schreien"

    Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

    Erstens gibt es auch anderswo durchaus Synchronisationen, wenn auch nicht so viele wie hier. (Und teilweise auch nicht so professionell, ich erinnere nur an die japanischen Synchronfassungen von deutschen Krimiserien wie Derrick, Der Alte, Ein Fall für zwei, etc.)

    Und zweitens muss man dann auch dazu sagen, dass unsynchronisierte Filme in anderen Staaten zwar häufiger vorkommen, aber dann auch nicht so erfolgreich sind wie Synchronfassungen in Deutschland.

    Dann soll Salzgeber mal nach Frankreich gucken und sich mal angucken, wie dort untertitelte, fremdsprachige Filme laufen. Viele US-Filme, die in Deutschland ähnliche Blockbuster wie in den USA waren, laufen anderswo als Version mit Untertiteln deutlich schwächer.

    Und gerade im zitierten Schweden laufen viele fremdsprachige Produktionen erst gar nicht. Erst recht, wenn es nicht englisch ist.

    Ich bin froh, dass in Deutschland dank Synchronfassungen auch LGBTI-Filme wie Meeresfrüchte (französisch), Männer al dente (italienisch), Schwule Mütter ohne Nerven (spanisch), Raus aus Amal (schwedisch), etc. erfolgreich waren.

    Ohne die Synchronfassungen wären solche Filme in Deutschland ähnlich erfolgreich wie in anderen Ländern, wo dies nicht die jeweilige Muttersprache ist - wenig bis gar nicht.
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#3 GerritAnonym
  • 31.05.2020, 14:53h
  • >>>>> [...] die das Programmraster des rbb Fernsehen nicht kennen. Eigentlich ist dieser Programmplatz sogar noch später und die frühe Anfangszeit kommt nur durch die Sommerpause [...] <<<<<

    Gestern (30.5.20) kam auf ProSieben der schöne Coming-Out-Film "Love, Simon".

    An einem Samstag!!

    Um 20:15 Uhr!!

    Auf ProSieben, also einem der beiden Hauptsender der ProSieben-Sat1-Gruppe und nicht etwa irgendwo auf Sixx, Sat1Gold oder so...

    Sorry, aber wenn selbst ein Privatsender zur besten Primetime-Sendezeit 20:15 Uhr am Samstagabend einen LGBTI-Film zeigen kann, dann müssen sich dei Öffentlich-Rechtlichen auch die Frage gefallen lassen, warum sie nicht auch mal LGBTI-Filme an einem Samstag um 20:15 zeigen können. Oder von mir aus auch um 22:00 bis 22:30 Uhr. Aber auf jeden Fall deutlich vor 23:30.

    Schließlich zahlen auch LGBTI Rundfunkgebühren. Und die Darstellung der Vielfalt der realen Welt gehört ja auch zum Programmauftrag.

    Und wenn dann ein "Programmraster" oder wie auch immer man die Ausrede nennt, dies verhindert (also letztlich nicht mit dem Programmauftrag kompatibel ist), dann muss man eben das Programmraster als solches ändern, um seinen Programmauftrag erfüllen zu können.

    Niemand erwartet jeden Tag um 20:15 Uhr einen LGBTI-Film. Aber z.B. einmal im Monat einen LGBTI-Film vor 23:30 Uhr kann man schon erwarten.
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#4 moritzplatzAnonym
  • 01.06.2020, 03:20h
  • Das ist nicht Salzgeber. Das ist Zuckergeber. Weil sie wundervolle Schmankerl anbieten.

    VOD ist nett. Aber ein Kinoabend bei Homochrom und anschließendem Beisammensein mit dem Festivalleiter ist noch netter.

    Ich schwärme noch immer noch immer von einen Kinoabend und anschließendem Techtelmechtel, wiel das kein Internetabend bieten kann.
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