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"Ein Apartment auf dem Uranus"

Philosoph, Testo Junkie und Queer-Populist

Paul B. Preciado gilt als queerer Vordenker. Seine Kolumnen – eine oft anstrengende, manchmal ärgerliche, dann wieder lustige und anekdotische Lektüre – sind jetzt erstmals gesammelt auf Deutsch erschienen.


Der spanische Philosoph Paul B. Preciado ist einer der bekanntesten Queer-Theoretiker. Vor zwanzig Jahren veröffentlichte er sein "Kontrasexuelles Manifest" (Bild: Promo)

Das Apartment auf dem Uranus gibt es so natürlich nicht. Leider, findet Paul B. Preciado. Und so entwirft der Philosoph und queere Vordenker diesen fernen Ort "jenseits der sexuellen Dissidenz" als Traumgebilde. Damit bezieht er sich auf Karl Heinrich Ulrichs, der den griechischen Gott Uranos im Sinn hatte, als er die Liebe unter Männern als "Uranismus" bezeichnete.

Dieses Apartment dient als Metapher, als Wunsch und als Sehnsuchtsort zugleich für die "Chroniken eines Übergangs", so der Untertitel der Kolumnen, die jetzt erstmals unter dem Titel "Ein Apartment auf dem Uranus" (Amazon-Affiliate-Link ) gesammelt auf Deutsch erschienen sind.

Im Übergang befindet sich nicht nur der unter anderem durch das "Kontrasexuelle Manifest" sowie "Testo Junkie" bekannte queere und trans Philosoph, sondern auch die Welt, in der er lebt: Während er die Kolumnen schreibt, arbeitet er als Kurator für die Documenta, die erstmals in Kassel und Athen stattfindet. Eine Zeit, in der Griechenlands politische Verhältnisse durchgerüttelt werden und gleichzeitig Tausende Geflüchtete in der Stadt oder den griechischen Inseln versuchen zu überleben.

Bei manchen Sätzen wird das Fragezeichen größer


"Ein Apartment auf dem Uranus" ist im Suhrkamp Verlag erschienen

In den jeweils nur wenige Seiten langen Kolumnen setzt sich Paul B. Preciado relativ lose und zusammenhanglos genau damit auseinander. Er berichtet aber auch sehr anekdotenhaft von Reisen im Rahmen der Documenta-Vorbereitungen, von den Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens, wo er aufgewachsen ist, oder vom Verwaltungskampf, seinen Vornamen Beatriz in Paul Beatriz ändern zu lassen.

Er wäre kein Philosoph, würde er die Geschehnisse um sich herum nicht durch diese Brille sehen. Manche Gedanken, etwa die Arbitrarität der Zeichen, sind aber gar nicht so bahnbrechend, nur weil sie in andere Worte gefasst sind. Er bezieht sich, ziemlich voraussetzungsreich, insbesondere auf Jacques Derrida, Judith Butler, Walter Benjamin, spricht von perlokutionären und illokutionären Sprechakten, von Technoschamanismus, vom "kognitiven Skelett der Epistemologie der Geschlechterdifferenz und des technopatriarchalen Kapitalismus". Ein wahrer Ritt durch den Buzz-Word-Dschungel. Seine Sprache ist teilweise dennoch sehr bildhaft, dann wieder mysteriös, verklausuliert, radikal und pathetisch.

Das klingt dann etwa so: "Die Politik ist ein fiktionaler Text, unsere Körper sind die Bücher, in die er gedruckt wird. Die Politik ist ein fiktionaler Text, kollektiv geschrieben, mit unserem Blut als Tinte." Den Satz liest man, wirkt erstmal klug-metaphorisch, scharfsinnig, denkt man, liest ihn noch einmal, und noch einmal, und mit jedem Lesen wird das Fragezeichen größer. Erklären Sie's mir bitte!

Die PreP als "molekulare Knechtschaft"?

Nicht nur hier, auch in Aussagen wie "die Parteien repräsentieren uns nicht" oder "im neuen Europa ist der Markt die eine und einzige Staatsräson und der Staat bloß noch der Handlanger, dessen Funktion darin besteht, Sicherheitspolitik zu verbreiten, um die Fiktion der nationalen Identität aufrechtzuerhalten" klingt ein queer-populistischer Ton hindurch, der genau wie ähnlich absolut gesetzte Standpunkte reflexhaft Widerspruch auslösen – etwa wenn vom "globalen Krieg" die Rede ist, die Ausrottung der Bisons in Nordamerika mit der Behandlung von trans Menschen oder Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln mit Konzentrationslagern verglichen werden (was auch schon Papst Franziskus getan hat, und es dennoch nicht richtiger macht). Solch eine moralische Rhetorik – insbesondere, weil Preciado jede Moral ablehnt – und die Einspannung in die eigene Agenda ist zutiefst fragwürdig.

Große Zweifel melden sich auch, wenn für Paul B. Preciado der Zweck der Verwendung von Truvada als PreP "wie im Fall der Pille weniger in der Verbesserung des Lebens seiner Konsumenten [liegt] als vielmehr darin, ihre Gefügigkeit, Ausbeutbarkeit und molekulare Knechtschaft zu optimieren, den Schein ihrer Freiheit und Emanzipation zu wahren und die sexualpolitisch dominierende Position der normativen Männlichkeit zu bekräftigen". Ein Urteil, das eine Besessenheit aufs Dagegen erahnen lässt und zur Frage führt, ob das noch radikal oder schon realitätsverweigernd ist.

Dennoch hat diese Streitbarkeit in ihrer Herausforderung ihren Reiz. Ein paar Seiten später folgen dann auch wieder lustige, interessante, erhellende und horizonterweiternde Texte. Das ist ja das Gute an 71 kurzen Kolumnen – es dauert nicht lange, bis die nächste kommt. Ohnehin ist "Ein Apartment auf dem Uranus" kein Buch zum schnell Durchlesen. Ein wöchentlicher Rhythmus, ganz im Sinne einer Kolumne, macht die Lektüre weniger anstrengend, und gibt den Gedanken mehr Zeit zu reifen.

Am Samstag, den 30. Mai stellt Paul B. Preciado sein Buch in einer Onlinelesung um 21 Uhr mit Margarita Tsomou in einem Youtube-Livestream des Berliner HAU Hebbel am Ufer vor.

Infos zum Buch

Paul B. Preciado: Ein Apartment auf dem Uranus – Chroniken eines Übergangs. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. 368 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2020. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-518-07651-4). E-Book: 19,99 €

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-w-

#1 Still_IthEhemaliges Profil
  • 30.05.2020, 10:01h
  • "Zweck der Verwendung von Truvada als PreP "wie im Fall der Pille weniger in der Verbesserung des Lebens seiner Konsumenten [liegt] als vielmehr darin, ihre Gefügigkeit, Ausbeutbarkeit und molekulare Knechtschaft zu optimieren, den Schein ihrer Freiheit und Emanzipation zu wahren und die sexualpolitisch dominierende Position der normativen Männlichkeit zu bekräftigen""

    Hm, das klingt jetzt tatsächlich nach einem queerfemnistischen Niveau, das ich von einem Cis-Mann eher nicht erwarten würde.
    Allein schon die Pille mitdenken - erfahrungsgemäß tun das Cis-Männer schon allein deswegen nicht, weil sie sich niemals Gedanken machen brauchen um diese Sorte Parasit, den man sich beim Sex einfangen kann, und von dem die Gesellschaft dann auch noch verlangt, dass du ihn in deinem Körper belässt und großziehst, ziemlich egal zu welchem physischen und sozialen Preis.
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#2 la_passanteAnonym
#3 TamakAnonym
  • 30.05.2020, 14:27h
  • "Zweck der Verwendung von Truvada als PreP "wie im Fall der Pille weniger in der Verbesserung des Lebens seiner Konsumenten [liegt] als vielmehr darin, ihre Gefügigkeit, Ausbeutbarkeit und molekulare Knechtschaft zu optimieren, den Schein ihrer Freiheit und Emanzipation zu wahren und die sexualpolitisch dominierende Position der normativen Männlichkeit zu bekräftigen".

    Immer wenn ich das sinnfreie Geschwurbel von Judith Butler und Konsorten lese, werde ich schmerzhaft an "Des Kaisers neue Kleider" erinnert. So auch hier: Soll toll klingen, ist aber im Endeffekt bloß heiße Luft. Was Gesundheitsschutz mit normativer Männlichkeit zu tun hat, wird wohl für immer ein Geheimnis des Autors bleiben ... und derer, die seine Kleider loben.
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