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Kommentare zu:
Strafrecht als homophobe Bauchentscheidung: 150 Jahre § 175


#1 Carsten ACAnonym
  • 31.05.2020, 08:50h
  • Ich finde es nach wie vor skandalös, dass viele Opfer des §175 nach wie vor nicht rehabilitiert wurden. Z.B. weil der eine Partner gerade 18 geworden war, während der andere noch 17 war. Diese Gruppe (und einige mehr) wurden ja von Union und SPD bewusst ausgeklammert.

    Und diejenigen, die rehabilitiert wurden, wurden mit Almosen abgespeist:

    Die haben für die Zeit im Knast gerade mal ein Zehntel dessen bekommen, was unschuldig inhaftierte Heteros als Entschädigung bekommen. Und die waren danach stigmatisiert, haben oft Familie und Freunde verloren, haben nie mehr in ihrem erlernten Beruf arbeiten können, etc.

    Die haben nicht mal den Verdienstausfall und den damit verbundenen Rentenausfall ersetzt bekommen. Geschweige denn eine Entschädigung für die gesellschaftliche Stigmatisierung.

    Und wer zwar verurteilt wurde, aber nicht inhaftiert, bekommt gar nichts, obwohl auch er dieselben Konsequenzen zu tragen hatte.

    Aber Union und SPD wussten ganz genau, dass viele Opfer dieses deutschen Unrechts in so ärmlichen Verhältnissen leben und oft auch schon sehr alt sind, dass sie keine langen Prozesse führen können, sondern dass sie nehmen müssen, was sie bekommen.

    Das haben Union und SPD schamlos ausgenützt und sich so billig wie möglich aus der Affäre gezogen - und feiern sich dafür auch noch als Helden. Pfui.
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#2 Ralph
  • 31.05.2020, 10:48h
  • Vielen Dank für diesen gut geschriebenen Text, der Sachverhalt und Hintergründe bestens zusammenfasst. Trotz eingehender eigener Beschäftigung mit dem Thema war mir die Ansicht von Friedrich Engels neu. Er zeigt genau das Stammtischniveau, das wir aus kleinbürgerlichem Mief kennen: Wenn alle so wären... - und hat sich als prägend für die marxistische Einstellung erwiesen. Nicht umsonst haben auch marxistische Diktaturen Schwule mit brutaler Härte verfolgt. Besonders interessant erscheint mir die Andeutung, letztlich ausschlaggebend könnte die homofeindliche Einstellung einer einzelnen Person gewesen sein, die selbst gar nicht unmittelbar politische Verantwortung trug, aber eine private Einflussmöglichkeit besaß. So abstrus das erst mal klingt - aber ich halte es für gut möglich. Ich selbst habe bei einem guten Abendessen in einem Lokal jenes Gesetz gemacht, das in RLP den Familienzuschlag für schwule Beamte und lesbische Beamtinnen rückwirkend einführte. Im Nebenzimmer tagte QueerGrün, die Tür ging auf und ein Bekannter von mir kam heraus, sah mich und sagte mir, man werde von der eigenen Partei verlangen, in den Koalitionsvertrag die Rückwirkung bis zum Inkrafttreten der europäischen Richtlinie durchzusetzen; ich hatte mich schon vorher verpartnert, so dass mir erneut Geld verlorengehen würde, also forderte ich den Bekannten auf, Rückwirkung bis zur Einführung der Lebenspartnerschaft zu verlangen. Später kam er wieder heraus und sagte mir, er habe das durchgesetzt. Diese Fassung kam dann in die Koalitionsverhandlungen, in den Koalitionsvertrag und schließlich ins Gesetz. So werden in Deutschland Rechtsnormen gemacht: Augenblicksentscheidungen und zufällige Begegnungen; private Interessen und gegenseitige Gefälligkeiten. In meinem Fall war das gut. Die Einführung des § 175 war möglicherweise ein negatives Gegenbeispiel.
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#3 stephan
  • 31.05.2020, 12:53h
  • Eine wirklich traurige Geschichte von dummen Tätern, die andere Menschen verfolgen, ohne dass die Rechte der Verfolgten irgendwen hätten etwas angehen können, da es andere als die beteiligten Männer eben nicht betrifft!
    Es war über Jahrhunderte nichts als der bloße Hass auf Menschen, die anders leben und lieben ... angefeuert - bei den besonders Irren und Primitiven - vielleicht von der diffusen Vorstellung, ,wenn wir Homosexuelle in unserer Mitte Leben lassen, bestraft uns Gott dafür!
    Es wäre hohe Zeit, hunderte von Projekten zu initiieren und staatlich zu fördern, die dieser primitiven, menschenverachtenden Anschauung des Hasses ein für alle mal den Garaus machen, ... den verfolgten Menschen kann man her verpfuschtes Leben nicht wiedergeben. Helfen könnte man aber noch den wenigen Alten, die noch verfolgt wurden und denen man mehr geben könnte als ein Almosen!
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#4 ursus
  • 31.05.2020, 12:53h
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • Ich glaube, es war hier im Forum, wo jemand schrieb, sogar die Streichung des §175 im Zuge der West-Ost-Rechtsangleichung sei nur auf die eher zufällige Intervention einer außenstehenden Einzelperson zurückzuführen gewesen. Das damals zuständige Gremium habe diesen Paragraphen selbst gar nicht auf dem Schirm gehabt und ihn erst in allerletzter Minute noch in die Verhandlungen eingefügt.

    Den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote kann ich leider nicht überprüfen; an anderer Stelle habe ich nie davon gehört. Vielleicht weiß ja eine hier mitlesende Person mehr.
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#5 alien humanAnonym
  • 31.05.2020, 13:15h
  • Vielen Dank für den interessanten und informativen Artikel. Es ist wichtig, zu erfahren, wie die Nomenklatur eines über 120 Jahre währenden Wahnsinns begann.
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#6 Peck_SProfil
#7 GerritAnonym
  • 31.05.2020, 14:37h
  • Antwort auf #1 von Carsten AC
  • Ja, und es ist schon Skandal genug, dass das überhaupt so lange gedauert hat und dass man gewartet hat, bis die meisten Opfer gestorben sind und ihre Rehabilitierung gar nicht mehr erlebt haben.

    Gerade das Land des rosa Winkels hätte da deutlich mehr Verantwortung verdient.

    Dass man einvernehmliche Liebe zwischen Erwachsenen überhaupt strafbar macht, ist unerklärlich. Und dass der §175 erst 1994 vollständig gestrichen wurde, ist skandalös.
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#8 Miguel53deProfil
  • 31.05.2020, 20:02hOttawa
  • Ein guter, zugleich bedrückender Artikel, der aufzeigt, wie Politik gemacht wird. Vor allem zeigt er - und Ralph bestätigt das weiter unten authentisch - , dass sich nichts daran geändert hat.

    Im Artikel heißt es u.a.: Die politische Entscheidung über die Einführung des § 175 war erkennbar keine Kopf-, sondern eine Bauchentscheidung. Die Politiker hatten sich keine Gedanken über Gerechtigkeit und verletzte Rechtsgüter gemacht, sondern haben offenbar versucht, ihre gefühlsmäßige Ablehnung mit scheinbar sachlichen Argumenten zu untermauern. Die Frage, warum nach der Bereitschaft vieler Mediziner und einiger Juristen, den geplanten Paragraphen zu streichen, trotzdem an der Strafbarkeit festgehalten wurde, bleibt dennoch offen. Vielleicht ging es nur um eine gefühlsmäßige Ablehnung, vielleicht aber auch um bewusste Zugeständnisse an die Kirchen.

    Bei jeder Diskussion um Themen der LGBTs geht es bis heute so ab, wie oben beschrieben. Es werden Argumente gebracht, die schon vor 150 Jahren fast wortgleich verwendet worden waren. Und dennoch wird vor endgültigen Entscheidungen im Parlament allen Ernstes gesagt, es bestehe noch Diskussionsbedarf.

    Man nehme nur das Thema der Heilung von Homosexualität (Ich sage das mit Absicht so provokativ). Da wird dann ein scheinbares Verbot entschieden, das in Wirklichkeit ein Kompromiss gegenüber den Heilern und den Befürwortern des Heilens ist. Aber nichts mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hat und viel zu viele Türen offenlägest. Selbiges, wenn es um Rechte der Transsexuellen geht. Um Rechte in gleichgeschlechtlichen Ehen und den Kindern in diesen Familien. Von der Sache mit einer angeblichen Wiedergutmachung mag ich da gar nicht erst reden. Denn da ist nichts wirklich gut gemacht.

    Machen wir uns nichts vor. Nach wie vor gilt, ich zitiere mit leichten Veränderungen: Die politische Entscheidung über ... LGBT Themen ... sind erkennbar keine Kopf-, sondern eine Bauchentscheidung. Die Politiker machen sich keine Gedanken über Gerechtigkeit und verletzte Rechtsgüter, sondern versuchen offenbar auch weiterhin, ihre gefühlsmäßige Ablehnung mit scheinbar sachlichen Argumenten zu untermauern.

    Und nach wie vor sind es auch nicht Expertenmeinungen, die Entscheidungsträger in ihre Entscheidungen einfließen lassen, sondern ihr Bauchgefühl, vielfach unter Vorschiebung religiöser Gründe.

    Der liebe Gott steht eben immer wieder im Wege, wenn es um Gerechtigkeit und Einsicht geht.
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#9 JoeJHWAnonym
  • 01.06.2020, 12:34h
  • Antwort auf #4 von ursus
  • Kann es sein das du meinen Beitrag vom
    01.07.2019, 02:14h zum Thema: "Vor 30 Jahren: DDR beendet Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle" meinst?

    www.queer.de/detail.php?article_id=33959&antwort_zeigen=
    ja#cc547074


    Ich habe mit der Antwort hier etwas gezögert, weil nicht zum ersten mal in einem Artikel zum Strafrecht schamlos die historische Wirklichkeit der DDR & BRD verkürzt und auch noch verdreht wiedergegeben wird. Damit meine ich nicht meinen Telefonanruf zur "gerade noch so" rechten Zeit in der Volkskammer, sondern die in diesem Artikel hier nicht zum ersten mal erschienene Passage.

    Zitat: "Unter den Nationalsozialisten galt das RStGB fort und wurde verschärft. Die DDR kehrte 1950 zur alten Fassung des § 175 zurück, die BRD übernahm den verschärften NS-Paragraphen, reformierte ihn 1969 und 1973 und schaffte ihn 1994 endgültig ab."

    Hier wird völlig falsch die Rechtswirklichkeit der DDR wiedergegeben!

    Dieser Absatz könnte, wenn man schon die Geschichte des §175 in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis zur Streichung des §175 1994 zusammenfasst so aussehen:

    Unter den Nationalsozialisten galt das RStGB fort und wurde verschärft. Die BRD übernahm den verschärften NS-Paragraphen, reformierte ihn 1969 und 1973. Die DDR kehrte 1950 zur alten Fassung des § 175 zurück, ersetzte den § 175 1968 durch den § 151 um diesen im Juni 1989 ersatzlos zu streichen. Dieser Rechtsunterschied im geteilten Deutschland ermöglichte es im Sommer 1990, im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands in den Beitrittsverhandlungen der DDR zur BRD, im Einigungsvertrag eine Sonderregelung zum Fortbestehen des fortschrittlicheren DDR-Sexualstrafrecht im Beitrittsgebiet der fünf neuen Bundesländer und zur verpflichtenden Reform des alten BRD-Sexualstrafrecht (§ 175 und § 218 Abtreibungsparagraf) im vereinigten Deutschland durch das neu zu wählende gemeinsame deutsche Parlament bis 1994 festzuschreiben, dieses schaffte ihn 1994 endgültig ab.

    Allerdings finde ich diese verkürzte Darstellung von ~ 50 Jahren Zeitgeschichte insbesondere gegenüber dem Leid der Menschen die unter den Folgen dieser Gesetzgebung leiden mussten eine Zumutung! Die vielfältigen Bemühungen einzelner Menschen in dieser Zeit zusammen mit den Gruppen & Aktivitäten der Schwulenbewegung in beiden deutschen Staaten sollten nicht "gekürzt" erzählt werden, da sie unteilbare Voraussetzung zur Strafrechtsreform waren und die ersatzlose Streichung des § 175 erst ermöglichten!
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#10 ursus
#11 goddamn liberalAnonym
#12 SchwuleGeschichteAnonym
  • 01.06.2020, 17:12h
  • Ich habe Geschichte studiert und finde den Artikel super. Vom Aufbau gut, inhaltlich gut und auch gut geschrieben.
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