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27. Januar

Auch 2021 kein Gedenken an homosexuelle Nazi-Opfer im Bundestag

Seit Jahren fordert ein breites Bündnis, die jährliche Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus sexuellen Minderheiten zu widmen.


Eine Gedenktafel für homosexuelle NS-Opfer am Berliner Nollendorfplatz (Bild: Ingolf / flickr)

Was inzwischen einige Landtage geschafft haben, lässt im Bundestag weiter auf sich warten: Auch 2021 wird die offizielle Gedenkstunde des Parlaments zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus nicht Homo- und Transsexuelle zum Schwerpunkt haben.

Seit 1996 wird im Parlament zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der Opfer gedacht – in der Regel mit Gastredner*innen und einem speziellen Thema. In diesem Jahr hielt etwa der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin eine Rede, 2017 sprachen die Publizistin Sigrid Falkenstein und der Philosoph Hartmut Traub als Angehörige von Opfern der NS-"Euthanasie"-Morde.

Anfang 2018 wandte sich der Autor und Historiker Lutz van Dijk erstmals mit einer Unterschriften-Petition an das Bundestagspräsidium, nach mehr als zwei Jahrzehnten "erstmals auch an homosexuelle Männer (unter ihnen vor allem an die KZ-Häftlinge mit dem Rosa Winkel), aber auch an lesbische Frauen und andere aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung Benachteiligte und Ausgegrenzte im Bundestag zu erinnern" (queer.de berichtete).

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2021 erinnert an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Van Dijk wurde dabei von vielen LGBTI-Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Holocaust-Überlebenden unterstützt. Seitdem wurde das Ansinnen allerdings immer wieder abgelehnt. Am Dienstag gab er bekannt, dass ihm der Protokollchef des Bundestags am gleichen Tag für 2021 mitgeteilt habe, dass sich das Präsidium "nach reiflicher Abwägung aller Vorschläge – darunter auch Ihrer Initiative – dafür entschieden hat, die Gedenkstunde angesichts des besonderen Jubiläumsjahres ins Licht des Gedenkjahres '1700 [Jahre] jüdisches Leben in Deutschland' zu stellen."

In einer Email an alle Präsidiumsmitglieder bedauerte van Dijk am Dienstag, dass sich der Bundestag für die Thematisisierung des Jubiläums entschieden habe, "das das ganze Jahr Aufmerksamkeit erhalten sollte", und damit "gegen die anerkennde Wahrnehmung einer Verfolgtengruppe, die immer wieder Diskrimierungen auch bei uns in Europa ausgesetzt ist und in den meisten Teilen der Welt selbst Folter, Haft und Todesstrafe erleiden müssen."

Van Dijk, der im Vorfeld in einem Artikel im "Tagesspiel" unter anderem mit Verweis auf "LGBT-freie Zonen" in Polen für ein aktuelles Gedenken plädiert hatte, betonte, ein solches Zeichen wäre "mutig" gewesen. Es gebe auch keine "Konkurrenz der Erinnerung", da viele Vertreter*innen des jüdischen Lebens in Deutschland die Petition unterschrieben hätten und klar "gegen jede Form des Antisemitismus sind". "Wir werden nicht aufgeben, so u.a. auch gemeinsam mit unseren polnischen Nachbarn (…) und selbst auch im Staatlichen Museum Auschwitz unser Bemühen um aufrichtige Erinnerung fortzusetzen", so van Dijk.

Seine Petition ist bislang von 170 prominenten Unterstützer*innen unterzeichnet worden. Zuletzt unterschrieben mit dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz und Kirchenpräsident Volker Jung auch Vertreter von katholischer und evangelischer Kirche die Petition (aktuelle PDF-Fassung).

In diesem Jahr gedachten die Landtage von Rheinland-Pfalz und Hessen homosexuellen NS-Opfern, in Mainz mit mehr als 60 Veranstaltungen im ganzen Land. Ein Jahr zuvor hatte Baden-Württemberg sein Gedenken unter den Regenbogen gestellt. 2018 sprach zugleich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum zehnten Jahrestag der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen (queer.de berichtete). Die Errichtung des Erinnerungsorts im Berliner Tiergarten war zuvor vom Bundestag beschlossen worden. 2002 hatte das Parlament Verurteilungen nach dem Paragrafen 175 aus der Nazi-Zeit aufgehoben, 2017 mit Einschränkungen jene aus der Nachkriegszeit (queer.de berichtete). (nb/pm)



#1 RuferInDerWuesteEhemaliges Profil
  • 02.06.2020, 19:35h
  • Sieht so aus, als müsse man prominent genug sein, um die Petition mit unterzeichnen zu dürfen.

    Abgesehen davon, ist doch klar, dass es auch weiterhin kein Gedenken an Opfer aus unseren Kreisen geben kann. Weil wir eben immer noch Menschen (mindestens) zweiter Klasse sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass 2017 75% der Regierungsparlamentarier_innen der CDU/CSU gegen uns, gegen die Ehe für Alle, gestimmt haben.

    Da gibt es noch massivste Widerstände. Und die Homosexuellen stehen immer noch GANZ unten.

    "Ein Land, in dem wir gut und gerne leben..."

    Beides nach wie vor leider nicht so wirklich.
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#2 Homonklin_NZAnonym
  • 02.06.2020, 20:05h
  • Habe das eh als sehr sonderbar erlebt, wie das mit dieser Gedenk-Kultur so läuft.

    Als hätte es lesbische und schwule Jüdinnen und Juden nicht gegeben. Und diese schwelende Konkurrenz der Opfergruppen ist doch schon lange da.

    Jüdisches Leben ist natürlich umso wichtiger zu nennen geworden, seit sich diese antisemitischen Tendenzen und der bewahrte Rest vom Faschismus wieder mit dem neuen Faschismus und Antisemitismus vermischt.
    Merkwürdig ist das ja schon, dass old Germany da so viel gewähren lässt, und darum auch ganz gut, dass das von der Welt beobachtet wird, was in D politisch so alles vor sich hin gärt.
    Da muss man eine durchgängige Wachsamkeit beibehalten, und die Erinnerungskultur verstärken, da bin ich etwa sehr dafür und habe das auch immer mal im Künstlerischen bearbeitet.

    Das schwullesbisch jüdische Leben könnte da aber ebenso erwähnt sein. Totgeschwiegen werden noch genug Opfergruppen, wo werden etwa Trans* oder Intersexuelle, Nichtbinäre erwähnt?
    Die vergisst man anscheinend ja nicht nur zu gern in der Erinnerungskultur.
    Dann wird das damit abgetan, man hätte das Wissen darum damals nicht gehabt. Nur, weil einige Wenige nun mit dem Eintrag *Divers* schon mal am Rande wahrgenommen sein dürfen, bessert sich für die meisten dieser Menschen nichts.

    Die Intersektionalität zum jüdischen Leben könnte auch bei dieser Erinnerung heraus gearbeitet werden, damit man sieht, was in seinen Facetten alles jüdisches Leben sein kann.
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#3 stephan
  • 02.06.2020, 20:32h
  • Antwort auf #1 von RuferInDerWueste
  • Volle Zustimmung!
    Leider hat man immer wieder das Gefühl, als seien homosexuelle Menschen und ihre Beziehungen in diesem Staat von bestenfalls zweiter Klasse ... Ich weiß nicht, ob Schäuble sich bei dieser Entscheidung durchsetzen wollte oder wer da den Ausschlag gegeben hat, Fakt ist aber, dass unsere Politikprominenz nicht genügend Kontakt zu Wirklichkeit hat. Wenn Schäuble als behinderter Mensch nachts die U-Bahn nehmen müsste, hätte er vermutlich auch ein besseres Gespür dafür, wie sehr Minderheiten oftmals in diesem Land angefeindet werden ...
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#4 TimonAnonym
  • 03.06.2020, 07:54h
  • Union und SPD zeigen wieder mal, wo LGBTI für sie stehen: ganz unten.

    Dabei geht es hier nicht etwa um Gleichstellung oder ähnliches. Sondern schlicht um das Gedenken an eine Opfergruppe der Nazi-Diktatur.
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#5 56James35Anonym
  • 03.06.2020, 12:38h
  • Es scheint, dass die schwulen Opfer des NS-Regimes - dass die Schwulen überhaupt- nicht zur Menschheit (Humanität) gehören.
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#6 GeschichteAnonym
  • 03.06.2020, 13:56h
  • Dass ausgerechnet im Land des rosa Winkels das Gedenken an eine Opfergruppe des Nazi-Regimes immer wieder von der Bundesregierung verhindert wird, ist ein Skandal.

    Hat man denn 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch nichts daraus gerlernt?

    CDU, CSU und SPD offenbar nicht.
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#7 LuczakAnonym
#8 FinnAnonym
  • 03.06.2020, 21:06h
  • Dass wir im Jahr 2020 immer noch rechtlich diskriminiert werden und unsere schwarz-rote Bundesregierung nichts daran ändern will, ist schon schlimm genug.

    Aber dass man einen Teil der Nazi-Opfer ausblendet, so als hätte es diese Opfer nicht gegeben, ist nicht nur Geschichtsklitterei, sondern das grenzt schon fast an Verbrüderung mit den Tätern und ihren heutigen Sympathisanten.

    Pfui CDU/CSU.
    Pfui SPD.
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