Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?36263

Propaganda

Russland: Empörung über homophoben Spot zum Verfassungsreferendum

Die Verfassung soll bald gleichgeschlechtliche Ehen verbieten – eine staatsnahe Nachrichtenagentur schürt nun Angst vor der Adoption von Kindern durch schwule Paare.


Szene aus dem kurzen Videospot, der Teil einer ganzen Reihe zum Verfassungsreferendum werden soll

Die fiktive Szene im Jahr 2035 beginnt in einem Waisenheim und birgt die frohe Nachricht, dass ein Kind adoptiert wurde. "Petenka, bist du froh, bald Vater und Mutter zu haben?", fragt eine Betreuerin des Jungen. Dann wird der Adoptiv-Vater vorgestellt, der den Sohn durchaus liebevoll begrüßt. "Wo ist meine Mutter?", fragt der Junge draußen vor der Tür. "Da ist sie, deine neue Mutter", meint der Vater – und zeigt auf seinen offensichtlichen Partner, der vor einem Wagen wartet.

Direktlink | Von der "Moscow Times" mit Kommentaren versehene gekürzte Version des Videos. Das Original ist im russischen Netzwerk vk.com verfügbar und hat dort über 1,2 Millionen Aufrufe. Bei Youtube wurden Kopien davon als "Hassrede" gesperrt

Die Betreuerin und der Junge schauen enttäuscht. "Sorge dich nicht, bald haben wir eine echte Familie", meint der neue Vater. Der geschminkte und effeminiert auftretende zweite Vater holt ein Kleidchen aus dem Wagen, als habe er es bereits für den Jungen ausgesucht. Während eine ältere Heimmitarbeiterin auf den Boden spuckt, heißt es aus dem Off: "Willst du dich für so ein Russland entscheiden? Entscheide die Zukunft des Landes. Stimme für die Verfassungsänderungen."

Das Video wurde produziert von der sogenannten "Föderalen Nachrichtenagentur" (FAN), Teil des Firmennetzwerks des Unternehmers Jewgeni Prigoschin, das weltweit als "Troll-" und "Propaganda-Fabrik" im Sinne der russischen Regierung berüchtigt ist. "Die FAN hat eine Reihe von Videos über die Notwendigkeit einer Änderung der Verfassung der Russischen Föderation vorbereitet", heißt es in der Ankündigung des Videos, das auf den zahlreichen Nachrichtenseiten des Netzwerks und in sozialen Netzwerken verbreitet wird. "Journalisten erklären, warum es so wichtig ist, an der Abstimmung teilzunehmen." Zu dieser Episode heißt es: "Schwule können russische Kinder adoptieren, wenn du Artikel 72 der Verfassung nicht änderst."

Putin unterstützte homophoben "Ehe-Schutz"

Mit der geplanten weitreichenden Verfassungsänderung sollen vor allem die Position des Präsidenten gestärkt und Amtsinhaber Wladimir Putin weitere Amtszeiten ermöglicht werden. Auch verpflichtet sie den Staat, die "Ehe als Verbindung aus Mann und Frau" zu schützen (queer.de berichtete). Die Duma hatte den Entwurf Mitte März mit 383 von 450 Stimmen angenommen, die Volksabstimmung am 22. April musste aber wegen der Corona-Krise verschoben werden. Das Referendum soll nun am 1. Juli abgehalten werden. Mit einer Annahme der geänderten Verfassung wird gerechnet.

Bereits jetzt definiert ein einfaches Gesetz die Ehe als Verbindung von Mann und Frau, für gleichgeschlechtliche Paare gibt es keinerlei rechtliche Anerkennung. Seitdem Putin im Januar erste Pläne für eine Verfassungsreform vorgestellt hatte, schlug zunächst der Oligarch und ultrakonservative Aktivist Konstantin Malofejew, der homofeindliche Bewegungen in Europa unterstützt, eine Ergänzung vor, um die Ehe in der Verfassung als Verbindung aus Mann und Frau zu definieren. Danach schlossen sich mehrere führende Politiker und die russisch-orthodoxe Kirche der Initiative an.


Putin im Februar vor der Kommission zur Erarbeitung von Vorschlägen zur Verfassung

Mitte Februar war Putin bei einem Treffen der Arbeitsgruppe zur Verfassungsreform gefragt worden, ob er eine Änderung unterstütze, die Ehe und Familie als Verbindung aus Mann und Frau definiere. Der Präsident forderte Vorsicht bei der Formulierung, um nicht etwa Familien mit nur einem Elternteil auszuschließen, stellte sich aber hinter das grundsätzliche Vorhaben: "Ehe ist eine Verbindung aus Mann und Frau", sagte Putin. Solange er Präsident sei, werde es kein "Elternteil 1 und Elternteil 2" in Russland geben.

Laut einer Umfrage aus dem letzten Sommer lehnen 87 Prozent der russischen Bevölkerung eine Ehe-Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare ab; 2005 waren es knapp unter 75 Prozent. Die jahrelange Stimmungsmache rund um Gesetze gegen "Homo-Propaganda" zeigt dabei offenbar Wirkung. Die gemeinschaftliche Adoption von Kindern ist in Russland Eheleuten und damit heterosexuellen Paaren vorbehalten. Zugleich können Einzelpersonen Kinder adoptieren. Im letzten Sommer sorgten homophob motivierte Ermittlungen gegen ein schwules Paar, das mit Wissen der Behörden zwei Kinder aufzog, für landesweite Schlagzeilen (queer.de berichtete).

Schauspieler distanziert sich

Der Propaganda-Spot zur Verfassungsänderung sorgte zugleich für Kritik in sozialen Netzwerken. Laut einem Bericht des Portals "Meduza" machte die russische Publikation Coda die Schauspieler ausfindig. Während die meisten keinen Kommentar abgaben, betonte Alexander Filimonenko, der den geschminkten Vater darstellte, er arbeite als Schauspieler für viele Projekte und habe dieses Engagement kurzfristig ohne Wissen über die Hintergründe angenommen.

Filimonenko sagte, er habe ein "gutes Verhältnis zu homosexuellen Menschen" und habe niemanden vor den Kopf stoßen wollen. Er habe nicht gewusst, wer das Projekt finanziert habe, auch seien ihm später Interviews dazu verboten worden. Der Schauspieler betonte, er werde gegen die Verfassungsänderung stimmen – allerdings mit der Begründung, dass er bei einem Spaziergang festgenommen und zu einem Bußgeld wegen eines Verstoßes gegen die Corona-Bedingungen verpflichtet worden sei. Er sei nie zu einer Wahl gegangen, aber nun dazu bereit, um seine Position zu vertreten. (nb)

Das eingebundene Video wurde nachträglich durch die redaktionell bearbeitete Version der "Moscow Times" ersetzt



#1 dellbronx51069Anonym
  • 03.06.2020, 17:32h
  • Angesichts der Ereignisse in den USA , gibt es auch i.S. Putinrussland internationale Empörung. Wohl kaum...
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Peck_SProfil
  • 03.06.2020, 17:51hFrankenthal
  • Antwort auf #1 von dellbronx51069
  • Der Autokratenklassiker schlechthin. Wirtschaft desolat, Coronatote, deutlich mehr Arbeitslose, Kritiker und Ärzte, die alle zufällig aus Fenstern fallen.

    Da muss man dem Volk was zur Ablenkung bieten, eine Minderheit die man hübsch hassen kann und deren Lobby nicht stark genug ist, um sich wehren zu können. Großes zusätzliches Plus ist, dass die Welt gerade mit Corona und den USA beschäftigt ist. Perfekter Zeitpunkt.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Peck_SProfil
  • 03.06.2020, 18:22hFrankenthal
  • Antwort auf #2 von Peck_S
  • Nachtrag: Natürlich würde auch nichts passieren, wenn der Fokus der Welt nicht auf Corona oder die USA gerichtet wäre.

    Am wenigsten von seiten der EU. Immerhin hat man das Kunststück fertig gebracht, trotz Krim, Sanktionen, Russlands Ausschluss aus den G8 und der Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien, mit Putin das Liebesprojekt Nordstream2 auf den Weg zu bringen. Da sind Minderheiten völlig irrelevant.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 FliegenAnonym
  • 03.06.2020, 18:25h
  • Wie traurig wie die in Russland mit seinem wichtigen Thema umgeht! NIE WIEDER URLAUB IM PUTIN STAAT!!!
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Alexander_FAnonym
  • 03.06.2020, 22:18h
  • Antwort auf #4 von Fliegen
  • Ganz abgesehen davon, dass Russland nach Uganda wohl wirklich das letzte Land ist, in das unsereiner reisen sollte, ist davon auch für Heteros abzuraten. In einem Land, mit dem jederzeit ein Krieg ausbrechen kann, möchte man als Angehöriger eines Feindstaates lieber nicht sein, wenn es so weit ist.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Ralph
#7 Homonklin_NZAnonym
  • 04.06.2020, 10:41h
  • Yep, das ist sehr schade für das Land, das auch schon mal eine weite Kultur und intellektuelle Szene hatte - es ist noch gar nicht so lange her.
    Aber mit der Rückkehr zum orthodoxen Knilchentum und der Verblendung der Massen mit uralten Schauermärchen aus den verdummbibelten Tiefen hat man es da geschafft, eine ethisch-soziale Progressivität zu zermalmen, innerhalb weniger Jahre praktisch auszuradieren.

    Das ist das, was passiert, wenn die Blockierten das Ruder übernehmen.
    Nehmt ein Beispiel daran und lasst diese AfD in Deutschland nie so weit kommen!
  • Antworten » | Direktlink »
#8 Alexander_FAnonym
  • 04.06.2020, 21:59h
  • Antwort auf #7 von Homonklin_NZ
  • "Das ist das, was passiert, wenn die Blockierten das Ruder übernehmen.
    Nehmt ein Beispiel daran und lasst diese AfD in Deutschland nie so weit kommen!"

    Ich möchte nicht bestritten haben, dass eine AfD an der Macht sicher nichts Wünschenswertes ist. Eines aber vergessen viele im Westen: Putin steht in Russland für Mitte Rechts, entspricht also dem, was hier CDU ist. Würde es nach den tatsächlichen Äquivalenten von Rechtsaußen in Russland gehen, wären schon längst Lagerhaft und Todesstrafe angesagt. Ein politisches Spektrum muss immer auch im jeweiligen Bezugsrahmen gesehen werden, und der ist in Russland völlig anders.
    Die AfD möchte vielleicht gerne Dschungelcamp spielen, aber Russland ist der echte Dschungel.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 Ralph
  • 05.06.2020, 10:05h
  • Verschiedene Medien (Doku-Sender WELT, Spiegel online u.a.) melden, dass Toutube das Video gesperrt hat.
  • Antworten » | Direktlink »