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Berlin

Studie: Offener Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt an Schulen noch selten

Eine ausführliche Auswertung einer Befragung von Lehrkräften, Expert*innen und queeren Jugendlichen gibt wichtige Einblicke in einen bislang vernachlässigten Bereich.


Erst in den letzten Jahren fanden queere Thematiken und Personen eine größere (wie bekämpfte) Berücksichtigung in Bildungsplänen der Länder. Die neue Studie aus Berlin lässt erahnen, dass dies nur ein Anfang sein kann (Bild: Gays With Kids)

Queeren Themen begegnen Berliner Schüler*innen vor allem, wenn Begriffe wie "schwul", "Lesbe" oder "Transe" als Schimpfwort verwendet werden. Ein offener und selbstverständlicher Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt komme seltener vor, betont eine Pressemitteilung zu den nun vorgelegten Ergebnissen einer Online-Befragung von 566 Lehrkräften und anderen pädagogischen Fachkräften an 43 zufällig ausgewählten Berliner Schulen.

Die Befragung, die 2017 in lokalen Boulevardmedien und der oppositionellen Politik zu einer absurden Empörung über eine "Sex-Schnüffelei" geführt hatte, wurde durch Wissenschaftler*innen der Sigmund Freud PrivatUniversität und der Humboldt-Universität zu Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie durchgeführt. Ergänzt wurde sie durch Gruppen- und Einzelinterviews mit insgesamt 44 Expert*innen, pädagogischen Fachkräften sowie lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und inter* Jugendlichen.

Laut der Zusammenfassung der Dokumentation, die auf fast 300 Seiten kommt (PDF), wusste nur 38 Prozent der befragten Fachkräfte von offen lesbischen, schwulen oder bisexuellen Schüler*innen an ihrer Schule. Bei trans* und inter* Schüler*innen lagen die Werte mit 24 Prozent und fünf Prozent noch darunter. Dass in einer Schulklasse keine lsbti*-Jugendlichen sind, sei jedoch wenig wahrscheinlich, so die Wissenschaftler*innen, die dabei auf eine frühere Befragung (PDF) verwiesen.

Zu Trans- und Intergeschlechtlichkeit felt Grundwissen

Viele Fachkräfte berücksichtigten sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht, etwa indem sie Materialien verwenden oder Beispiele erwähnen, in denen auch LSBTI* vorkommen, beklagen die Wissenschaftler*innen. Insbesondere Trans- und Intergeschlechtlichkeit würden kaum thematisiert, so die Studie, die auch "Wissensdefizite" bei den Lehrkräften fand: "Nur 43 Prozent erkannten die passendste unter mehreren Definition für Transgeschlechtlichkeit und nur 34 Prozent die für Intergeschlechtlichkeit."

Lsbti*-Jugendliche wünschten sich von den Fachkräften vor allem, dass diese ihre Schüler*innen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt informieren, beispielsweise indem sie durch Workshops persönlichen Kontakt zu LSBTI* ermöglichen. Ebenfalls forderten sie, dass Fachkräfte Diskriminierung ernsthaft thematisieren. Dazu gehöre, dass sie darauf hinweisen, welche negativen Auswirkungen die Verwendung von "schwul", "Lesbe", "Transe" oder ähnlichen Begriffen als Schimpfwörter haben.

Damit bestätigen die Wünsche der lsbti*-Jugendlichen die Ergebnisse der Befragung Berliner Schüler*innen aus dem Jahr 2011: Je häufiger Lehrkräfte sexuelle und geschlechtliche Vielfalt thematisierten und gegen Diskriminierung intervenierten, desto positiver waren die Einstellungen ihrer Schüler*innen zu LSBT.

Mehr Fortbildung von Lehrer*innen nötig

Die aktuelle Studie, die sich auch ausführlich Problemen rund um Mehrfachdiskriminierung widmet, zeige nun darüber hinaus, wie sich pädagogische Fachkräfte dazu bewegen lassen, sich für lsbti* Jugendliche einzusetzen. "Die Fachkräfte brauchen vor allem konkretes Handlungswissen: Sie engagieren sich mehr für LSBTI*, wenn sie wissen, wie sie konkret gegen Diskriminierung vorgehen können, wo sie geeignete Materialien finden, die Vielfalt berücksichtigen, und dass sie mit ihrem Verhalten die Situation von lsbti* Schüler*innen tatsächlich verbessern können", so Dr. Ulrich Klocke.

Auch zeige die Studie erneut die wichtige Rolle persönlichen Kontakts: "Je mehr LSBTI* die Fachkräfte persönlich kennen, desto mehr engagieren sie sich", erläutert Prof. Dr. Meike Watzlawik von der Sigmund Freud PrivatUniversität. "Interessant ist, dass dabei ihre eigene sexuelle Orientierung kaum eine Rolle spielt. Das bedeutet, heterosexuelle Fachkräfte mit Kontakt zu LSBTI* setzen sich genauso wie nicht-heterosexuelle Fachkräfte für eine Verbesserung der Situation von lsbti* Schüler*innen ein."

Dipl.-Psych. Ska Salden zieht aus den Ergebnissen folgenden Schluss: "Die Ergebnisse unterstützen die Initiative 'Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt'." Der Berliner Rahmenlehrplan sieht die Berücksichtigung von LSBTI* an vielen Stellen vor. "Um seine Umsetzung zu erleichtern, müssen die begonnenen Fortbildungsmaßnahmen für pädagogische Fachkräfte fortgeführt und ausgebaut werden. Und es müssen mehr Lehrmaterialien, die Vielfalt selbstverständlich berücksichtigen, erstellt und leicht verfügbar gemacht werden." (nb/pm)



#1 FinnAnonym
  • 03.06.2020, 21:03h
  • Das muss sich endlich ändern.

    Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

    Solange schon an Grundschulen "Schwuchtel", "schwule Sau", etc. die häufigsten Schimpfwörter sind, gibt es noch viel zu tun...

    Nicht nur zum Schutz von LGBTI, sondern auch für die Heteroschüler, die viel leichter, fröhlicher und gesünder durchs Leben kommen, wenn sie nicht vom Hass zerfressen sind.
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#2 Ralph
  • 04.06.2020, 10:20h
  • Ich habe 1980 Abitur gemacht. Zu keinem Zeitpunkt in meiner schulischen Karriere wurde -in welchem Fach auch immer- der alltägliche Heterosexismus, Antisemitismus, Rassismus, Antiziganismus thematisiert. Lediglich in Geschichte wurde in der Oberstufe Antisemitismus behandelt, aber auch da nur als fester Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie, als ob er 1945 spurlos verschwunden wäre. Nach allem, was ich so höre von Kindern und Jugendlichen aus meiner Familie, hat sich das bis heute wenig geändert. Immerhin gibt es heute SchLAU, aber wenn ich erfahre, dass manche Schulleitung erst monatelang von Schülern unter Druck gesetzt werden muss, einen SchLAU-Besuch zuzulassen, ehe sie widerwillig nachgibt, scheint mir das Problem vorwiegend im Fortbestand homofeindlicher Einstellungen beim pädagogischen Personal zu bestehen. In Bezug auf andere Minderheiten gilt das vermutlich in ähnlicher Weise.
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#3 TheDadProfil
  • 05.06.2020, 17:19hHannover
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • Dem kann ich nichts mehr hinzufügen, und schließe mich deshalb vollumfänglich an..

    Allerdings ist bemerkenswert das laut Studie 38 Prozent der Lehrkräfte und des Pädagogischen Personals LGBTTIQ*-Kinder- und Jugendliche an ihren Schulen kennen und wahrnehmen, noch vor 5 Jahren wäre hier nicht einmal der Halbe Wert erreicht worden..
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